Michail Ossorgin „Eine Straße in Moskau“

„Das Weltengebäude war erschüttert, die Vögel verjagt vom Dröhnen der Waffen!“

Bücher erzählen Geschichten. Doch auch um sie selbst ranken sich spannende, oft auch tragische Geschichten. Sie berichten von ihrem Schöpfer und von seinem Erfolg. Manche sind allerdings auch Beispiele, wie einst Vergessenes wieder in die Öffentlichkeit geholt wird. Es ist für mich immer wieder erstaunlich und spannend, wie Autoren und ihre Werke nach Jahren und Jahrzehnten wieder entdeckt werden. Wohl nur wenige kennen den Namen des russischen Schriftstellers Michail Ossorgin (1878 – 1942). Mit der Veröffentlichung des Romans „Eine Straße in Moskau“ erinnert die Buchreihe „Die Andere Bibliothek“ an den Autor, der in dessen Heimatland vergessen werden sollte. 

Der Todesstrafe entkommen

Denn der 1878 in Perm geborene, politisch aktive Jurist und Journalist galt als Gegner – sowohl in der Zarenzeit als auch nach der späteren Oktober-Revolution. Er wurde mehrfach verhaftet, floh ins Ausland. Er lebte unter anderem in Nordeuropa, Deutschland und Italien, sein Roman „Eine Straße in Moskau“ erschien 1928 während Ossorgins Emigration in Frankreich. Dorthin hatte es ihn verschlagen, als er nach kritischen Kommentaren in das Visier der Tscheka geraten ist, er zudem sich den Zorn Lenins auf sich gezogen hat, als er dem Allrussischen Komitee für die Hilfe der Hungernden beigetreten war. Ossorgin und weitere Mitstreiter entgingen nur knapp der Todesstrafe dank des Eingreifens des norwegischen Polarforschers und Diplomaten Fridtjof Nansen im Auftrag des Völkerbundes.

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Die systematische Verfolgung von sowohl tatsächlichen als auch vermeintlichen Regimegegnern – oft waren unter letzteren Verfechter der Revolution – erzählt auch dieser Roman, der eigentlich sehr harmonisch beginnt. In der Wohnung des berühmten wie bereits betagten Vogelkundlers Iwan Alexandrowitsch, seiner Frau Aglaja und seiner 16-jährigen und elternlosen Enkelin Tanja, versammelt sich eine Gruppe von Freunden, darunter der Pianist und Komponist Eduard  Lwowitsch, der Physiker Poplawski, der Student Ehrberg und Onkel Borja, der älteste Sohn des Ornithologen. Es wird geredet, Tee getrunken, andächtig der Klaviermusik gelauscht. Sechs Jahre später kommt dieser Kreis erneut zusammen – merklich verkleinert, denn der Erste Weltkrieg und die Revolution haben das Land, die Stadt und das Dasein der Menschen verändert, ja erschüttert, sogar das Leben einiger genommen. Wie das von Ehrberg, der zu den ersten Opfern auf den Schlachtfeldern zählt.

Vom Leben und Umbrüchen

Bildet dieser Treffpunkt im Haus des Vogelprofessors, wie Alexandrowitsch noch genannt wird, in der Straße Siwzew Wrashek in Moskau einen beständigen Ruhepol, erleben die Protagonisten eine höchst unruhige Zeit, die gefüllt ist mit Gewalt, Armut und Krankheit. In jenen Jahren wächst Tanja zu einer Frau heran, die das Herz von so manchen Mann bricht. Sowohl ihr Freund Wassja als auch der Philosoph Assafjew hegen für die schöne und kluge Frau Gefühle. Nur sie selbst will und kann sich nicht für einen entscheiden. Es ist das Leben, von dem Ossorgin schreibt, es sind aber auch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, die das Leben der Menschen, aus welcher Schicht sie auch stammen, für immer verändern.

