Santiago Amigorena – „Kein Ort ist fern genug“

„Wir sind Juden. Ich bin Jude. Aber wir wissen nicht, was das bedeutet. Nicht einmal ansatzweise.“

Ein ganzer Kontinent und ein Ozean trennen sie. 1928 hat Vicente Rosenberg Polen verlassen und ist nach Argentinien ausgewandert. In der Heimat zurückgeblieben sind seine Mutter und seine Geschwister. Von der Ferne muss er mit ansehen, wie die jüdische Bevölkerung bedroht wird, der Krieg beginnt, Ghettos entstehen.  Der Autor und Filmemacher Santiago Amigorena hat mit „Kein Ort ist fern genug“ ein erschütterndes und wichtiges Buch über die Shoah aus einer anderen Perspektive geschrieben – aus der der Überlebenden, die bereits vor dem Grauen Europa verlassen hatten, aber trotzdem von dem unfassbaren Verbrechen gezeichnet, ja unwiderruflich traumatisiert sind.

Überwältigende Qual der Schuld

Vicente Rosenberg hat es geschafft. Er ist erfolgreicher Geschäftsmann, verkauft Möbel. Er ist Familienvater und hat mit Rosita seine große Liebe gefunden. Sie werden Eltern von drei Kindern. Seine Erinnerungen an die Vergangenheit in Polen sind nahezu verblasst. An den Umzug in der Kindheit aus dem jüdischen Schtetl nach Chelm, an die Zeit als junger Offizier der polnischen Armee, an die antisemitische Stimmung, deren Zeuge er wurde. Doch dann erreichen beunruhigende Nachrichten über Deutschland und den Krieg, von Judenverfolgung und -vernichtung das ferne Südamerika. Rosenberg beginnt, aufmerksamer die Zeitungen und die Meldungen, die die einen für unfassbar halten, die bei anderen unweigerlich Schrecken auslösen, zu lesen.  Rosenberg bangt um seine Familie, Schuld überwältigt ihn, weil er es nicht versucht hat, die Mutter und die Geschwister nach Südamerika zu holen, während er sich in Buenos Aires ein sicheres und wohlhabendes Leben aufgebaut hat.

Ihn quälen zudem Gewissensbisse, weil er die Briefe seiner Mutter in den ersten Jahren nie oder nur sehr spät beantwortet hat. Die Schilderungen seiner Mutter vom Leben im Ghetto, dem Elend und der Gewalt und der Bericht über Vicentes beruflichen wie privaten Alltag bilden einen scharfen Kontrast. Bis sich sein Leben aufgrund seiner Gemütslage komplett verändert. Der einst dandyhafte Geschäftsmann wird zu einem dunklen Schatten seiner selbst. Er beginnt zu schweigen. Albträume verfolgen ihn. Von seiner Frau und den gemeinsamen Kindern entfremdet er sich. Seinen Freunden, auch seinem Vertrauten Ariel, den er seit Armeezeiten kennt, geht er aus dem Weg. Sein geschäftlicher Ehrgeiz erlischt, er verfällt dem Pokerspiel, läuft ziellos durch die Straßen von Buenos Aires. Die hoch psychologische Geschichte seiner Suche nach der eigenen Identität – immer wieder fragt sich der Held, wer er sei, ob Pole, Jude oder Argentinier -, wird zu einer wechselvollen Geschichte der Entfremdung.

„In den Lagern hatten es die Nazis erfolgreich darauf angelegt, dass nichts ein Warum hatte.“

Der Protagonist ist dabei angelehnt an den Großvater des Autors und Filmemachers. Amigorena, 1962 in Buenos Aires geboren, floh Mitte der 70er-Jahre an der Seite seiner Eltern vor der dortigen Diktatur nach Frankreich. Seine Flucht bezeichnet er in dem Epilog zu diesem Buch, in dem er seine persönliche Geschichte erzählt, als eine Art Rückkehr. Bekannt wurde der gebürtige Argentinier mit seinem Film „A few days in September“, einige Jahre war er mit der französischen Schauspielerin Juliette Binoche liiert. „Kein Ort ist fern genug“ war für den renommierten Prix Goncourt nominiert.

Stimme der folgenden Generationen

Neben den romanhaften, sprachlich sehr eingängigen Schilderungen finden sich darin essayhafte Passagen, die auf die dunkle Historie eingehen, vom Beginn der Judenverfolgung über die Errichtung der Ghettos und den ersten Massakern der SS an der Ostfront bis hin zur industriellen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den Lagern berichten. Welches Schicksal die Mutter und der Bruder Vicentes erleiden müssen, ahnt man sehr früh. Der semantische Hintergrund der Bezeichnungen Holocaust und Shoah werden ebenso besprochen wie das Leiden der Überlebenden.

„Die Anstrengung, mit der er sich gegen das Wissen wehrte, war zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden. Als er irgendwann tatsächlich wusste, war Vicente untröstlich.“

Dieser aufrüttelnde wie berührende und überaus wichtige Roman fasst trotz seines eher schmalen Umfangs dieses anspruchsvolle wie komplexe Thema kompakt und verdichtet in einer meisterhaften Sensibilität zusammen und lässt darüber hinaus daran denken, dass es nun an der nächsten Generation ist, die Erinnerungen der Zeitzeugen in die Öffentlichkeit zu bringen und zu bewahren. Bereits mit Amigorenas Landsmann Frédéric Brun und dessen ebenfalls empfehlenswertem Werk „Perla“ (Faber & Faber) kommen die Nachgeborenen zu Wort. Ihre Stimmen werden in den kommenden Jahren zunehmen, weil die ihrer Vorfahren verstummen. Ihren Schilderungen gehört unsere Aufmerksamkeit, damit der unfassbare Schrecken auch in Zukunft nicht vergessen wird.


Santiago Amigorena: „Kein Ort ist fern genug“, erschienen im Aufbau Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Nicola Denis; 184 Seiten, 20 Euro

Foto von David Holifield auf Unsplash

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