Knut Ødegård – „Die Zeit ist gekommen“

„(…) und mich zu den Stimmen im Eis und Schnee hinauszuschicken.“

Warum erst jetzt? Warum musste so viel Zeit verstreichen, ins Land gehen? Knut Ødegård schrieb in den vergangenen mehr als 50 Jahren zahlreiche Gedichtbände, auch Prosawerke sowie Kinder- und Jugendbücher. Die Liste der Preise, die der norwegische Lyriker erhalten hat, ist lang. Seine Werke sind in bisher 42 Sprachen übersetzt worden. Doch erst im vergangenen Jahr erschien mit „Die Zeit ist gekommen“ („Tida er inne“, 2017, Cappellen Damm ) ein Band Ødegårds in deutscher Übertragung im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland. Eine längst überfällige Veröffentlichung, zumal es sich um den jüngsten Band des Schriftstellers handelt. Für die Entscheidung des Elif Verlags sollte man sehr dankbar sein.

Wanderer zwischen Zeiten und Welten

Der Lyrikband besteht aus vier Teilen. Der Titel ist bereits im ersten Gedicht „Die Zeit“ zu finden, am Ende schließt sich der Kreis – mit dem letzten Gedicht „Die Zeit ist um“. Beide sind in einem christlichen Kontext zu sehen: Die Wendung „Die Zeit ist gekommen“ stammt aus dem Markus-Evangelium, am Ende des Bandes finden sich die beiden Worte „Kyrie eleison“. Doch der Band ist keineswegs ein rein religiöser, auch wenn sich in weiteren Gedichten Verweise auf das Christentum und den Glauben zu finden sind. Der Norweger erscheint vielmehr, ein Wanderer zwischen den Zeiten und Welten zu sein. Mit den apokalyptischen Weltuntergangsszenarien in „Nieselregen. Sie sieht und träumt“ erinnert Ødegård an die Seherin aus dem Edda-Gedicht „Völuspá“ und ihre Weissagungen. Im Gegensatz dazu steht in „Schatten“ der aktuelle Krieg in Syrien im Mittelpunkt.

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Allgemein lassen die meist prosahaften Gedichte des Norwegers an kleine Geschichten denken, erweist sich Ødegård als ein Erzähler, der es zudem vermag, Leid und Schmerz in erschütternden und schonungslosen Szenen und Bildern festzuhalten. Die menschengemachte Grausamkeit zeigt dabei viele Fratzen: von der Vernichtung unzähliger Menschen im Krieg und dem unbändigen Hass auf die norwegischen Frauen, die Deutsch-Huren, die sich mit dem Feind eingelassen haben, über die menschenverachtende Behandlung eines psychisch Kranken bis hin zum pädophilen Geistlichen, der ein Kind missbraucht. Man möchte wegschauen, weiterblättern, kann es aber nicht.

„Es liegt aber noch vieles im Dunkeln,  unten

auf dem Schlammboden eines Waldsees,

wo es von kleinen Fröschen und Insekten auf der Oberfläche wimmelt,

falls Sie mich verstehen, wer auch immer Sie sind.“

Sind Anfang und Ende verbunden, finden sich in dem Band zudem wiederkehrende Orte und Motive, markante Figuren und bedeutsame Themen: da ist die Figur der Mutter, das Universum mit Sonne, Mond und Sternen und die kleine Stadt am Meer – Molde, in der Ødegård wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im November 1945 geboren wurde. Obwohl in mehreren Gedichten autobiografische Verweise zu finden sind, sollten diese als fiktive Dichtung betrachtet werden, schreibt der Autor in einem kurzen Nachwort.  Neben Leid und Schmerz infolge menschlicher Gewalt widmet sich der Norweger dem großen Thema Altern, Vergänglichkeit und Tod, dem Abschluss des Lebens, dem keiner entweichen kann. Dem gegenüber stehen die Gedanken über den Beginn allen Lebens: „In der endgültigen Analyse sind wir alle Sternenstaub. Nichts zu knipsen“ heißt es da in dem Gedicht „Regen. Luther“. Worte für die Ewigkeit. Manche der Werke, die in ihrer Länge variieren, erfüllt ein zeitloses Staunen.

