Lydia Sandgren – „Gesammelte Werke“

„Obwohl Rakel Berg nichts weniger brauchte als noch mehr Bücher (…).“

In zehn Jahren gründen die einen Familie und/oder Firma, bauen ein Haus, pflanzen einen Baum, die anderen jetten um die Welt, steigen auf mehrere 8.000er oder lernen drei asiatische Sprachen. In zehn Jahren kann sich ein Leben verändern oder in seiner alltäglichen Monotonie ohne Höhepunkte vergehen. Zehn Jahre sind es zwischen den ersten Passagen, die Lydia Sandgren schrieb, bis zur Veröffentlichung ihres ersten Romans „Gesammelte Werke“, ein Backstein von Buch, das auf meisterhafte Art viele Geschichten erzählt. 

Eingeschworenes Trio

Der Leser sollte sich allerdings nicht von der Dickleibigkeit – Titel wie Name der Autorin stehen auf dem Buchrücken waagerecht anstatt längs – und des stolzen Umfangs des Bandes mit seinen knapp 880 Seiten abschrecken lassen. Auch nicht davon, dass große Teile der Handlung nicht in einer hippen Metropole spielen, sondern eher in der entspannten westschwedischen Großstadt Göteborg. Hier lernen sich auf der Schule Martin Berg und Gustav Becker, der Sohn eines einfachen Seemanns und späteren Druckereiangestellten sowie der Spross eines vermögenden Reeders, kennen. Ihre Freundschaft soll ihr Leben prägen. Noch ahnen sie nicht, dass der eine später ein Verleger, der andere ein berühmter und wegweisender Künstler wird. Getrieben von ihren großen Leidenschaften: der Literatur und der Kunst.

Sandgren_neu

In Paris tauchen die beiden eigenwilligen Freunde als Studenten und Künstler in das intensive Boheme-Leben ein. Martin schreibt, Gustav malt. Sie sind oft pleite, hausen in einer arschkalten Bruchbude und ziehen durch Cafés und Kneipen. Aus einem Duo wird indes ein Trio, als Martin nach mehreren eher unfreulichen Liebschaften die Studentin Cecilia kennenlernt – seine spätere Frau sowie Mutter ihrer beiden gemeinsamen Kinder Rakel und Elis. Als frischgebackener Familienvater wird aus dem Studenten ein Unternehmensgründer, mit seinem Kompagnon Per hebt Martin einen anspuchsvollen Buchverlag aus der Taufe,  der mal gute mal schlechte Zeiten erleben soll. Sowohl das ungezwungene Studentenleben als auch die ambitionierten Schreibprojekte sind Geschichte.

Wenn eine Mutter verschwindet

Während er sich mit dem Leben als Ehemann und Vater arrangiert, fühlt sich Cecilia in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau, die ihr zunehmend zur Last wird, sichtlich unwohl. Sie ist mit Kopf und Herz Wissenschaftlerin, verteidigt trotz einer anstrengenden zweiten Schwangerschaft erfolgreich ihre Promotion und steht vor einer vielversprechenden akademischen Laufbahn. Wenige Wochen später verlässt sie jedoch still und heimlich Martin sowie die beiden Kinder. Die Familie ist fortan gezeichnet, der Schmerz legt sich wie ein Schatten auf sie. Rakel, die nur noch wenige Erinnerungen an ihre Mutter hat, stößt mehr als zwei Jahrzehnte später, nunmehr Studentin, im Landhaus der Familie auf alte Bilder und erkennt in einem Buch eines deutschen Autors, das ihr Vater ihr eigennützig zum Leben und Übersetzen gegeben hat, in den Erinnerungen des Helden ihre Mutter wieder. Wo ist sie? Was ist damals geschehen?                

