Colson Whitehead – „Die Nickel Boys“

„Fast alle, die die Geschichte der Ringe in den Bäumen kennen, sind inzwischen tot.“ 

Für die tragischsten und schmerzlichsten Geschichten in der Literatur braucht es keine Fantasie. Die erschütterndsten Ereignisse und Schicksale sind in ausreichender Menge im wahren Leben zu finden. Nach seinem preisgekrönten Roman „Underground Railroad“ über das geheime Fluchtnetzwerk für Sklaven, das von 1782 bis 1862 bestanden hatte, hat Colson Whitehead mit „Die Nickel Boys“ erneut ein Buch geschrieben, das auf wahren Begebenheiten beruht und über die Folgen von Rassismus und Rassentrennung erzählt.

Ein schmerzvolles Buch

Es sind Geschehnisse, die bereits einige Jahrzehnte zurückliegen. Doch ein täglicher Blick in die Medien zeigt, dass die Spaltung zwischen Weiß und Schwarz, die Ungerechtigkeit und physische wie psychische Gewalt gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung in der US-amerikanischen Gesellschaft noch immer verwurzelt und noch längst nicht Vergangenheit sind – vor allem auch wegen einstiger Ereignisse und daraus entstandener Erinnerungen. Obwohl der harmlos erscheinende und unaufgeregte Titel von Whiteheads neuen Roman womöglich an eine Boy-Band oder eine Gruppe Jungen erinnert, die auf der Straße oder im Hinterhof Baseball oder Basketball spielt, ist es weder ein unterhaltsames noch ein erheiterndes Buch. Vielmehr ist das recht schmale Werk mit seinen etwas mehr als 220 Seiten ein sehr schmerzvolles, ein von Wut erfülltes.

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Elwood wächst bei den Großeltern in Frenchtown in Tallahassee, der Hauptstadt Floridas, auf. Die Eltern haben sich frühzeitig aus dem Staub gemacht. Doch der 16-Jährige hat für seine Zukunft noch immer Träume. Er will nach der High School auf dem College studieren und die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King unterstützen, die immer mehr Zulauf erhält. Die eingeschränkten Rechte und die damit verbundenen Demütigungen, ob in der Schule, bei der Fahrt mit dem Bus, in Restaurants, begleiten seinen Alltag und den vieler Afroamerikaner. King ist sein Idol, seit er eine Schallplatte mit Reden des Bürgerrechtlers zu Weihnachten geschenkt bekam. Elwood ist intelligent und ehrgeizig und gilt deshalb als Außenseiter, der belächelt wird. Sein Geschichtslehrer erkennt indes seine Fähigkeiten und setzt sich für ihn ein. Doch ein böser Zufall zerstört jegliche Träume und Wünsche Elwoods. Er ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und wird verhaftet. Wenig später wird er in die Nickel Academy gebracht, einer sogenannten Besserungsanstalt für Jugendliche. Die Einrichtung ist keine Schule, wie es der Name vielleicht glauben lässt. Sie ist für Hunderte Jungen schlichtweg ein Gefängnis, eine Vorstufe zur Hölle.

Erbarmungsloses System

Hier herrschen Hierarchie, Willkür und Brutalität in einem erschreckenden Ausmaß. Auch innerhalb der Mauern findet die Rassentrennung und der Rassismus ihre Fortsetzung, werden die farbigen Jugendlichen schlechter behandelt als ihre weißen Gleichaltrigen. Ihr Essen wird an Restaurants verschachert, der Unterricht ist alles andere als lehrreich. Sie werden zu Zwangsarbeit in den Häusern von Reichen verdonnert, wo sie schuften müssen. Während die meisten aus zerrütteten Familien stammen oder gänzlich ohne Angehörige sind, kommt Elwood aus relativ geordneten Verhältnissen. In der Anstalt findet er nur einen, dem er vertrauen kann, der ihm zur Seite steht: Turner, ein Herumtreiber, der nicht auffällt und weiß, wie man im „Nickel“ überlebt, während Elwood seine Ideale verteidigen will und dafür schrecklich büßen wird. Denn die Aufseher und ihre Assistenten kennen kein Erbarmen und kein Gewissen.

„Sie waren schon angepflockt und benachteiligt, da hatte das Rennen noch gar nicht begonnen, sie hatten nie kapiert, was es hieß, normal zu sein.“

Whitehead stieß, wie er im Nachwort schildert, 2004 in einem Zeitungsartikel auf die Geschichte der Dozier School for Boys in Florida. Die dortigen Ausgrabungen, bei denen die Überreste von Schülern der Anstalt gefunden wurden, gaben den Beweggrund für den Roman, in den der Pulitzer-Preisträger und Gewinner des National Book Awards auch Informationen und Fakten aus mehreren Dokumenten einfließen ließ. Whitehead zeigt in seinem Roman auf, dass die entsetzlichen und menschenunwürdigen Zustände in und außerhalb der Besserungsanstalt nicht nur auf den Handlungen, Entscheidungen und der rassistischen Einstellung einiger basiert, sondern diese vielmehr ein weit verzweigtes und vielschichtiges System als Grundlage haben. 

Zudem wird in „Die Nickel Boys“ allzu deutlich, dass diesen Jugendlichen das Leben genommen wird, sie keine Zukunft kennen, selbst wenn sie das Glück haben, nach einer gewissen Zeit die Anstalt verlassen zu können. Sie sind für immer geprägt von ihren Erlebnissen, die ihnen die Hoffnung und den Glauben an Gerechtigkeit genommen haben. Nach einem Zeitsprung von 1960er in das New York der 1980er-Jahre und darüber hinaus wird die Geschichte eines Nickel Boy erzählt, der sich als Hilfsarbeiter hochgearbeitet und mit der Zeit ein eigenes Unternehmen aufgebaut hat. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los und verfolgt ihn wie ein Schatten.   

„Die Nickel Boys“ ist ein ergreifender Roman mit Sprengkraft, der mit seiner kräftigen und prägnanten Sprache nichts beschönigt oder glättet, sondern die wahren Begebenheiten schildert und offen legt inklusive einiger Schockmomente und Überraschungen. Eine große Wendung gegen Ende des Romans nimmt einem sogar regelrecht die Luft und zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Aus Entsetzen und Wut wird schließlich Trauer, weil über all dem das Bewusstsein über den realen Hintergrund des Geschehens steht.


Colson Whitehead: „Die Nickel Boys“, erschienen im Hanser Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Henning Ahrens; 224 Seiten, 23 Euro

Bild: Aryok Mateus auf Pixabay

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