Im Duett #2: Janet Lewis – „Verhängnis“ & „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“

„Er dachte: die Vergangenheit ist nie tot.“

In der Literaturgeschichte stößt man häufiger auf den interessanten Fall, dass ein Buch zur Entstehung eines anderen führte. Im Fall des Bandes „Famous Cases of Circumstantial Evidence“ aus der Feder des britischen Staatssekretärs Samuel March Philippe (1780 – 1862) sind es sogar drei Werke. Der US-amerikanische Lyriker und Literaturkritiker Yvor Winters schenkte jenen Band einst seiner Frau. Mit ihren meisterhaften historischen Romanen, die auf historischen Kriminalfällen und Indizienprozessen beruhen und in Philippes Band geschildert werden, kann und sollte die Lyrikerin Janet Lewis nun auch in deutscher Übersetzung wiederentdeckt werden. 

Drei historische Romane

Mit „Verhängnis“ und „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ soll es an dieser Stelle um zwei der zu Beginn erwähnten Romane gehen; das dritte im Bunde trägt den Titel „Die Frau, die liebte“ und bildete 2018 den Anfang der vom dtv Verlag veröffentlichten Reihe. Während dieser Roman in das 16. Jahrhundert führt, erzählen die beiden folgenden Bücher von Geschehnissen im 17. Jahrhundert in Frankreich und in Dänemark. Die drei Werke erschienen zwischen 1941 und 1959.

Man schreibt das Jahr 1694. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, regiert über Frankreich. Das Volk leidet unter Armut, hohen Getreidepreisen und Steuererhöhungen. Der König braucht Geld für seinen Krieg und seinen luxuriösen Hof und Lebensstil. Im Land kursieren Pamphlete, die den Herrscher und seine Mätressenwirtschaft, allen voran sein Verhältnis zu Madame de Maintenon, in Misskredit bringen. Jene Schriften fallen eines Tages dem jungen Buchbinder Paul Damas in die Hände. Er war aus Auxerre nach Paris gekommen, wo er schließlich eine Anstellung bei dem Buchbinder Jean Larcher findet und dessen Sohn vertritt, der durch das Land ziehen will. In der Abwesenheit von Nicolas und hinter dem Rücken von Jean beginnen dessen Frau Marianne und Paul eine leidenschaftliche Affäre. Ein gemeinsamer Plan reift, wie sie gemeinsam glücklich werden können – mit den Ersparnissen des Meisters. Wenig später – Paul hat sich aus den Staub gemacht – wird im Haus des Buchbinders die verbotene Schmähschrift gefunden und Larcher verhaftet. Aus einer Affäre wird eine Intrige mit dramatischen Folgen.

„Er schloss die Augen und sah vor sich in der schalen, unbeweglichen Dunkelheit sein Problem: die eigene körperliche Erschöpfung und das verarmte Frankreich. In seinem Kopf waren sie ein und dasselbe.“

Neben dieser allmählich wachsenden Tragödie, den Konflikten und Spannungen zwischen den Protagonisten und den unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten im absolutistischen Frankreich erweckt „Verhängnis“, 1959 unter dem Originaltitel „The Ghost of Monsieur Scarron“ erschienen, sehr bildhaft und in einer klaren Sprache jene Zeit vor mehr als 320 Jahren zum Leben. Eine Zeit, in der Laternen angezündet wurden, Männer Perücken trugen, nur wenige Menschen lesen konnten. Lewis beschreibt eindrücklich das Leben am Hof und in der Stadt der einfachen Menschen sowie die Arbeit der Buchbinder. Man fühlt sich unweigerlich in jene Epoche zurückversetzt. Der sehr genaue Blick der Autorin auf die gesellschaftlichen wie sozialen Probleme sowie ihre Sprache lassen an die großen Werke französischer Autoren wie Balzac, Zola oder Hugo denken.

Ein Mord, der keiner ist

Nicht unähnlich: der bereits 1947 erschienene Roman „The Trial of Soren Qvist“, der unter dem Titel „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde. Er führt in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts und ins dänische Jütland. Der 30-jährige Krieg hat deutliche Spuren hinterlassen, als 1646 der Söldner Nils Bruus bettelarm und nach der Schlacht bei Lützen versehrt in seine alte Heimat zurückkehrt. Keiner will glauben, dass er es wirklich ist. Denn er gilt als tot, erschlagen von dem beliebten Pfarrer Sören Qvist. Wie kann er seine Identität beweisen? In einem Zeitsprung werden die damaligen Geschehnisse berichtet. Nils heuert als Knecht des Pfarrers an. Sein Bruder Morten hält derweil um die Hand der Pfarrerstochter Anna an, die sich indes später mit dem Friedensrichter Tryg Thorwaldsen verlobt. Plötzlich ist Nils verschwunden. Eine männliche Leiche wird im Garten des Pfarrers gefunden, nachdem mehrere Zeugen ausgesagt haben, wie Qvist ein Grab geschaufelt hatte. Der Pfarrer wird schließlich verhaftet und angeklagt. Anna, die Haushälterin Vibeke sowie viele Menschen sind erschüttert.

„Verhängnis“ und „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ sind meisterhafte historische Romane, die ein großartiges Panorama dieser Zeit und jenes Landes sowie seiner Menschen erschaffen und von den verschiedenen menschlichen Eigenschaften, den positiven wie den negativen, erzählen. Es geht um Charakterstärken, aber auch um Fehlverhalten und Schuld, wobei letztere auch das tragische Ergebnis von Gefühlen ist. Mariannes Liebe zu Paul zerstört das Leben ihres Mannes und das der gesamten Familie. Sören Qvist weiß um seinen Jähzorn und gesteht ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Beide Romane, die jeweils von einem interessanten Nachwort begleitet werden, öffnen ein Fenster in eine vergangene Zeit und setzen sich mit dem vielschichtigen Wesen der Menschen und der Frage auseinander, welche Folgen Entscheidungen und Verhalten haben können.

Mitschülerin Ernest Hemingways

Bei der Lektüre eines oder beider Bücher lohnt sich darüber hinaus ein Blick in die Biografie der Autorin. 1899 in Chicago geboren, war Janet Lewis eine Mitschülerin von Ernest Hemingway. Beide schrieben für die Literaturzeitschrift ihrer Schule. Nach ihrem Studium der französischen Literatur zog es Lewis für einige Monate ebenfalls nach Paris, wo bekanntlich auch Hemingway lebte. Mit ihrem Mann Yvor Winters, den sie 1926 heiratete, zog die Autorin nach Los Altos/Kalifornien. Ihr Debüt feierte Lewis mit ihrem Gedichtband „The Indians in the woods“ 1922, in jenem Jahr erkrankte sie schwer an Tuberkulose.  Ihr erster Roman „The Invasion“ über eine schottisch-irisch-indianische Familie erschien 1932. Für die Recherche zu ihrem Roman „Verhängnis“ zog es sie knapp 30 Jahre später dank eines Stipendiums erneut nach Frankreich. Im Alter von 99 Jahren starb Lewis, die an der Stanford University sowie an der University of California at Berkeley unterrichtete und politisch aktiv war, wobei sie sich unter anderem gegen den Rassismus gegen Farbige und Indianer engagierte.


Janet Lewis: „Verhängnis“ und „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“, beide erschienen im dtv Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Höbel. Mit einem Nachwort von Julia Encke beziehungsweise Rainer Moritz.

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

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