Regina Nössler – „Die Putzhilfe“

„Die alte und die neue Arbeit. Von der geistigen Elite zum Putzen.“

Es ist ein Mittwochabend im November. Sie packt drei Koffer, schließt die Tür hinter sich zu, fährt mit dem Bus zum Bahnhof und steigt in den Zug nach Berlin. Franziska Oswald verlässt das Haus, die Stadt, ihren Mann. Ohne eine einzige Nachricht zu hinterlassen. Aus der Wissenschaftlerin mit einer vielversprechenden Zukunft wird eine Putzhilfe, die ihr Leben hinter sich lässt, den schicken Hosenanzug gegen robuste Kleidung tauscht und ein dunkles Geheimnis verbergen muss. Doch damit ist sie im preisgekrönten Thriller von Regina Nössler nicht allein. Denn nichts ist, wie es scheint, bis ein furioser Showdown alles für den faszinierten Leser aufklärt und die Teile der ganzen Story zusammenführt.

Die Überraschung im Krimi-Jahr 2019

Überhaupt, wer hätte geahnt, dass ein Thriller so einen harmlosen Titel trägt, ein Roman, der zu einer der großen Überraschungen des Krimi-Jahres 2019 wurde, mehrere Monate auf der Krimibestenliste von Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Deutschlandradio Kultur stand und schließlich mit dem zweiten Platz des Deutschen Krimipreises geehrt wurde – in trauter Harmonie mit dem Sieger „Berlin Prepper“ von Johannes Groschupf (Suhrkamp) und Max Annas‘ Roman „Morduntersuchungskommission“ (Rowohlt) als Drittplatzierten. Darüber hinaus wurde Nössler im Frühjahr der Stuttgarter Krimipreis zugesprochen. Dabei kommt diese Resonanz nicht von ungefähr. Wer den Thriller liest, das spezielle Gefühl verspürt, dieses Buch nicht mehr aus der Hand zu legen, wird den Erfolg durchaus nachvollziehen können.

In dieser Geschichte einer Flucht steckt eine doppelbödige, unheimliche und bedrohliche Stimmung, die verblüfft. Obwohl so ein Lebenhintersichlassen im Alltag immer mal wieder geschehen kann. Da ist die Frau, die ihren Mann verlässt, die Frau, die ihrem Job und den Kollegen den Rücken kehrt, um ganz von vorn zu beginnen.  Doch hinter Franziskas Wandlung zur Putzhilfe von Henny Mangold und ihre Begegnungen mit Sina, einer Jugendlichen aus prekären Verhältnissen, verbirgt sich viel mehr. Franziska ist zwar die einzige, die sich eine ganz neue Identität unter einem neuen Namen zulegt – sie nennt sich in Anlehnung an den Soziologen Max Weber Marie Weber. Doch auch jene beiden anderen Frauen, mit denen die aus einer schicken Eigenheimsiedlung nahe Münster ins anonyme Neuköln Geflohene den meisten Kontakt hält, sagen nicht die Wahrheit beziehungsweise verbergen geschickt wichtige Details und sind auf ihre Wirkung bedacht.

„Wie sie sich in den Ecken der Wohnung herumdrückte, wenn Leonie da war, wie ein struppiges, grau-braunes Tier, das weghuschte. Dass sie ihr nicht in die Augen sehen konnte. Dass sie Henny immer noch nicht ihren Ausweis gezeigt hatte. Es war kaum zu glauben, dass ihre übervorsichtige Tante jemandem einfach so den Schlüssel überließ.“

Dabei erzeugt die Autorin bereits eine hintergründige Spannung, indem sie sehr genau und aus verschiedenen Perspektiven die Gefühle und Gedanken ihrer ungewöhnlichen Heldinnen schildert, Andeutungen macht und überraschende Wendungen und Ereignisse häufiger aufeinanderfolgen lässt. Sie beschreibt zudem, welche Sicherheitsvorkehrungen Franziska trifft, um letztlich nicht aufzufliegen, nachdem sie zufällig in der Alten Nationalgalerie auf Henny trifft. Sie muss sowohl ihre wahre Identität verbergen, als auch stets darauf gefasst sein, von ihrem Mann Johannes gefunden zu werden. Und auch ihre „Kundin“ muss alles versuchen, damit ihr kaum bekanntes Geheimnis nicht an die Öffentlichkeit dringt. Eine nervenaufreibende Herausforderung auch für Henny, die schließlich in ein merkwürdiges Verhalten verfällt und auf Franziska/Marie nach und nach sichtlich entkräftet und verwirrt wirkt.

Von Lebenslügen und unerfüllten Erwartungen

„Die Putzhilfe“ ist bereits das 17. Buch der im Sauerland geborenen Autorin, die in ihren Romanen häufig soziale Aspekte und Probleme aufgreift. So auch in diesem psychologisch hochspannenden Buch, das in Rückblicken die Beziehungen der Heldin zu ihrem Mann und zu ihren Kollegen einfängt und ihre ganz eigene persönliche Geschichte als strebsame Akademikerin erzählt, die ihre Lebenslügen und Niederlagen verschleiern möchte, erdrückt von den Erwartungen – den eigenen, den ihrer Mitmenschen sowie jenen der Gesellschaft ganz allgemein. Ermittler und Polizei kommen dabei nur in wenigen Szenen vor. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Menschen, die Grenzen überschreiten und zu Tätern werden – oftmals ungewollt oder aus einem Affekt heraus. Darüber sinniert der Leser allerdings wohl erst nach der spannenden Lektüre, die damit zu einer sehr nachdrücklichen sowie anspruchsvollen wird.


Regina Nössler: „Die Putzhilfe“, erschienen im Verlag konkursbuch Verlag Claudia Gehrke; 404 Seiten, 12,90 Euro

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