Backlist #10 – Gila Lustiger „Die Schuld der anderen“

„Waren sie wirklich dabei, sich eine Gesellschaft ohne Gewissen heranzuziehen (…)?“

Es müssen 27 Jahre vergehen, bis der Mord an Emilie aufgeklärt wird. 27 Jahre, in denen unklar war, von wem die junge Frau auf brutalste Art und Weise vergewaltigt und getötet wurde. Doch der Pariser Journalist Marc Rappaport hegt Zweifel, als in einer kurzen Nachricht über die Klärung des Verbrechens, die nur mit Hilfe eines DNA-Tests möglich wurde, berichtet wird. Denn der Mörder der jungen Edel-Prostituierten ist ein unbescholtener Bürger. Rappoport macht sich auf die Spur und stößt bei seinen intensiven Recherchen auf ein enges Geflecht aus Korruption und kriminellen Machenschaften von Industrie und Politik, wobei Emilie nicht das einzige Opfer ist.  Gila Lustigers Roman „Die Schuld der anderen“ ist deshalb mehr als nur ein spannendes Buch über ein längst vergangenes Verbrechen und seine Aufklärung. 

Rappaport hat sich seine ersten Sporen als Gerichtsreporter verdient. Er arbeitet bei einer großen Pariser Zeitung, sein Freund Pierre ist Chefredakteur. Während dieser aus einfachen Verhältnissen stammt, kommt Rappaport aus einer angesehenen Industriellen-Familie, deren Ruhm und Vermögen allerdings auf dem Leid von Menschen aufgebaut wurde. Sein Großvater Arnaud Delorme, zu dem er als Kind und Jugendlicher ein besonderes Verhältnis pflegte, hat das große Unternehmen aufgebaut. Zum Spezialgebiet des Journalisten zählen besondere Kriminalfälle, zu seinen wichtigsten Helfern Ermittler wie der erfahrene Kommissar Stefanaggi.  Doch seine neuesten Nachforschungen im Fall Emilie stoßen auf wenig Gegenliebe, auch Pierre verweigert als Chef zuerst seine Zustimmung. Ausgehend von der Person der jungen Frau, die aus der Provinz mit nur einem Koffer kommend in Paris Geschichte studieren wollte und schließlich in den Sumpf der Prostitution geriet, zieht Rappaport seine Kreise immer weiter. Seine Recherchen führen ihn auch in Emilies Heimat, in der ein weltweit agierender Hersteller von Zusatzstoffen für Tiernahrung der größte Arbeitgeber ist. Hier hat der Vater des Mordopfers gearbeitet, der an Krebs erkrankt, als Emilie noch Schülerin war. Der Journalist findet mit der Unterstützung eines langjährigen Betriebsarztes heraus, dass die Krebserkrankung auf die Produktion des Unternehmens zurückzuführen ist.

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Seine Recherchen führen den Journalisten, der mit seinem Arbeitseifer auch die Beziehung zu seiner Freundin Deborah gefährdet, in die verschiedensten Bereiche. Er spricht mit einstigen Mitschülern der jungen Frau, mit Medizinern, mit ehemaligen Prostituierten. Bis ihn sein Weg zwangsläufig in die Höhle des Löwen, in die obere Etage von Wirtschaft und Politik führt. Diese Einblicke in die Praxis des Zeitungsreporters, in seine cleveren, teils aber auch unlauteren Methoden, liest sich nicht nur spannend für Journalisten. Zugleich entwirft die Autorin ein sehr komplexes Bild des Helden und dessen Familie sowie der jüngeren Geschichte und der aktuellen Situation der Grande Nation. Lustiger, Tochter des jüdischen Historikers Arno Lustiger und bereits über viele Jahre in Paris heimisch, blickt zurück auf die wechselvolle Wirtschaftsgeschichte Frankreichs, unter anderem auch auf das Kapitel, als der Staat in den 1980er-Jahren unter der Regierung von François Mitterrand große Unternehmen übernimmt, um die wirtschaftliche desolate Lage zu stabilisieren; allerdings mit wenig Erfolg.

„Und sie spalteten die Welt in Eingeweihte und Ahnungslose, in Betrüger und Betrogene auf.“

Die rücksichtslosen Umtriebe des Unternehmens basieren im Übrigen auf einem realen Fall: 1981 führte der Futtermittelhersteller Adisseo den krebserregenden und erbgutverändernden Stoff Chloracetal C5 ein, um Vitamin A günstiger herstellen zu können.  Spätere Medien-Recherchen brachten den Skandal ans Tageslicht, der auch dazu führte, dass erkrankte Mitarbeiter entschädigt wurden. Darüber hinaus erzählt der tiefgründige und vielschichtige Roman von weiteren Brennpunkten: vom Antisemitismus, von Bandenkriegen und Aufständen, vom Fatalismus der unteren Schichten, deren Angehörige kaum die Möglichkeit haben, sich ein gutes Leben mit Einsatz, Willen und legaler Arbeit aufzubauen. 

„Die Schuld der anderen“ ist deshalb mehr als nur ein spannender Kriminalroman, in dem der Mord einer jungen Frau aufgeklärt werden soll. Er enthält reichlich sozialkritischen Zündstoff, der schließlich auch die allgemeine Frage aufwirft, ob in großen Unternehmen der auf ethischen Maßstäben basierende Führungsstil des Profits wegen generell gegen Korruption ausgetauscht wird oder ob unter den schwarzen Schafen vielleicht doch noch  – wenngleich auch nur wenige – weiße ohne jegliche Schuld existieren.   

In der Reihe „Backlist“ werden Romane verschiedenster Verlage vorgestellt, die bereits vor einigen Jahren erschienen und womöglich bereits leicht in Vergessenheit geraten sind, doch die es wert sind, dass an sie erinnert wird. Bisher in dieser Reihe veröffentlichte Besprechungen gibt es zu

Carmen Laforet „Nada“

Davide Longo „Der aufrechte Mann“,

Per Petterson „Nicht mit mir“

Agota Kristof „Das große Heft“

Michela Murgia „Accabadora“

Robert Seethaler „Der Trafikant“

John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“

György Dragomán „Der weiße König“

Einar Már Gudmundsson „Engel des Universums“


Gila Lustiger: „Die Schuld der anderen“, erschienen im Berlin Verlag; 496 Seiten, 11 Euro

Foto: pixabay

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