Lars Mytting – „Die Glocke im See“

„(…) dass die Zeit nicht nur Verfall brachte, sondern die Dinge auch ehrte.“

Wer Norwegen bereist, kommt an ihnen nicht vorbei. Obwohl es nicht mehr viele im Land gibt. Von einst rund 750 Stabkirchen existieren heute nicht einmal mehr 30 der markanten eindrucksvollen Gotteshäuser aus Holz. Lars Myttings historischer Roman „Die Glocke im See“ erzählt von einer Stabkirche, von einer besonderen grenzüberschreitenden Liebe und dem ambivalenten Verhältnis zwischen Fortschritt und Tradition.

Von Dresden in den Norden

Es ist eine Zeit, in der Norwegen noch zu Schweden gehört, von anderen Ländern etwas müde belächelt wird ob seiner Rückstandigkeit. Eine Zeit, in der nach und nach die historischen Stabkirchen abgebaut werden, um, einer Bevölkerungsexplosion geschuldet, Platz für neue und größere zu schaffen. Man schreibt das Jahr 1880. Auch die Stabkirche der Gemeinde Butangen im idyllischen, aber damals auch abgelegenen Gudbrandsdal soll weichen – aber an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. So der Plan des ambitionierten Pfarrers Kai Schweigaard, der Verbindungen ins ferne Deutschland unterhält. Gerhard Schönauer, ein ehrgeiziger Architektur-Student an der Kunstschule in Dresden, bekommt von seinem Mentor den Auftrag, das hölzerne Gotteshaus mit seinen zwei sagenumwobenen Glocken und seinen eindrucksvollen Schnitzereien nach Sachsen zu bringen. In Norwegen verliebt er sich in Astrid, eine junge kluge Frau, die in den Diensten des Pfarrers stand, mehr aus ihrem Leben machen will und die Gefühle des Fremden erwidert – zum Ärger Schweigaards, der ebenfalls ein Auge auf Astrid geworfen hat.

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Spannungen entstehen zwischen diesen drei Menschen, die gar nicht so verschieden sind. Gemeinsam haben sie den Ehrgeiz, ihr Leben und ihr Umfeld nach ihrem Willen und ihren Fähigkeiten gemäß zu gestalten. Gerhard will ein berühmter Architekt werden, mit sehr viel Eifer und konzentriert beschäftigt er sich mit der Stabkirche. Auch angefacht von der Liebe Astrids zu dem 700 Jahre alten Gebäude. Sie kann sich ein Leben an der Seite des Deutschen im fremden Dresden vorstellen. Beide haben gemeinsame Ziele und Träume. Der Pfarrer hat indes Pläne für die Gemeinde und das Gemeindeleben.  Die neue Kirche soll ein Symbol, ein Signal sein. Obwohl die historische, im 12. Jahrhundert erbaut, den Bewohnern weit mehr am Herzen liegt. Ist sie doch ein Stück Tradition und erinnert mit ihren Doppel-Glocken aus Bronze und Silber und ihrem markanten Klang an ein besonderes Schwesternpaar und dessen Schicksal. Eine Geschichte, die den Leser noch weiter in die Historie Norwegens führt und die auf Sagen aus den mittelnorwegischen Orten Vekkom, Trosnes und Brekkom zurückzuführen ist, wie Mytting in einem kurzen Nachwort zu seinem Roman schreibt.

„So, wie einst die beiden Zwillingsschwestern nicht voneinander loskamen, so erwachte eine widerstreitende Regung in ihr, zwei Neigungen, die nie miteinander würden überleben können. Denn eines hatte sie in Butangen gelernt; zum Weggehen brauchte es einen starken Willen, zum Bleiben aber auch.“

Der historische Roman des Norwegers erzählt nicht nur eine tragisch endende Liebesgeschichte im Spannungsverhältnis zwischen Heimat und Fremde, Lebenstraum und Erwartungen, sondern eben auch von dem besonderen kulturellen Erbe des nordischen Landes in Form der eindrucksvollen Stabkirchen. Einmal mehr zeigt sich mit diesem Sujet wohl die Liebe des Autors zum Holz, in dem sich in Kontrast zum evangelischen Christentum die nordische Götterwelt in Form von kunstvollen, nahezu wie lebendig wirkenden Schnitzereien wiederfindet. Bereits in seinen vorherigen Romanen „Der Mann und das Holz. Vom Fällen, Hacken und Feuermachen, eine kleine Kulturgeschichte des Holzes“ und „Die Birken wissen’s noch“ (beide Insel) nimmt er sich des rustikalen Naturstoffes an. 

Zugleich schildert der wunderbare Roman, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, von der engen Beziehung zwischen Deutschland und Norwegen, auch anhand des Malers Johan Christian Dahl (1788 – 1857), der mehrere Jahrzehnte in Dresden lebte und wirkte, einen Band über Stabkirchen seiner Heimat verfasste und im Roman erwähnt wird. Dahl sorgte einst dafür, dass die zum Abriss vorgesehene Kirche im norwegischen Wang schließlich im Riesengebirge (heute Karpacz/Polen) wiedererrichtet wurde. Zugleich entstanden in Deutschland im folgenden 20. Jahrhundert mehrere Nachbauten norwegischer Stabkirchen, so in Stiege (Harz) und im Goslaer Ortsteil Hahnenklee.

Entbehrungsreiches Leben

Mytting, 1968 in Fåvang und damit selbst im Gudbrandsdal geboren, lässt den Leser eine ganz besondere emotionale und menschliche Beziehung zum Thema und den Charakteren auf nahezu unnachahmliche Weise spüren. In einer sehr bildreichen Sprache lebt die damalige Zeit und das schwere, entbehrungsreiche Leben in den ländlichen Gebieten Norwegens, aber auch der Glanz der Stadt an der Elbe auf. Die unterschiedlichen Perspektiven von Kai, Astrid und Gerhard vermitteln indes Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der drei Helden, wobei die des Pfarrers wohl letztlich gegen Ende für die größte Überraschung sorgen wird.  In „Die Glocke im See“ verbinden sich zudem Humor – so gibt es auch einige selbstironische Seitenhiebe in Richtung des nordischen Landes und seiner Bewohner – und eine sehr berührende Melancholie miteinander. Denn das überraschend tragische Schicksal von Astrid und Gerhard bricht schier das Herz des Lesers. Mytting scheint kein Freund von Happy Ends zu sein, es sei denn das Glück findet sich in den kommenden beiden Bänden und im Leben der Nachfahren von Gerhard und Astrid.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Mona Lisa bloggt“ und „Ankes Blog“.


Lars Mytting: „Die Glocke im See“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel; 482 Seiten, 12 Euro

Foto von Stephen Roth auf Unsplash

3 Gedanken zu „Lars Mytting – „Die Glocke im See““

  1. Ich mochte das Buch wirklich sehr und bin schon gespannt, wie die Geschichte weiter geht. Anfang Oktober erscheint die Fortsetzung in Norwegen unter dem Titel „Hekneveven“. Vielen lieben Dank fürs Verlinken und Grüße.

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