Andreas Pflüger „Geblendet“

„Alle Narben an ihrem Körper gehören zu ihr, sie sind das Tagebuch eines Hochgeschwindigkeitslebens.“ 

Jenny Aaron steht an einem Scheideweg. Fünf Jahre sind seit ihrer schweren lebensbedrohlichen Verletzung während eines verheerenden Einsatzes in Barcelona vergangen, fünf Jahre lebte sie seitdem in völliger Dunkelheit, fünf Jahre hat sie ihre Fähigkeiten so trainiert, dass sie weiterhin der Sonderabteilung angehören kann und zu gefährlichen Einsätzen gerufen wird. Nun könnte ihr Leben indes eine entscheidende Wendung erfahren – dank einer neuartigen Therapie in der Klinik von Professor Thomas Reimer in Binz auf der Insel Rügen. Doch ein neuer Fall ruft, steht für Aaron eine wichtige Entscheidung an. Denn die Einheit um ihre Chefin Inan Demirci und ihren charismatischen Kopf Ulf Pavlik ist dem korrupten Senator Svoboda auf den Fersen. Im neuen Roman von Andreas Pflüger muss sich die taffe Heldin trotz der gefährlichen Ermittlungen vor allem mit sich selbst auseinandersetzen.

Eine Kontrahentin auf Augenhöhe

Was allerdings keineswegs bedeutet, dass der Thriller zu kopflastig wird. Ganz im Gegenteil. Auch der nunmehr dritte Band bietet ein überaus rasantes und dramatisches Geschehen mit einer Vielzahl überraschender Wendungen – und leider auch zahlreichen Opfern. Schon auf den ersten Seiten gibt es die ersten Toten. Irgendwann hört man auf zu zählen. Der Leser sollte für dieses Ausmaß der Gewalt abgehärtet und gewappnet sein. Die Zahl wächst mit einem Schlag an, als auf den Berliner Sitz der Sonderabteilung ein Bombenattentat verübt wird. Zeitgleich wird Svoboda tot in seinem Haus aufgefunden, kann kurz zuvor Aaron einem Anschlag auf Leib und Leben nur mit Mühe entkommen. Ihr Gegner ist eine Gegnerin: eine Frau, die ähnliche Fähigkeiten wie die Ermittlerin besitzt und eine große Herausforderung für Aaron und das Team darstellt. Im Lauf des Geschehens werden mehrere Parallelen und Verbindungen zwischen Aaron und jener weiblichen Kampfmaschine sichtbar, die Malin genannt wird. Drahtzieher dieser Gewaltspirale ist Mason, ein Amerikaner mit Macht und Einfluss, auf den Aaron bereits während ihres Aufenthaltes im „Kloster“ des Budō-Meisters Kisho in den Blue Ridge Mountains in Virginia getroffen war. 

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Die Therapie und die überraschende Begegnung mit einer gleichstarken Kontrahentin bringen Aaron dazu, sich mit ihren Wesen, vor allem mit ihrer Vergangenheit und ihrer komplexen Beziehung zu ihrem Vater, intensiv auseinanderzusetzen. Ein überaus schmerzlicher Prozess, der sie teils an die Grenze ihrer körperlichen und mentalen Fähigkeiten bringt und ihre inneren Verletzungen offen legt. Dabei ist kein Mitglied der Abteilung frei von äußeren wie seelischen Wunden und Narben. Jeder hat im Laufe der Zeit und durch die gefährlichen Einsätze der Vergangenheit mehrmals leiden müssen, manch einer hat darüber hinaus ein privates Schicksal erlebt. Doch jeder ist Teil dieser eingeschworenen und familiären Truppe, die zwar nicht frei von Konflikten und Diskussionen ist, die Demirci jedoch unbedingt vor den Machtspielchen und Plänen auf höchster politischer Ebene wie eine Löwenmutter beschützen und bewahren will. Vor allem dann, als nach dem Bombenanschlag die Mannschaft auf nur sieben Mitglieder, die sogenannten „sieben Samurai“, reduziert wird. Neben der dunklen Gewalt zeigt da der Roman als hellen Kontrast eine überaus menschliche sowie berührende Seite, die meist sichtbar wird, wenn eines der Mitglieder sein Leben lässt oder an ein bereits verstorbenes erinnert wird. Durch die rasante Handlung weht immer ein Hauch der Melancholie und Trauer, denn viele Abschiede hat es gegeben und wird es noch geben.

„Durch das dicke Panzerglas hört sie draußen Männer murmeln, einen Windstoß in den Bäumen. Noch immer ist ihre Welt stockfinster. Es beruhigt sie, ist vertraut wie Atmen.“

Mit „Geblendet“ legt Andreas Pflüger nach den beiden vorherigen Teilen „Endgültig“ und „Niemals“ erneut ein Meisterwerk der Thriller-Kunst vor, das einen Zeit und Raum vergessen lässt. Atemlose Spannung trifft auf in zweifachem Sinne schlagfertige Figuren, die in den Dialogen derben, kessen wie wortgewandten Humor beweisen, sowie eine poetische Sprache, die sich in den sinnlichen Beschreibungen von Szenerien zeigt und die man wohl nur selten in dieser komplexen Form in diesem Genre finden wird. Der Roman enthält literarische Verweise sowie Anspielungen, so beispielsweise auf Victor Hugos Klassiker „Der Glöckner von Notre-Dame“ und Tolkiens Mammutwerk „Der Herr der Ringe“, und vereint auf vielschichtige Art und Weise verschiedene Themen, die von den außergewöhnlichen Fähigkeiten blinder Menschen in ihrer Sinneswahrnehmung bis hin zur japanischen Kampfkunst reichen. Das Buch gibt dabei interessante Einblicke in die philosophische Gedankenwelt sowie die verschiedenen Möglichkeiten mit dem Wissen um die Physiologie des Menschen mit gezielten Schlägen oder Berührungen den Gegner auszuschalten oder mit der Kraft des Geistes und des Willens extreme Schmerzen auszuhalten. Zudem erfährt der Leser viel über die hochspezialisierte Arbeit von Sondereinheiten und die brisante Thematik der grenzüberschreitenden Verknüpfung zwischen Politik und Kriminalität, die in einem ein durchaus mulmiges Gefühl hervorrufen kann. Am Ende des Buches verweist Pflüger auf die umfassende Unterstützung, die er von vielen Seiten und Personen bei der Arbeit an seinem Werk erfahren hat. 

Kopfkino und Kopfarbeit

10 Gründe, warum das neue Buch der Reihe so überaus lesenswert ist:

Eine Ermittlerin wie Jenny Aaron gibt es nur einmal. Sie ist ein Unikum und ragt aus der Riege der Ermittler heraus.

Zu ihrer Einheit zählen Männer, die auch weinen können.

Der Band bietet sowohl Kopfkino als auch Kopfarbeit,

ist ein Hingucker da sehr schön gestaltet (nur das Lesebändchen fehlt!),

hat ein Ende, das eine Tür öffnet für einen nächsten, hoffentlich vierten Teil,

und sensibilisiert für blinde Menschen und ihre besonderen Fähigkeiten.

Die Handlung führt auf eine ungewöhnliche Tour von Rügen und Berlin über Cottbus, Paris und Virginia bis nach Barcelona

und beweist, dass große Tragödien auch ein kleines, indes gefühlvolles Happy End haben können.

Das Buch lässt knallharte Thriller-Leser zum Taschentuch greifen

und erzeugt einen unbändigen Appetit auf eine Kaffeerunde mit Helmchens Nussecken.


Andreas Pflüger: „Geblendet“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 508 Seiten, 22 Euro

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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