On the road – Bill Beverly „Dodgers“

„(…) jedes bisschen Luft ein Rätsel, jede Person ein zukünftiges Ereignis.“

Man ist sogleich mittendrin: Der Hubschrauber kreist in der Luft, ein Heer aus Polizeiwagen rast heran. Ein Mädchen ist zur falschen Zeit am falschen Ort und wird diesen Tag nicht überleben. Ungläubig beobachtet East diese Zusammenballung merkwürdiger Ereignisse, die ihn zu einem Gejagten machen. East ist gerade mal 15 Jahre alt und kein großer, aber auch kein kleiner Fisch im Drogengeschäft von Los Angeles. Bis zu jener Razzia, die sein Leben verändern wird. In seinem eindrucksvollen Debüt hat der Amerikaner Bill Beverly einen ambivalenten Helden geschaffen, den man so schnell nicht vergisst.   

Das erste Mal aus der Stadt

Und dass, obwohl Beverly dem Teenager noch eine Handvoll interessanter Protagonisten an die Seite stellt: den schlauen wie behäbigen Walter, den Blender und Spieler Michael sowie Ty, Easts jüngeren Bruder, der keine Skrupel vor Gewalt hat, der schnell den Finger am Abzug hat. Gemeinsam erhalten sie vom Clan-Chef, der zugleich Easts Onkel Fin ist, den Auftrag, einen wichtigen Zeugen um die Ecke zu bringen. Nicht in Los Angeles, sondern im Mittleren Westen, in Wisconsin. Doch statt dafür bequem in den Flieger zu steigen, werden die vier farbigen Jungs „on the road“ geschickt. Mit einem Van, ein paar Scheinen und gefälschten Papieren, ohne Handy und ohne Waffe – die Mordwaffe sollen sie erst später bei einem windigen Deal kaufen – verlassen sie L.A., ihr Viertel. Für East ist es die erste Reise über Stadtgrenzen hinaus, in ein Land hinein, das für seine Weite bekannt ist.

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Womöglich ist dem Leser schnell klar, dass diese 3000 Kilometer lange Tour des illustren, zusammengewürfelten und in puncto Mord noch recht unerfahrenen Quartetts nicht ohne Pleiten, Pech und Pannen verlaufen wird. Doch das Geschehen nimmt einen anderen Lauf, als sicherlich zu Beginn erwartet. Der Amerikaner erweist sich als ein Freund der Überraschungen, was seinem Debüt eine großartige Dynamik verleiht. Auf dem Weg in Richtung Osten treten nicht nur die Schwächen jedes Einzelnen ans Tageslicht. Die Nerven liegen schnell blank, angesichts geringer Schlafmöglichkeiten und labrigem eintönigen Fast-Food, das bei Zwischenstopps hastig verzehrt wird. Die große Welt – ob das glitzernde Reich Las Vegas oder die ländliche Öde –  scheint die Teenager zu überfordern. Nur einer hält sich an die Spielregeln: East, der schließlich auf sich allein gestellt ist und zu Fuß Ohio erreicht, wo er in einer Paintball-Arena einen Job antritt und dort auch eine Art Zuhause und Familie findet, was er zuvor nie wirklich gekannt hat.

Kellerloch als Zuhause

Ganz bewusst werde ich an dieser Stelle nicht die einzelnen Stationen, die überraschenden Wendungen, die oftmals von drastischen Begegnungen und Gewalt geprägt sind, beschreiben.  Nur vielleicht soviel: Sie bringen den Leser dazu, den Fokus mehr und mehr auf East zu lenken. Er steht im Mittelpunkt, er ist jener Protagonist, den die Reise besonders prägen wird, den man – so ging es mir jedenfalls – auch Sympathien entgegenbringt; obwohl er keine Unschuld vom Lande ist und nicht ohne Grund in der Hierarchie der Drogenszene in seinem Revier in der Siedlung „The Boxes“ einen oberen Platz eingenommen hat – über seinen Getreuen, die Schmiere stehen und den Stoff an die Junkies verticken. Doch im Gegensatz zu Walter und Michael, die aus eher aus sicheren Verhältnissen stammen, kommt East von ganz unten. Er haust in einem Kellerloch, seine Mutter ist Messi, schafft es nicht, sich um ihre beiden Söhne zu kümmern. Eine Aufgabe, die schließlich die Gang übernommen hat. Seine wenigen Habseligkeiten, mit denen er den Roadtrip startet, wirft er in einen Kissenbezug. Neben dieser Dynamik hält vor allem das angespannte und gereizte Verhältnis zwischen den beiden Brüdern die Spannung hoch. Beide haben sich nichts mehr zu sagen, sie sind Fremde geworden, die sich mit Misstrauen gegenüberstehen.

„East träumte Fernstraßenträume, die er noch nie geträumt hatte; in abgehackten, beunruhigenden Bildern. Dass er in die falsche Richtung fuhr oder als Geisterfahrer unterwegs war oder auf unmöglichen Strecken: eine Landstraße, ein Highway, der in einem Fluss endete, eine wacklige Brücke, eine Prärie, in der sich ein tiefer Riss auftat.“

Eindrucksvoll, wie detailreich und atmosphärisch Beverly in seinem Erstling die Szenen zeichnet, wie plastisch er die Protagonisten mit ihren Eigenheiten gestaltet, wie lebendig und authentisch er die Dialoge im Kopfkino des Lesers sprudeln lässt. Der Amerikaner, der mit seiner Familie in Maryland lebt und an der Universität in Washington amerikanische Literatur und Kreatives Schreiben unterrichtet, erhielt für dieses Debüt den renommierten Gold Dagger, einen Preis der britischen Crime Writer’s Association. Dabei würde ich „Dodgers“ – der Titel bezieht sich auf die Kleidung der Jungs, die sie sich anziehen, um nicht aufzufallen – nicht unbedingt in die Krimi-Schublade legen.  Für mich streift sich dieser große Roman zudem die Kluft einer Road-Novel sowie eines Entwicklungsromans über, der darüber erzählt, dass nach einer zweiten Chance auch eine dritte möglich ist und dass Entscheidungen den Pfad des Lebens weisen.

Weitere Besprechungen gibt es auf „der Blog der Schurken“ und „Feiner reiner Buchstoff“.


Bill Beverly: „Dodgers“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog; 400 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay

7 Gedanken zu „On the road – Bill Beverly „Dodgers““

  1. Eine sehr schöne Rezension! Ich habe ja schon so darauf gewartet (ich, ungeduldiges Ding). Hätte ich das Buch nicht schon gelesen, hätte ich es spätestens jetzt gekauft :-).

    Schön finde ich auch, dass du hervorgehoben hast, dass auf der Tour die Schwächen der Jungs herauskommen. Das habe ich in meiner Rezension sträflich vernachlässigt, wie ich jetzt bemerke. Vielen Dank für die Verlinkung!

    Gefällt 1 Person

    1. Du warst eher als ich. Gern geschehen mit der Verlinkung und vielen Dank für den lobenden Kommentar. Ich finde es immer wieder spannend, wenn es auch Kommentare gibt von jenen, die das Buch bereits gelesen und besprochen haben, egal ob sich die Meinung da teilt oder eine andere ist. Den Austausch dazu finde ich sehr interessant. Viele Grüße

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