Lars Saabye Christensen – „Die Spuren der Stadt“

„Das ganze Leben ist eine Frist.“

Es gibt Schriftsteller, die füllen mit ihren Werken mit der Zeit nicht nur die Regale ihrer Leser. Sie sind Begleiter – über Jahre, Jahrzehnte. Für mich ist der Norweger Lars Saabye Christensen ein solcher Autor. Ich lernte ihn mit seinem Roman „Yesterday“ kennen, in dem vier Jungen im Mittelpunkt stehen, die in Oslo der 1960er-Jahre die Beatlesmania hautnah erleben. Ich verschlang vor einigen Jahren Christensens preisgekröntes Werk „Der Halbbruder“, zuletzt verschaffte mir der dicke Wälzer „Magnet“ eine eindrückliche Lektüre. Vor einigen Monaten erschien in deutscher Übersetzung sein Roman „Die Spuren der Stadt“ – sein nicht ohne Grund vermutlich bisher persönlichstes Buch.

In Fagerborg

Denn ein besonderer Fund inspirierte ihn und bildete den Ausgangspunkt seines neuen Werkes: Nach dem Tod seiner Mutter fand er einen Band mit Protokollen der Ortsgruppe Fagerborg des Roten Kreuzes aus den Jahren 1947 bis 1967. In „Die Spuren der Stadt“ nehmen diese Protokolle einen breiten Raum ein. Sie geben interessante Einblicke in die vielfältige soziale Arbeit des Roten Kreuzes, in die Figur der Maj Kristoffersen, die sich im Vorstand der Ortsgruppe Fagerborg an der Seite weiterer umtriebiger Frauen ehrenamtlich engagiert, sowie in die Nachkriegszeit, in der der Roman auch spielt.  Maj ist die Frau von Ewald und die Mutter von Jesper. Die Kristoffersens wohnen in einem Mietshaus in jenem nordwestlich gelegenen Stadtviertel Oslos. Der Vater arbeitet als technischer Zeichner in einem Werbebüro, sein Sohn Jesper gilt als sensibel und feinfühlig, still und in sich gekehrt. Der Junge, der 1944 und damit ein Jahr nach der verheerenden Explosion eines Munitionslagers in Filipstad geboren wurde, lebt in seiner eigenen Welt. Er wird um ein Jahr von der Schule zurückgestellt. Freunde hat er kaum, nur der Metzgersohn aus der Nachbarschaft, der nach einem Unfall auf einem Ohr ertaubt, wird zu einem Vertrauten. Auch der italienische Barpianist Enza Zanotti, der im Krieg weit entfernt von der südländichen Heimat im Norden hängengeblieben ist, nimmt später eine Schlüsselrolle in Jespers Kindheit ein.

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Der Leser verfolgt für einige wenige Jahre von 1947 bis 1950 das Leben der Familie und das einiger weniger Männer und Frauen, die in Fagerborg leben. Wie Frau Vik, Witwe sowie Nachbarin der Kristoffersens, die später mit Olaf Hall den Mann einer verstorbenen Schauspielerin heiratet. Christensen bringt den Leser sehr nah an die Menschen, ihren Alltag, ihre Wünsche und Ängste, ihre tragischen wie schmerzlichen Verluste. Es wird von einer Zeit erzählt, die im deutlichen Gegensatz zur Gegenwart des modernen und vermögenden Norwegen, wie viele es wohl kennen, steht. Der kommende Reichtum des Landes infolge des Öls vor der Küste, der mittlerweile auch durchaus kritisch betrachtet wird, ist noch einige Jahrzehnte entfernt. Der Krieg hat Spuren hinterlassen, die meisten leben in bescheidenen Verhältnissen und müssen jede Krone umdrehen. Wie wichtig dabei für viele die Hilfe des Roten Kreuzes war, wird an den eingangs erwähnten Protokollen deutlich. Und auch der erzählerische Blick auf das 900-jährige Bestehen der Hauptstadt sowie das markante Rathaus, das im Mai 1950 feierlich und hochoffiziell eröffnet wird, lässt die Stimmung dieser Zeit auferstehen.

„Jesper kommt in den Sinn, dass alle Menschen einsam wirken, nicht immer, aber einen Augenblick lang, einen wütenden oder ganz stillen Augenblick.“

So wie Christensen mit sehr viel Herz seine Figuren beschreibt, mit so viel Hingabe widmet er sich seiner Heimatstadt Oslo, in der er 1953 geboren wurde. Sein Roman, dessen Geschehen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wird, führt in die Straßen und Gassen, in die Parks und auf die Plätze, sogar in den Trubel in Blau, Weiß und Rot des 17. Mai, dem Nationalfeiertag Norwegens. Dabei vergisst er nicht von den engen Wohnungen, den steilen Treppen und den schummrigen Dachböden, auf denen die Wäsche trocknet, zu erzählen. Erinnerungen an Christensens Roman „Der Halbbruder“ kommen auf, für den der norwegische Schriftsteller sowohl den Literaturpreis des Nordischen Rates als auch den ebenfalls renommierten Brage Pris erhalten hat. Der neue Roman lädt nunmehr ein, die Stadt und ihre Menschen zu erleben, sich indes nicht nur die großen und bedeutenden Sehenswürdigkeiten anzuschauen, sondern auch durch die Straßen der zentrumsfernen Viertel zu flanieren.

Eine Krankheit und ihre Folgen

Wenn man über diesen eindrücklichen Roman schreibt, sollte auch von einem weiteren traurigen Hintergrund berichtet werden, weshalb „Die Spuren der Stadt“ das bisher wohl persönlichste Buch des Norwegers ist. Während er an seinem Buch schrieb, muss er sich einer Chemotherapie infolge seiner Krebserkrankung unterziehen. Auch Ewald, Jespers Vater, erhält diese furchtbare Diagnose, die er einige Zeit seiner Familie verheimlicht. Wie Christensen die körperlichen wie seelischen Folgen des Leidens und die Auswirkungen auf die Familie beschreibt, ist ungemein berührend. Bereits schwer erkrankt, erlebt der Familienvater indes noch die Geburt seiner kleinen Tochter Stine, die im Januar 1950 zur Welt kommt.

„Die Spuren der Stadt“ ist der erste Teil einer Trilogie, die im Jahr 2017 in Norwegen ihren Anfang nahm. In der Heimat des Verfassers sind bereits die beiden folgenden Bände „Maj“ sowie „Skyggeboken“ im Verlag Capellen Damm erschienen. Bleibt zu hoffen, dass auch die beiden folgenden Teile in deutscher Übertragung erscheinen – um Christensens wunderbares Werk neu kennenzulernen oder seinem allzu menschlichen Schreiben wieder zu begegnen.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog„LiteraturReich“.


Lars Saabye Christensen: „Die Spuren der Stadt“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt; 480 Seiten, 24 Euro

Bild von Jan Lüddemann auf Pixabay

2 Gedanken zu „Lars Saabye Christensen – „Die Spuren der Stadt““

  1. Wie schön, dass ich Lars Saabye Christensen mit diesem Buch kennengelernt habe. Es wird nicht mein letztes von ihm bleiben. Deine schöne Rezension hätte mich nun aber spätestens dazu gebracht. Liebe Grüße!

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