Johanna Holmström – „Die Frauen von Själö“

„Erzähl mir … von der Welt da draußen.“ 

In einer kalten dunklen Oktobernacht rudert Kristina Andersson von der schweren Arbeit auf einem Gehöft nach Hause. Im Boot: ihre Tochter und ihr Sohn. Wie in Trance wirft die Mutter ihre beiden Kinder in das Wasser. Wenig später werden die kleinen Körper tot geborgen. Nach einem schweren Fieber und ihrer Genesung wird die junge Frau in die Nervenheilanstalt auf der Insel Själö inmitten eines Schärengartens an der finnischen Küste gebracht. Man schreibt das Jahr 1891, und diese Anstalt hat es wirklich gegeben. In ihrem Roman „Die Frauen von Själö“ erzählt die finnlandschwedische Autorin Johanna Holmström vom Leiden der Frauen auf dem von der Außenwelt nahezu abgeschnittenen Eiland – aber auch von Momenten der Freude und Menschlichkeit.

Weggesperrt

Holmström stieß bei Recherchen im Provinzarchiv der Stadt Åbo, im Finnischen Turku genannt, auf das Krankenhaus und das Schicksal einer Frau. Zudem bildet eine Doktorarbeit die Grundlage ihres Schreibens. Die Insel im Schärengarten war vor der Eröffnung der Nervenheilanstalt ein Ort, an dem Aussätzige behandelt wurden. Dieser düstere Hintergrund schwingt immer mit, sind die Frauen nicht minder fern ihrer Familien, hinter dicken Steinmauern weggesperrt und drastischen und unmenschlichen Behandlungsmethoden ausgesetzt, weil sie an psychischen Erkrankungen leiden, kriminell oder den Ansprüchen der damaligen Zeit nicht entsprechen. Viele von ihnen werden Själö nie mehr verlassen. Mehr als 40 Jahre, nachdem Kristina auf die Insel gekommen war, wird Elli in Handschellen mit der Fähre auf das Eiland gebracht – nach verschiedenen kleinen Delikten, Flucht an der Seite ihres Geliebten und zwei Jahren Zuchthaus, die ihr den „Lebenshunger“ genommen haben. Dies sind die beiden Frauen nebst der Pflegerin und späteren Oberschwester Sigrid, die im Mittelpunkt der Handlung stehen. Kristina, Elli und Sigrid – so heißen denn auch die drei großen Teile, aus denen der Roman besteht, der einen weiten Spannungsbogen von rund 100 Jahren umfasst.

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In Rückblicken und Erinnerungen werden die dramatischen wie traumatischen Erlebnisse und Erfahrungen und damit der persönliche Hintergrund und die Vergangenheit der beiden Insassinnen erzählt. Auch andere Frauen rücken teilweise in den Fokus, vor allem dann, wenn es um die engen Bindungen und Beziehungen zwischen den Frauen geht. Denn Freundschaften, ja eine Liebe entsteht mit den Jahren. Elli, Karin und Martha bilden da ein besonderes Dreigespann. Es sind kleine Lichtpunkte und Momente der Freude inmitten einer eher düsteren Szenerie, die den Leser genauso berühren wie die Schicksale und das Leiden der Frauen. Männer sind in der Minderheit, obwohl sie hauptsächlich über das Leben der Frauen entscheiden. Die Ärzte lassen sich nur in Abständen in der Anstalt sehen. Einzig und allein Pfarrer Björkestam, der Geistliche, der Kristina vor dem Zuchthaus bewahrt, entscheidet sich, mit seiner Familie auf der Insel zu leben und in die Nähe zu Kristina zu ziehen – mit drastischen Konsequenzen.

„Und die Dunkelheit, ja. Das spärliche Licht, das durch die fest geschlossenen Lider des Himmels sickert, wird von dem selben zähen Nebel behindert, der sich schon vor geraumer Zeit in ihre Körper gelegt hat und ihre Mimik, ihre Bewegung und Sprache langsamer aussehen lässt.“

So erzählt das Buch auch von der Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen und einer Zeit, als die Psychiatrie mit unmenschlichen Methoden wie Isolierung, Fesseln, Zwangssterilisation und stundenlange Bäder auf die psychischen Erkrankungen reagiert hat. Der Tod ist ein stetiger Begleiter. Einige sterben an Krankheit, einige bei der Flucht, manch eine verweigert das Essen. Eine individuelle Behandlung gibt es nicht, die öffentliche Aufklärung und Sensibilisierung über psychische Leiden und deren Folgen wird erst Jahrzehnte später einsetzen und ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Die Figur der Sigrid, die ebenfalls einen Schicksalsschlag und dramatischen Verlust während des Krieges erleidet, erscheint wie eine Vorbotin des Kommenden. Aufopferungsvoll pflegt sie die Patientinnen und sorgt für ihr Wohl und für Sauberkeit. Als sie gestorben ist, zählen auch zwei Frauen von Själö zu den Gästen der Beerdigung. „Für immer in unserem Herzen. Für immer dankbar“, haben sie auf einen Zettel geschrieben, der an einem Strauß befestigt ist. 

Seelenleben ausgeleuchtet

Holmström, die der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland angehört, für Erzählungen geehrt und mit ihrem Roman „Asphaltengel“ bekannt wurde, weiß, wie sie das düstere Geschehen und das Schicksal der Figuren nah an den Leser heranführt. Ihre Szenen sind eindrücklich und bildhaft. Großartig, wie sie das Seelenleben der verschiedenen Frauen ausleuchtet, wie sie sowohl das Leiden und die Nähe zum Tod als auch die raren Momente der Freude beschreibt. Denn oftmals wird in den Dialogen der Patientinnen allzu deutlich, dass die Insel mittlerweile für einige zu einem vertrauten Ort geworden ist, eine gewisse Angst vor der Rückkehr nach Hause und damit in das normale Leben besteht, da sie meist von ihrer eigenen Familie vergessen worden sind. „Die Frauen von Själö“ ist ein vielschichtiger, berührender und erzählerisch sehr eindrucksvoller Roman, der an das einstige Schicksal der Frauen in der Anstalt erinnert und zudem der Kraft und der Menschlichkeit ein Denkmal setzt.

Weitere Besprechungen auf den Blogs: „Buch-Haltung“ und „literaturleuchtet“.


Johanna Holmström: „Die Frauen von Själö“, erschienen im Ullstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn; 368 Seiten, 22 Euro

Bild von Iva Balk auf Pixabay

 

2 Gedanken zu „Johanna Holmström – „Die Frauen von Själö““

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