Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“

„Wir haben eine ausgesprochene Begabung für den Schmerz.“ 

Sie sind der Inbegriff der Großfamilie. Die Zahl ihrer ist nahezu unvorstellbar, allerdings nicht unmöglich. 23 Köpfe stark ist die Familie der Cardinals, die Albert und seine Frau schufen. Eine Bande aus nahezu unbezähmbaren 21 Jungen und Mädchen mit einem ganz eigenen Willen. Aufgewachsen in der rauen Gegend rund um die Minenstadt Norcoville, kurz Norco genannt, die sich nach wenigen Jahren an Prosperität zu einer heruntergekommenen und verlassenen Geisterstadt verwandelt. Der Roman „Niemals ohne sie“ der kanadischen Schriftstellerin Jocelyne Saucier ist dabei mehr als nur ein Porträt dieser Familie, deren Mitglieder einzigartig, jedoch seelisch durch eine Tragödie verwundet sind.

Markante Namen

Saucier ist hierzulande bekannt geworden mit ihrem Roman „Ein Leben mehr“, das  zu meinen Herzensbücher zählt. Auch da spielt eine besondere Gemeinschaft eine bedeutende Rolle. Sind es dort zwei ältere Männer und eine ältere Frau, die sich in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen haben, gibt es in dem bereits 2001 im Original und nun erst in deutscher Übertragung erschienenen Werk Einblicke in das Leben einer Großfamilie in Quebec, die sich sowohl als eine Gemeinschaft als auch durch ihre besonderen Charaktere auszeichnet. Speziell sind auch die Bezeichnungen, die Saucier ihren Helden gibt. Sie erinnern meist an fiktive und historische Gestalten, die von einem gewissen Glanz und Ruhm umgeben sind; so Jeanne d’Arc, El Toro, Geronimo, Nofretete oder Zoro. Es sind jeweils Spitznamen, die jedes Kind neben seinem richtigen Namen trägt.

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Ihr Leben schwankt zwischen eisernen Regeln und Anarchie, zwischen einem geschwisterlichen Miteinander und einem schier unaufhaltbaren, von Stolz geprägten Freiheitsdrang. Die Mutter, die jeden Abend jedes Kind an seiner Schlafstatt wie ein Schutzengel besucht, jeden Tag eine kleine Kompanie mit Essen versorgen muss, gibt der Familie Beständigkeit und das Gefühl von Schutz, opfert sich indes auf. Der umtriebige Vater, der während seiner leidenschaftlichen Suche nach Erzen 1957 auf Zink gestoßen war, jedoch finanziell von der Minengesellschaft über den Tisch gezogen wird, gilt als Einzelgänger, der kaum den Überblick über seine Kinderschar hat.

In alle Himmelsrichtungen

Mit dem Erwachsenenwerden zieht es die meisten Kinder in alle Himmelsrichtungen in die Welt hinaus. Emilien ist nach Australien „geflohen“, Geronimo  arbeitet als Arzt in Kriegsgebieten. Tommy, die Zwillingsschwester von Angèle, hat sich in den Norden zurückgezogen und ist mit einem Inuit verheiratet.  Die Ursache ist jene Tragödie, die die Familie schier zerrissen und zersprengt hat und noch immer in den Seelen gärt, als Kinder wie Eltern mehrere Jahrzehnte später zusammenkommen. Eine Tagung von Erzsuchern, zu der Albert ausgezeichnet werden soll, bietet den Anlass des Treffens und für persönliche Rückblicke, die Saucier geschickt und klug auf mehrere Perspektiven, insgesamt sechs Erzähler, verteilt. Den Anfang macht der Jüngste, das Nesthäkchen, der Benjamin namens Matz, der nichts von der Tragödie weiß. Mit jedem Erzähler bekommt das einstige Geschehen, das zuerst wie ein dunkles Mysterium wirkt, aus den vielen Ansichten seine Form.

„Die Familie ist eine Begegnung mit dem, was man am tiefsten in sich vergraben hat.“

Dabei stellen sich nach und nach Zweifel ein mit Blick auf das vermeintliche Glück der Familie, deren enge Beziehungen und deren Rechtschaffenheit. Da die mehrfach erwähnte Tragödie nicht ohne Schuld denkbar ist – eine für die Helden stetige Last. Die Kinder, da meist auf sich allein gestellt, sind in ihren jüngeren Jahren nicht immer Engel gewesen. Geronimo macht mit seinen Geschwistern die Stadt und die Umgebung unsicher und sorgt für den gefürchteten Ruf der Familie. Ihre Streifzüge sind von Gewalt und Zerstörung gezeichnet. Sie grenzen Angèle permanent aus, weil sie von einem vermögenden Ehepaar mit Geschenken überhäuft wird, später ein Kloster-Internat besucht und aus dem Leben ihrer ursprünglichen Familie ausbrechen will. Eine Entwicklung, die tragisch enden wird.

Trotz seiner nur 255 Seiten ist der menschliche wie ergreifende Roman, der wie „Ein Leben mehr“ mit einem sehr markanten Coverfoto den Betrachter einnimmt, vielschichtig und themenreich. Schon allein die unterschiedliche Gestaltung der Figuren und der spannende Aufbau der Geschichte ist große literarische Kunst. Das Ende schließlich kommt indes sowohl leise als auch mit emotionaler Wucht daher. Ein Abschluss, über den der Leser sehr ausführlich nachsinnen wird.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Leseschatz“, „Bücherkaffee“, „Leckere Kekse“ und „Bücherwurmloch“.


Jocelyne Saucier: „Niemals ohne sie“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Sonja Finck und Frank Weigand; 255 Seiten, 20 Euro

Foto von qwasyx_edc auf Pixabay

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