Liz Moore – „Long Bright River“

„Die Welt verdunkelt sich an den Rändern.“ 

Philadelphia: Die für nordamerikanische Verhältnisse recht alte Stadt, die liebevoll Philly genannt wird, haben einst Bruce Springsteen und Elton John besungen. 1,6 Millionen Menschen leben in der Ostküsten-Metropole, die auch vom Wasser des breiten Delaware River geprägt wird. Doch wie es jeder Großstadt eigen ist – hinter glänzenden Hochhaus-Fassaden wartet das Dunkle, Armut, Schmutz und Kriminalität. Die amerikanische Autorin Liz Moore hat mit „Long Bright River“ einen eindrucksvollen weil komplexen Roman geschrieben, der sich verschiedenen Thematiken annimmt.

Abstieg eines Viertels

Philadelphia ist das Zuhause der Polizistin Michaela „Mickey“ Fitzpatrick. Tagtäglich führen ihre Wege sie in das Problemviertel Kensington, das einst weitaus bessere Zeiten erlebt hat. Statt nobler Geschäftsstraßen und Bürgerhäuser, wie es ein Zitat aus dem Jahr 1891 zu Beginn des Buches beschreibt, ist Kensington heute der größte Drogenmarkt an der Ostküste. Hier fährt Mickey Streife, konfrontiert mit den unterschiedlichsten Delikten, hier befindet sich auch das „Revier“ ihrer jüngeren Schwester Kacey, die der Sucht erlegen und in die Prostitution abgerutscht ist. Zwischen beiden herrscht seit einigen Jahren Funkstille. Lang ist es her, seitdem sie miteinander gesprochen haben. Sie sehen sich nur noch aus sicherer Entfernung. Als eines Tages die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, sorgt sich Mickey mehr und mehr um ihre Schwester, die bereits seit einigen Wochen verschwunden ist.

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Dann wird die nächste junge Frau erdrosselt aufgefunden – und es soll nicht die letzte sein. Die Ermittler gehen mittlerweile von einem Serientäter aus. Mickey begibt sich mit Hilfe ihres einstigen Partners Truman neben ihrem eigentlichen Job auf Suche nach Kacey. Sie nimmt wieder Verbindung zu Familienmitgliedern auf, denen sie seit einiger Zeit aus dem Weg gegangen ist, gemeinsam mit Truman hört sie sich im Viertel an zwielichtigen und nicht ungefährlichen Orten um. Doch von Kacey fehlt jede Spur, bis Mickey im Haus ihrer Großmutter, wo sie mit ihrer Schwester aufgewachsen ist, für sie unbekannte Briefe entdeckt, die ein anderes Licht auf ihre Familie werfen und folgenreiche Lügen offenbaren.

„Die Stadt verändert sich unaufhaltsam. Die Ausgebooteten, die Süchtigen, weichen aus und sortieren sich neu und finden andere Plätze, um sich einen Schuss zu setzen, und werden nur manchmal gesund.“

Die Geschwister wachsen in einfachen Verhältnissen auf. Ihre Eltern leben nur noch in Mickeys Erinnerungen. Erzogen von einer gefühlskalten Großmutter, wird Mickey, in er Jugend geprägt von dem engen Verhältnis zu einem älteren Detective, Polizistin, ihr großer beruflicher Traum bleibt indes nur ein Traum. Privat füllt sie die Rolle einer alleinerziehenden Mutter aus. Ihr vierjähriger Sohn Thomas ist ihr Ein und Alles, hinter der innigen Beziehung steckt indes ein Geheimnis, das der Leser erst im letzten Teil des Buches erfährt. Alkohol, Drogen und Prostitution begleiten hingegen Kacey seit ihrer Jugend. Schon in jungen Jahren überlebte sie eine Überdosis nur knapp.

Erdrückendes Porträt von Stadt und Gesellschaft

Die Heldin und Ich-Erzählerin berichtet abwechselnd von Gegenwart und Vergangenheit, die einzelne Abschnitte sind mit „jetzt“ und „damals“ überschrieben. Diese Zeitsprünge und damit der Blick auf eine wechselvolle Geschwister-Beziehung, die, einst innig, mit der Zeit zerbrach, lässt die Kriminalgeschichte nahezu in den Hintergrund treten. Mit der Schilderung von Mickeys Arbeit und des Schicksals ihrer Schwester wird Moores Roman zugleich zu einer gesellschaftskritischen Milieustudie, die ein eindrückliches wie erdrückendes aktuelles Porträt von Stadt und Gesellschaft zeichnet, in der die Mittelschicht dramatisch verarmt und innerhalb des sozialen Gefüges abrutscht. Selbst die Ambitionen und Lebensziele Mickeys bleiben unerfüllt, da ihr die Großmutter Steine in den Weg gelegt hat, mit dem Ziel, ihrer Enkeltochter keinen Aufstieg zu ermöglichen. Die Grenzen zwischen den einzelnen Schichten scheinen nahezu undurchlässig.

„Long Bright River“ ist der bereits vierte Roman der 1983 geborenen US-Amerikanerin, die wie ihre Heldin mit ihrer Familie in Philadelphia lebt und damit die Stadt gut kennt. 2007 erschien mit „The Words of Every Song“ ihr Debüt, sieben Jahre später erhielt sie den Rome Prize der American Academy in Rom.  Moore hat mit ihrem aktuellen Werk mehr als nur einen spannenden Krimi geschrieben, dessen Fall auch einen kritischen und ernüchternden Blick hinter die Kulissen der Polizeiarbeit wirft. Wie die Autorin die verschiedenen Themen und auch Lebensgeschichten zusammenführt, ist meisterhaft. „Long Bright River“ stand im Februar und März auf der Krimibestenliste von Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Deutschlandradio Kultur. Eine vollauf verdiente Würdigung.  

Weitere Besprechungen auf den Blogs „letteratura“, „LiteraturReich“ und „AstroLibrium“.


Liz Moore: „Long Bright River“, erschienen im Verlag C. H. Beck, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann; 413 Seiten, 24 Euro

Foto von Fredy Martinez auf Unsplash

 

3 Gedanken zu „Liz Moore – „Long Bright River““

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