„Es ist klar, früher oder später greift unausweichlich

das Leben in die Literatur ein.“

Zwei Handlungsstränge decken einen großen Zeitrahmen ab, der von den 70er-Jahren, als sich Martin und Gustav kennenlernen, bis in die jüngste Vergangenheit reicht, als der Verlag sein 25-jähriges Bestehen feiert, eine Retrospektive auf das Schaffen Gustav Beckers zurückblickt und Rakel auf den Spuren ihrer Mutter wandelt. In die Handlung eingeflochten sind Ausschnitte eines Interviews, das Berg einem Magazin der schwedischen Buchbranche gibt. 

„Gesammelte Werke“ ist Familiengeschichte sowie Künstler- und Entwicklungsroman in einem, der viele verschiedene Themen, die sich alle um den Schwerpunkt Literatur, das Schreiben, Übersetzen, Verlegen und das Lesen, rundum die Hingabe am Schöpferischen kreisen, vereint. Sandgrens Erstling versammelt zahlreiche Verweise und Anspielungen, gibt Einblicke in die Licht- und Schattenseiten des Literaturbetriebes und beschreibt bildhaft und überaus atmosphärisch die einzelnen Schauplätze des Geschehens. Darüber hinaus verweist er auf zeitgeschichtliche Ereignisse: die Ausbreitung von HIV und die Angst vor einer Ansteckung, der Mord an Olof Palme sowie die Anschläge in Paris.

„Wir Menschen erfinden ständig Geschichten, um unser Leben

auf Abstand zu halten, vielleicht macht diese Scheinwelt

unser Leben überhaupt erst erträglich.“

Mittendrin in dieser wechselvollen Zeit: das einst eingeschworene Trio, ein magisches Dreieck gleich, dessen Gleichgewicht mit Cecilias Verschwinden empfindlich gestört wird. Die Freunden entfremden, ihre Lebensbahnen trennen sich, oft weiß der eine nicht, was der andere macht, wie es ihm ergeht. Beide scheitern letztlich an ihren Ansprüchen und früheren Lebensträumen: Martins Werke sind in Schubladen versunken, anstatt ans Licht der Öffentlichkeit zu kommen. Gustav erklimmt zwar die Karriereleiter als Künstler, verfällt hingegen seiner Alkoholsucht.

Die schwedische Autorin, Jahrgang 1987, studierte die Fächer ihrer Helden, so Psychologie, Literaturwissenschaft und Philosophie. Sie praktiziert heute als Psychologin und lebt in Göteborg. Für „Gesammelte Werke“ („Samlade verk“) erhielt sie 2020 den renommiertem August-Preis, den schwedischen Literaturpreis, der alljährlich vergeben wird. Sandgrens Debüt lässt den Leser das erleben, was Literatur letztlich ausmacht, wofür sie von Buchmenschen jeglicher Couleur so geschätzt und verehrt wird. Ein völliges Abtauchen in eine Geschichte und das Leben ihrer Helden, die Auseinandersetzung mit großen Themen, die im Wirken und Handeln der Protagonisten, in den Beschreibungen der Zeit verarbeitet werden. „Gesammelte Werke“ lässt an das ebenfalls mächtige Meisterwerk des Norwegers Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ (Rowohlt) oder dessen Landsmann Jan Kjærstad mit seinem Roman „Das Norman-Areal“ über einen Lektor (Septime) denken. Unzählige bunte Fähnchen verzieren nach meiner Lektüre den Schnitt des Bandes und markieren erinnerungswürde Passagen.

Obwohl sich die Geschichte um jenes Buch, in dem Rakel Verweise auf ihre Mutter erkennt, etwas vorhersehbar entwickelt, dabei die eine oder andere überraschende Wendung wünschenswert gewesen wäre, ist und bleibt „Gesammelte Werke“ ein großer Wurf und eine unvergessliche Hommage an das Schreiben und Lesen. Ein eindrückliches Buch, das man jedem Vielleser unbedingt empfehlen oder schenken sollte.

Weitere Besprechungen zu dem Roman gibt es auf den Blogs „Buch-Haltung“, „literaturleuchtet“, „Leseschatz“ und „Nacht und Tag“.


Lydia Sandgren: „Gesammelte Werke“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig; 880 Seiten, 28 Euro

Foto von Wilhelm Gunkel auf Unsplash

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