Damir Karakaš – Erinnerung an den Wald

„Dann stelle ich mir vor, dass es auch die nicht mehr geben wird, die so gesund sind, dass sie sogar Astronauten sein können, dass wir vor dem Weltuntergang auf der Erde alle gleich sind, und das Atmen fällt mir viel leichter.“

Die Schwächeren werden in eine raue Welt gestoßen. Sie müssen jeden Tag kämpfen. Um sich den Herausforderungen zu stellen, um den Erniedrigungen zu begegnen, um sich selbst und das innere Wertgefühl oder den Rest, der davon im Laufe der Zeit übriggeblieben ist, zu beschützen. Der Junge im Roman des kroatischen Schriftstellers Damir Karakaš ist herzkrank, sein Vater versteckt seine Unzufriedenheit ob der körperlichen Schwäche und Magerkeit seines Sohnes nicht. Und die Welt, in der der Junge an der Seite seiner Eltern, der jüngeren Schwester und der Großmutter heranwächst, offenbart sich auch ohne die Gefühlsausbrüche des Vaters, die in den Satz „Warum schafft Gott so etwas, was nicht zum Leben taugt“ gipfeln, als herb und recht ungemütlich.

Die Ochsen vorgespannt

Denn der Autor entwirft eine archaische Welt. Dieses Bergdorf, in der die Familie des Jungen zu Hause ist, ist zwar umgeben von einer eindrucksvollen Natur und Landschaft, doch die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. Während anderso die Menschen motorisiert unterwegs sind, spannt der Vater die Ochsen ein. Nach einem Kinobesuch in der nahe gelegenen Stadt läuft sein Sohn den kilometerlangen Weg zu Fuß. Neben der Schule muss der Junge seinen Eltern zur Hand gehen: die Kühe zur Weide treiben, bei der Ernte helfen. Zu Beginn, als die Familie noch keinen Stall besitzt, lebt sie Seite an Seite mit den Tieren. Sehr spät zieht eine geregelte Wasserversorgung ein, bekommt das Haus eine Wasserpumpe samt Boiler und Dusche sowie Klosett und Wasserhahn. Doch das einfache bäuerliche Leben kennt eines nicht: Liebe. Weder hat der Junge gesehen, wie sich die Eltern Zärtlichkeiten austauschen – er wird vielmehr nur Ohrenzeuge der Geräusche des elterlichen Beischlafs -, noch erfährt er selbst Zuneigung und Gefühle. Der Vater ist cholerisch und handgreiflich, die Mutter hingegen hilflos und weinerlich.

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Doch dieser Kühle und dieser Gewalt kann der Junge etwas entgegensetzen: Seine eigenen Erlebnisse, seine eigene kindliche Welt mit den Spielen und Streichen an der Seite von Freunden – und vor allem seine Träume – ein Offizier, ein Bodybuilder, ein Basketballspieler oder ein Bärentöter zu sein; da Meister Petz im Wald sein Unwesen treibt. Der Junge will lebenstüchtig und stark sein, Bekanntheit erlangen, ein ambitioniertes Tun, das indes zu keinem guten Ausgang führen wird.

„Der Nebel ist dicht, vermischt mit Dunkelheit, aber als wir auf den Wald zugehen, verdünnt er sich immer mehr; die grüne Farbe des Waldes wandert deutlich sichtbar von Blatt zu Blatt.“

Für die Rolle des Erzählers hat Karakaš keinen Geringeren als eben den Sohn des Bauern ausgewählt. Es scheint in der Literatur Osteuropas eine bestimmte Vorliebe für die kindliche Perspektive, ein von mir sehr geschätzter erzählerischer Blickwinkel, zu geben. Man denke da nur an die beiden grandiosen ungarischen Schriftsteller György Dragoman oder Szilárd Borbély mit ihren Romanen „Der Scheiterhaufen“, „Der weiße König“ oder „Die Mittellosen“. In „Erinnerung an den Wald“ ist die Sprache klar, prägnant und reich an besonderen Vergleichen sowie sehr bildhaften Beschreibungen.

Das Dorf als Handlungsort ist nicht konkret räumlich verortet: Zagreb als Stadt, in der die Tante lebt, wird unter anderem genannt. Und auch die Handlungszeit wird im Laufe des Geschehens nicht eindeutig festgeschrieben. Es muss einige Jahrzehnte nach dem verheerenden Weltkrieg sein, der Spuren hinterlassen hat. Der Junge besucht eine Gedenkstätte, die an die Opfer der Ustascha erinnert. Ein Opa war Mitglied des rechtsextremistischen Geheimbundes um den faschistischen Diktator Ante Pavelić. Mittlerweile spielen jedoch die Kinder mit Plastik-Indianern und trinken Coca Cola. Ein junger Fußballspieler aus dem Dorf, von allen Schildkröte genannt, kurvt mit einem Motorrad der ostdeutschen Marke MZ durch die Gegend.

Kleine Episoden einer großen Geschichte

Speziell ist auch die Struktur des schmalen Bandes: Die Handlung wird in kurzen episodenhaften Kapiteln berichtet und versammelt Ereignisse aus mehreren Jahren, in denen das Kind wie im Zeitraffer zu einem Jugendlichen heranwächst und schließlich ein junger Mann wird und in denen zuletzt die Freunde das Dorf verlassen haben oder sogar wie im Fall von Nenad Vater werden. Jede Episode ist für sich eine kleine Perle, ein Mosaikstein im großen Ganzen dieser berührenden Geschichte, die sowohl heitere als auch melancholische Passagen umfasst. Karakaš, 1967 geboren, war während des Balkan-Krieges als Reporter tätig. Später schlug er sich einige Jahre in Frankreich als Akkordeon-Spieler durch. Nach „Ein herrlicher Ort für das Unglück“ aus dem Jahr 2013 ist „Erinnerung an den Wald“ sein zweites ins Deutsche übertragene Buch. Ein eindrucksvolles und faszinierendes Werk, das trotz seiner Kürze auf wundersame Art und Weise zahlreiche Geschichten sowie mehrere Personen und Themen vereint.

 


Damir Karakaš: „Erinnerung an den Wald“, erschienen im Folio Verlag, in der Übersetzung aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof; 151 Seiten, 20 Euro

Bild von Sushuti auf Pixabay

2 Gedanken zu „Damir Karakaš – Erinnerung an den Wald“

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