Dörte Hansen „Mittagsstunde“

„Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.“

Er hätte um die halbe Welt reisen, die chinesische Sprache erlernen können. Doch Ingwer Feddersen entscheidet sich, sein Nest, seine Wohlfühl-Dreier-WG in Kiel,  zu verlassen und sein  Sabbatjahr in seinem Heimatort Brinkebüll hoch oben im Norden zu verbringen; an der Seite seiner Großeltern, im vertrauten Gasthof, der schon bessere Zeiten erlebt hat. In ihrem neuen Roman „Mittagsstunde“ erzählt Dörte Hansen von einem kauzigen Heimkehrer und einem Geest-Dorf, in dem die Veränderungen der vergangenen Jahren vieles genommen haben. 

Ein ganzes Dorf

Die Autorin Dörte Hansen, 1964 in Husum geboren, braucht man wohl kaum näher vorzustellen. 2015 erschien ihr Roman „Altes Land“, der bereits eine Familiengeschichte auf dem Land erzählt und zu einem großen Erfolg wurde. Nun führt ihr neuestes Werk den Leser erneut in den Norden, erneut auf das Land und erneut stehen mehrere Lebensgeschichten im Mittelpunkt. „Mittagsstunde“ widmet sich sowohl der Familie Feddersen als auch dem Geschehen eines ganzen Dorfes. Zeitlich spannt Hansen die Handlung über mehrere Jahrzehnte, immer wieder gibt es Rückblenden, die sich mit dem Rahmengeschehen, der Rückkehr Ingwers,  abwechseln, die mal längerer, mal kürzerer Natur sind. Sei es das Schicksal von Ingwers Großvater Sönke, der als Kriegsgefangener erst Jahre nach dem Kriegsende nach Brinkebüll zurückkehrt, seien es die tragischen Erlebnisse von Ingwers Mutter Marret, die als Kind und Jugendliche tote Tiere zeichnet und von einem Landvermesser ungewollt schwanger wird. Eine wunderliche und verwundete Figur wie ein Gespenst, das nur in den Erinnerungen auftaucht. Auch der Lehrer Steensen, der eine nicht unerhebliche Rolle spielt, hat seine ganz eigene Geschichte zu erzählen.

sdr

Ingwers Großeltern sind über 90 Jahre alt, ihre Gnadenhochzeit steht an. Ella ist an Demenz erkrankt. Mehr schlecht als recht kümmert sich Sönke um den Gasthof, in dessen Saalparkett sich das Dorfleben der vergangenen Jahrzehnte eingeprägt hat, in dem immer weniger Gäste erscheinen. Stammgäste sind nur noch die ortsansässige Line-Dance-Gruppe und die im Ort verbliebenen Bauern. Der Treffpunkt im Dorf, der mit Taufen, Hochzeiten und Trauerfeiern gut gefüllt war, in dem Ingwer schon als Kind ausgeholfen hat, geht dem Bach runter. Die Zeiten haben sich geändert in Brinkebüll. Der Wandel kam mit den Landvermessern, der ersten Asphaltstraße, den großen Traktoren. Wer kann, setzt sich ab – in die Großstadt, ins Ausland. Auch die Schwalben sind weniger geworden. Es ist ein schleichender Prozess, der indes nicht fiktiv ist, sondern in den ländlichen Regionen allzu gut zu spüren ist.

Genauso bekannt ist wohl dieses Suchen in der Mitte des Lebens, dieser Drang aus den gewohnten Bahnen auszubrechen. Dass sich Ingwer für die Heimat entscheidet und beschließt, sich ins Auto zu setzen und nach Brinkebüll zu fahren, kommt nicht von ungefähr. Man verlässt den besonderen Weg, den man im Gegensatz zu den älteren Generationen eingeschlagen hat, und kehrt zum Vertrauten zurück. Dass der Archäologe und Uni-Dozent immer etwas anders war, wird an vielen Stellen erzählt, genauso seine spezielle Art wie ein Findling zu sein, der nur von den Eiszeit-Gletschern vorangetrieben und von der Zeit und den Naturgewalten bearbeitet wird. Dass die Gebliebenen nicht unbedingt Verlierer sein müssen, zeigt sich in der Person Heiko Kettelsen, der die Line-Dance-Gruppe leitet, dem Ingwer mehr und mehr Respekt entgegenbringt.

