Backlist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland“

„Denn wenn die Lebenden die Toten loslassen, zählt das Leben nichts mehr.“

Viel ist über den Zweiten Weltkrieg geschrieben worden, unzählige Bücher sind erschienen; Romane, Zeitzeugenberichte und wissenschaftliche Literatur. Doch immer wieder stößt man als Leser auf Ereignisse, von denen man wenig oder noch nichts weiß. War mir persönlich die Brücke am Kwai zwar vom Namen bekannt, auch durch den gleichnamigen Film, wurden mir die Geschehnisse beim Bau der sogenannten Todeseisenbahn in Thailand und Burma erst mit dem Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ umfassend nahe gebracht. Für sein Werk erhielt der Australier Richard Flanagan im Jahr 2014 den renommierten Man Booker Prize

Kriegsschauplatz abseits der Front

Dieser Roman ist kein Buch, das man schnell weglegen und vergessen wird. Denn er geht einem sehr nah, er erschüttert und prägt sich unweigerlich ein. Scheint das Leben des Helden, den aus einfachen Verhältnissen stammenden Chirurgen Dorrigo Evans, fernab des Krieges vom gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg sowie leidenschaftlichen Liebesbeziehungen geprägt zu sein, bilden jene unfassbaren Kriegsszenen einen bitteren Kontrast. Kein Leid, kein Ausbruch der Gewalt lässt Flanagan aus.  Was der charismatische Evans und weitere australische Soldaten nach ihrer Gefangennahme im Lager erleiden müssen, lässt den Atem stocken. Liest man sich schließlich durch Berichte mit Zahlen, wird das ganze Ausmaß dieses Kriegsschauplatzes abseits der Frontlinien deutlich. Neben mehr als 200.000 asiatischen Zwangsarbeitern mussten auf der 415 Kilometer langen Strecke von Burma nach Thailand (damals Siam) zwischen 50.000 und 70.000 alliierte Soldaten, darunter 13.000 Australier, unter menschenverachtenden Bedingungen schuften. Wie jene Zahlen schwankt auch die der Todesopfer. Schätzungsweise zwischen 40.000 und 90.000 Menschen kamen beim Bau der Strecke ums Leben. Nur 131 Kilometer sind heute noch in Thailand in Betrieb und gelten als Touristenziel.

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Dass Evans dieses Grauen überleben soll, erfährt der Leser recht früh. Als betagter Mann blickt der renommierte Arzt zurück auf sein vergangenes Leben, das voller Leid und einer unerfüllten Liebe war. Eine späte Affäre lässt ihn an seine Frau Ella und seine Geliebte Amy, die Veröffentlichung eines Buches mit Zeichnungen eines Kameraden wiederum an den Krieg und die Todeseisenbahn denken. Beide völlig verschiedene Themen ziehen sich Eisenbahngleisen gleich durch diesen Roman. In dem Straffager war der Sanitätsoffizier Kommandant seiner Truppe und zugleich Gegner des japanischen Befehlshabers Nakamura und seiner Aufseher. Dessen Interesse galt weder der ausreichenden Ernährung und medizinischen Versorgung der Strafgefangenen. Ihr Handeln war einzig und allein auf den Befehl des japanischen Kaisers, die Strecke ohne den Einsatz jeglicher Maschinen fertigzustellen, ausgerichtet. Mehrmals feilscht Evans mit den Aufsehern, um das Leben seiner kranken Kameraden zu retten, die in wenigen Wochen und Monaten im Jahrzehnte-Takt gealtert sind, nur noch aus von Geschwüren überzogener Haut und Knochen bestehen und unter lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Ruhr und Cholera leiden. Es sind keine Menschen mehr, sondern nackte Gespenster, die nicht nur ihrer Gesundheit, sondern auch ihrer Würde beraubt wurden, weil sie alltäglich erniedrigt und gequält werden.

Klassiker als Namensgeber

Flanagan zeigt anhand einer Handvoll australischer Soldaten, die in ihrem Wesen sehr unterschiedlich sind,  dieses unermessliche Leid auf sowie das Schwanken der Figuren zwischen Eigennutz und Mitmenschlichkeit. Der eine gibt sein Essen ab, während der andere sich bereichert, wenn es denn etwas zu holen gibt. Auch von der Bedeutung der Erinnerungen und der späteren Aufklärung der Kriegsverbrechen erzählt dieser herausragende und preisgekrönte Roman. Begleitet wird die Handlung von mehreren Zitaten aus Gedichten, meist aus japanischen Haikus. Das 1689 erschienene Reisetagebuch „Ein schmaler Pfad ins Hinterland“ des japanischen Dichters Matsuo Bashō gibt dem Roman seinen Namen. Darin beschreibt er seine Reise durch den Norden seines Heimatlandes. Dieses Werk zählt heute zu den Klassikern der japanischen Literatur.

