Bettina Baltschev – „Am Rande der Glückseligkeit“

„Das Meer wird eine Zuflucht (…).“

„Blättere“ ich durch meine digitalen Fotoordner und meine Erinnerungen an vergangene Urlaubsreisen, fällt mir eine Besonderheit auf. Ich reise oft und gern ans Meer. Zweifellos: Ich bin ein Meeresmensch. Vor allem Inseln haben es mir angetan, auf denen man dem Meer gefühlt viel näher kommt. In der Kindheit ging es auf die Insel Usedom, meine Au Pair-Zeit nach dem Abitur verbrachte ich auf der norwegischen Vogelinsel Runde. Mein absoluter Wohlfühlort ist Ahrenshoop auf dem Darß. Hiddensee, Poel, Terschelling, Föhr, Amrum, Korfu, La Gomera, Bornholm, Senja – die Liste „meiner“ Meeresorte beziehungsweise Inseln hat bereits eine gewisse Länge erreicht. Und meine Wunschliste für künftige Touren hat mit Svalbard (Spitzbergen), Grönland und die Färöer einige kühlere Exoten vorzuweisen. Nicht nur aus diesem Grund bin ich förmlich eingetaucht in den neuen Band der Autorin und MDR-Redakteurin Bettina Baltschev „Am Rande der Glückseligkeit“, dessen Untertitel „Über den Strand“ schließlich den entscheidenden Hinweis gibt, wohin es geht.

Europareise der besonderen Art

Baltschev lädt ein zu einer Europareise in alle Himmelsrichtungen. Acht Orte beziehungsweise auch Eilande versammeln sich in ihrem Buch. Den Anfang machen Scheveningen  – die Niederlande sind die Wahlheimat der Autorin – und das englische Brighton. Es geht darüber hinaus mit Ostende und Utah Beach an die belgische und französische Küste, um schließlich auf Hiddensee, der italienischen Perle Ischia, in Benidorm an der spanischen Costa Blanca sowie auf der griechischen Insel Lesbos (an) zu landen. Es sind Grenzgebiete zwischen den Elementen, zwischen Erde und Wasser, Orte mit speziellen Eigenheiten und voller faszinierender wie berührender Geschichte(n), die Baltschev erzählt. Ihr Blick richtet sich dabei aus ganz verschiedenen Perspektiven beziehungsweise wissenschaftlichen Sichten auf Vergangenheit wie Gegenwart. Die Kulturgeschichte ist dabei ebenso vertreten wie die Soziologie und Ethnologie.

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Die Seebäder oder Inseln erweisen sich im Rückblick als Orte der Begegnungen, an denen verschiedene gesellschaftliche Schichten aufeinandertreffen und oftmals auch berühmte Künstler aus den verschiedensten Bereichen, ob Literatur, bildende Kunst, Fotografie oder Film, verweilen. Ostende ist ein Schicksalsort von Irmgard Keun und Joseph Roth. Den D-Day in der französischen Normandie erleben J.D. Salinger sowie Robert Capa. Ischia ist das Ziel von Truman Capote und Sophia Loren.  

Die Meeresorte sind dabei immer auch Zufluchtsstätten: von Erholungsbedürftigen, Kreativen auf der Suche nach Inspiration sowie Migranten, die vor Krieg, Verfolgung beziehungsweise auch Armut flüchten. Hier entscheidet sich der Lauf der Welt (Utah Beach), hier offenbart die Politik ihr menschliches Versagen (Lesbos), hier zeigen sich menschliche Abgründe. Hier entwickelt sich aber auch mit dem Tourismus eine florierende Wirtschaft, verschwinden allerdings auch natürliche Landschaften (Benidorm). Wo der Mensch ist, verändert er – nicht immer zum Guten.

„Und während die Wellen der Nordsee weiter im Rhythmus des flachen Windes auf den schwarz glänzenden Steinwall schlagen, zieht sich die orangefarbene Himmelsdecke zu einem schmalen Streifen am Horizont zusammen und die Dämmerung wickelt Ostende in graues Transparentpapier.“

Baltschevs Ausführungen sind sehr lehrreich – wer weiß schon, dass einer der größten Touristik-Konzerne der Welt nach dem Missionar und Tischler Thomas Cook benannt wurde, der 1841 einen Ausflug für mehrere Hundert Mitglieder eines Abstinenzlervereins organisiert hatte -, ihr Blick ist vielschichtig, ihr Stil abwechslungsreich. Reportagehaft, manchmal auch poetisch berichtet sie von ihren eigenen Erlebnissen und Begegnungen, anschaulich erklärend und erzählend blickt sie in die Geschichtsbücher und literarische Lebenserinnerungen, wobei sie mit Fortschreiten des Buches sich zunehmend in Richtung Gegenwart bewegt. In Utah Beach hat sich das Grauen des Zweiten Weltkriegs eingeprägt. Hiddensee erzählt ein nicht minder trauriges Kapitel der DDR-Historie. Lesbos ist zum Sinnbild der aktuellen Flüchtlingskrise geworden. Ihre Kritik an der Flüchtlingspolitik verhehlt die Autorin, die sich in ihrem ersten, 2016 erschienenen Buch „Hölle und Paradies“ mit der Exilliteratur und der Geschichte des Amsterdamer Querido-Verlages beschäftigte, jedoch nicht. Mehrfach zieht sie Parallelen zwischen den Sehnsuchtsorten, die nicht frei von Konflikten sind. 

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„Am Rande der Glückseligkeit“ ist ein großartiger, eindrucksvoll recherchierter Band, den man auch durchaus am Strand lesen kann, bei dessen sogartiger Lektüre allerdings die berückende Landschaft, das Aufeinandertreffen der Elemente, nahezu in Vergessenheit geraten könnte. Wer nicht das Glück hat, am Strand wahlweise im Strandkorb, auf der Liege oder einem quietschbunten Handtuch in XXL zu liegen, fühlt sich nahezu am Meer. Was Bücher doch alles vermögen!   


Bettina Baltschev: „Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand“, erschienen im Berenberg Verlag; 280 Seiten, 25 Euro

Foto von Dan Asaki auf Unsplash

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