Joachim B. Schmidt – „Kalmann“

„Unter einem Eisbären ist es dunkel. Und es ist still.“ 

Kalmann trägt Cowboy-Hut, Sheriffstern und eine Pistole – und das im tiefsten Island, das zu den am dünnbesiedelsten Regionen auf der Welt zählt und trotz der allseits beliebten Kriminal-Literatur eine Kriminalitätsrate hat, über die sich andere Länder wohl freuen würden. Doch auch ein kleiner Ort wie Raufarhöfn braucht seinen Helden, einen Beschützer. Selbst wenn er nicht zu den hellsten Köpfen gehört und eher Grönland-Haie jagt als Verbrecher. In seinem neuesten Werk erzählt der Schweizer und auf Island lebende Schriftsteller Joachim B. Schmidt mit Humor, aber auch Melancholie von einem Außenseiter, der über seine Fähigkeiten hinauswächst und ungewollt viel Aufmerksamkeit erhält.

Pamela-Anderson-Kissen auf der Couch

Kalmann Odinnsson, nach dem der Roman auch benannt ist, lebt in jenem kleinen Ort, im Nordosten der Atlantik-Insel gelegen. Wenn der 33-Jährige nicht auf dem Meer nach dem Grönland-Hai fischt und diesen zu Gammel-Hai verarbeitet oder nach dem Polarfuchs auf den weiten Ebenen jagt, plaudert er online mit seinem besten Freund Nói per Messenger, besucht seinen dementen Großvater im Pflegeheim oder schaut sich erfolgreiche TV-Serien wie „Der Bachelor“ von der Couch, auf der ein Pamela-Anderson-Kissen nicht fehlen darf, an. Der von vielen belächelte Außenseiter, der an Forrest Gump erinnert und in der Kindheit auch so gehänselt wurde, ist also trotz seiner nicht gerade überbordenden Intelligenz – er hat früh die Schule abgebrochen, seine Mutter hat die Vormundschaft übernommen – recht lebenstüchtig. Seinen Vater, ein einst auf Island stationierter amerikanischer Soldat, kennt er nur durch die wenigen Erzählungen der Mutter und seine eigenen, indes verschwommenen Kindheitserinnerungen.

Kalmann ist zugleich der Erzähler der Geschichte, die mit einem schrecklichen Fund ihren Anfang nimmt. Er stößt eines Tages auf dem Eis auf eine riesige Blutlache. Erst kurz zuvor war der „Chef“ im Ort, Róbert McKenzie, vermisst gemeldet worden. Er hat reichlich Kohle und Macht, besitzt ein Hotel und sorgt dafür, dass in Raufarhöfn der Tourismus einzieht und damit Geld fließt. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf, nichts ist, wie es einst gewesen war. In das sonst beschauliche Dorf mit seinen etwa 170 Einwohnern und in Kalmanns vorwiegend ruhiges Leben zieht ein regelrechtes Chaos ein, das noch verstärkt wird, als ein Sondereinsatzkommando McKenzies Hotel stürmt und der „Sheriff“ verhaftet wird. Später wird zudem die Leiche einer Nachbarin Kalmanns aufgefunden.

„Wir wissen überhaupt sehr wenig. Und ich finde das ganz tröstlich, denn ich weiß ja auch nicht viel über die Welt, und wer so tut, als hätte er auf alle Fragen eine Antwort, hat einen Schaden und mehr nicht.“

Schmidt hat einen amüsanten und unterhaltsamen Roman geschrieben, der dank überraschenden Wendungen und eines unvergesslichen Helden, der in Erdkunde ein Genie ist, die Fremde allerdings nur von Karten kennt, nie langweilig wird und zu einem unerwarteten, tierischen Showdown führt. Ich habe viel geschmunzelt, manchmal auch gelacht. Zugleich schildert das allerdings durchaus auch ernste, von einem Hauch Melancholie durchwehte Buch von einem sterbenden Dorf, das immer mehr Einwohner durch den Wegbruch des Fischfangs verliert und seine letzten Hoffnungen auf den Tourismus setzt. Der Roman trägt viele verschiedene Facetten in sich, ist teils Krimi, teils Porträt eines Menschen und seiner Heimat. Darüber hinaus ist die wechselvolle Geschichte mit Blick auf die besondere Hauptfigur überaus menschlich erzählt. Jeder wird wohl darin ein Thema, eine Szene, eine Passage finden, die ihn an diesen Roman emotional bindet.

„Die Fische gehörten eigentlich allen Isländern, wie mir Großvater einmal erklärt hatte, aber nur wenige Leute machten damit ein Vermögen.“

Kalmanns Gedanken sind dabei oftmals philosophische Perlen, die einen ob ihrer Einfachheit, aber auch Wahrheit schier verblüffen. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck und sagt, vielleicht auch wegen seiner Behinderung, stets, was er denkt und fühlt. Egal, ob er sich dabei lächerlich macht. Kalmann wächst dem Leser ans Herz. Es ist vielleicht die Botschaft des Romans, dass die Literatur auch über jene, die eben nicht schön, klug und reich sind, nicht einmal zu den „Normalen“ gehören, (viel mehr) erzählen sollte, allerdings ohne dass sie dabei der Lächerlichkeit preisgegeben werden und dass es eben auch Menschen gibt, die eben jene Außenseiter mögen und schätzen.

Raufarhöfn – ein realer Schauplatz

Dass der Schweizer Autor seine Liebe zu seiner zweiten Heimat, in der er 2007 mit seiner Familie ausgewandert ist, immer wieder durchscheinen lässt, macht dieses Buch zu einem Muss für alle Island-Fans, denn die nordische Landschaft nur wenig südlich des Polarkreises und die Nähe zum Meer werden eindrücklich beschrieben. Wer mag, kann nach Raufarhöfn, den Namen des durchaus realen Schauplatzes, googeln und etwas mehr über den Ort erfahren. Die Literatur der nordischen Länder ist bekannt für spezielle Helden und ihren besonderen Humor. Man denke da an den Kultroman „Elling“ des norwegischen Schriftstellers Ingvar Ambjørnsen oder die Bücher des Isländers Hallgrímur Helgason oder des Finnen Arto Paasilinna. Und wie „Elling“ hätte die Geschichte Kalmanns durchaus das Potenzial, weiter erzählt zu werden. Auf ein Neues?

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Astro-Librium“.


Joachim B. Schmidt: „Kalmann“, erschienen im Diogenes Verlag; 352 Seiten, 22 Euro

Foto von Ivars Krutainis auf Unsplash

9 Gedanken zu „Joachim B. Schmidt – „Kalmann““

  1. Eine Fortsetzung wäre auch mein Herzenswunsch. Kalmann ist ein so absolut cooler und liebenswerter Protagonist, dass man gern mehr lesen möchte über ihn und dieses geheimnisvolle Raufarhöfn.
    Schöne Besprechung!

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe das Buch am Sonntag ausgelesen und bin genauso begeistet wie Du. Kalmann ist mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen. Und den Showdown am Ende fand ich so überraschend wie großartig.

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