Steffen Mensching „Schermanns Augen“

„Der Mensch ist eine Bestie.“

Einige historische Persönlichkeiten lernt man zuerst mit Geschichtsbüchern kennen, andere mit der Lektüre von Literatur. Als ich „Schermanns Augen“, den neuen Roman von Steffen Mensching zu lesen begann, wusste ich nicht, dass der Titelheld auf den 1884 in Krakau geborenen Schriftendeuter und Hellseher Rafael Schermann, also eine überaus reale Person, zurückgeht. Doch auch ohne dieses Wissen erweist sich dieses umfangreiche Werk als großer Wurf; vielleicht gerade wegen seiner Eigenschaft, die historische Wirklichkeit mit der Fiktion verschmelzen zu lassen. Doch nicht nur deshalb.

Im Straflager gestrandet

Wer in die Handlung des Romans eintaucht, spürt früh die Dichte des Geschehens, die Vielzahl von Personen und Ereignissen, die, unchronologisch erzählt, erst im Kopf des Lesers einen roten Faden bilden. Der jüdische Graphologe Schermann gerät zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in russische Gefangenschaft. Er wollte eigentlich fliehen vor den Deutschen, die Polen erobert haben, doch in Lemberg, dem heutigen Lwiw, wird er verhaftet. Auf einem Gefangenentransport Richtung Sibirien strandet er im Straflager Artek, an der Bahntrasse nach Workuta gelegen. Gesundheitlich angeschlagen, soll er in der Krankenbaracke gepflegt werden. Dort trifft er auf den deutschen Kommunisten und Zeitungssetzer Otto Haferkorn, denn es einst von Berlin über Prag nach Moskau verschlagen hatte. Beiden wird vorgeworfen, als Spion beziehungsweise als Volksfeind Teil einer antirussischen Verschwörung zu sein, die sich gegen Stalins Herrschaft richtet.

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Obwohl beide sehr unterschiedlich sind, nicht nur mit Blick auf ihr Alter und ihre Lebenserfahrung, sondern auch wegen ihrer politischen Haltung, und der Jüngere dem Älteren mit reichlich Skepsis begegnet, werden sie zu engen Vertrauten. Otto dient als Übersetzer während der Verhöre des Lagerkommandanten Kosinzew, der Schermann in die Mangel nimmt. Grund sind Zeitungsbeiträge und Adressbücher, die bei dem Graphologen gefunden wurden und in denen bekannte Namen verzeichnet sind, die eine Brücke zum Volksfeind Trotzki schlagen. Kein Wunder. Der Schriftendeuter pflegte unzählige Kontakte zu bekannten Politikern sowie schillernden Koryphäen aus Wissenschaft sowie Kunst und Kultur. Wie dem Kritiker Karl Kraus, dem Zeitungsverleger Lucien Vogel, den beiden großen Regisseuren Sergej Eisenstein und Konstantin Stanislawski oder die Runde der Kaffeehaus-Literaten um Peter Altenberg. All jenen hat er oft in schwierigen Situationen geholfen – mit einem Blick in ein handgeschriebenes Dokument. Schermann kennt Tausende Handschriften und weiß die Schrift jedes Einzelnen zu deuten.

„Es ist ein Fehler, die Finger in die Politik zu stecken, meinte der Pole. Sie ist wie ein faules Ei, bricht die Schale, stinkt es. Am Ende landet man stets in einem Schlamassel. Sieh dich um. Ein Elendsquartier, Hungerleider, Tod. Aber irgendwo da draußen, ein paar hundert Kilometer schreiten Frauen in tief ausgeschnittenen Kleidern über Parkettböden (….).“

