Zurück in Neapel – Elena Ferrante „Die Geschichte des verlorenen Kindes“

„Bücher schreibt man, um gehört zu werden, nicht um den Mund zu halten.“

Es heißt nun, Abschied zu nehmen. Zwei Jahre hat sie mich begleitet – die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante um die Freundschaft zwischen Lila und Elena, von der Kindheit bis ins reifere Alter. Sechs Jahrzehnte, von den Nachkriegsjahren in Neapel bis in die moderne Zeit des 21. Jahrhunderts. Im Herbst 2016 las ich den ersten Band mit dem Titel „Meine geniale Freundin“, in den vergangenen Tagen nun den vierten und letzten Band mit dem Titel „Das verlorene Kind“. Zugegeben: Ich bin kein Freund von mehrteiligen Romanen, ausgenommen Tolkiens Klassiker „Der Herr der Ringe“ und die „His Dark Materials“-Romane des Engländers Philip Pullman. Doch in diese Aufzählung reihe ich nun trotz eines gänzlich anderen Genres und Themas auch die Tetralogie der Italienerin, die unter einem Pseudonym ihre Werke verfasst, ein, obwohl einige Zeit verging, bis ich zum letzten Band gegriffen habe und nunmehr von dem Debüt Ferrantes „Lästige Liebe“, der Anfang Oktober erschienen war, nahezu überholt wurde.

Zurück in Neapel

Das Geschehen des vierten Bandes setzt ein, als Elena sich für eine Beziehung mit Nino, ihrem überaus intelligenten Schwarm aus der Jugendzeit, entscheidet, obwohl Lila sie davor allzu oft gewarnt hat – nicht ohne Grund, wie Elena später schmerzvoll erfahren soll. Sie verlässt ihren Mann Pietro, die Familie wird zerrissen, die beiden Töchter Dede und Elsa leben abwechselnd bei ihrer Mutter, ihrem Vater oder bei Elenas Schwiegermutter Adele, ziehen von einer Stadt in die andere. Mittlerweile sind die beiden Freundinnen in den Dreißigern, beide sind erfolgreich, Elena als Autorin, Lila als Unternehmerin einer Computerfirma an der Seite ihres Lebensgefährten Enzo. Nach Jahren der räumlichen Trennung entscheidet sich Elena, wieder nach Neapel zu ziehen. Beide werden schwanger, bringen nahezu zur selben Zeit eine Tochter zur Welt.

mde

Mit der Rückkehr der Heldin und Ich-Erzählerin in die Heimatstadt ist der Leser wieder mittendrin in den privaten, gesellschaftlichen und politischen Beziehungen, Auseinandersetzungen und Konflikten des Rione, in dem noch immer die Solara-Brüder Marcello und Michele ihren Machteinfluss ohne Skrupel pflegen und ausbauen, legale wie illegale Geschäfte betreiben. Allerdings nicht ohne die Rechnung mit der cleveren Lila zu machen, die ebenfalls ihre Fäden im Viertel zieht. Selbst auf die Freundschaft zu Elena und deren Familie wirkt sie ein, wie die Erzählerin immer wieder feststellen muss, auch mit einigem Unbehagen. Ein ambivalentes und auch rätselhaftes Bild des Charakters der Freundin entsteht, deren Leben schließlich durch einen tragischen Verlust eine jähe Wende erfährt.

Rolle der Autorin

Auch der vierte Band enthält wieder interessante psychologische Einblicke in das Denken und Handeln der Personen sowie deren verborgenes Beziehungsgeflecht, obwohl all das nur aus einem Blickwinkel, aus dem Fokus von Elena heraus betrachtet wird. Mit sich selbst geht sie offen und ehrlich hart ins Gericht, wenn sie von ihren Schwächen schreibt, wie wichtig ihr ist, was andere über sie denken und meinen, dass Lila  ein wichtiger Antrieb und Impulsgeber für ihr Schaffen ist, ohne die sie womöglich den Aufstieg aus einem einfachen Leben und dem ärmlichen Viertel heraus nicht bewältigt hätte. Mehr ins Zentrum rückt indes im Abschlussband ihre Rolle als Autorin, die mehr und mehr an Renommee gewinnt. Ihr Name und ihre Bücher werden bekannter, sie verfasst zudem Beiträge für große Zeitungen und Zeitschriften.

