Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“

„Und wer waren wir geworden? Erinnerten wir uns überhaupt noch an uns selbst? Und wenn ja, wie lange noch?“ 

Schon als ich die norwegische Originalausgabe während einer der früheren Frankfurter Buchmessen in der Hand gehalten habe, war da dieses Gefühl, ein besonderes Buch vor sich zu haben. Dieser Name, dieses Gewicht, dieser Umfang… Sechs Jahre hat der Norweger Johan Harstad an seinem bereits 2015 in seinem Heimatland erschienenen Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ geschrieben. Im Frühjahr, ein halbes Jahr vor der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland, kam der literarische Backstein mit einem Umfang von mehr als 1200 Seiten nun in deutscher Übersetzung heraus. Dass ich diesen Roman erst jetzt gelesen habe, hat einen Grund: Ich schiebe gern die Lektüre besonderer Bücher eine Weile vor mich her, um die Vorfreude so lange wie möglich auszukosten. Dieses Meisterwerk, das viele Superlative verdient, ist nicht nur eine eindrückliche Lektüre. Harstad hat eine Welt erschaffen, die der Leser nur ungern verlassen will.

Ein Roman mit Suchtpotenzial

Für alle, die das opulente Werk noch lesen wollen, gibt es an dieser Stelle Tipps: Dieses Buch werden Sie stets bei sich führen müssen, denn es hat Suchtpotenzial, man will es ständig bei sich haben, um in jeder freien Minute darin zu lesen; also Rucksack oder Stoffbeutel bereithalten, denn in eine übliche Tasche, ob für Frau oder Mann, passt der dicke Wälzer nur schwer. Außerdem sind ein Bleistift, bunte Klebezettel und ein Notizbuch oder wie im meinem Falle Karteikarten recht nützlich, um sich Lieblingszitate und -gedanken zu markieren und zu notieren. Mein Exemplar ist mit zahlreichen Post-its und Anstreichungen versehen. Und ich glaube, dass die Geschichte über den Norweger und späteren New Yorker Max Hansen, seine Freundschaft zu Mordecai und die Liebe zu der erfolgreichen kanadischen Künstlerin Mischa Grey immer wieder neu gelesen werden kann, um wieder neue besondere Passagen zu entdecken.

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Harstads Roman hat viele Gesichter und erzählt über viele Themen, die trotz ihrer Diversität perfekt über die Protagonisten und ihr Leben, aber auch den Lauf der Welt in Einklang gebracht werden. Er ist vor allem ein Buch über die Suche nach der Heimat und einem Zuhause, über das Bemühen um eine seelische Verortung. Max verlässt mit seiner Familie 1990 die Heimatstadt Stavanger, als er ein Teenager ist und sich die Stadt durch das Ölvorkommen verändert hat. Vater Svein ist Pilot und reist um die Welt. Für eine sichere Stelle mit einem besseren Gehalt wandert das Familienoberhaupt samt Frau und den beiden Kindern in die USA aus. Die Familie lässt sich in Long Island nieder. Während der Junge regelrecht gegen seinen Willen in ein neues Land, auf einen neuen Kontinent verpflanzt worden ist, zog es Owen, der Onkel von Max, bereits einige Jahre zuvor freiwillig über den großen Teich. An vielen Stellen wird über die Verbindung zwischen Norwegen und den USA berichtet: So beispielsweise über die ersten Einwanderer, die im 19. Jahrhundert in die Neue Welt gingen, über die zwei Fischer, die über den Atlantik gerudert waren, über das norwegische Kupfer der Freiheitsstatue sowie über den gemeinsamen Besuch von Max und Owen im norwegisch-amerikanischen Museum in Vesterheim. Wie ist es, seine Heimat zu verlassen, an einem anderen Ort ein neues Leben aufzubauen, was bedeutet dies für die Entwicklung der Person und das eigene, oft auch zerrissene Wesen sowie die Familie – über diese Fragen schreibt Harstad sehr eindrücklich und berührend.

Das Grauen in Südostasien

Max und sein Onkel sind auch verwoben mit einem zweiten großen Thema: dem Vietnam-Krieg. Während der Junge mit seinen Freunden noch in Stavanger darüber diskutiert, sie Szenen sogar nachspielen und Max sich später mit seinem neuen Freund Mordecai über den Klassiker „Apokalpyse Now“ von Francis Ford Coppola austauscht, erlebte Owen als Soldat, der sich verpflichtet hat, um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, das Grauen direkt vor Ort in der Firebase Bastogne. Der Krieg bleibt für Owen nach der Rückkehr ein Tabu-Thema, bis er auf die Bitte seines Neffen beginnt, über sein Leben und die Erlebnisse zu erzählen. Sein Bericht bildet neben dem umfassenden persönlichen Rückblick und Mammut-Monolog von Max als Ich-Erzähler einen wichtigen Part im Buch. Owen gibt später dem Dreiergespann Max, Mischa und auch Mordecai in seiner riesigen Wohnung in dem ehrwürdigen Apthorp-Gebäude in Manhattan ein wirkliches Zuhause. Denn zu seinem Vater hat Max nach der Scheidung der Eltern, die einst als Kommunisten aktiv waren und den Vietnam-Krieg sowie die USA verabscheut haben, nur noch sporadisch Kontakt. Die Mutter hat sich in ein meist stilles und einsames Leben zurückgezogen.  Die Spuren zur Schwester Ulrikke, die für ein Studium nach Deutschland gegangen ist, verlieren sich früh.