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Michail Ossorgin

Aus der angesehenen Familie des Ornithologen werden zwei bedürftige Menschen, die ihren Besitz – darunter die kostbare Bibliothek des Wissenschaftlers – verscherbeln, um in Zeiten des Mangels dafür die nötigen Lebensmittel zu erhalten. Tanja spielt Klavier in Arbeiterclubs, um als Lohn Waren des täglichen Bedarfs zu erhalten. Vor allem die Intellektuellen und die bürgerliche Schicht haben unter den Maßnahmen der Revolutionäre zu leiden. Dem Komponisten wird das geliebte Klavier genommen, der einstige Offizier und nunmehr Kriegsveteran Stolnikow, der ohne Arme und Beine von der Front zurückgekehrt ist, wird von den Bolschewiki drangsaliert und gedemütigt.  Es ist herzzerreißend zu lesen, wie sein treuer Freund und Helfer Grigori die als Sarg dienende Kiste mit dem Leichnam Stolnikows mit Hilfe einer Handkarre zum Friedhof schleppt.

„Im Strom des Lebens wurden die Menschen, die von eilig zusammengezimmerten Flößen heruntergespült worden waren, hin und her geworfen. Mit dem gewohnten Brausen floss der Strom der Zeit dahin.“

Es gibt viele Szenen, die sich unweigerlich in den Kopf des Lesers einbrennen. Dabei wirkt der Erzähler, eine allwissende Instanz mit Weitblick, nicht als ein Klagender. Er schildert bildhaft, ohne zu werten. Vielmehr spiegeln die Erlebnisse und Gedanken der Figuren die Geschehnisse wider – die furchtbaren und tragischen, aber auch die stillen Momente, in denen vor allem Tiere eine Rolle spielen. Wie die Maus im Haus, die Schwalben, die jedes Jahr vom Frühling künden. Es scheint im Weltenlauf als einzige Konstante nur die Natur zu geben. Das Geschehen wird indes nicht als stringente Handlung, als roter Faden erzählt. Der Roman besteht aus zahlreichen Szenen, die nur wenige Seiten umfassen, zusammengefasst jedoch ein vielschichtiges Panorama bilden. Sie führen an verschiedene Schauplätze, sogar in das gefürchtete Moskauer Gefängnis Lubjanka, und berichten von unterschiedlichen Protagonisten, die im Laufe des Geschehens verschiedene politische Positionen beziehen. Es gibt die Leidtragenden und Opfer, aber auch die nunmehr Herrschenden, die die Lage seelen- und gewissenlos ausnutzen, um Macht und Einfluss zu erringen.  Keiner bleibt unberührt von den unsicheren Verhältnissen. 

Eine Straße in Moskau“ ist ein meisterhaftes weil sprachlich herausragendes, menschliches und weises Gesellschaftsporträt jener grausamen und unheilvollen Jahre, die später zu weiteren Katastrophen führten. Ossorgin erlebte in Frankreich den Zweiten Weltkrieg und die Ära des Stalinismus. Sein Roman konnte in seiner Heimat erst nach der Perestroika 1990 erscheinen. Dass er nun auch in einer deutschen Ausgabe, herausragend von Ursula Keller  übersetzt, erschienen ist, ist ein großes Geschenk, das man für die kommende Zeit festhalten sollte, so dass es nicht wieder vergessen und verfemt wird. Ursula Keller war für ihre Arbeit 2016 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Sie zeichnete zudem verantwortlich für die Übertragung von Ossorgins Doppelroman „Zeugen der Zeit“, ebenfalls in der Reihe „Die Andere Bibliothek erschienen.  Das Staatsschauspiel Dresden bringt aktuell mit einer Inszenierung „Eine Straße in Moskau“ auf die Bühne.     


Michail Ossorgin: „Eine Straße in Moskau“, erschienen in Die andere Bibliothek, aus dem Russischen übersetzt und mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Ursula Keller unter Mitarbeit von Natalja Sharandak; 528 Seiten, 24 Euro

Bild von Сергей Дунаев auf Pixabay

 

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