„Es gibt Momente, in denen das, was an den Rändern unseres Lebens angesiedelt ist und ihm bis in alle Ewigkeit als eine Art Rahmen zu dienen scheint – ein Imperium, eine politische Partei, ein Glauben, ein Denkmal, aber auch einfach die Menschen, die zu unserem Alltag gehören -, vollkommen unerwartet zusammenbricht, und zwar gerade dann, wenn noch unzählige andere Dinge uns bedrängen.“

Wieder setzt sich die Erzählstimme trotz Längen und Redundanz im Text, beispielsweise mit Blick auf die Beziehung zwischen Elena und Nino, im Kopf des Lesers fest, wieder bringt sie die unterschiedlichsten Themen und Bereiche zusammen – das Familienleben und die verschiedenen Generationen zwischen Harmonie und Zwietracht, die Rolle von Frau und Mann, die unruhigen politischen Verhältnisse, ihre Akteure und Wendungen, die Gewalt im privaten wie auch im öffentlichen Raum. Wieder nehmen die beiden Heldinnen mehrere Rollen ein, sie sind berufstätige Mütter, Frauen, die nach Liebe und Anerkennung suchen, Freundinnen, deren Beziehung zwischen Nähe und Distanz pendelt.

Am Ende – beide Frauen sind in ihren Sechzigern, Elenas Töchter längst selbst Mütter – schließt sich der Kreis, bringt Ferrante den Leser zum Ausgangspunkt, dem Beginn des ersten Bandes, zurück. Allerdings nicht ohne in der Abschlussszene einen düsteren Paukenschlag zu setzen, mit dem die Frage nach der Bedeutung der Kindheit für das spätere Erwachsenenleben und die Rolle Lilas noch einmal gestellt wird. Was  für ein Ende, was für eine große Lebensgeschichte zweier Frauen und ein großes Porträt Neapels. Der Verfilmung der Saga als TV-Zyklus werde ich mit Spannung entgegensehnen, allerdings mit dem Zweifel, ob die erstaunliche und eindrucksvolle Dichte und Komplexität der vier Romane nur ansatzweise verarbeitet werden kann.

Hier geht es noch zu den Besprechungen der ersten drei Bände: „Meine geniale Freundin“, „Die Geschichte eines neuen Namens“, Die Geschichte der getrennten Wege“


Elena Ferrante: „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Karin Krieger; 614 Seiten, 25 Euro

Foto: pixabay

4 Gedanken zu „Zurück in Neapel – Elena Ferrante „Die Geschichte des verlorenen Kindes““

  1. Der vierte Teil war mir der liebste der Saga, in den mittleren Bänden habe ich mich ab und zu etwas schwer getan. Der letzte Band hat mir, so habe ich es jedenfalls empfunden, deutlich gemacht, wieso Elena und Lila wirklich so lange befreundet geblieben sind, was ich manchmal nicht recht verstanden habe. Es war ein würdiger Abschluss, und es steckt so viel in diesen Büchern, was Du ja auch alles schreibst. Bei mir liegt nun auch schon „Lästige Liebe“ bereit, ich bin ein wenig skeptisch, aber gespannt, wie mir der Roman gefallen wird. Viele Grüße!

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    1. vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Interessant, dass Dir der vierte Band am besten gefallen hat. Ich habe mir auch immer wieder meine Gedanken gemacht, was ihre Freundschaft ausgemacht hat. Ich glaube, da war ein sehr festes Band – trotz der Unterschiede in ihren Lebensetappen und Erfahrungen. Das Debüt liegt auch bei mir, ich bin gespannt. Viele Grüße und ein schönes Wochenende

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  2. Liebe Constanze, ich lese Buchreihen eigentlich sehr gerne, nur mag bin ich immer sehr ungeduldig bis dann nach Jahren der nächste Teil erscheint. Doch bei den Büchern von Elena Ferrante brauche ich ja nicht zu warten, da die Reihe abgeschlossen ist. Ihre Bücher stehen schon lange auf meiner Liste, ich werde mich ihnen im nächsten Jahr dann auch endlich einmal widmen. Sehr gerne habe ich auch die vier Bücher von Ulla Hahn um Hilla Palm gelesen, auch wenn hier meine Geduld sehr auf die Probe gestellt wurde. Liebe Grüße von der herbstlichen Ostsee

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    1. Vielen Dank, liebe Regina, für Deinen Kommentar. Ich bin gespannt auf Deine Meinung zu Ferrante, wenn Du es gelesen hast. Von Ulla Hahn hatte ich vor Jahren den ersten Band „Das verborgene Wort“ gelesen, der mir sehr gut gefallen hat. Liebe Grüße aus dem ebenfalls sehr herbstlichen Naumburg

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