Jürgen Hosemann – „Das Meer am 31. August“

„Allein mit dem Meer zu sein hieß eben vor allem auch, allein zu sein.“

In einer modernen Gesellschaft, in der das Motto „Schneller, höher, weiter“ gilt, ist gefühlt kein Raum mehr für die Schönheit und Faszination des Alltags und des vermeintlichen Nicht-Geschehens. Der Ruf nach mehr Achtsamkeit steht der Gier nach Happening, Rausch und Sensationen gegenüber. Wissen wir noch, welche und wie viele kleine und immer wiederkehrende Dinge an einem Tag um uns herum einfach nur sind oder geschehen? Mit seinem wundersamen Band „Das Meer am 31. August“ lädt Jürgen Hosemann nicht nur dazu ein, darüber nachzudenken.

Tag der Beobachtungen und Begegnungen

Denn zuallererst erfährt der Leser einen Ortswechsel. Wir sind in Grado. Ein kleiner überschaubarer Ort mit nicht einmal 9.000 Einwohner an der italienischen Adria-Küste. Dorthin hat es den Autor samt Frau und Tochter verschlagen. Am 31. August geht er in aller Frühe zum Strand, gegen 4.45 beginnt für ihn der Tag. Ein Tag der Beobachtungen, Begegnungen und des Gedankenstroms nimmt seinen Lauf. Hosemann lässt das Meer, die mannigfaltigen Geräusche und das Licht auf sich wirken. Er nimmt kleine, oft auch wiederkehrende Geschehnisse, sowohl die Stille als auch die allmählich erwachende Betriebsamkeit wahr. Mit dem Ende der Nacht kommen das Müllauto und der den Strand begradigende Radlader, die ersten Jogger und Radfahrer.

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Zwischen all den eigenen Bewegungen hin zum Wellenbrecher, die Strandpromenade entlang oder zum Limonaden-Kauf in den Supermarkt sucht Hosemann die Ruhe, den Stillstand. Er blickt zum Horizont, wo sich Himmel und Wasser begegnen, aufs Meer hinüber zur slowenischen und kroatischen Küste, wo Orte wie Triest, Koper und Isola aus der Ferne grüßen. Dieses Land ist Grenzland. Er spricht mit sich selbst, horcht in sich hinein, erwähnt den Schriftsteller Wolfgang Hilbig (1941 – 2007), dessen Werke er herausgegeben hat. Er erinnert sich an einstige Touren, sinniert über die Freizeit des Reisens, über das Vergehen der Zeit. Schlaglichtartig führt er zudem in die Geschichte der Region. So vergehen die Stunden, keine Minute gleicht indes der anderen. Immer ist etwas anders, die verschiedenen Sinne nehmen die Veränderungen auf, trifft das Alltägliche auf das Besondere. Manches wird mit einem Augenzwinkern bedacht. Bis gegen 2.15 Uhr, als der neue Tag den vorhergehenden ablöst, das Licht bald wieder erscheinen wird.

„Jetzt ist das Sichtbare unsichtbar und das Unsichtbare sichtbar, erhellt durch meine Gedanken. Es ist so dunkel, als wolle das Licht nie mehr zurückkehren. So dunkel, dass die Erinnerung das Einzige ist, was man sieht. So dunkel, dass ich alles sehen kann.“

Licht, Meer und die Zeit bilden die großen immer wiederkehrenden Konstanten dieses Bandes, der zwar schmal, aber faszinierend vielfältig und reichhaltig ist und geradezu meditativ wirkt. Stillstand an einem Ort heißt nicht, dass Langweile herrscht, dass nichts geschieht. Es kommt auf den Betrachter an, kleinste Veränderungen und die Besonderheit eines Ortes wahrzunehmen. Ein Strand in unmittelbarer Nähe zum Meer, das Hosemann als „riesiges, träges Lebewesen“ bezeichnet und mit der Wahrnehmung von Ewigkeit verbindet, ist da sicherlich eine gute Wahl, um sich der Übung des konzentrierten Verharrens zu stellen.

Gedankliche Tiefe

Hosemann, 1967 in der Eifel geboren und in Frankfurt/Main als Lektor tätig, hat neben den Werken Hilbigs in der Vergangenheit Anthologien vor allem im Bereich der Reiseliteratur herausgegeben. In seinem aktuellen Band vereint er auf poetische Art und Weise die Formen der Reportage und des Essays mit der modernen Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms. „Das Meer am 31. August“ ist eine faszinierende literarische Perle, ein Geschenk an all jene Leser, die noch immer im Unaufgeregten und in der Stille gedankliche Tiefe spüren (wollen). Mit seinem geringen Umfang passt es praktisch in kleine Taschen, eignet sich vortrefflich für einen Nachmittag auf dem Balkon, am Strand oder während einer Zugfahrt. Ein Nachsinnieren an späteren Tagen und ein Weiterverschenken an Gleichgesinnte kann nicht ausgeschlossen werden.


Jürgen Hosemann: „Das Meer am 31. August“, erschien im Berenberg Verlag; 112 Seiten, 18 Euro

Bild von jagerhoferm auf Pixabay

3 Gedanken zu „Jürgen Hosemann – „Das Meer am 31. August““

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