Judith Schalansky „Verzeichnis einiger Verluste“

„Am Leben zu sein bedeutet, Verluste zu erfahren.“

Alles hat seine Zeit. Was entsteht, wird auch vergehen. In der Vergänglichkeit der Dinge liegt Tragik, zugleich aber auch Trost. Es ist unter uns Menschen vielleicht die einzige Gerechtigkeit, dass keiner dem Tod entrinnen kann, dass das Vergehen das wohl beständigste Prinzip ist. Alles Lebendige und Bestehende findet auf kurz oder lang ein Ende. In ihrem Band „Verzeichnis einiger Verluste“ erzählt Judith Schalansky auf unnachahmlicher Art von verschiedenen Dingen und Wesen, die es nicht mehr gibt, die einst verloren gegangen oder verfallen sind, die zerstört oder vernichtet worden sind.

Die erste Begegnung mit diesem Band, womöglich in einer Buchhandlung der Wahl, ist eine eigenartige. Zwischen all den Büchern mit ihren bunten Umschlägen kommt dieses Werk recht düster daher. Einem Trauerflor gleich ist der Einband dunkel gestaltet, Schwarz trifft auf ein zartes Muster aus Weiß. Wobei das Grübeln nicht ausbleibt, was es ist, was da gezeigt wird. Ist es eine Karte? Das Entdecken geht weiter. Nach einem Vorwort, in dem bereits zahlreiche verschwundene Dinge aufgezählt werden, sich Gedanken über Vergänglichkeit und die Formen und die Bedeutung der Erinnerung versammeln, nimmt das Verzeichnis seinen Anfang. Zwölf Verluste sind es, denen sich die Autorin mit jeweils einem eigenen Text widmet.

Da ist eine Insel im Pazifik, der Kaspische Tiger, den der Mensch ausgerottet hat, da sind einstige Gebäude wie ein Herrenschloss in Mecklenburg, der Palast der Republik in Berlin, eine Villa in Italien, da sind aber auch Kunstwerke oder Zeugnisse, wie der erste Film von Friedrich Wilhelm Murnau, Sapphos Liebeslieder oder die Bücher des Predigers Mani. Auch ein Gemälde von Caspar David Friedrich, das den Hafen von Greifswald zeigt – jene Stadt, in der Schalansky geboren wurde, – gibt es nicht mehr. Lang hat sie an diesem Werk gearbeitet, wie sie in ihrem Vorwort schreibt. Solche Geschichten zu finden und zu recherchieren, braucht seine Zeit. Eine Mühe, die schon mit den ersten Seiten zu spüren ist. Den Zeitrahmen, der gespannt wird, ist weit, reicht er doch von der Antike bis zur jüngsten Geschichte.

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Wohl die meisten der verlorenen Dinge/Wesen sind wenig bekannt. Wer kennt das Eiland Tuanaki, die Enzyklopädie im Wald des Bürogehilfen Armand Schulthess, wer weiß, was den Physiker Otto von Guericke mit einem Skelett eines Einhorns verbindet. Über die große Erfahrung, sich dem Thema Vergänglichkeit zu widmen, wird die Lektüre dieser einzigartigen Geschichten zu einer interdisziplinären Schulstunde. So verschieden die Verluste, so verschieden sind die Texte in ihrer Art des Schreibens. Stil, Perspektive und Erzählhaltung wandeln sich. Wie in Zeitlupe wird der stattliche Tiger in seinen letzten Lebensmomenten in einer römischen Arena beschrieben. Dagegen eilt die große, indes schon in die Jahre gekommene Greta Garbo, die einst zu den wenigen Trauergästen der Beerdigung Murnaus nach dessen tödlichen Autounfall zählte, hastig durch die Häuserschluchten Manhattans. In einigen Texten hat sich die Autorin selbst hineingeschrieben: Wenn sie sich in ein Chalet in den Walliser Alpen zurückzieht, um sich sowohl mit Fabelwesen als auch der örtlichen Flora und Fauna zu beschäftigen, wenn sie entlang des Flusses Ryck wandert, sehr detailreich und in Anlehnung an das Nature Writing Landschaft und Natur beschreibt.  Nahezu mystisch-fantastisch erscheinen die Seiten über den Freizeit-Astronom Gottfried Adolf Kinau und die Möglichkeit eines Archivs auf dem Mond, sachlich wirkt hingegen der Text über Sappho und ihr Wirken.

„Gewiss der Untergang allen Lebens und Schaffens ist Bedingung seiner Existenz. Naturgemäß ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles verschwunden ist, zerfallen und verrottet, vernichtet und zerstört, selbst jene eigentümlichen Zeugnisse der Vergangenheit, deren Existenz wir allein Katastrophen verdanken.“

Was verschwunden ist, kann jedoch in einer anderen Form weiterleben: in Erinnerungen, in dem Medium der Schrift, innerhalb eines kulturellen Gedächtnisses. Auch darin liegt ein gewisser Trost, obwohl auch diese nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Zeugen und Zeugnissen schwinden ebenso wie das von ihnen Aufgenommene. Über das Lesen hinaus bietet der Band indes eine besondere Erfahrung, die in seiner Gestaltung begründet liegt, für die die Autorin, die zugleich als Buchgestalterin bekannt ist, verantwortlich zeichnete. Um nicht zu viel zu verraten, gibt es an dieser Stelle den Hinweis, nicht allzu hastig über die erste Seite jeder Geschichte zu blättern. Denn jede findet mit einer auf den ersten Blick nur dunklen Seite ihren Anfang. Doch wer genauer hinschaut, wird etwas erkennen.

Der Band „Verzeichnis einiger Verluste“ ist ein Schatz, der viele Lektionen bereithält und womöglich nicht bei der ersten Lektüre vollständig gehoben werden kann. Große Gedanken, große Texte brauchen ihre Zeit zu wirken, einzuwirken, vor allem, wenn es um das Thema Vergänglichkeit geht, dem man im Alltag allzu oft aus dem Weg gehen will – aus den verschiedensten Gründen heraus. Wer ein besonderes Buch für sich oder als Geschenk braucht, sollte zu diesem Band greifen. Er ist ein kostbarer Begleiter für das Leben, den man immer wieder aus dem Regal holen kann, um darin zu blättern, zu lesen, einzutauchen, um womöglich für sich einen Weg zu finden, mit dem Gedanken, dass alles ein Ende hat, umzugehen.


Judith Schalansky: „Verzeichnis einiger Verluste“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 252 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay

7 Gedanken zu „Judith Schalansky „Verzeichnis einiger Verluste““

  1. Liebe Consatnze, großartig, dass Du das Buch genauso großartig findest, wie ich. Ich habe erst die Hörversion genossen und werde mir das Buch auch noch zulegen. Die Hörversion knallt richtig rein ;) Das ist so dicht … wunderbar. LG, Bri

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      1. Gerne – mir ging es wirklich so, dass ich mich extra auf das Gehörte konzentriert habe, was nicht schwer war, aber sehr intensiv. Ein wirkliches Meisterwerk, was Judith Schalansky da geschaffen hat. LG, Bri

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