Lutz Seiler – „Stern 111“

„Es ging darum, dass wir es sind, die entscheiden.“

Unbegreiflich, unfassbar: Die Wende, von manchen auch friedliche Revolution genannt, wird im Rückblick mit verschiedenen Wörtern beschrieben, die alle allerdings eine Gemeinsamkeit vereint: Sie tragen ein Staunen in sich. Ich war 12 als die Mauer fiel, sich die Grenzen zwischen West und Ost öffneten, an den Grenzübergängen Tausende Hände auf die Motorhauben von Trabi, Wartburg und Lada schlugen. Ich erinnere mich an jenen Abend im November 1989, als meine Eltern auf der Couch saßen und die Nachrichten schauten, die so unglaublich erschienen. Wir lebten in einem Dorf im damaligen Bezirk Dresden, das für sein Rohrwerk und als NVA-Standort bekannt war. Geflissentlich wurde die Region im heutigen Landkreis Meißen als Tal der Ahnungslosen bezeichnet, weil der Westrundfunk schlecht zu empfangen war. Ich wuchs also ohne „Pumuckl“ oder „Sesamstraße“ auf.

Wenige Tage nach dem Mauerfall

Obgleich ich als Kind diesen historischen Moment noch nicht einordnen konnte, wurde ich Zeugin jenes geschichtlichen Ereignisses und jenen Veränderungen, die darauf folgten. Ich möchte nicht sagen, dass der Roman „Stern 111“ von Lutz Seiler vor allem Leser, die die DDR und ihr Ende erlebt haben, ganz besonders berührt, aber ich behaupte, dass die Lektüre dieses wundervollen Buches gerade im Wesen jener eine spezielle Saite anschlägt. Doch nun endlich zum Roman.

Seiler

Wenige Tage nach dem Mauerfall verlassen Inge und Walter Bischoff ihr trautes Heim im thüringischen Gera, um in den Westen zu gehen. Ihr bereits erwachsener Sohn Carl soll aus Halle/Saale zurückkehren, ihnen über die Grenze helfen sowie Haus, Werkstatt,  Apfelwein und Einweckgläser sowie den Shiguli, den Stolz der Familie, übernehmen. Während seine Eltern auf der Suche nach einem neuen Heim und neuen Job in den folgenden Monaten eine Odyssee durch die BRD erleben, zieht es Carl indes nach Berlin. Er setzt sich in den Shiguli der Eltern und erreicht die einst geteilte Stadt. Er lernt das „Rudel“ um den charismatischen Hoffi kennen, Männer und Frauen, die im heutigen Prenzlauer Berg Häuser besetzen. Er wird Teil dieser bunten Gemeinschaft aus Gestrandeten, Überlebenskünstlern und Kunstschaffenden. Um sich finanziell über Wasser zu halten, fährt er Schwarz-Taxi oder kellnert in der urigen Keller-Kneipe „Assel“, die zu einem Treffpunkt der Szene wird, in der auch leichte Mädchen, russische Soldaten sowie Weltverbesserer anzutreffen sind. Nebenbei verfasst er Gedichte, fühlt er sich als Schreibender. Sein Traum: ein eigenes Buch zu veröffentlichen und nach der überraschenden Wiederbegegnung mit Effi, seiner großer Liebe mit traurigen Vergangenheit, zusammenzuleben.

Unwirklich erscheinende Szenen

Der Leser pendelt bei seiner Lektüre zwischen Berlin und Carls Erlebnissen sowie den verschiedenen Orten im Westen, in denen Inge und Walter stranden. Sie hatte einst im Backwaren-Kombinat gearbeitet, er war Spezialist in einem Datenverarbeitungszentrum in Gera. Seine Fähigkeiten sind im Westen sehr gefragt. Er hält zwischen Hamburg und München Kurse – unter Wert und per Scheck, der monatlich vor der Tür liegt, bezahlt. Während die Eltern nur wenig von Carls Zeit in Berlin wissen, erfährt der Sohn durch die Briefe der Mutter von den Erlebnissen seiner Eltern, die schließlich Deutschland den Rücken kehren und in die USA auswandern. Erst später erfährt Carl, weshalb Vater und Mutter die Heimat verlassen haben. Eine besondere Begegnung mit einem US-amerikanischen Pionier des Rock’n’Roll in den 1960er-Jahren spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Ein Ereignis, das wie die fliegende Ziege von Hoffi namens Dodo, unwirklich, ja bizarr erscheint. Doch wer bereits Seilers Roman „Kruso“, für den der Autor 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, kennt, wird nicht allzu überrascht sein. Auch im aktuellen Roman finden sich einige Szenen mit surrealen Zügen.  Ganz allgemein verbinden beide Werke so einiges: So tauchen Alexey „Kruso“ Krusowitsch und Ed wieder in „Stern 111“ auf, beschreiben beide Titel eine ganz spezielle Gemeinschaft, die einen Fremden aufnimmt. Zudem weisen die beiden Romane autobiografische Züge auf; wer die Handlung und die Biografie Seilers vergleicht, wird mehrere Parallelen erkennen.

„Für einen Moment beschlich ihn der Verdacht, dass die Welt, der er angehörte, klammheimlich verschwunden und er einer der Übriggebliebenen war, ein Stück angefaultes Treibholz auf dem großen breiten Strom der neuen Zeit.“

„Stern 111“, für den der Verfasser im März dieses Jahres den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt,  versammelt sowohl recht normal und alltäglich wirkende Figuren als auch eine Reihe charismatischer Sonderlinge. Sie streben nach Freiheit, suchen nach dem Lebensglück in einer Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, der viele Möglichkeiten bietet, aber auch Mut erfordert. Carl und seine Eltern wollen ihren ganz eigenen Weg gehen – fern eingetretener Pfade und den Erwartungen der anderen.  Der Shiguli und das Stern-Radio sind dabei Symbole für eine vergangene Zeit, aber auch für die Verbindung zwischen Sohn und Eltern. Selbst Carl als „schreibender Arbeiter“ trägt ein Teil der DDR, das kulturelle Wunschbild per se, in sich.

Seiler hat mit „Stern 111“ einen atmosphärisch-dichten, sehr berührenden und sprachlich glänzenden Roman geschrieben, der angefüllt ist mit der damals einzigartigen Stimmung. Es geht um Euphorie und eine neue Zeit voller Veränderungen, aber auch um die Fremdheit zwischen Ost und West. Auch deshalb ist dieses Buch eines der Stunde, um über die vergangenen 30 Jahre nachzudenken und wohl auch eigene Erinnerungen und damit verbundene Emotionen wieder zu spüren.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs: „literaturleuchtet“, „Letteratura“, „LiteraturReich“, „buchrevier“


Lutz Seiler: „Stern 111“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 528 Seiten, 24 Euro

Foto: Lothar Spurzem/Wikipedia

5 Gedanken zu „Lutz Seiler – „Stern 111““

  1. Liebe Constanze,
    ich habe „Stern 111“ auch gerade zu Ende gelesen. Mir hat auch besonders gut gefallen, wie Seiler eine ganz besondere Atmosphäre geschaffen hat, eine „einzigartige Stimmung“, wie du schreibst. Die ja auch passt zur einzigartigen Situation dieser Wendezeit, in der alles noch möglich, in der alles noch in der Schwebe ist (wie Dodo). Und sprachlich glänzt der Roman auch wieder, wie schon „Kruso“.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Claudia, vielen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar. Du fasst es toll zusammen. An das Schweben von Dodo in Zusammenhang mit dieser Zeit habe ich gar nicht gedacht, aber ich finde Deinen Gedanken sehr spannend. Viele Grüße

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