Monica Kristensen „Amundsens letzte Reise“

„Man nannte es scherzhaft die Polarkrankheit, aber sie glich eher einer Besessenheit.“

Sein Name verbindet jeder unweigerlich mit der weißen Welt, dem Ewigen Eis. Seine Entdeckungsreisen haben seinen Weltruhm begründet. Er durchfuhr als erster Mensch die Nordwestpassage, erreichte als erster den Südpol, er war auch einer der ersten, die zum geografischen Nordpol kamen. Der Norweger Roald Amundsen (1872 – 1928), nach dem das neueste Schiff der legendären Hurtigruten-Flotte benannt ist, ist bis heute verbunden mit Entdeckermut und Wagnis, aber auch einem ungeheuren Wissensschatz rund um die Polargebiete. Die Norwegerin Monica Kristensen hat über Amundsens letzte Reise, von der er nicht mehr zurückgekommen ist, einen Band geschrieben, der Maßstäbe setzt.

Auf eigener Mission

Kristensen ist selbst untrennbar mit den Polarregionen unserer Erde verbunden. Sie zählt zu den bekanntesten Polarforscherinnen ihres Landes. Als Tochter einer Schwedin und eines Norwegers 1950 im schwedischen Torsby geboren, leitete sie mehrere Expeditionen in die eisigen Welten. Für ihr Wirken wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1989 mit der Founder’s Medal der Royal Geographical Society. Hierzulande wurde sie mit ihrem Kriminalroman „Suche“ bekannt, dessen Geschehen auf der zu Norwegen zählenden Inselgruppe Spitzbergen – die Norweger nennen sie Svalbard – angesiedelt ist. Spitzbergen steht auch im Zentrum des aktuellen Sachbuches. Von hier startet der italienische Luftschiffpionier Umberto Nobile seine Nordpol-Tour, die in einer Katastrophe endete. Das Schiff „Italia“ stürzte mit einer internationalen Crew an Bord am 25. Mai 1928 auf der Rückfahrt ab. Mehrere Länder entsanden Rettungsexpeditionen. Auch Norwegen. Doch in der offiziellen Rettungsmannschaft des nordischen Landes erhielt Roald Amundsen keinen Platz. Er versuchte, selbst ein Team und vor allem die notwendige technische Ausstattung zusammenzustellen, was nicht leicht war, da Amundsen knapp bei Kasse war und die einstigen Kontakte wie zu dem Amerikaner Lincoln Ellsworth nicht mehr fruchteten. Schließlich bestieg Amundsen, der einst mit Nobile im Luftschiff „Norge“ die nördliche Polarregion bereist hatte, ein Flugboot des Typs Latham 47 mit zwei französischen Piloten an Bord. Es sollte eine Reise ohne Wiederkehr werden, seitdem gilt der große norwegische Polarentdecker als verschollen. Bis heute ist unklar, warum und vor allem wo die Mission scheiterte.

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Inhaltlich setzt die Wissenschaftlerin und Autorin den Fokus indes nicht nur auf Amundsen und seine Pläne. Vielmehr richtet sie einen weiten und vielschichtigen Blick auf sowohl die tragische Reise Nobiles als auch auf die zahlreichen Rettungsaktionen, die in ihrer Ausstattung und Bemannung nicht unterschiedlicher sein konnten. Neben Schiffen kommen mehrere Flugzeuge verschiedener Bauart und Leistung zum Einsatz. Die Russen leisteten mit Krassin, dem damals größten, mit Kohle angetriebenen Eisbrecher der Welt, eine besondere Unterstützung im Ringen um die Rettung der Männer um Nobile.

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Amundsen während der Vorbereitung zur Fram-Expedition. Foto: Anders Beer Wilse

Der Leser springt während der Lektüre des Buches zwischen den einzelnen Protagonisten, ihren Pläne, ihren Erfolgen und ihrem Scheitern. Sogar von dem unermesslichen Leid der verunglückten Crewmitglieder angesichts der unwirtlichen Verhältnisse und Einsamkeit auf einer Eisscholle berichtet Kristensen. Es ist erschütternd zu lesen, wie der italienische Funker Guiseppe Biagi immer wieder versucht, Notsignale abzusetzen, wie der schwedische Wissenschaftler Finn Malmgren in eisiger Kälte auf seinen Tod wartet, wie ein Teil der Mannschaft bereits während und kurz nach dem Absturz ihr Leben verliert.

