Norwegen, Frankfurt og Signe – ein etwas anderer Blick auf die Buchmesse

Wenn ich über Norwegen und die diesjährige Frankfurter Buchmesse schreibe, komme ich nicht herum, über die Fotos zu erzählen, die in meiner Wohnung an einer Wand hängen und vor denen ich oft stehe, um die Gesichter der Personen zu betrachten. Es sind Bilder in unterschiedlicher Größe und mit verschiedenen Rahmen, aber stets in Schwarz-Weiß. Einige zeigen Signe. Eine Frau, über die ich mehr und mehr nachdenke, deren Leben ein Teil von mir geworden ist, wie auch ihr Heimatland ein Teil von mir ist.

Meine Großmutter Signe

Ich habe sehr lange überlegt, ob ich davon berichten sollte. Allzu persönlich wäre ein solcher Beitrag, allzu viele Lücken hätte dieser, weil ich vieles über sie nicht weiß. Denn Signe habe ich nicht gekannt, sie lebt aber in den Erinnerungen meiner Familie weiter. Signe ist meine Großmutter. Geboren auf der nordnorwegischen Insel Senja, starb sie in der DDR, wenige Jahre vor meiner Geburt. An der Seite eines deutschen Soldaten, meinem Großvater, verließ sie ihre Heimat, die sie in den folgenden Jahren nie mehr wieder sehen sollte. Denn sie bekam die notwendige Ausreisegenehmigung nicht. Ihr größter Wunsch blieb unerfüllt, durch das Unrecht des Staates. Eine Tragödie von vielen in meiner Familie. Es ist bekannt, dass norwegische Frauen, die eine Beziehung zu den deutschen Besatzern aufnahmen, verfemt waren. Ein Kapitel norwegischer Geschichte, das seit einigen Jahren aufgearbeitet wird. 2018 entschuldigte sich die norwegische Regierung offiziell für die schlechte Behandlung dieser Frauen. Edvard Hoem hat darüber in seinem Roman „Die Geschichte von Mutter und Vater“ geschrieben.

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Zu meinen Kindheitserinnerungen zählt der Besuch des Friedhofs in einem kleinen sächsischen Ort nahe der Elbe, auf dem meine Großmutter und mein Großvater ihre letzte Ruhe fanden. Auf dem Grabstein stand eine Inschrift in mir damals noch unbekannter Sprache, die ich hoffe nun richtig aus einem Nebel der Erinnerung aufzuschreiben: Vi aldri glømme deg! Wir werden Dich niemals vergessen. Diese Wörter waren damals etwas Fremdes für mich. Wie auch die Geschichte meiner Großmutter in den Jahren der DDR mir nie vollständig erzählt wurde. Es waren immer nur kleine Bruchstücke, die ich erhielt, als ich begann zu fragen. Was macht ein solches teils undeutliches, ja unscharfes Kapitel Familiengeschichte mit den kommenden Generationen?

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In meinen Fall rückte ich Stück für Stück diesem Land näher. Es begann mit einem ersten Besuch kurz nach der Wende, hoch im Norden, wo der andere Teil der Familie lebt. Nach meinem Abitur entschied ich mich, als Au-pair auf der kleinen Insel Runde nahe Ålesund – bekannt für seine reiche Vogelwelt – zu arbeiten. Zuvor hatte ich in der Tageszeitung eine Stellenanzeige gelesen. Ich bewarb mich – heimlich, ohne das Wissen meiner Eltern. Diese zehn Monate waren eine sehr prägende Zeiten für mich. Ich lernte die Sprache meiner Großmutter, die Mentalität, das Essen (allen voran Brunost, der braune Ziegenkäse), das Wetter kennen, diese besondere Nähe zwischen Land und Meer, die man nur auf Inseln erfährt, schätzen und lieben. Meine Magisterarbeit im Fach Germanistik schrieb ich über Knut Hamsun, den bekanntesten und zugleich umstrittensten Schriftsteller, der 1917 den Literaturnobelpreis erhielt.  Es folgten weitere Reisen, zuletzt mit der Hurtigruten entlang der Küste von Bergen nach Kirkenes und zurück – im Winter. Einmal das Nordlicht zu sehen, ein unvergessliche Erfahrung, die in den Körper und die Seele geht. Und jedes  Jahr muss ich mich entscheiden – reise ich in die andere Welt hinaus oder besuche ich meine Seelenheimat. Und jedes Mal, wenn ich sie wieder verlasse, trifft mich eine Wehmut und Traurigkeit, fühle ich mich innerlich zerrissen.

