Jan Němec – „Die Geschichte des Lichts“

„Werden Sie gute Hirten des Lichts.“

Wie in anderen Kunstbereichen geraten mittlerweile auch in der Fotografie große Künstler in Vergessenheit. Einst, meist zu Lebzeiten bekannt, sind ihre Namen kaum mehr einer breiten Öffentlichkeit bewusst. František Drtikol (1883 – 1961) zählt zu den bedeutendsten tschechischen Fotografen. Seine Werke wurden in namhaften Ausstellungen weltweit präsentiert. In seinem Prager Atelier gaben sich die Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Klinke in die Hand. Heute kennen  wohl nur die wenigsten ihn und seine Aufnahmen. Doch mit dem wundervollen Roman des tschechischen Autors Jan Němec lernt man Drtikol, sein Wesen und die Zeit, in der er lebte, kennen.

Für Studium von Böhmen nach München

Das 19. Jahrhundert liegt in den letzten Zügen. Der junge František ist neun Jahre alt, als in seinem Heimatort, dem böhmischen Bergbaustädtchen Příbram, ein furchtbares Unglück geschieht. In der Silbermine bricht ein verheerendes Feuer aus, mehrere Hundert Männer verlieren ihr Leben. In jenen Tagen prophezeit ein Unbekannter dem Jungen eine besondere Zukunft: Seine Bilder werden einst in großen Ausstellungen zu sehen sein. Und warum auch nicht: Schon als Kind ist František ein begeisterter Zeichner und Maler mit einem geschulten Auge für Szenen und Personen und träumt von der Kunstakademie. Da seine Noten jedoch zu schlecht sind, um das Gymnasium zu besuchen, schickt ihn sein Vater notgedrungen in die Fotografen-Lehre. Dort wird er eher als Helfer missbraucht. Die Kamera seines Mentors bekommt er kaum in die Hand, stattdessen fertigt er im Labor die Kopien an. Seiner Begabung und Leidenschaft für die Fotografie, das Spiel mit dem Licht, wird erst das spätere Studium an der Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie in München gerecht, wo er der Bestes seines Jahrgangs wird; in einer Zeit, als im Gegensatz zur Gewerbe-Fotografie die Kunst-Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte. Während sein erstes Atelier in seiner Heimatstadt kaum genug Geld einbringt, beginnt sein Ruhm mit einem zweiten Atelier in Prag, das sich nach der Jahrhundertwende wandelt wie nie.

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Němec, der für sein Buch aufwendig recherchiert hat, zeichnet den Lebensweg Drtikols stets in der jeweiligen Zeit, mit all ihren Erscheinungen, Veränderungen und Umbrüchen, nach. In München ist es die Schwabinger Boheme, die für Schlagzeilen sorgt. Das Schicksalsjahr 1914 zieht auch ihn in den furchtbaren Krieg, in dem einige Weggenossen Drtikols ihr noch junges Leben verlieren. Der Versailler Friedensvertrag setzt der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn ein Ende, die Tschechoslowakei entsteht. Die Inflation und Weltwirtschaftskrise führen auch den berühmten und mittlerweile wohlsituierten Fotografen in den Bankrott, der Ende der 30er-Jahre die Fotografie aufgibt, um sich fortan der Malerei sowie der Mystik und Meditation widmet. Seinen umfangreichen Nachlass, der schätzungsweise rund 55.000 Fotografien und in dem in dem vor allem Porträts und Aktaufnahmen einen besonderen Rang einnehmen, vermacht er dem Kunstgewerbemuseums Prag, das mehr als ein halbes Jahrhundert später dem bedeutenden Lichtkünstler eine Retrospektive widmen wird. Auch die interessante Entwicklung der Fotografie, die während Drtikols Lehre und Studium noch schwere Kameras und umfangreiches chemisches Labor-Material voraussetzt, spielt eine wichtige Rolle.

Unglückliche Ehe mit Tänzerin

Dem Autor gelingt es, das besondere Wesen des Fotografen zu beschreiben, der stets einen hohen Anspruch an sich stellt, meist seinen Gedanken nachzugehen scheint und gerade vom frühen Tod seiner älteren Schwester und dem Ableben des Vaters – zwei ungemein berühende Szenen – seelisch getroffen wird. Wenig Glück hat er auch mit Frauen: Sein erste Liebe in der Jugend verliert er aus den Augen und seine zweite wendet sich trotz langer und leidenschaftlicher Briefe aus dem Krieg schließlich von ihm ab. Die dritte Liebe zur Tänzerin Ervína Kupferová führt zu einem gemeinsamen Kind und zur Ehe, die jedoch nach wenigen Jahren geschieden wird. Beide Künstler scheinen nicht für ein Leben miteinander geschaffen zu sein.

 „Wir hoffen auf Verewigung, und dabei sind wir längst vergessen. Wenn es darauf ankommt, reicht auch das Zusammenwirken von Licht und Silber nicht aus.“

Sprachlich und stilistisch schlägt Němec meisterhaft den Bogen zum Thema des Romans, zur Fotografie und der notwendigen Begabung eines jeden Fotografen, einen konzentrierten Blick für Details, Szenen, Perspektiven und Strukturen zu haben. „Die Geschichte des Lichts“ ist ein sinnliches Buch der Bilder, das einen ungeheuren Sog entwickelt und den Leser in die Lebenserzählung und die Gedankenwelt Drtikols zieht. Zu Beginn braucht es allerdings eine Weile, um mit der ungewöhnlichen und in der Literatur sehr seltenen Du-Perspektive vertraut zu werden, die eigentlich eine an sich selbst gerichtete Ich-Perspektive ist.

Literaturpreis der EU

Es ist erstaunlich, dass dieses großartige Werk erst Němecs  Romandebüt ist. Der Titel „Buch des Jahres in Tschechien“ und der Literaturpreis der Europäischen Union, den der 1981 geborene Autor 2014 dafür erhielt, beweisen die Klasse des Romans, der für mich schon jetzt eine Entdeckung des Jahres ist und dem ich viele Leser wünsche – nicht nur an der Fotografie Interessierte. „Die Geschichte des Lichts“ ist ein meisterhaftes Buch für all jene, die Lebensgeschichten und vor allem Lebensgeschichten besonderer Menschen schätzen. Was wohl künftig aus der Feder des Tschechen kommt… man sollte darauf sehr gespannt sein!    


Jan Němec: „Die Geschichte des Lichts“, erschienen im Osburg Verlag, in der Übersetzung aus dem Tschechischen von Martin Mutschler; 465 Seiten, 22 Euro

Bild von Free-Photos auf Pixabay

3 Gedanken zu „Jan Němec – „Die Geschichte des Lichts““

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