Simon Stålenhag – „The Electric State“

„Wann hat es eigentlich begonnen?“  

Die Zeiten sind derzeit schwer und unsicher. Dabei mutet es nahezu ein wenig befremdlich an, dass gerade in Hard-Times wie diesen die Literatur über Krisen, wie Kriege und Katastrophen jeglicher Art, wieder mehr in der Öffentlichkeit steht. Ja, es werden sogar ganze Listen mit Titeln empfohlen. Dabei lohnt sich der Blick in diese düstere Literatur sehr wohl, weil sie uns zeigt, wie sich die Menschen in schweren Zeiten verhalten (können) und worin die Ursachen für den plötzlichen oder allmählichen Niedergang liegen. Schon seit einigen Jahren beschäftigen mich dystopische Bücher. Nun habe ich zu einem wohl einzigartigen gegriffen: zu Simon Stålenhags illustrierten Roman „The Electric State“.

Drohnenkrieg und seine Folgen

Das Geschehen spielt in einer Zukunft, die zugleich in der jüngeren Vergangenheit liegt.  Man schreibt das Jahr 1997. Nach einem Drohnenkrieg und seinen weitreichenden Folgen sind die Vereinigten Staaten nicht mehr das, was sie einst waren. Große wie kleine Orte sind verödet, die Straßen menschenleer. Stattdessen prägen verrostete Riesen-Roboter und Militärschiffe die Landschaft. In einigen Supermärkten herrscht das blanke Chaos. Michelle, die Ich-Erzählerin, ist mit ihrem Roboter Skip unterwegs gen Westen. In der Mojave-Wüste findet sie ein Oldsmobile. Die Besitzer liegen tot in der Nähe im Sand. Unterwegs sieht das Mädchen nicht nur das verlassene und trostlose Land. Es begegnet auch Menschen, die im Bann der neuen Virtual-Reality-Software stehen. Sie tragen einen sogenannten VR-Helm, der in seiner Form an die historische Pesthaube erinnert, und wirken wie in Trance und in eine andere Welt vertieft. In manchen Szenen sind sie mittels langer Kabel zudem verbunden mit riesigen Maschinen.

Es ist eine bizarre und verstörende Welt, die der Schwede dem Leser schildert – vor allem mit seinen realistisch wirkenden wie detailreichen Bildern dem Betrachter vor Augen führt. Was der Text nicht erzählt, beschreiben die einzigartigen Illustrationen, in der eine vergangene, teils auch farbenfrohe Zeit auf die bedrohliche Gegenwart stößt. Da treffen leuchtende Werbe-Screens sowie schrille Comic-Figuren, die auf riesige Roboter lackiert worden sind, auf Verfall, Dunkelheit und Tod. Farbe, Licht sowie Schatten prägen deshalb die Bilder, denen man sich kaum entziehen kann.

„Aber in der Wirklichkeit, in der wir uns befanden, stand die Welt auf dem Kopf. Hier waren wir die ungeheuerlichen Wucherungen, die Verrückten – die einzigen kranken Seelen in einer kerngesunden Welt. Hinter uns lag kein sicherer Alltag, keine Normalität, in die wir hätten zurückkehren können. Unser Weg führte nur in eine Richtung. Geradeaus.“

Michelles nicht ungefährliche Tour ist auch eine Reise in ihre tragische schmerzvolle Vergangenheit und in die Vergangenheit des Landes. Die Handlung wird geteilt – auch optisch in weiße sowie schwarze Seiten. Die Eltern des Mädchens waren im Dienste der Armee. Sie ist bei ihren Groß-, sowie Pflegeeltern aufgewachsen, getrennt von ihrem Bruder. Er und eine andere, bessere Zukunft sind ihr Ziel. Weit entfernt von einer Welt, die nach dem Drohnenkrieg von der Neuronik, der Verbindung zwischen Mensch und Maschine sowie dem Zusammenschalten mehrerer Bewusstseine zu einem Super-Intellekt, geprägt wird. Die letzten Bilder, die das zurückgelassene Auto und den Roboter am Strand des Pazifiks zeigen, sowie die letzten Passagen, in denen von einem Boot mit nur zwei Plätzen zu lesen ist, erweisen sich als hochsymbolisch.

Stålenhag, Jahrgang 1984, ist ein vielseitiger Künstler; er schreibt, er malt, er macht Musik. Für den retro-futuristischen Band „The Electric State“ war er im vergangenen Jahr mehrfach nominiert – so für den Locus- sowie den Arthur C. Clarke-Award.  Beide Auszeichnungen würdigen Werke aus dem Science-Fiction- beziehungsweise Fantasy-Bereich.

Schatz im Buchregal

Dieser Band, ein Kunstwerk an sich in seinem besonderen Format und der einzigartigen Gestaltung, lässt sich auch nach der Lektüre des Textes immer wieder in die Hand nehmen, um darin zu blättern und sich intensiv mit dem Geschehen und der Thematik auseinanderzusetzen. Er ist ein Schatz im Buchregal und zugleich Anregung, sich die weiteren Bände des Schweden zu nähern. Nach dem jüngst erschienenen illustrierten Roman „Tales from the Loop“ kommt im Oktober die Fortsetzung mit dem Titel „Things from the Flood“ in die Läden. Stålenhags Zeichnungen bilden im Übrigen die Grundlage einer Amazon-Prime-Serie, die am 3. April Premiere feiert. PS: Doch denkt beim Buchkauf bitte nicht an Amazon!


Simon Stålenhag: „The Electric State“, erschienen im Verlag Fischer Tor, aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat; 144 Seiten, 34 Euro

Bild von MITCH WRIGHT auf Pixabay

4 Gedanken zu „Simon Stålenhag – „The Electric State““

  1. Ohhhhh das hat mir gerade ein früherer Kollege ganz ganz arg ans Herz gelegt. Wollte es mir eigentlich zum Geburtstag wünschen, aber ich glaube ich brauche das jetzt schon gleich.

    Das klingt irre gut – danke für den Tipp :)

    Ganz liebe Grüße, Sabine

    Gefällt 1 Person

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