Matias Faldbakken „The Hills“

„Gewohnheit ist eine Decke, die sich über das Wesen der Dinge legt (…).“

Hier lässt man sich für eine gewisse Zeit nieder – um zu speisen, zu trinken, zu verhandeln, vielleicht auch zu flirten. Ein Restaurant ist ein Ort des Genusses, der Geschäfte, der Anbahnung und Festigung von Beziehungen. All das sieht der erfahrene Kellner in dem wunderbaren Roman „The Hills“ aus der Feder des Norwegers Matias Faldbakken ganz genau. Er ist Protagonist und Erzähler zugleich, der über die alltäglichen Geschehnisse in dem Restaurant und die plötzlich auftretenden Ereignisse auf seine ganz eigene Art berichtet.  

„The Hills“ heißt das Restaurant, das vor allem Adresse für gut betuchte Gäste ist, die, immer adrett gekleidet, die verschiedenen Spezialitäten genießen. Das fiktive Lokal liegt in Oslo. Es hat Tradition und Stil, Kunstwerke schmücken seine Wände. Es ist ein Bollwerk und Wahrzeichen von Anstand und Etikette in den modernen schnelllebigen, hektischen Zeiten, in denen Regeln und Normen ihre Bedeutung verloren haben. Zu den Stammgästen zählen ein Kunstexperte, der gern über den Durst trinkt, ein bankrotter, noch immer berühmter Schauspieler, ein Geschäftsmann, den der Kellner nur Schwein nennt. Auch Edgar, des Kellners Freund, taucht regelmäßig an der Seite der Tochter in dem Lokal auf. Jeder Stammgast hat seinen besonderen Platz, jeder Mitarbeiter, vom Küchenchef bis zum Pianisten, seine Rolle und Aufgaben. Der Ober bedient die Gäste, kehrt die Tische ab. Und das schon seit Jahren. Sein Leben ist getaktet, von wiederkehrenden Abläufen und geflissentlicher Routine geprägt, von seinem Privatleben erzählt er kaum etwas.

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Doch eines Tages erfährt dieses beschauliche Geschehen in dem Restaurant eine plötzliche Veränderung. Eine unbekannte junge Frau tritt in das Lokal ein. Verspätet zu einer Verabredung mit dem Schwein. Von einem Tag zum anderen wird die Stimmung eine andere. Unruhe macht sich breit bei Gästen wie dem Personal. Der Kellner wirkt unkonzentriert, obwohl er seine Arbeit jederzeit akribisch ausführt. Auch die Chemie zwischen den Gäste verändert sich. Das Schwein und der Kunstexperte, die sich sonst eher aus der Ferne gegenseitig beäugen, finden sich auf einmal an einem Tisch wieder.

Mit „The Hills“ legt Faldbakken einen Roman vor, der auf den ersten Blick leicht und unaufgeregt wirkt. Doch das aus fünf Teilen bestehende Werk ist alles andere als seichte Kost. Immer wieder streut der Autor Anspielungen auf die aktuelle Gesellschaft und Politik ein. Da geht es um die globale Wirtschaft, den Internethandel, die Digitalisierung, Fragen des Umweltschutzes. Alles Themen, über die eifrig auch hierzulande diskutiert wird, über die sich ein Nachdenken lohnt. All das vermischt sich mit  den Schilderungen der Abläufe in dem Restaurant und genau gezeichneten Personenbeschreibungen. Der Kellner kennt seine Pappenheimer, ihre Vergangenheit, ihren Stand, ihre Marotten und ihre kulinarischen Vorlieben. Damit scheint er wohl zu einer ausgestorbenen Gattung zu gehören, die sich auf das Geschehen und die Menschen vollauf konzentrieren will. Seinen Pflichten geht er ohne zu klagen nach. Wenn er arbeitet, liegt sein Mobiltelefon vergessen und vergraben in der Tasche seiner Jacke.

„Die Banknoten und der Bildschirm sind verwandt. Der Bildschirm ist das Fenster der Banknote. Der Bildschirm ist das Fenster des Händlers.“

Faldbakken, 1973 als Sohn des norwegischen Schriftstellers und Journalisten Knut Faldbakken und der bildenden Künstlerin Gro Skåltvei geboren,  ist in Deutschland bekannt geworden mit seiner Trilogie aus den Bänden „The Cocka Hola Company“, „Macht und Rebel“ und „Unfun“, die 2009 ihren Abschluss fand. Er gilt als einer der einflussreichsten Gegenwartskünstler Skandinaviens. Er studierte Kunst in Bergen und Frankfurt/Main. 

Wer nun mit Hilfe der gediegenen und präzisen Beschreibungen des Kellners Platz nimmt im „The Hills“ wird eine amüsante Zeit verbringen. Schmunzeln ist angesagt, wenngleich auch ein leicht melancholischer Ton dieses kluge und raffinierte Buch durchzieht.  Egal, ob der Leser nun bei seiner Lektüre in einem eleganten Restaurant Platz nimmt oder sich auf die heimische bequeme Couch legt, er wird seine Freude mit diesem Kammerspiel haben, wenn er denn auch eine gewisse Vorliebe für ruhige hintergründige Geschichten hat. Dann sollte er auch den Papierumschlag zur Seite legen, denn darunter kommt ein weitaus eleganteres Äußeres zum Vorschein.


Matias Faldbakken: „The Hills“, erschienen bei Heyne Encore, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler; 240 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay

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