Einfach nur weg – Christian Torkler „Der Platz an der Sonne“

„Was ist so falsch daran, wenn einer rauswill aus’m Dreck?“

Dieser letzte Satz. Nur sechs Wörter. Fassungslosigkeit macht sich breit. Ich schlage das Buch zu und fühle mich wie erstarrt. Ich schaue, ohne etwas zu fokussieren. Der Blick geht nach innen. Ich  möchte die letzten Seiten vergessen, die Geschichte anders schreiben. Für Josua, für diesen Helden! Doch nein! Dann würde Christian Torklers Roman „Der Platz an der Sonne“ seine Wirkung, seine Botschaft verlieren. Sein mutiges Debüt führt uns deutlich vor Augen, dass die Geschichte und damit unser Leben auch anders verlaufen hätten können, und das haben die meisten von uns (scheinbar) schon vergessen.

Armes Europa

Torkler schreibt die Geschichte um.  Europa liegt in Trümmern. Deutschland ist in sechs kleine Staaten mit unterschiedlicher Prägung geteilt. Nach dem Zweiten hat es noch einen Dritten Weltkrieg, nicht minder verheerend, gegeben. Weil ein ranghoher Offizier austickt, die Nerven nicht behält. In der Neuen Preußischen Republik herrschen die Oberen, die jeden Widerstand mit Gewalt niederschlagen – ohne Rücksicht auf Menschenleben. Auch ein Machtwechsel ändert nichts daran, dass die normale Bevölkerung in Armut lebt. Der Schwarzmarkt floriert, Kinder halten die Familie über Wasser, in dem sie stehlen wie die Raben. Jeder ist froh über einen Kachelofen in der Wohnung und die nötigen Kohlen. Josua Brenner, der Held dieses Romans, 1978 geboren, wächst in dieser schweren Zeit und in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater gilt als verschwunden, soll eines Tages festgenommen worden sein. Die Mutter rackert, um sich und ihre drei Kinder zu ernähren. Josua hilft, wo er kann. Gemeinsam verkaufen sie Suppe, später fährt er Taxi. Er heiratet, wird Vater eines Sohnes, eröffnet eine eigene Bar.

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Doch seine Welt zerbricht nach mehreren Schicksalsschlägen. Er will nur weg – wie Roller, ein Freund aus der Schulzeit. Der ist nach Afrika gegangen. Das Sehnsuchtsziel – für Josua und weitere Flüchtlinge aus anderen europäischen Ländern, die er später auf seinem langen wie gefährlichen Weg in den Süden trifft und auch verliert. Torkler vertauscht in seiner gesellschaftskritischen und aufrüttelnden Utopie die Positionen, aus dem armen Afrika wird ein reiches, in dem Wohlstand herrscht, die Länder der Afrikanischen Union unterstützen mittels Entwicklungshilfe und Investitionen das arme Europa, dem die weiteren Stufen zum heute bekannten reichen Westen verwehrt blieben.

Burschikose, derbe Sprache

Josua ist Held und zugleich Ich-Erzähler. Er ist ein Stehaufmännchen. Er scheut sich vor keiner Arbeit, schuftet hart, um auf einen grünen Zweig zu kommen, einfach ein gutes und glückliches Leben zu führen. Immer hat er ein Ziel vor Augen, das er beharrlich verfolgt. Am Ende zu beharrlich. Seine Sprache ist burschikos, oft auch sehr derb, angereichert mit deftigen Schimpfwörtern und Ausdrücken. Poesie wird man in diesem knapp 600-Seiter nicht finden, wenn dann eher sehr treffende Kommentare zu seiner Lebenswelt, zur Spaltung zwischen Arm und Reich, zum Sinn des Lebens. Allzu oft habe ich bei der Lektüre an die Helden in den wunderbaren Romanen von Hans Fallada, die derzeit eine Renaissance erleben, gedacht. Auch sie stammen vorwiegend aus der Unterschicht, auch sie haben Hoffnungen.

„Wenn seinerzeit was anders gelaufen wäre, irgendwas, wäre dann jetzt alles anders? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ist schon komisch, manchmal reicht die kleinste Sache und das ganze Leben geht in eine andere Richtung. Und manchmal kann sonst was passieren, doch alles geht so weiter wie bisher.“

Hat der erste Teil trotz des erschreckenden Szenarios durchaus auch in einigen Szenen einen leichten, wenn auch schwarzen Humor in Slapstick-Manier vorzuweisen, nimmt der zweite Teil, in dem Josuas Flucht kurz nach der Jahrtausendwende im Mittelpunkt steht, mehr und mehr einen düsteren Charakter an. Wieder und wieder wird der Berliner auf die Probe gestellt, gerät er in Lebensgefahr. Er verliert unterwegs Freunde, er schuftet in Italien auf Plantagen und in einer Schwefel-Grube. Er wird geschlagen, betrogen, finanziell ausgenommen. Aber er begegnet auch Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft, ein leichter Trost angesichts der sich wiederholenden furchtbaren Geschehnisse. Die Bürokratie und Gesetzgebung Afrikas stellen Hürden, wenngleich die Amtsstuben der Neuen Preußischen Republik im Vergleich dazu an ein Irrenhaus erinnern.  Wird der zweite Part straffer erzählt,  verschwimmen im ersten Abschnitt Passagen in eine Redundanz und Weitschweifigkeit, die damit etwas Geduld abverlangen.

„Der Platz an der Sonne“ zeigt, dass unserer Lebensstandard zu einem großen Teil auf Zufall, gar Glück basiert, dass Flucht schwerwiegende Ursachen hat und dass jeder Mensch auf ein gutes, vor allem besseres Leben hofft – weil jeder eben nur jenes eine Leben besitzt. Deshalb appelliert das Buch auch an Empathie und Verständnis, wenngleich es mit seiner Botschaft und seinen Schockmomenten nicht alle erreichen wird. Dem Erstling von Torkler wünsche ich ganz viele Leser. Denn Josua sollte in den Köpfen weiter existieren, denn er ist Symbolgestalt für all jene, die flüchten, weil sie hoffen.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Kaffeehaussitzer“ und „Wortgelüste“.


Christian Torkler: „Der Platz an der Sonne“, erschienen bei Klett-Cotta; 592 Seiten, 25 Euro

Foto: pixabay

2 Gedanken zu „Einfach nur weg – Christian Torkler „Der Platz an der Sonne““

  1. Irgend wie kann ich mir nicht vorstellen, dass diese bloße Umkehr der Verhältnisse Afrika/Europa als Geschichte funktioniert. Klingt mir ein wenig nach Effekthascherei. Und sprachlich scheint es ja auch kein Highlight zu sein. Aber es ist ein Debüt. Es wird sich ja zeigen, was da noch nachkommt.
    Viele Grüße!

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  2. Oh, es gelingt wunderbar. Es geht nicht um Effekthascherei, es geht um „Was wäre wenn“. Und damit ist Torkler ein wunderbarer, in Teilen fast dystopischer Roman gelungen

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