Doch nicht nur die unberechenbare russische Justiz in Form der Lagerleitung wird für beide zu einer Bedrohung. In dem Straflager, in dem Zwangsarbeit geleistet wird und rund 1.000 Männer und Frauen versuchen zu überleben, sind auch zahlreiche Kriminelle, die sogenannten Urki, inhaftiert, die mit dem Paten Uspechi an der Spitze über Wohl und Wehe der Gefangenen entscheiden und in deren Hände schließlich auch Schermann und Otto fallen, allerdings nicht unbedingt zum Nachteil, denn beide werden gebraucht. Im Lager herrscht eine unmenschliche Gewalt; zusätzlich zur bitterlichen Kälte und Dunkelheit, zum Hunger und zu einer Reihe tödlicher Krankheiten. Die Suizid-Rate ist hoch. Manch einer stirbt bei einem Unfall im Wald. Eine Flucht in die menschenleere Ödnis gleicht einem Selbstmord.

Dieses unfassbare Elend und Leid bildet einen herben Kontrast zum Vorleben des Schriftendeuters, der mit Prominenten auf Du und Du stand und selbst eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, sogar für Vorträge nach Übersee gereist war. In Schermanns Leben, das während der Verhöre in der Kommandantur sowie den Gesprächen mit Otto und dem Paten unchronologisch an Ereignisse und Personen geknüpft zum Vorschein kommt, spiegeln sich wichtige Kapitel der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider: die Entwicklung Amerikas, die Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg Hitlers, Stalins Schreckensherrschaft, der perfide Nichtangriffspakt mit der Aufteilung Polens und letztlich der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Doch auch in der Person von Otto hat sich Geschichte hineingeschrieben: Er floh da Kommunist in den Osten, um schließlich in der Heimat des Kommunismus selbst als Volksfeind zu gelten und nunmehr immer in der Gefahr schwebt, in ein anderes Lager gebracht, den Deutschen übergeben oder hingerichtet zu werden.

Zwölf Jahre Arbeit

Obwohl so reich an Figuren, Fakten und Geschichte(n) und so überaus komplex in Inhalt wie Struktur bereitet „Schermanns Augen“ zwar eine anspruchsvolle, aber stets spannende Lektüre. Der Leser ist immer mittendrin im Geschehen; ob in der etwas mehr als ein Jahr währenden Lagerzeit oder dem Jahrzehnte umfassenden Rückblick auf die Vorgeschichte beider Helden. Jedoch ist es nicht allzu verkehrt, sich über das beiliegende Lesezeichen mit den wichtigsten Protagonisten sowie den Karten im Buch hinaus Notizen zu machen, um vielleicht den mammuthaften Versuch zu unternehmen, Fiktion von der Realität zu trennen. Das Fehlen von Satzzeichen, um wörtliche Rede und Dialoge zu markieren, verlangt allerdings etwas Konzentration ab.

Diese dichte und wissens- wie anspielungsreiche Handlung hat seinen Preis: Zwölf Jahre hat Steffen Mensching, Autor, Theater-Regisseur und seit zehn Jahren Intendant und Geschäftsführer des Theaters im thüringischen Rudolstadt, an seinem Roman gearbeitet. Ein guter Teil der Zeit wird sicherlich für die Recherche notwendig gewesen sein. Das umfangreiche Werk zählt zu den großen Titeln des vergangenen Jahres und hätte darüber hinaus den einen oder anderen renommierten Preis wahrlich verdient. Kurzum: Es ist meisterlich sowie prägend und bleibt für den Leser schlichtweg ein unvergesslicher Lese-Meilenstein.

Weitere Besprechungen finden sich auf den Blogs „literaturleuchtet“„letusreadsomebooks“ und „Zeilensprünge“.

 


Steffen Mensching: „Schermanns Augen“, erschienen im Wallstein Verlag; 820 Seiten, 28 Euro

Foto: pixabay

4 Gedanken zu „Steffen Mensching „Schermanns Augen““

  1. Ein wirkliches Opus Magnum. Hätte ich was zu sagen gehabt, ich hätte das Buch beim Deutschen Buchpreis ganz weit vorne gesehen. Aber so machen wir wenigstens auf unseren Blogs noch etwas Werbung …

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