Herausragend übersetzt

Gewidmet ist der Band Pater Brian McNeill. Der gebürtige Schotte hat als Pfarrer in Italien und Norwegen gewirkt und ist seit Mitte der 90er-Jahre als Geistlicher in der Pfarrei St. Michael im Münchner Stadtteil Berg am Laim tätig. Er hat zahlreiche Werke Ødegårds ins Englische übersetzt. Die nunmehr eindrucksvolle deutsche Übertragung des Bandes übernahm Åse Birkenheier. Wie auch Ødegård, der sowohl in seiner norwegischen Heimat als auch in Island lebt, ist die Übersetzerin mit zwei Ländern besonders verbunden: Norwegen und Deutschland; seit 1969 lebt sie in Koblenz.

Wer sich indes dem Zauber der Poesie Ødegårds, dem wirkungsvollen und intensiven Klang und Rhythmus, vollständig hingeben will, sollte sich unbedingt die Rezitationen der Originaltexte anhören – selbst wenn er die norwegische Sprache nicht beherrscht. In einer Sendung des Bayerischen Rundfunks gibt es nicht nur interessante Informationen zum Norweger und seinem Werk, sondern auch Hörbeispiele.

Wie lange werden wir warten müssen, bis ein weiterer Band des Norwegers in deutscher Übertragung erscheint? Ich hoffe sehr, dass dafür die Zeit bald wieder kommen mag und der Name Ødegård hierzulande nicht wieder vergessen wird. In Anspielung auf das Motto des norwegischen Gastlandauftritts „Der Traum in uns“ aus einem Gedicht Olav H. Hauges, dem Kollegen Ødegårds, sollte diesem Traum die Möglichkeit gegeben werden, fortzuleben.

Weitere Besprechungen auf den Blogs: „literaturleuchtet“ und „letteratura“ und „Lobe den Tag“


Knut Ødegård: „Die Zeit ist gekommen“, erschienen im Elif Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Åse Birkenheier; 88 Seiten, 20 Euro

Bild von nile auf Pixabay

 

6 Gedanken zu „Knut Ødegård – „Die Zeit ist gekommen““

  1. Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    „Allgemein lassen die meist prosahaften Gedichte des Norwegers an kleine Geschichten denken, erweist sich Ødegård als ein Erzähler, der es zudem vermag, Leid und Schmerz in erschütternden und schonungslosen Szenen und Bildern festzuhalten. Die menschengemachte Grausamkeit zeigt dabei viele Fratzen: von der Vernichtung unzähliger Menschen im Krieg und dem unbändigen Hass auf die norwegischen Frauen, die Deutsch-Huren, die sich mit dem Feind eingelassen haben, über die menschenverachtende Behandlung eines psychisch Kranken bis hin zum pädophilen Geistlichen, der ein Kind missbraucht. Man möchte wegschauen, weiterblättern, kann es aber nicht.“

    Constance Matthes in ihrem Literaturblog „Zeichen & Zeiten“ zu dem Gedichtband Die Zeit ist gekommen von Knut Ødegård, aus dem Norwegischen übersetzt von Åse Birkenheier.

    Und am Ende der Besprechung, über die ich mich als jemand, der diesen Lyrikband ein wenig für den ELIF Verlag „begleiten“ durfte, sehr freue, heißt es:

    „Wie lange werden wir warten müssen, bis ein weiterer Band des Norwegers in deutscher Übertragung erscheint? Ich hoffe sehr, dass dafür die Zeit bald wieder kommen mag und der Name Ødegård hierzulande nicht wieder vergessen wird. In Anspielung auf das Motto des norwegischen Gastlandauftritts „Der Traum in uns“ aus einem Gedicht Olav H. Hauges, dem Kollegen Ødegårds, sollte diesem Traum die Möglichkeit gegeben werden, fortzuleben.“

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