Jáchym Topol – „Ein empfindsamer Mensch“

„Überall wo es Menschen gibt, gibt es auch den Teufel“.

Wenn der stämmige französische Star-Schauspieler Gérard Depardieu in einer Nebenrolle, als Geisel und wohlgemerkt als kein Geringerer als sich selbst, auftaucht, kann es sich wohl nur um eine Satire handeln. In diesem Fall ist es keine Filmkomödie, sondern ein Roman. Der tschechische Schriftsteller Jáchym Topol erzählt in seinem neuesten wahnwitzigen Streich von einer Schausteller-Familie, die quer durch Europa reist, um am Ende in den heimischen Gefilden Tschechiens in die Taten einer umtriebigen Bande verwickelt zu werden.

Trip quer durch Europa

Dabei läuft es schon am Anfang für die Helden – das sind Vater Mohrle, seine junge Frau Sonja und die beiden Zwillingssöhne – alles andere als prächtig. In England sollen sie in Bristol zu einem Festival anlässlich des 400. Todestags von William Shakespeare auftreten, als sie vor geifernden Brexit-Verfechtern, die osteuropäischen Bürger nicht ausstehen können, fliehen müssen. Es ist nur der Anfang einer Tour aus Pleiten, Pech und Pannen  – nebst einigen merkwürdigen Todesfällen und in einer Zeit, als unzählige Flüchtlinge aus Asien und Afrika den alten Kontinent erreichen. Sie durchfahren Frankreich, Spanien und nochmals Frankreich, um schließlich nach Deutschland zu gelangen.  Es ist keine gewöhnliche Reise, sondern eher eine Flucht. An keinem Ort sind sie wirklich gern gesehen und willkommen. In Ungarn trifft Mohrle auf den Russen Iwan, der die Familie ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet  lotst, ob sie will oder nicht. Per Flieger und eben mit Gérard in einem BMW an Bord. In einer Kapelle, die als Krematorium dient, kommt es zum Showdown. Mohrle kann fliehen. Die Reise führt die Familie in die Karpaten, schließlich in die Heimat zurück; in die tschechische Provinz, an die Sázava, einem Nebenfluss der Moldau. Hier haben der alte Baschta sowie seine Söhne mit krummen Geschäften das Sagen, floriert ein Puff namens „Flottes Löckchen“ ungemein.

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Der Roman teilt sich inhaltlich in zwei größere Blöcke, die Reise durch Europa und der Trip durch das heimische Tschechien, den Mohrle teilweise allein mit seinen zwei Söhnen bestreitet, da die schwangere Sonja, die den Drogen verfallen ist, nach einem tragischen Zwischenfall im Krankenhaus landet. Es ist eine nahezu archaische Gegend, die das Vater-Söhne-Trio mit den verschiedensten Fortbewegungsmittel zu Land und zu Wasser und teils auch in Frauenkleidern durchstreifen. Es sind merkwürdige Gestalten, Kriminelle sowie Verlierer, auf die die reduzierte und ungewöhnliche Familie trifft. Denn einer der Söhne, Winzling genannt, ist nicht gewachsen und hat noch die Größe eines Kleinkindes – Erinnerungen an Oskar Matzerath in Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“ kommen da sicher auf -, während sein Bruder als schüchterner, indes sehr sensibler Junge beschrieben wird.

„Meine ganze Familie, wir alle sind auf einer tierischen Rolltreppe abwärts gelandet und kriegen die beim besten Willen nicht gestoppt.“

So verrückt und schräg die Handlung mit ihrem kleinteiligen, anekdotenhaften und quirligen Geschehen ist, so überaus speziell ist Topols Sprache, die einen reichen Wortschatz aufweist und längst vergessene, kaum verwendete sowie flapsige umgangssprachliche Wörter gebraucht. Man braucht etwas Geduld und ein paar Seiten, um sich einzulesen, sich an diesen individuellen Stil zu gewöhnen, der wunderbar von Übersetzerin Eva Profousová ins Deutsche übertragen wurde. Wer indes einmal angekommen und „warm geworden“ ist mit dieser mutigen und ungewöhnlichen Sprache, wird hineingezogen in das Geschehen und einen Sog spüren.

„Nach dem Tod sitzt du im Dunkeln, so wir wie beide auch gleich. Und auch im Dunkeln hörst du Wind im Gras furzen oder Blindschleichen rumschleichen, was meinst du, was das ist? Hast keine Ahnung, was? Da hat eben Gott zu dir gesprochen. Echt!“

Der Humor und die schrägen Szenen lassen einen an die Schelmenromane denken. Die Überschriften der einzelnen Kapitel, die jeweils auf die Handlung verweisen, erinnern an dieses historische Genre. Es bleibt nicht der einzige Verweis des Romans. Topol, der zu den bekanntesten Autoren seines Landes zählt, macht zahlreiche Andeutungen auf die Kultur sowie politische wie gesellschaftliche Ereignisse in Europa. So spielt ein russischer Panzer, der aus dem Flüsschen geborgen wird, um als Geschenk für den alten Baschta zu dienen, eine wesentliche Rolle. Das Armeefahrzeug ist Sinnbild für die russische Besatzung Tschechiens und den Aufstand 1968. Der Roman ist reich an europäischer Geschichte und Gegenwart. All jenen fremdenfeindlichen Menschen mit ihrem unbändigen kaltschnäuzigen Hass hält er zielgerichtet den Spiegel vor.

Um Endlichkeit und den Tod

Doch „Ein empfindsamer Mensch“ hat nicht nur diese rustikale und derbe Seite. Immer wieder finden sich melancholische Züge – vor allem wenn es in den Dialogen, die der schreibende und alternde Schauspieler Mohrle mit den Menschen, denen er begegnet, führt, um Gott, die Endlichkeit und den Tod geht. Der neue, nunmehr sechste Roman Topols, der ins Deutsche übersetzt wurde,  bereitet vor allem all jenen eine wundersame wie eindrückliche Lektüre, die offen sind für verrückte Literatur, die inhaltlich wie stilistisch Grenzen übertritt und das große Ganze innerhalb des Lebens einfacher Leute zu fassen versucht.


Jáchym Topol: „Ein empfindsamer Mensch“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Tschechischen von Eva Profousová; 494 Seiten, 25 Euro

Foto: pixabay

 

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