Agnete Friis – „Der Sommer mit Ellen“

„Neue Schichten über den alten. Jetzt war alles weiß gestrichen.“ 

Wer hat nicht die besonders prägenden Erinnerungen an eine besondere Zeit. Tage, Wochen, Monaten, an die man in Gedanken oft zurückkehrt. Eine Zeit, nach der alles anders war – und ist. Für Jakob ist es der Sommer mit Ellen im Jahr 1978. Eine junge Frau wird für den 15-Jährigen zur ersten großen Liebe, die eines Tages verschwindet, während in seinem Heimatort eine tragische Begebenheit für Entsetzen sorgt und den Einsatz der Polizei erfordert. Die Dänin Agnete Friis hat mit „Der Sommer mit Ellen“ einen sehr bildhaften und beklemmenden Roman geschrieben, der dem Leser zusetzen wird.

Ein Anruf aus der Vergangenheit

Denn die vermeintlich dänische Idylle aus malerischem Sandstrand und süßem Softeis sucht der Leser hier vergeblich. Friis zeichnet ein recht düsteres, trostloses, teils auch schockierendes Bild. Die Handlung steigt ein mit einem Anruf, der den Helden und Ich-Erzähler zurück in die Vergangenheit versetzt. Jakob, mittlerweile 53 Jahre alt, geschieden und als erfolgreicher Architekt in Kopenhagen lebend, wird eines Tages von seinem Großonkel Anton kontaktiert. Er bittet ihn, die Sache mit Ellen zu klären. Jakob macht sich auf den Weg nach Ostjütland. Denn viel hält ihn nicht in der Großstadt – ohne Familie, ohne Job, da er aus dem Architektur-Büro herausgedrängt wurde. Damals im Sommer hat er für Anton und dessen Bruder auf dem Bauernhof gearbeitet, um sich wie schon seine Mutter, die regelmäßig ihren Koffer gepackt hatte, seinem trinkenden und jähzornigen Vater zu entfliehen. Selbst wenn die schwere Arbeit auf den Feldern und Ställen eine quälende Schufterei ist, Tiere oft bestialisch behandelt werden.

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In diesen Sommertagen lernt er die um einige Jahre ältere Ellen kennen, die einer Hippie-Kommune angehört, die abgeschieden vom Dorf und kritisch beäugt von den Einwohnern lebt. Ellen verlässt die Gemeinschaft und ihren Freund Karsten. Sie zieht bei Anton und dessen Bruder Anders auf dem Bauernhof ein. Ellen ist eine Frau, nach der sich die Männer scharenweise umdrehen. Wie sein zweiter Großonkel Anders ist auch Jakob, der schon als Jugendlicher den Wunsch hat, Architekt zu werden und viel und gut zeichnet, fasziniert von ihr. Er verbringt mehr und mehr Zeit mit ihr. Sie sprechen über Kunst und die Zukunft. Eines Tages wird mit Lise die Schwester von Jakobs Freund Sten vermisst. Wenig später verschwindet auch Ellen spurlos. Was ist damals wirklich, vielleicht sogar ein Gewaltverbrechen geschehen?

Trostlose Einförmigkeit

Es liegt sehr viel Spannung in dem Geschehen, das indes nicht an einen Krimi erinnert, sondern vielmehr mit dem Titel „Sozialstudie“ überschrieben werden kann.  Zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelnd, schildert Jakob mal die einstigen Ereignisse und die damalige Atmosphäre, mal seine neuerlichen Erlebnisse während seiner ambitionierten Suche in der Gegend und in dem Haus, in dem schon seine Urgroßmutter gelebt, hier sechs Kinder zur Welt gebracht hatte, in dem seit Jahrzehnten Anton und Anders – ein in der deutschen Übertragung für sein Wesen perfekter Name – zu Hause sind. Trotz ihres mittlerweile betagten Alters führen die Brüder den Hof weiter, Jakobs einstiger Freund hat den Geflügelhof seines Vaters übernommen. Dieser Ort und die Menschen, die hier leben, scheinen Veränderungen nicht zu kennen. Und wenn es zu besonderen Ereignissen kommt, wird geschwiegen. Es ist der immergleiche, sehr harte Alltag mit oft auch unschönen, hässlichen Szenen, der sie prägt, der sie aushöhlt, stumpf und auch gewalttätig macht. Jakob konnte dieser Einförmigkeit, der Trostlosigkeit und Gewalt halbwegs entfliehen, wenn gleich er nicht unberührt blieb von seinen Erlebnissen – und auch Schuld auf sich geladen hat.

„Die Wahrheit über diese Eiche liegt darin, wie sie sich nach dem Licht gestreckt und gebeugt hat. Damit hat sie die Zeit in den letzten tausend Jahren verbracht.“

Dieser Roman fasziniert durch seine virtuose Sprache. Friis schildert atmosphärische Szenen und eindrücklich die Psychologie der Figuren. Herausragend beschreibt sie auch die Natur, gestaltet so den ländlichen Raum sehr detailreich aus. Viele Pflanzen- und Tiernamen finden sich in diesem Buch, dem anzumerken ist, dass die Autorin auf dem Land aufgewachsen ist. Der Roman spielt mit den Erwartungen des Lesers, der sich Gedanken über das rätselhafte Verschwinden beider Frauen macht. Geschickt setzt die Autorin Hinweise zum Verbleib von Ellen, der ebenfalls wie das Schicksal von Lise schließlich geschildert und aufgelöst wird.

Mit ihrem Roman stand die Dänin 2018 auf der Shortlist für den Preis um den besten dänischen Roman. Friis, 1974 geboren, wuchs in Jütland, dem Ort des Geschehens ihres Romans, auf. An der Seite von Lene Kaaberbol schreibt sie an der Krimi-Reihe um die Ermittlerin Nina Borg, die auch ins Deutsche übersetzt wurde. „Der Sommer mit Ellen“ ist keineswegs ein Wohlfühl-Buch, der Name kann täuschen. Friis‘ Werk erinnerte mich etwas an „Was man sät“ von der jungen niederländischen Autorin Marieke Lucas Rijneveld. Beides Bücher über das Landleben mit sehr düsteren Szenen und beides Bücher, die in Erinnerung bleiben.

Eine weitere Besprechung gibt es auf „Ankes Blog“.


Agnete Friis: „Der Sommer mit Ellen“, erschienen im Eichborn Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Thorsten Alms; 335 Seiten, 22 Euro

Foto von Stephen Mayes auf Unsplash

3 Gedanken zu „Agnete Friis – „Der Sommer mit Ellen““

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