Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“

„Wir sind nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch.“

Zwei Frauen sind verschwunden. Nie wurden ihre Leichen gefunden, nie ein Tatort ermittelt. Noch immer ist unklar, ob sie tot sind oder mittlerweile an einem unbekannten Ort leben, ob ein Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Mehr als 20 Jahre sind ins Land gegangen. Vor allem der Fall um Katharina Haugen beschäftigt William Wisting noch immer. Regelmäßig holt der erfahrene Ermittler die Fallakten aus seinem Schrank und liest darin. Jedes Jahr am Tag ihres Verschwindens besucht er deren Ehemann Martin. Schließlich nimmt Adam Stiller von der Einheit für ungeklärte Fälle Kontakt zu Wisting auf. Der Grund: Neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit der vermissten 17-jährigen Nadia Krogh, die bereits zwei Jahre vor Katharina spurlos verschwunden war, machen Martin Haugen zum Verdächtigen.

Erster Band der neuen Cold-Case-Reihe

Wisting ist ein anderer Ermittler als eine Reihe seiner literarischen Kollegen. Der Norweger Jørn Lier Horst hat einen Polizisten der eher ruhigen Sorte geschaffen. Von Lebensdramen blieb er bis auf den Tod seiner Frau verschont. Er trinkt nicht, er versinkt nicht in Depressionen, er hat einiges an Lebens- und Berufserfahrung. Engagiert und mit persönlichen Engagement löst er die Fälle – sowohl in den elf vorangegangenen Büchern der Wisting-Reihe (davon erschienen sechs bei Droemer-Knaur), als auch mit dem ersten Band der neuen Cold-Case-Reihe. So durchdacht, schnörkellos und abgeklärt wirken auch die Romane.  Es gibt kein Gemetzel, keine vor Blut triefenden Tatorte, keine rasanten Verfolgungsjagden Hals über Kopf und ohne Rücksicht auf Verluste.

Autor viele Jahre selbst leitender Ermittler

Horst setzt vielmehr darauf, authentische Einblicke in die Polizeiarbeit anhand realistischer Protagonisten zu geben. Denn das ist sein ureigenstes Gebiet: Er war selbst leitender Ermittler in der norwegischen Provinz Vestfold, bis er 2013 mit dem Erfolg seiner Bücher – ein Jahr zuvor wurde er für „Jagdhunde“ („Jakthundene“) mit dem Riverton-Prisen für das beste kriminalliterarische Werk Norwegens geehrt – seinen Dienst beendet und sich auf das Schreiben konzentriert hat.  Mittlerweile zählt er zu den erfolgreichsten Autoren seines Landes und verfasst zudem Kinderbücher. Er lebt, wo er Wisting ermitteln lässt – in der Kommune Larvik, im Süden Norwegens. Ein ehemaliger Fall, das Verschwinden eines zwölfjährigen Mädchens im Jahr 1999, hat den Autor zu diesem Roman inspiriert.

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Taktik und der Blick auf die strategische Polizeiarbeit spielt auch in diesem Roman eine besondere Rolle. Stiller macht den Vorschlag, dass Wisting die persönliche Beziehung zu Haugen für die Ermittlung nutzen sollte, um mehr über die damaligen Ereignisse zu erfahren. Denn beide Fälle sind sehr knifflig und halten viele Fragen offen: Was hat es mit dem Katharina-Code auf sich, einem Zettel mit rätselhaften Symbolen, warum hat Katharina vor ihrem Verschwinden einen Koffer gepackt, warum wurde im Fall Krogh Geld, mehrere Millionen Kronen, erpresst, wenn es nie an der vereinbarten Stelle abgeholt wurde?

Tochter Line „ermittelt“ als Journalistin

Zugleich sucht Stiller, ein kluger und unberechenbarer Kopf mit einem traurigen Geheimnis, den Kontakt zu einem Journalisten-Team – mittendrin Wistings Tochter Line, die nach der Geburt ihrer Tochter Amalie wieder in ihre Arbeit einsteigen will und sich intensiv mit dem Fall Nadia Krogh beschäftigt, Angehörige und Zeugen befragt. Obwohl sie einen anderen Beruf hat, ähnelt sie darin ihrem Vater: Beide widmen sich Ereignissen, Menschen, ihren Geschichten und den Motiven ihres Handelns. So blickt Horst nicht nur hinter die Kulissen der Polizeiarbeit, sondern beschreibt mit der Figur Lines, wie Journalisten im Zeitalter des Internets arbeiten, wie sie ihre Recherche-Ergebnisse und Interviews für Print und Online aufarbeiten. Eine zeitintensive Arbeit, die wie im Fall der Polizei besonderen Einsatz verlangt, um besondere Ergebnisse zu erzielen. Gut, dass da Lines Bruder Thomas sich vortrefflich als Babysitter der kleinen Amalie eignet.

