Ben Smith – „Dahinter das offene Meer“

„Es gibt kein Raus.“

Es ist eine eintönige Welt. Nichts als Meer, Wasser bis zum Horizont und darüber hinaus. Hunderte Windräder strecken sich in die Höhe. Ein Wald aus Metall, der allmählich rostet und verfällt, ein letztes, indes brüchernes Bollwerk der modernen Zivilisation. Wo einst Land war, ist nur Wasser. Mittendrin: eine Plattform. Das Zuhause eines alten Mannes und eines Jungen. Gemeinsam reparieren sie die Windräder. Eine nahezu sinnlos erscheinende Arbeit. Denn Ersatzteile gibt es nicht, nagen Salz und Wasser an den Konstruktionen. Stetig sinkt die Energieleistung. Im Meer schwimmen mehr Plastik-Teile als Fische. Es ist ein beklemmendes Szenario, das der britische Autor Ben Smith in seinem Debüt „Dahinter das offene Meer“ beschreibt.

Wo Land war, ist nun Meer

Im englischen Original trägt das Buch den Titel „Doggerland“. Besiedeltes Land, das einst während der letzten Eiszeit die heutigen Britischen Inseln mit dem europäischen Kontinent und Skandinavien verbunden hat. Als die Temperaturen stiegen und das Eis schmolz, wird es vom Wasser der Nordsee überflutet. Dieses Geschehen beschreibt Smith in einigen mystisch wirkenden Naturbeschreibungen, die die eigentliche Handlung des Romans regelmäßig unterbrechen. Dessen Story führt in eine unbestimmte Zeit, doch der Bezug zum Klimawandel wird schnell klar. Smith, Jahrgang 1985, hat an der Universität von Plymouth an mehreren Projekten zu diesem aktuellen Thema gearbeitet.

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„Dahinter das offene Meer“ ist ein spannendes wie sinnliches Kammerspiel mit eindrücklichen Bildern einer trostlosen Welt. Der Junge und der Alte – nur an wenigen Stellen werden sie mit ihren richtigen Namen Jem und Greil benannt – müssen miteinander auskommen. Während der Jüngere beim eintönigen Tagwerk noch immer Einsatz und Akribie an den Tag legt, lässt der Ältere seinen harten Job schleifen: Er fischt viel lieber mit Netzen nach Treibgut wie Plastik, verschachert die wichtigen Ersatzteile an den Führer des Versorgungsschiffes, das in unregelmäßigen Abständen an der Plattform festmacht. Auch das Essen ist alles andere als abwechslungsreich. Gegessen wird Protein-Hack aus der Dose. Als Jem nach Spuren seines Vaters sucht, an den er sich nicht erinnern kann, wird das Verhältnis zwischen beiden brüchig. Jem geht zunehmend seine eigene Wege und versucht herauszufinden, was einst mit seinem Vater geschehen ist. Er gilt als verschollen. Ein leeres verlassenes, indes aufgerüstetes Boot, mit dem die Möglichkeit besteht, den Windpark zu verlassen, gibt Jem sowohl Klarheit über das Schicksal seines Vaters als auch Hoffnung.

„Manchmal versuchte er, an sein Leben vor dem Park zurückzudenken, an seine Überfahrt hierher, die letzten Momente an Land, aber seine Erinnerungen waren schemenhaft und unbestimmt, wie wenn die Windräder bei stürmischem Wetter so viel Gischt aufwirbelten, dass alle Kanten und Konturen verschwanden.“

Smiths Erstling hat mich teils an den Roman „Die Mauer“ seines Landsmanns John Lanchester erinnert. Auch er beschreibt darin ein düsteres Zukunftsszenario. Auch darin geht es um Menschen, die von der Gemeinschaft ausgesetzt wurden. Wie Jem und Greil einst auf die Plattform gekommen sind, wird nicht geschildert, vieles bleibt in diesem Roman unerzählt, erhält der Leser die Aufgabe, am großen Gesamtbild weiter zu wirken und weiße Stellen mit seiner Fantasie auszufüllen. Nur so viel ist sicher: Der Junge führt im Auftrag der Firma die Arbeit seines Vaters fort. Ein furchtbares Erbe, das ihm kaum Optionen für eine eigene, selbst gestaltete Zukunft bietet. Sein Bestreben, zum Land zu kommen, wird durch einen gewaltigen Sturm erschwert. Jem harrt auf einem riesigen Windrad aus, auf dem er zum ersten Mal in den Genuss von Kaffee kommt.

Dramatik in eintöniger Welt

Obwohl die Geschichte von einer eintönigen, kaputten und aussichtslosen Welt erzählt, erfüllt Smith die Handlung mit Dramatik: durch die Kraft der Elemente und der Naturgewalt sowie die Spannungen in der wechselvollen Beziehung zwischen Jem und Greil. Sie vertrauen sich nicht mehr, sie müssen allerdings im Laufe des Romans wieder zueinanderfinden, um zu überleben. Der Brite zeigt in seinem Buch, das in einer einfachen, indes sehr poetischen Sprache geschrieben wurde, sowohl Beweise für die Menschlichkeit als auch die Abgründe des menschlichen Handelns auf, wenn beispielsweise der Führer des Versorgungsschiffes mit Jem um notwendige Medikamente für den alten Mann rücksichtslos feilscht. Smiths meisterhafter Roman ist für mich eine ganz besondere Entdeckung – und aktueller denn je.


Ben Smith: „Dahinter das offene Meer“, erschienen im Verlag Liebeskind, aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence; 256 Seiten, 20 Euro

Bild von David Will auf Pixabay

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