Grenzenloser heller Raum

Ganz ähnlich ist es mir ergangen, als ich nach drei Tagen auf der Frankfurter Buchmesse zum letzten Mal den Norwegen-Pavillon betrat und schließlich verließ. Dabei habe ich mir den Raum für den Auftritt des Gastlandes ganz anders vorgestellt. Mit viel Holz und irgendwie gemütlicher. Vielmehr sah ich einen weiten, hellen, grenzenlosen Raum mit Spiegeln zu beiden Seiten und mehreren Stationen, mit großformatigen Fotografien eines nordischen Waldes des Fotografen Per Berntsen und einer großen Bühne nebst Zuschauerraum, dahinter gab es mehrere lange Bücherborde und ein großes, verfallenes Boot, Wittgenstein’s Boot, eine Installation der Künstlerin Marianne Heske. Wann immer es mir der Terminkalender zwischen Verlagsbesuchen und Bloggertreffen ermöglichte, zog es mich zum Norwegen-Pavillon, in dem ich Gespräche und Lesungen verfolgte. Ich hätte einen riesigen Koffer mit meinen Büchern norwegischer Autoren mitnehmen können, um sie mir signieren zu lassen.

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Viele waren nach Frankfurt genommen, sowohl berühmte Schriftsteller als auch Autoren, die es in Deutschland noch zu entdecken gilt. Ich hörte Jon Fosse, Karl Ove Knausgård, Erik Fosnes Hansen, Roy Jacobsen, Lars Saabye Christensen, Monica Kristensen, Erling Kagge, Lars Mytting, Agnes Ravatn, Hanne Ørstavik, Are Kalvø, Jørn Lier Horst und Bjørn Ousland über ihre Bücher und ihr Schreiben erzählen, Tomas Espedal sah ich beim Mittag auf der Agora, Ketil Bjørnstad am Bücherstand vor dem Pavillon, Johan Harstad im Pavillon und Simon Stranger lief mir ebenfalls über den Weg. Ich freute mich, wenn ich die norwegische Sprache hörte – von den Autoren, wenn sie Passagen ihrer Werke lasen, oder inmitten des Trubels von den Besuchern, die aus Norwegen nach Frankfurt gekommen waren. Ein Blick auf Kronprinzessin Mette-Marit und Kronprinz Haakon blieb mir leider verwehrt, es sei denn, sie saßen in jenen Autos mit getönten Scheiben, die am Mittwoch von einer Polizeieskorte begleitet wurden. Wie das skandinavische Land sich, seine vielfältige Kultur und die reiche Literaturszene vor und während der Buchmesse auf stets professionelle, sympathische und leidenschaftliche Art und Weise präsentiert hat, setzt wohl Maßstäbe für die nächsten Jahre. Neben Norla (Norwegian Literature Abroad) als Organisator des Gastland-Auftritts sollte auch den Übersetzern Respekt gebühren: 2018 und 2019 erschienen mehr als 500 Bücher in deutscher Übertragung. 

Das Hamstern – eine Unsitte?

Und was geschieht nun, nachdem heute am letzten Messetag Norwegen als Gastland den Staffelstab an Kanada weitergegeben hat? Auf mich wartet ein großer Stapel an Romanen norwegischer Autoren, die ich lesen und besprechen möchte. Ich habe die Lektüre dieser Bücher einige Zeit vor mir hergeschoben. Also ob ich das Beste aufheben, ja in gewisser Weise hamstern möchte; dabei hoffe ich sehr, dass auch in den kommenden Jahren die norwegische Literatur hierzulande präsent sein wird und die jetzige Begeisterung für deren Vielfalt anhalten wird. Und ich werde ganz sicher das Land bald wieder besuchen, werde mir Konzerte und Ausstellungen mit norwegischen Musikern Künstlern nicht entgehen lassen und möchte meine Au-Pair-Gasteltern und die mittlerweile erwachsenen Kinder wiedersehen. Womöglich gibt es auch wieder ein Familientreffen – auf Senja in Gibostad. Und wer weiß, vielleicht schließt sich eines Tages der Kreis.

 

25 Gedanken zu „Norwegen, Frankfurt og Signe – ein etwas anderer Blick auf die Buchmesse“

  1. Ein sehr persönlicher Beitrag und ein sehr schöner! Danke dafür!
    Zu den vielen norwegischen Büchern die du sowieso schon lesen möchtest, kann ich dir noch unbedingt „das Eisschloss“ von Tarjei Vesaas empfehlen!

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  2. Ein sehr schöner Rückblick auf eine wichtige und schöne Seite der diesjährigen Buchmesse. Wie sich Leben und Lesen verschränken, ist immer eine spannende Lektüre, erst recht wenn es so einfühlsam geschildert wird wie hier.
    Viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich danke Dir sehr für Deine wunderbaren Worte. Ja, Lesen und Leben verbinden sich bei mir sehr. Es war mir ein Bedürfnis, diese persönlichen Gedanken auch zu veröffentlichen, gleichwohl habe ich darüber sehr intensiv nachgedacht. Viele Grüße

      Gefällt 1 Person

    1. In der Tat, denke ich, dass diese Familiengeschichte in einem Buch niedergeschrieben werden sollte. Allerdings glaube ich im Moment, dass ich nicht der Verfasser sein werde/könnte, aber wer weiß, was die Zeit bringen wird. Viele Grüße und vielen Dank für Deine Zeilen

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  3. Uff, über Deinen schönen Text hinweg habe ich glatt meinen Earl-Grey-Teebeutel in der Tasse vergessen. Der ist jetzt tatsächlich etwas stärker, als ich es gewohnt bin.

