Michael Crummey – „Die Unschuldigen“

„Der Mensch muss ertragen, was er nicht ändern kann.“

„In jenem Winter waren sie noch Kinder“. Mit diesem Satz beginnt der jüngste Roman des kanadischen Autors Michael Crummey. „Die Unschuldigen“ führt auf die Insel Neufundland an der Nordostküste Amerikas gelegen und in die Zeit, als das 19. Jahrhundert erst begonnen hat. Man ahnt, dass dieser erste Satz zugleich den Beginn einer drastischen Veränderung signalisiert, dass bald nichts mehr so sein wird wie bisher. Für den elfjährigen Evered und seine jüngere Schwester Ada beginnt unfreiwillig ein neues Leben und der Kampf um jenes. 

Kind mit weißen Haaren

Denn ihre Eltern und die jüngere, gerade geborene Schwester sterben an einer Krankheit. Während der Vater seine Frau und das dritte gemeinsame Kind noch beerdigen kann, bringt Evered allein den leblosen Körper seines Vaters mit dem Boot aufs Meer, um ihn dort beizusetzen und den Elementen zu übergeben. Ein Erlebnis, das ihn früh ergrauen lässt. Die Geschwister sind fortan auf sich gestellt, müssen sich selbst Nahrung in der Natur suchen und sich vor den unwirtlichen Bedingungen schützen. Ohne das wertvolle Wissen, das ihnen ihre Eltern wohl später vermittelt hätten. Das fortan harte, entbehrungsreiche wie gefährliche Leben, das schon früh an den noch jungen Körpern und Seelen zehrt und sie zeichnet, werden bestimmt durch den Lauf der Jahreszeiten mit den langen, kalten und dunklen Wintern und den kurzen, warmen und hellen Sommern. Auch die Ankunft des Treibeises, der Robben und später der riesigen Schwärme von Kapelan und Kabeljau sowie die Landung des Schoners „Hope“ prägen den Jahreslauf. Von dem Schiff erhält die Familie zweimal im Jahr lebenswichtige Vorräte gegen Trockenfisch. Evered übernimmt fortan die Rolle und die Tausch-Geschäfte seines Vaters, der sich um den Handel gekümmert hat. Nun liegt es an ihm, zum Schiff zu rudern und um Lebensmittel zu bitten, vor allem dann, wenn die Fische von minderer Qualität sind oder die Fangausbeute zu gering ausfiel.  Doch auch Ada leistet körperlich harte Arbeit, während sie oft mit ihrer kleinen toten Schwester spricht.

Crummey

Die Zeit vergeht, die Jahre ziehen ins Land. Aus den Kindern werden Jugendliche. Aus der geschwisterlichen Zuneigung, die nicht frei von Konflikten ist, erwächst ein körperliches Verlangen, das neben der Liebe andere Gefühle entstehen lässt. Wie die tiefe Scham beider ob des Bruchs gesellschaftlicher Normen sowie die Eifersucht Evereds, als ein besonderer Mann mit einem Schiff die Bucht erreicht. Warren hat zwar die Welt gesehen, aber auch dessen Leben ist wie das von Ada nicht frei von tragischen Erlebnissen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, während der Junge die Nähe zu den teils brummigen Seemännern sucht, mit ihnen trinkt und derbe Scherze macht.

Immer sind es die Fremden, die den Geschwistern in deren Einsamkeit und Abgeschiedenheit von der Welt erzählen und auch wichtiges Wissen vermitteln und deren Lebenswege und Schicksale nicht unerwähnt bleiben. Mit der „Hydra“ landet Captain Truss an der nordamerikanischen Atlantikküste, der dem Jungen auf mehrtägigen Touren ins Hinterland das Jagen und das Fallenstellen zeigt. Rücksicht und Mitgefühl gegenüber den zu erlegenden Tieren kann sich Evered nicht leisten, Fleisch und Fell werden gebraucht, um in dieser kargen wie herben Landschaft fern jeglicher Zivilsation zu überleben. Mehr und mehr sinnen die Geschwister über ihre Zukunft nach, mit der Hoffnung, dass auf das schwere und entbehrungsreiche Leben, das sie führen, nicht doch ein besseres folgen könnte.  

Eine besondere Region als Schauplatz

Nicht zum ersten Mal gestaltet Crummey Neufundland zum Schauplatz aus. In mehreren seiner Werke widmet er sich der Historie des Landstrichs, beschreibt die markante Natur und erzählt interessante Lebensgeschichten der dortigen Einwohner. Auch sein eindrucksvoller Roman „Sweetland“ (Mitteldeutscher Verlag, 2020) ist dort angesiedelt. Der bereits 2014 im Original und sechs Jahre später in deutscher Übersetzung erschienene Roman widmet sich der jüngeren Geschichte dieser Region und schildert, wie die Menschen nach und nach ihre Heimat verlassen – auch bewusst durch die Politik gelenkt, die Anreize setzt, um Geld für die flächendeckende Strom- und Wasserversorgung, Schulen sowie den Fährbetrieb einzusparen. Dass der Autor, Jahrgang 1965, auf Neufundland geboren wurde und auf der Labrador-Halbinsel  aufwuchs, merkt man beiden Büchern an, da die Landschaften sehr bildhaft, die Lebensweisen der Bewohner sehr eindrücklich und mit viel Sympathie geschildert werden. Auch das traurige Schicksal der indigenen Bevölkerung bleibt nicht unerwähnt.  

„Zwei Kinder an einer rauen Küste inmitten des kümmerlichen Strandguts menschlicher Unternehmungen. Das Land in ihrem Rücken öde und leer, nach Osten und Westen nur Einsamkeit und als einzige Gesellschaft die Toten, oben im Firmament.“

Doch trotz aller Dramatik dieses Buches und einer Vielzahl packender Szenen erweist sich Crummey als ein ruhiger und bedächtiger Erzähler, der jegliche Effektheischerei vermeidet, um ganz den Fokus auf die Beschreibung der Landschaften und seiner Figuren samt ihrer Erfahrungen und Gefühle zu lenken, von denen einige nach historischen Vorbildern – so unter anderem Captain Truss – mit Hilfe von schriftlichen Quellen nachempfunden sind. 

Kanada ist erneut Gastland der Frankfurter Buchmesse, nach der rein digitalen Ausgabe im vergangenen Jahr. Ein Land, das schon jetzt für die eine oder andere literarische Entdeckung sorgt – abseits der allseits bekannten Namen. Wie schon sein Roman „Sweetland“ ist auch „Die Unschuldigen“, 2019 im Original erschienen, ein sehr menschliches Buch mit einer besonderen Kulisse sowie ein berührender Entwicklungsroman, der ein besonderes Leseerlebnis bietet und beweist, dass historische Stoffe in der gehobenen Belletristik unbedingt einen Platz einnehmen sollten. Es wäre zu hoffen, dass weitere Romane des Kanadiers übersetzt werden und sie so ihren Weg über den Atlantik finden.      

Weitere Besprechungen auf den Blogs: „Buch-Haltung, „AstroLibrium“, „Literatur-Reich“, „Bookster HRO“, „Leseschatz“ und „LiteratUrwald“


Michael Crummey: „Die Unschuldigen“, erschienen im Eichborn Verlag, aus dem kanadischen Englisch von Ute Leibmann; 351 Seiten, 22 Euro

Foto von Julie Fader auf Unsplash

 

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