„Der Mensch ist nur eine von vielen Lebensformen, alle Lebensformen wollen leben, und das höchste Gut des Lebens ist die Freiheit; wenn ein Mensch ein Mensch sein kann, eine Wolke eine Wolke, der Bambus ein Bambus.“

Die Literatur ist es, die die so gegensätzlichen Charaktere Evans und Nakamura wiederum verbindet. Beide lieben das geschriebene Wort; der Japaner die Weisheit der Haikus, der Australier vor allem die Schriften der Antike. Ein Band von Ovid hat er in der Hand, als er in einem Buchladen seine große Liebe Amy, die Frau seines Onkels, kennengelernt. Für ihre Leidenschaft wird ihnen nur wenig Zeit gegeben. Wie diese noch immer unfassbare Katastrophe des Weltkriegs das Leben der Menschen komplett aus den Bahnen geworfen und millionenfaches Leid und Tod gebracht hat, wird in diesem unvergesslichen Meisterwerk immer wieder deutlich. Und auch, dass viele der Täter für ihr menschenverachtendes Handeln ungestraft geblieben sind und noch ein langes zufriedenstellendes Leben hatten, während andere schon in jungen Jahren ihr Leben geben mussten.

In der Reihe „Backlist“ werden Romane verschiedenster Verlage vorgestellt, die bereits vor einigen Jahren erschienen und womöglich bereits leicht in Vergessenheit geraten sind, doch die es wert sind, dass an sie erinnert wird. Bisher in dieser Reihe veröffentlichte Besprechungen gibt es zu

Carmen Laforet „Nada“

Davide Longo „Der aufrechte Mann“,

Per Petterson „Nicht mit mir“

Agota Kristof „Das große Heft“

Michela Murgia „Accabadora“

Robert Seethaler „Der Trafikant“

John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“

György Dragomán „Der weiße König“

Einar Már Gudmundsson „Engel des Universums“

Gila Lustiger „Die Schuld der anderen“


Richard Flanagan: „Der schmale Pfad ins Hinterland“, erschienen im Piper Verlag; in der Übersetzung aus dem australischen Englisch von Eva Bonné; 488 Seiten, 12 Euro (Taschenbuch-Ausgabe)

Foto: POR_z66l auf Pixabay

7 Gedanken zu „Backlist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland““

    1. Vielen Dank für Deinen Hinweis und den Link. Ohne das andere Buch zu kennen, stimme ich Dir zu, dass es da große Unterschiede gibt. Dieser Roman ist alles andere als friedlich. Die Verbindung ist natürlich sehr interessant. Viele Grüße

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  1. „Die Brücke am Kwai“ ist seit langer, langer Zeit – natürlich auch dank dem großartigen Spiel von Holden und Guinness – mein Lieblingsfilm. Nachdem ich das Buch von Pierre Boulle gelesen hatte, fiel mir Flanagans „Der schmale Pfad ins Hinterland“ ins Auge. Seit zwei Jahren gibt es das ja jetzt schon als TB – und ich schleiche dennoch herum wie die Katze auf den heißen Brei. Vielleicht sollte ich endlich mal zugreifen.

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      1. Das habe ich mir jetzt fest vorgenommen. – „Die Brücke am Kwai“ ist für mich der Anti-Kriegsfilm schlechthin. Großartig, wie der ganze Wahnsinn der Anstrengungen auf beiden Seiten – Briten wie Japaner – auf die Leinwand gebracht wurde. Und das so kurze Zeit nach dem Krieg und an solchen Schauplätzen. Vom Schauspiel des grandiosen Sir Alec Guinness ganz zu schweigen. Lange Rede, kurzer Sinn: Unbedingt gucken. :-)

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  2. Hallo, schön, dass Du diesen Roman aufgegriffen hast. Wir haben den Roman letztes Jahr in meinem Lesekreis besprochen. Es ist schon harter Stoff, der anfangs einige eher abgeschreckt hat. Aber nach der Lektüre waren fast alle Teilnehmer restlos überzeugt. Für mich war es eines der besten Romane seit langem. Es ist zu wünschen, dass Deine Rezension viele zusätzliche Leser bringt.

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Ruth. Interessant Dein Hinweis auf Deinen Lesekreis. Auch ich bin in einem, denke aber, dass das Geschehen womöglich viele abschrecken wird, da wir nahezu nur eine Frauenrunde sind. Ich hoffe auch, dass es viele zusätzliche Leser findet. Der Roman zeigt sehr deutlich, wie viel Schreckliches der Mensch dem Menschen antun kann. Viele Grüße

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