    Deine Worte sind nicht nur sehr persönlich, sondern auch berührend. Ankes Frage ist tatsächlich berechtigt, denn da schlummert meines Erachtens wirklich Talent. Und es war – wie du selbst schon schreibst – tatsächlich mal ein ganz anderer Blick auf die Messe. Vielen Dank für diese persönliche Geschichte, die du sicherlich nicht leichtfertig auf „Papier“ gebracht hast.

    Liebe Grüße
    Stefan

    Gefällt 2 Personen

    1. Ui, ich hoffe, dass der Tee nun nicht allzu stark wurde und er Dir eine schlaflose Nacht bereiten wird. Vielen Dank, lieber Stefan, für Deinen ebenfalls sehr schönen Kommentar. Ankes Worte habe ich bereits beantwortet – rund um das Thema Buch. Es wäre schon eine besondere Geschichte, weil hier auch die DDR und ihre Folgen ihr noch eine ganz andere Richtung und Facette geben würde.

      Mir war es wichtig zu schreiben, wie die jüngeren Generationen vom Leben und Schicksal der Älteren betroffen und berührt werden. obwohl es bekanntlich unzählige solcher Familiengeschichten gibt. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man bedenkt, wie viele Leben der Krieg ausgelöscht hat, aber wie viele er erst entstehen ließ. Viele Grüße

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      1. Habe bestens geschlafen, alles gut. ;-)

        Ich habe selbst eine nicht ganz unkomplizierte Geschichte mit der DDR, welche tatsächlich bis heute noch so ihre Auswirkungen hat. Und von der ich damals als kleiner Junge sogar das ein oder andere direkt mitbekommen habe. Das Thema Krieg war zumindest väterlicherseits irgendwie stets mit einem Tabu behaftet – und ich befürchte da auch den Grund für zu ahnen. Leider sind viele Zeitzeugen (so z.B. mein Großvater) nicht mehr ansprechbar und auch das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist (aus anderen Gründen) ist inzwischen ziemlich zerrüttet, so dass meine Recherchen ins Leere laufen. Was wiederum schade ist, denn die Vergangenheit lehrt uns schließlich für die Zukunft. Und gerade in dieser Hinsicht bin sehr wissensbegierig.

        Es ist meines Erachtens unverantwortlich naiv, irgendwo unter irgendetwas einen endgültigen Schlussstrich ziehen zu wollen. Auch wenn es manchmal nur allzu schmerzlich ist, sich mit gewissen Dingen auseinanderzusetzen.

        Viele Grüße zurück
        Stefan

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  4. Liebe Constanze,
    mit deinem Text über das Gastland Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse und vor allem die Verbindung zu deiner eigenen Biografie wird nun auch ganz deutlich, woher dein besonderers Interesse für die norwegische – oder etwas allgemeiner: skandinavische – Literatur stammt. Und ganz besonders beeindruckend war für mich dein Satz in einem Kommentar, in dem du den Toten der Kriege auch die entgegenstellst, denen durch den Krieg gerade erst das Leben ermöglicht wurde. Mit allen Schwierigkeiten, die sich dadurch für die Großeltern, besonders sicherlich für die Großmutter, ergeben haben. Vielen Dank also für deinen berührenden Text!
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, ich danke Dir sehr für Deine Zeilen. Ja, mein Interesse für Norwegen, die Kunst und Kultur des Landes, entstammt daraus. Da hast Du völlig recht. Wie große Ereignisse der späteren Geschichte das Leben der Menschen verändert, ist ein Thema, das mich immer stark beschäftigt und das ja von der Literatur oft aufgegriffen wird. Viele Grüße und Dir eine gute Woche

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  5. Was für ein schöner Text. Ich könnte mir das als Buch ebenfalls sehr sehr gut vorstellen und natürlich mit Dir als Autorin – würde ich sofort und gerne lesen wollen.
    Meine Oma hat mir von Heringsfässern erzählt, die ihr Schwager von seiner Liebsten aus Norwegen geschickt bekommen hat und von kleinen Norwegerpullovern für seine Kinder. Sie wusste, dass er verheiratet war und wieder zurück muss, hat ihm aber noch lange geschrieben und für die Kinder Geschenke geschickt.
    Meine Oma war immer total beeindruckt von dieser großzügigen und großherzigen Frau aus Trondheim.

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  6. Hey, ganz feiner Text von dir. Danke für “ dein“ Norwegen und auch für deine Eindrücke von der Buchmesse. Ich war ja ganz begeistert von Johan Harstad „MAX und MISCHA und die TET Offensive“. „Das Eisschloss“ von Tarjei Vesaas hat mich bis gerade eben total begeistert. Auch das Nachwort von Doris Lessing zu dem Buch. Hach…..ich war noch nie in Norwegen, aber habe seit Knausgaard und Espedal und Fosse eine Riesensehnsucht :) Liebe Grüße von Stefanie aus dem Auetal

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Stefanie. Harstads Roman ist wirklich ein Meisterwerk, habe ihn hier auch besprochen. Vesaas muss ich noch lesen. Jaaaa, reise nach Norwegen. Ich kann es Dir nur von ganzem Herzen empfehlen. Viele Grüße

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