„Erst später begreifst du, was passiert ist, dass die Haut, die dich umgeben hat, für immer fort ist, du bist ein anderer geworden, den noch niemand kennt, und du kannst nie mehr zu der Person werden, die du warst.“

In Max und Owen spiegelt sich auch das dritte Thema wider: die Kunst und die Mühen zu ihrer Erschaffung und die Quellen der Inspiration. Owen verdient sich sein Geld als Musiker und Komponist, Max wird sich zu einem Regisseur entwickeln, während sein bester Freund Mordecai als Schauspieler auf der Bühne und vor der Filmkamera mal mehr oder weniger erfolgreich wirkt. Das Duo wird durch die Schauspielgruppe um den charismatischen Mentor Samuel Wohlman an der High-School maßgeblich geprägt und gefördert. Mischa, sieben Jahre älter als Max und für ihn nahezu die Liebe auf den ersten Blick, macht sich schon einen Namen als Künstlerin, als er noch zur Schule geht. Mit ihren Werken, vor allem modernen Serien zu Erscheinungen des Alltags oder aktuellen Ereignissen, feiert sie Erfolge im In- und Ausland. Ihre Arbeiten werden mit der Zeit hoch gehandelt. Eine Ausstellung widmet sie unter anderem dem Anschlag am 11. September 2001. Ein Tag, der die Welt aus den Fugen gerissen und für immer verändert hat. Wie Harstad dieses Thema, das künstlerische Wirken seiner Protagonisten und deren Anspruch an das eigene ambitionierte Schaffen, ausbreitet, ist grandios. Das Schaffen von Max und Mischa findet sich schließlich in der eindrucksvollen Gestaltung des Buches wieder.

Neben den Hauptpersonen bereitet Harstad indes auch charismatischen und liebenswürdigen Figuren in Nebenrollen die Bühne. Dazu zählen neben dem Mentor Wohlman auch der indisch-stämmige Apthorp-Portier Andy oder Owens New Yorker Klavierlehrer.

„Es gibt keine Helden; es gibt nur Leute, die sich abmühen, Leute, die versuchen, ihr Bestes zu tun.“

Harstad, 1979 in Stavanger geboren, ist für sein Schaffen bereits mit mehreren renommierten Preisen seines Landes geehrt worden, unter anderem mit dem Brage-Prisen und dem Aschehoug-Prisen, der Würdigung des großen norwegischen Verlages Aschehoug. In Deutschland kennen ihn bisher wohl nur wenige durch sein Romandebüt „Buzz Aldrin, wo warst du in all dem Durcheinander“ (Piper, 2006).  Mit seinem neuesten Werk setzt der Norweger indes Maßstäbe – sowohl mit Blick auf den vielschichtigen und fein verwobenen Inhalt sowie die reiche Sprache als auch die Möglichkeiten des Erzählens, Fiktion und reale Begebenheiten verschmelzen zu lassen und das Leben und Schaffen der Protagonisten mit Dichte und Tiefe auszugestalten. Nicht unerwähnt soll dabei auch das eindrucksvolle Wirken der Übersetzerin Ursel Allenstein sein, die anderthalb Jahre an der Übertragung gearbeitet hat.

Anspruchsvoll, aber nicht anstrengend

„Max, Mischa & die Tet-Offensive“ ist nicht nur ein großartiges Meisterwerk, sondern schlichtweg ein unvergessliches Buch über Liebe und Freundschaft, Heimat und Zuhause sowie erfüllte wie unerfüllte Lebensträume. Der Roman enthält sowohl Dramatik und herzzerreißende Tragödien als auch stille Szenen. Es darf geschmunzelt, aber auch geweint werden. Neben einem feinsinnigen Humor zieht sich eine sehr warme, menschliche und tiefsinnige Melancholie durch das Buch. Obwohl inhaltlich sehr anspruchsvoll, bereitet es keine anstrengende Lektüre. Vielmehr gleitet der Leser durch die Erinnerungen und Erlebnisse, durch das wechselvolle Leben der Protagonisten und ihre Zeit, da der Leser sich als ein stiller Beobachter oder mehr noch als Zuhörer von Max, wenn er im Rückblick erzählt. Harstad bringt Leser und Charakter so nah zusammen, dass sie als eine Familie erscheinen. Besser geht es nicht.

Weitere Besprechungen sind unter anderem zu finden auf den Blogs „literaturleuchtet“, „Buzzaldrins“ , „Masuko13“ und „Klappentexterin und Herr Klappentexter“.


Johan Harstad: „Max, Mischa & die Tet-Offensive“, erschienen im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein; 1248 Seiten, 34 Euro

Bild von Igor Ovsyannykov auf Pixabay

 

12 Gedanken zu „Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive““

  1. Ui, liebe Constanze, umschleiche das Buch schon seit seiner Veröffentlichung … dank deiner mitreißenden Besprechung werde ich wohl zugreifen. Meine Bücherstapel werden zusammenbrechen unter dem Wälzer. Überhaupt blockiert die Kronauer gerade alle weiteren Lektüren.
    Wiener Grüße, Senta!

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