Tommi Kinnunen – „Das Licht in deinen Augen“

„Jeder Mensch muss entscheiden, ob er sich vor der Welt fürchten will oder nicht.“ 

Von einem Dorf im Norden Finnlands hat das Leben sie in die Stadt geführt. Schon in der Jugend verlassen Helena und ihr Neffe Tuomas ihren Heimatort. Sie wird bereits als Kind von ihren Eltern auf die Blindenschule geschickt, er entflieht der Familie als Student. Lange hat Tuomas seine Homosexualität verheimlicht. Beide gehen ihre Lebenswege – nicht ohne Schicksalsschläge zu erfahren. Beide sind mit ihrer Familie verbunden – mehr oder minder. Nach „Wege, die sich kreuzen“ hat der Finne Tommi Kinnunen einen zweiten, ebenfalls beeindruckenden Band über die Familie Löytövaara geschrieben – erneut mit Geschichten und Personen aus der eigenen Familie als Grundlage.

Preisgekröntes Debüt

In seinem Heimatland hat Kinnunen, 1973 geboren, mit seinem bereits 2014 im Original erschienenen Erstling für einen Bestseller gesorgt. Das muss in einem lesefreudigen Land wie Finnland nicht unbedingt viel heißen. Doch auch die Kritiker würdigten sein Debüt.  Der Finne war für den renommierten Finlandia-Preis und den Europäischen Literaturpreis nominiert. Wie in seinem ersten Roman spannt er den zeitlichen Bogen in seinem jüngsten Werk sehr weit. Vom Zweiten Weltkrieg bis in die jüngste Vergangenheit. Möglich macht dies der besondere Fokus auf die beiden, auch sehr speziellen Familienmitglieder.

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Helena erlebt die Schrecknisse des Krieges, die Zwangsevakuierung an der Seite ihrer Eltern Lahja, einer Hebamme, und Onni, der nach seiner Zeit als Soldat unter Depressionen leidet, in einer Nervenheilanstalt sein Dasein fristet und sein ganzes Leben seine sexuelle Orientierung verheimlichen musste. Tuomas erlebt seine Kindheit indessen in den friedvollen 1980er-Jahren, als Sohn von Helenas Bruder Johannes, der mit seiner Frau Kaarina das familieneigene Fotogeschäft weiterführt.  Helena, überaus musikalisch, besucht nach ihrer Ausbildung in der Blindenschule in Helsinki die renommierte Sibelius Akademie. Sie spielt mit viel Talent Klavier, arbeitet später als Klavierstimmerin. Ihr Neffe studiert hingegen Wirtschaft an der Hochschule in Turku. Er besucht häufig die finnische Hauptstadt, um dort während seiner Streifzüge den ganzen Kontrast zu der ländlichen Heimat zu erfahren. Beide führt das Leben regelmäßig zusammen, kommt es zu Begegnungen, vor allem in Helenas letzten Lebensjahren pflegen sie einen intensiven Kontakt.  Denn beide verbindet ein Leben abseits der sogenannten gesellschaftlichen Norm. Immer wieder erfahren sie abfällige Bemerkungen und Reaktionen, Intoleranz, ja gar Hass. Sogar in der scheinbar modernen Zeit. Ihr Anderssein und damit ausgegrenzt zu sein prägt ihr ganzes Dasein.  

„Es gibt zweierlei Menschen, solche, die gehen, und solche, die bleiben. Diejenigen, die gegangen sind, sehen sich immer nach dem Ort zurück, von dem sie sich losgerissen haben.“

Doch mit Helena und Tuomas hat Kinnunen zugleich zwei sehr starke Charaktere geschaffen, die ihren Weg gehen, auch Grenzen überschreiten,  vor allem jene in Form von Normen und der an sie gestellten Erwartungen. Wenngleich sie nicht von Schicksalsschlägen verschont bleiben. Nach harmonischen Jahren mit ihrem Lebensgefährten Kari erlebt Helena die Schattenseiten dieser Beziehung: Er trinkt, er erniedrigt und verlässt sie schließlich für eine andere Frau. Tuomas ist indes lange auf der Suche nach der großen Liebe. Mit Osku erfüllt sich schließlich der Traum, wenngleich eine besondere Hoffnung des Paares für immer unerfüllt bleibt.

Sinnliche Szenen: Helena als Ich-Erzählerin

Obwohl der Blick auf das wechselvolle Leben der beiden Hauptfiguren liegt, vergisst Kinnunen nicht das Umfeld innerhalb der Familie und die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitglieder auszuleuchten. Verschiedene Zeitebenen treffen da aufeinander. Erinnerungen und Träume verschmelzen. Während Tuomas Erlebnisse und Erfahrungen von einem auktorialer Erzähler geschildert wird, berichtet seine Tante selbst. Beide Berichte, die sich abwechseln, sind ganz unterschiedlich in ihrem Stil. Letzterer zeichnet vor allem eine besondere Sinnlichkeit aus. Denn aufgrund ihrer Blindheit vermag es Helena, ihre restlichen, speziell ausgeprägten Sinne auf besondere Art und Weise einzusetzen.

In dem Roman, der zugleich Einblicke in die Gesellschaft sowie jüngere Geschichte Finnlands gibt, finden sich sehr eindrückliche weil persönliche Szenen, die mal von belasteten Beziehungen, aber auch von einer innigen Verbundenheit zwischen einzelnen Familienmitglieder erzählen: Wenn Helena ihren Vater in der Nervenheilanstalt besucht, Tuomas als Kind mit seinem Vater in der Dunkelkammer steht und dieser viele Jahre später seiner schwer kranken Schwester in ihren letzten Tagen nicht von der Seite weicht. „Das Licht in deinen Augen“ ist nicht nur ein ungemein klug konstruierter, sondern auch ein überaus menschlicher und berührender Roman, der sowohl über Individualität und den Mut, den eigenen Lebensweg zu gehen, als auch von der Kraft des Miteinanders erzählt. Am Ende könnte es bei dem einen oder anderen Leser Tränen geben. Doch gerade so bleibt dieses Buch in besonderer Erinnerung.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „literaturreich“,


Tommi Kinnunen: „Das Licht in deinen Augen“, erschienen im Penguin Verlag in der Übersetzung aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara; 368 Seiten, 22 Euro

Bild von Michal Jarmoluk auf Pixabay

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