„Sie wussten nicht, dass sie selbst auch geschoben und geschliffen worden waren, geformt von diesem Land. Dass sie in seinem Rhythmus atmeten, nach seinen Regeln lebten. Sie hatten immer um die Eiszeittümpel und die großen Findlinge herum gesät, gemäht, gepflügt, wie alle Bauern vor ihnen, seit gut sechstausend Jahren“

Die Natur und ihre Elemente, die Gegebenheiten, die das Land prägen, prägen auch dieses Buch: die Erde, der Himmel, Sonne und Regen. Sie finden sich nicht nur in den Beschreibungen des platten Landes, sondern auch in den vielen wunderbaren Vergleichen, die dieses Buch sprachlich so wundervoll machen. Dahinein mischt sich Musik – Klänge, Lieder, Titel, die sich auch über den einzelnen Kapiteln des Buches finden. Eine ganz Bandbreite – von Neil Young, dessen Alben sich im Handschuhfach von Ingwers Auto stapeln, bis hin zu Freddy Quinn und Drafi Deutscher. Der Roman – eine einzige Jukebox, wie sie auch im Brinkebüller Gasthof steht.

Von Regeln und Gesetzen

Es weht ein Hauch von Melancholie und Abschied durch diesen Roman, zugleich gibt es Szenen, Passagen, bei denen man schmunzeln kann. Heiterkeit und ein gewisser Schwermut wechseln sich ab;. oder sollte man sagen Lebensfreude und Lebensschmerz. Denn alles verändert sich, gibt es ein Anfang und ein Ende. Selbst die althergebrachten Regeln und Gesetze in Brinkebüll, wie der Schutz der heiligen Mittagsstunde, verlieren irgendwann ihre Bedeutung und Wirkung.   

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Sätze & Schätze“, „Die Buchbloggerin“, „buchrevier“, „Bücherkaffee“ und „Seitenwandler“.


Dörte Hansen: „Mittagsstunde“, erschienen im Penguin Verlag; 322 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay

2 Gedanken zu „Dörte Hansen „Mittagsstunde““

  1. Liebe Constanze, um es gleich vorweg zu nehmen, ich finde Mittagsstunde ist eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe. Halt, ich habe gar nicht gelesen, sondern das Hörbuch, gelesen von Hannelore Hoger (die sich so geschoben und geschliffen durch den Text nuschelt – großartig!!), gehört.

    In anderen Buchbesprechungen fand ich teilweise recht kritische Meinungen, wie zum Beispiel „zu klischeehaft“. Das hat mich fast etwas traurig gemacht, denn es war (und ist teilweise auch noch) so. Ja, genau so! Vielleicht kann man sich das als junge Stadt-Generation nicht mehr vorstellen, aber unser Dorfgasthof könnte die gleichen Geschichten erzählen. Ich habe hier im Norden noch so einige Saalfeste mitgemacht, die genauso abliefen – schräge Typen mit schrägen Spitznamen, die nur die anderen kennen, inclusive!

    Dörte Hansen hat so grandios beobachtet und den Untergang dieser kargen, dörflichen Welt wunderbar erklärt und beschrieben.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich danke Dir sehr für Deinen sehr ausführlichen Kommentar. Ich habe auch schon gehört, dass die Hörbuch-Version mit Hannelore Hoger ein Volltreffer ist. Ich denke, man sollte erst von einem Klischee sprechen, wenn man die beschriebenen Umstände in ihrer Realität kennt. Ich habe keine Klischees in diesem wunderbaren Buch gefunden, und ich gehe davon aus, dass Hansen, zuhause im Norden, weiß, wovon sie schreibt. Vielmehr habe ich sehr realistische Typen gefunden, die es wohl in jedem Dorf auch gibt. Viele Grüße und ein schönes Wochenende

      Gefällt 2 Personen

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