„Polizeiarbeit ist kein Spiel mit offenen Karten“, gab Wisting zu bedenken und setzte sich. „Und für Journalisten gilt dasselbe.“

Der Roman ist kein Roman der riesigen Überraschungen und einer hakenschlagenden Handlung. Vielmehr setzt Jørn Lier Horst auf die psychologische Komponente – gerade in der Beziehung zwischen Wisting und Haugen, die gemeinsam ein Wochenende in einer Hütte verbringen, wandern, angeln und sich über Gerechtigkeit und Moral unterhalten. Diese Dialoge sind die wohl prägendsten und entscheidensten im Buch. Obwohl schon früh klar ist, wie sich der Fall entwickeln wird, hält Jørn Lier Horst die Spannung auf eine ganz eigene Weise. Es geht um die spannende Frage, was eine Tat mit Menschen macht – mit den Tätern und den Ermittlern.

Ist dieser Band inhaltlich vielschichtig – auch mit Blick auf die Unterschiede zwischen der Polizeiarbeit damals und heute -, bleibt der Roman sprachlich etwas hinter seinen Vorgängern wie „Winterfest“ zurück, fehlen doch die recht eindrücklichen atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen. Jørn Lier Horst setzt in diesem Roman – ein zweiter Teil der aktuellen Reihe ist bereits unter dem Titel „Wisting und der fensterlose Raum“ in deutscher Übersetzung erschienen –  auf eine klare, präzise und schnörkellose Sprache und authentische Dialoge. Mittlerweile ist Wisting im deutschen Fernsehen angekommen. Das Erste strahlte zum Jahreswechsel Spielfilme, basierend auf den Romanen, mit Sven Nordin in der Titelrolle aus. Und der charismatische Ermittler bleibt weiterhin Krimifans erhalten: In Norwegen ist mit „Illvilje“ im vergangenen Jahr ein neuer Roman von Jørn Lier Horst erschienen – im Verlag Capitana, den er selbst gegründet hat und der unter anderem auch hierzulande bekannte Autoren wie Tom Egeland und Katrine Engberg veröffentlicht.


Jørn Lier Horst: „Wisting und der Tag der Vermissten“, erschienen im Piper Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Andreas Brunstermann; 464 Seiten, 15 Euro

Bild von Pexels auf Pixabay

 

8 Gedanken zu „Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten““

      1. Das stimmt — ohne Leiche kein Krimi. ;-)

        Aber gerade bei skandinavischen Krimis bzw. Thrillern hatte ich in den letzten Jahren den Eindruck, dass es immer krasser und gewalttätiger sein muss. Oft auf Kosten der restlichen Handlung.

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    1. Ja, die Idee zum Katharina-Code ist wirklich sehr speziell. Ich werde sicherlich auch den kommenden Band, die früheren Titel der Wisting-Reihe lesen und den eine oder anderen norwegischen Krimi-Autor für mich entdecken. Kannst Du noch etwas empfehlen? Viele Grüße

      Gefällt 1 Person

      1. Der 2. Band aus der Cold-Case-Reihe steht auch auf meiner Wunschliste, aber ein anderer norwegischer Krimi-Autor, den Du noch nicht kennst und den ich empfehlen kann, fällt mir im Augenblick nicht ein. Falls sich das ändert, melde ich mich. Viele Grüße zurück

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  1. Ein Krimi ohne desillusionierten, suchtkranken Ermittler, ohne sinnloses Blutvergießen, ohne Gewalt, um der Gewaltwillen und ohne übertriebene Action, dafür aber mit psychologischer Spannung!? Ich hätte bis eben nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt! Das klingt wirklich gut. Obwohl ich in der Vergangenheit fast ausnahmslos Pech mit skandinavischen Krimis hatte: Das Risiko gehe ich ein. Danke für den Tipp.

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