Gøhril Gabrielsen – „Die Einsamkeit der Seevögel“

„Die eigene Verwundbarkeit analysieren, das ist es, was dieser Ort und ich brauchen (…).“

Dunkelheit und Kälte herrschen. Es ist Winter im äußersten Norden Norwegens. Eine Fischerhütte ist für die kommenden Wochen und Monate das Zuhause einer Wissenschaftlerin. Der nächste Ort ist 100 Kilometer entfernt. Sie will forschen, erfahren, wie sich die Klimaveränderungen auf die Populationen der Seevögel auswirken. Doch die Zeit als Einsiedlerin, ausgeliefert der kargen und weiten Landschaft und den Witterungsbedingungen, wird für die junge Frau zu einer intensiven körperlichen wie mentalen Herausforderung, weil auch ihre eigenen Erwartungen an diesen Forschungsaufenthalt anders sind als die Realität und sie überrollt wird von der Vergangenheit.

Einsamkeit und Unsicherheit

Der Roman „Die Einsamkeit der Seevögel“ der norwegischen Autorin Gøhril Gabrielsen fordert den Leser zu Gedankenspielen heraus und bringt ihn in ein nahezu menschenleeres Land der Extreme. Es dauert nicht lange, bis die Handlung ihre vibrierende Spannung entfaltet. Die Wissenschaftlerin, zugleich Ich-Erzählerin, wird mit einem Boot ans Ende der Welt gebracht, wo hohe Berge auf das Meer treffen. Neben ihren Forschungen kümmert sie sich um die dortige Wetterstation. Sie pendelt mit dem Schneemobil zwischen Vogelfelsen und den Messgeräten. Und sie wartet auf die Rückkehr der Zugvögel – und auf Jo, ihren Geliebten. Die einzige Verbindung sind das Satellitentelefon und ihr Computer, mit dem sie via Skype mit ihrem Partner spricht. Doch Jo zögert seine Ankunft immer wieder hinaus. Er hat wie die junge Frau auch eine kleine Tochter, die er nicht so schnell zurücklassen will und kann. Währenddessen kehrt der Ex-Mann, nur kurz S. genannt, und seine Drohnachrichten in die Gedankenwelt der Wissenschaftlerin zurück, die sich auch angesichts ihrer Einsamkeit und der Warnungen des Seemanns, der sie mit dem Boot zur Hütte gebracht hat, mehr und mehr unsicher fühlt…

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Man sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass die 1961 in der Finnmark geborene Autorin in ihrem Heimatland durchaus keine Unbekannte ist. Vor diesem im Jahr 2017 im Original erschienenen Band fanden bereits fünf ihrer Romane den Weg in die Öffentlichkeit. Gabrielsen erhielt den Amalie-Skram-Preis, mit dem speziell das Schaffen von Autorinnen gewürdigt wird, sowie vor zwei Jahren für „Die Einsamkeit der Seevögel“ (Original: „Ankomst“) den Havmannprisen. Die Ehrung wird alljährlich an das beste nordnorwegische Buch vergeben. Warum wird Deutschland erst jetzt mit dieser Autorin bekannt gemacht, möchte man fast meinen?  Und noch immer dankbar sein, dass mit dem Gastland-Auftritt des nordischen Landes auf der Frankfurter Buchmesse so viele Bücher auch hierzulande noch unbekannter Autoren übersetzt worden.

„Ich ähnele vermutlich der Natur hier draußen: von den kalten, windigen Wintern und den plötzlichen, kurzen Sommern bis auf den Fels, bis auf den Grund abgeschliffen. Wie die weißen Schneeverwehungen mit ihren scharfen Rändern aus Eis und Frost besitze ich einen Boden, der von Rissen und Wunden bedeckt ist.“

Ich verbuche Gabrielsen für mich unter dem Schlagwort „Entdeckung“. Ihr Roman „Die Einsamkeit der Seevögel“ begeistert auf vielerlei Weise. Das Kammerspiel hat zwar nur etwas mehr als 170 Seiten, aber es vereint viele Themen: Es geht um die wechselvollen Beziehungen zwischen Mann und Frau, um die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder. Es geht aber auch um die Klimaveränderungen und ihre Auswirkungen auf Flora und Fauna. Zudem findet sich im Hauptgeschehen eine Binnengeschichte, auf die die  Wissenschaftlerin in einer heimatgeschichtlichen Broschüre stößt und die 1870 an diesem Ort geschah. Es ist die Geschichte und Tragödie einer Familie, die die Gefühle, Gedanken und Tagträume der jungen Frau, die immer wieder ihr eigenes Spiegelbild intensiv und hinterfragend betrachtet, noch stärker kreisen lassen.

Präzise Bilder vom Ende der Welt

„Die Einsamkeit der Seevögel“ ist ein meisterhaftes, sprachlich hoch virtuoses und dicht gestricktes Psychogramm, in dem die verschiedenen Themen und Ebenen ineinandergreifen und in das die Natur intensiv hineinwirkt. Es sind großartige Landschaftsbeschreibungen, die vor dem Auge des Lesers präzise Bilder von diesem Ende der Welt entstehen lassen. Die Wissenschaftlerin, die der Beständigkeit von Daten und Fakten vertraut, kommt an ihre Grenzen, als sich die Ereignisse überschlagen. Ein Sturm wütet. Sie stürzt schwer, durchleidet Fieberkrämpfe und glaubt, irrationale Vorgänge zu erleben. Ihre anfängliche Sicherheit schwindet zusehends und macht dem Bewusstsein um die eigene Verwundbarkeit und einer hilflosen Ängstlichkeit Platz, die in eine Schlussszene mündet, die mehrere Möglichkeiten zulässt. Es liegt in der Vorstellungskraft des Lesers, wer hinter der Tür der Hütte steht, auf die eine Gewehrmündung gerichtet ist.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs: „Fräulein Julia“, „leseschatz“, „Ankes Blog“, „Mona Lisa bloggt“ und „Petras Bücherapotheke“.


Gøhril Gabrielsen: „Die Einsamkeit der Seevögel“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Hanna Granz; 174 Seiten, 20 Euro

Bild von Maarit Ignatius-Kuittinen auf Pixabay

3 Gedanken zu „Gøhril Gabrielsen – „Die Einsamkeit der Seevögel““

  1. Es freut mich wirklich sehr, dass Dich dieses Buch auch so begeistert hat. Ich habe mich allerdings bis heute nicht entscheiden können, wer am Ende an die Tür klopft. Und vielen lieben Dank fürs Verlinken.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, liebe Anke, für Deinen Kommentar. Es ist eines meiner Lieblingsbücher des Jahres. Ich habe zuerst gar nicht gedacht, dass der Roman so vielschichtig und sprachlich meisterhaft ist. Der Schluss ist natürlich sehr eigen. Ja, wer steht hinter der Tür – oder glaubt es die Wissenschaftlerin auch nur? Viele Grüße

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