Raynor Winn – „Der Salzpfad“

„Ein schmaler Streifen Erde, oft nicht breiter als dreißig Zentimeter, war zu meinem Zuhause geworden.“

Gehen, nur gehen. Meter für Meter, Meile für Meile. Diese simpelste unserer Bewegungen erlebt seit einiger Zeit eine Renaissance. Pilgerwege und andere Routen werden von vielen beschritten, in den Städten wird flaniert, in der Literatur wächst die Zahl der Bücher, die sich dem Gehen und den berühmten wie weniger berühmten Pfaden widmen. Weder Entdeckerlust noch das Gefühl, aus dem Hamsterrad des Alltags auszusteigen, bringen die Engländerin Raynor Winn und ihren Mann Moth dazu, den South West Coast Path entlang der südlichen Küste Großbritanniens zu begehen. Vielmehr zwingt pure existenzielle Not das Ehepaar dazu, das geliebte Haus und Heim in Wales zu verlassen. Ihr Erlebnisbericht mit dem Titel „Der Salzpfad“ erzählt ihre berührende Geschichte und noch viel mehr.

Obdachlos und mittellos

Nach den miesen Finanzgeschäften eines Freundes und einem jahrelangen Rechtsstreit verlieren Raynor und Moth ihren Hof in Wales. Er war ihr Zuhause, wo sie lebten, arbeiteten, ihre beiden Kinder Tom und Rowan großzogen. Das Paar wird von einem Tag zum anderen obdach- und völlig mittellos. Darüber hinaus erhält es die traurige Diagnose, dass Moth an einer unheilbaren, schmerzvollen Nervenkrankheit leidet. Doch anstatt sich bei Freunden einzuquartieren und sich dem Los zu fügen, greifen sie zu zwei nur mit dem Nötigsten gepackten und wenige Kilogramm schweren Rucksäcken und einem Zelt; inspiriert durch das Buch „Five Hundred Mile Walkies“ von Mark Wallington, das Raynor am letzten Tag auf der Farm, als die Gerichtsvollzieher bereits an die Fenster klopfen, in einem der Kartons entdeckt.  Die Idee ist geboren. In einem Buchladen kaufen sie noch den Band „The South West Coast Path: From Minehead to South Haven Point“ von Paddy Dillon, der fortan ihr Guide und Begleiter wird, an dem sie sich selbst auch messen.

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Der Küstenweg verläuft über 1.014 Kilometer von Minehead in Somerset entlang der Küsten von Devon und Cornwall nach Poole Harbour in Dorset. Er ist damit der längste Fernwanderweg Großbritanniens und wohl mit seinen 35.000 Höhenmetern  – das ist viermal den Mount Everest zu besteigen – auch einer der herausfordernsten. Ursprünglich einst angelegt, damit die Küstenwächter Schmuggler aufspüren können, wurde er in mehreren Abschnitten als Wanderweg in den 1970er-Jahren eröffnet. Heute ist er ein National Trail, der wegen der eindruckvollen Landschaft und zahlreichen Unesco-Stätten entlang des Weges unzählige Touristen anlockt.

Täglich an einem anderen Ort

Raynor und Moth starten in Minehead gen Süden. In den kommenden Wochen und Monaten schlagen sie täglich ihr Zelt an einem anderen Ort auf. Eigentlich illegal, denn Wildcampen ist nicht erlaubt. Doch eine Übernachtung auf einem der teuren Campingplätzen können sie sich nicht leisten. Oft können sie nur hoffen, nicht von ihrem kleinen Lager vertrieben zu werden. Ihr Budget ist knapp. Wenn andere in Cafés und Restaurants essen, schauen sie oft nur zu. Sie trinken Tee und Wasser, ernähren sich meist von Nudeln, Reis und Thunfisch sowie Fudge-Riegel. Der Weg zum Geldautomaten wird zu einer ständigen Zitterpartie. Sowohl Hunger und Durst als auch körperliche Schmerzen, Erschöpfung und Zweifel quälen sie. Nicht nur deshalb ist der Band, der in der Heimat der Autorin zu einem Überraschungsbestseller wurde, anders als viele Bücher aus der Sparte der Reiseliteratur.

„Ein ewiges Auf und Ab zwischen Ginster und Stein, stets begleitet vom Brausen des Meeres. Ein Rhythmus aus Qual und Hunger, Schmerz und Durst, bis irgendwann nur noch der Rhythmus des brausenden Meeres zu spüren war. Während der Wind das Wasser aufwühlte und die Möwen uns den Weg wiesen, schwanden unsere Bedürfnisse.“

„Der Salzpfad“ vereint auf sehr eindrückliche Weise einen persönlichen wie informativen Reisebericht mit Nature Writing und Sozialkritik. Es ist ein Buch der Begegnungen, denn das Paar trifft auf die unterschiedlichsten Menschen, beobachtet verschiedene Tiere. So nähern sich Hunde und Hirsche ihrem Zelt, sehen sie Tümmler beim Schwimmen im Meer. Wegen ihrer eigenen misslichen Lage sind die beiden sensibilisiert für die Nöte anderer. Mehrfach weist die Autorin auf das gesellschaftlich brisante Thema der Obdachlosigkeit sowie das Leben und die Probleme der Betroffenen hin, die am unteren Rand der Gesellschaft existieren. Mit ihrem Mann erlebt sie mehrfach Demütigungen und menschliche Kälte, erfährt aber auch Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit.

Und auch sprachlich sticht „Der Salzpfad“ aus der Masse der Reisebeschreibungen heraus. Poetisch schildert Winn die diversen Landschaften, das Meer, das sich ständig wandelt, die verschiedenen Lichtverhältnisse sowie Flora und Fauna.  Es sind die Natur, die Bewegung, die Begegnungen mit herzlichen Menschen und ihre enge, noch immer liebevolle Beziehung, die sie trotz der Strapazen und der Ungewissheit Momente des Glücks spüren lassen.  Darüber hinaus bessert sich Moths gesundheitlicher Zustand merklich. Am Ende zeigt ihnen der Küstenpfad einen neuen Weg, eine neue Perspektive auf.  So beweist dieses Buch nicht nur, dass das Glück eines Menschen nicht im Besitz liegt, es strahlt zudem einen unbändigen Optimismus aus.


Raynor Winn: „Der Salzpfad“, erschienen im DuMont Reiseverlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair; 336 Seiten, 14,99 Euro

Bild von Madelaine Caudron auf Pixabay

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