„Das Jahr 1928 war eine fieberhafte, geradezu surreal optimistische Zeit in der westlichen Welt. Nichts war unmöglich, alle wollten zu Helden werden.“

Kristensen schildert nicht nur, akribisch mit zahlreichen Fakten und Daten unterlegt, die damaligen Ereignisse und ihre Protagonisten, darunter auch Amundsens Weggefährten. Sie berichtet vor allem von einem extremen Zeitenwandel: Setzte Amundsen bei seiner Südpol-Expedition auf die Hilfe von Schlittenhunden, steigen nun Flugzeuge und Luftschiffe in die Höhe. Interessant auch – die Ausführungen zur Rolle Spitzbergens und der Bedeutung der Arktis für Norwegen und andere Länder. Ein regelrechter Wettstreit entbrennt, um Nobile und später Amundsen zu retten, wobei das faschistische Italien sich zuerst weigerte, sich mit einer Mission zu beteiligen und später Nobiles Scheitern drastisch verurteilte. Zudem gibt die Autorin Einblicke in das zwiespältige Wesen Amundsens, dessen Stern am Sinken war, der zu jener Zeit bereits viele Freundschaften aufgrund seines schwierigen Charakters verloren hatte und der auch gesundheitlich sehr angeschlagen war. Wer mehr über ihn erfahren will, sollte zu der wunderbaren Biografie des Norwegers Tore Bomann-Larsen (mare Verlag) greifen.

Anschaulich und atmosphärisch

Nie wird dabei der Leser indes diesem Detailreichtum überdrüssig, denn der Stil der Norwegerin ist anschaulich und an einigen Stellen durchaus auch atmosphärisch zu nennen. Kristensens Akribie und ihre aufwendige Recherche verlangen höchsten Respekt ab und ist diesem Werk deutlich anzumerken – wie auch das umfassende Wissen und die Leidenschaft der Autorin für dieses spannende Thema. Wer sich mit diesem Kapitel der Wissenschaftsgeschichte und generell mit dem Ewigen Eis beschäftigt, wird an diesem herausragenden Band, der Zeitdokumente sowie eine umfangreiche Literaturliste und eine Übersicht der einzelnen Expeditionen enthält, einfach nicht vorbeikommen.

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es auf „Bingereader“ in der Reihe „Women in Science“, „Mikka liest“ sowie auf „Ankes Blog“.


Monica Kristensen „Amundsens letzte Reise“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt; 464 Seiten, 22 Euro

Bild von Decokon auf Pixabay

7 Gedanken zu „Monica Kristensen „Amundsens letzte Reise““

    1. Ja, das ist eine beängstigende Gemeinsamkeit. Zumal Norwegen damals auch Italien offiziell angefragt und informiert hat, dass eine Rettungsmission geschickt werden soll. Nur eine offizielle Regierungsantwort gab es darauf nicht. Nobile wurde in seinem Land auch sehr angefeindet – weil die Mission missglückte und er sich als erster retten ließ. Viele Grüße

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  1. Monica Kristensen hat eine großartie Studie geschrieben. Vielen Dank für die exzellente Rezension von Amundsens Letzter Reise. Bei so viel Lob kann man mit diesem Buch eigentlich nichts verkehrt machen. Verlinkt und geliked! Gruß!
    Ihr
    Thorsten J. Pattberg, Autor der Lehre vom Unterschied

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für den Kommentar und die Verlinkung. Nein, mit diesem Buch kann man nichts verkehrt machen, und ich hoffe, es findet viele Leser, auch jene, die vielleicht mit diesem Thema noch nichts so vertraut sind. Viele Grüße

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