Robert Jones Jr. – „Die Propheten“

„Nur Schweigen konnte verhindern, dass die Seele kaputtging.“

Als kleines Kind wird Isaiah seinen Eltern Middle Anna und Ephraim entrissen. An anderen Sklaven, manche bereits leblos, angekettet, findet er sich wieder auf der Plantage der Familie Halifax. Er wird seinen ursprünglichen Namen verlieren, unermessliches Leid erfahren, aber auch einer großen Liebe begegnen: Samuel, der ihm bei seiner Ankunft Wasser gibt. Fortan bilden die beiden Jungen eine untrennbare Einheit. Mit seinem Debüt „Die Propheten“ hat der afroamerikanische Autor Robert Jones Jr. einen sprachgewaltigen und dramatischen Roman geschrieben, der allerdings den Leser allzu überwältigt zurücklässt.

Ein Land namens Empty

Dieses Land, unweit der Stadt Vicksburg (Mississippi) gelegen und von Wildnis umgeben, hat viele Namen. Es wurde nach Elizabeth, der Mutter des jetzigen Besitzers Paul, benannt. Manche bezeichnen es als „Empty“. Leer ist es, jeglicher Menschlichkeit förmlich entzogen. Denn Paul und seine Frau Ruth herrschen mit Hilfe ihrer Aufseher über ihren Besitz, Erde wie Menschen, mit harter und unerbittlicher Hand sowie brutaler Grausamkeit. Die Arbeit auf der Baumwoll-Plantage ist hart und schmerzvoll, ein Raubbau an Körper und Geist. Wer flieht, wird erschossen, wer sich erhebt über die Regeln wird bestraft. Frauen werden vergewaltigt und als Gebärmaschinen für die nächste Sklavengeneration missbraucht. Kein Tag kann in Sicherheit verlebt werden. Denn alsbald droht die nächste Demütigung, der nächste Schmerz, womöglich sogar der Tod.

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Mittendrin Isaiah und Samuel, die in der Scheune hausen, sich um die Tiere kümmern und zu einem Paar werden, das seine gleichgeschlechtliche Liebe indes verheimlichen muss, die dennoch kein Geheimnis bleibt. Während die einen die Beziehung tolerieren und sogar bewundern, schauen andere mit Missgunst und Abscheu auf die jungen attraktiven Männer, die von Freiheit nur träumen können. Wie Amos, der zwar selbst Sklave, aber auch Prediger ist. Um Harmonie zwischen Sklaven und Plantagenbesitzer bemüht, sät er allerdings Zwietracht und verdammt die Liebe von Isaiah und Samuel. Timothy, Pauls Sohn, der im Norden studiert, die Sklaven mit seiner Malerei auf seine Art einfangen will, versucht, die beiden zu verführen. Er gießt damit das sprichwörtliche Öl ins Feuer. Die bereits durch Ruths Intrigen angeheizte Stimmung kippt, es kommt zu einem Blut- und Feuerrausch, der viele Opfer fordern wird.

Besonderer Blick auf die Frauen

Neben Isaiah und Samuel, deren unterschiedlichen Charaktereigenschaften, Gedanken und Gefühle sowie deren unbändige, auch leidenschaftliche und hingebungsvolle Liebe im Mittelpunkt stehen, gelingt es Jones nahezu zu jeder Hauptfigur eine Lebensgeschichte zu erzählen, die oft darüber entscheidet, zu welcher Person sie letztlich geworden ist. Vor allem die Frauen, ihre unterschiedlichen Schicksale und ihr besonderer Zusammenhalt, spielen dabei eine gewichtige Rolle: So die Köchin Maggie, die als gute und überaus umsichtige Seele die beiden jungen Männer, die sie den Namen „Zwei Beiden“ gegeben hat, beschützen will, oder der Kutscher Adam, der wie der Aufseher James eine spezielle Verbindung zu Paul hat. Letztlich ist jeder mit jedem in irgendeiner Form verbunden, was mitunter im Verlauf des Geschehens für die eine oder andere Überraschung beim Leser sorgt.

„Sie hinterließen Fußspuren an einer Küste, die, wie er wusste, keiner von ihnen je wiedersehen würde, und das Wasser hatte nicht einmal den Anstand, diese Fußspuren nicht anzutasten, damit das Land sich für immer an seine Kinder erinnerte.“

Zu dieser Geschichte, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, um die Sicht sowohl der Sklaven als auch deren Besitzer darzustellen, setzt Jones Jr. einen Gegenpart: die mystischen Stimmen der Propheten sowie ein Geschehen, das weit in die Vergangenheit und einen anderen Ort führt. In Afrika steht Königin Akusa an der Spitze des Stammes der Kosongo, der eines Tages Besuch von Europäern erhält. Ein unheilvolles Ereignis, das den Anbeginn der Sklaverei markiert, der letztlich auch zwei Männer zum Opfer fallen, die zuvor noch ihre Beziehung mit einer feierlichen Zeremonie begangen haben – im Beisein der weißen Gäste, die die schwule Liebe als gotteslästerliche Sünde verdammen. An vielen Stellen übt der US-Amerikaner Kritik an der Scheinheiligkeit jener Gläubigen, die die Bibel hochhalten, aber jede Regel der Menschlichkeit brechen, ohne sich dies wirklich bewusst zu werden. Der Roman ist an sich ein großer Verweis auf die Schrift der Schriften – mit eben jenen titelgebenden Stimmen der Propheten, Kapitelüberschriften sowie den biblischen Namen der Helden Isaiah und Samuel.

Reminiszenz an James Baldwin

Robert Jones Jr. ist in den USA bekannt geworden für die Social-Media-Gemeinschaft und den Blog  „Son of Baldwin“, eine Reminiszenz an den bekannten Schriftsteller James Baldwin (1924-1987), der in seinen Werken Rassismus, Gleichstellung und Homosexualität immer wie thematisiert hat, sein Schwulsein auslebte und bereits früh mit der Kirche brach. Für sein Debüt erntete Jones Jr. Lobeshymnen und stand 2021 auf der Shortlist des National Book Award, den letztlich Jason Mott in der Kategorie „Fiction“ für seinen Roman „Hell Of A Book“ erhielt. Allerdings ist das Thema Homosexualität kein neues in der historischen Literatur.  So schrieb bereits der Ire Sebastian Barry in seinen beiden Romane „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“, die ebenfalls im historischen Amerika angesiedelt sind, darüber, wobei Jones Jr. nun den Fokus speziell auf schwule Farbige lenkt.

„Die Propheten“ ist ein Roman mit emotionaler Wucht, der mit seinen detailreichen und bildhaften Szenen die Unmenschlichkeit der Sklaverei in all ihren Facetten unverhohlen abbildet. Es schmerzt, von all der physischen wie psychischen Gewalt zu lesen, die in der seelenlosen Sicht des Weißen begründet liegt, die den Farbigen jegliches Menschsein absprechen, jeglicher Würde berauben und diese als Tiere betrachten, um über sie ohne Gewissensbisse frei zu verfügen. Die Sklaven haben keinerlei Rechte und keinen Anspruch auf Bildung.

Um die Grausamkeit vollends darzustellen und mit Blick auf die Historizität der Geschehnisse, folgte Übersetzerin Simone Jakob, die zudem für die Sprache der Sklaven einen passenden Ton gefunden hat, dem Autor hinsichtlich des Sprachgebrauchs. Leser werden deshalb auch auf die rassistische Bezeichnung „Nigger“ stoßen. Jones Jr. ist ein zweifellos eindrucksvolles und fesselndes, allerdings auch sehr persönliches Debüt gelungen, da es an manchen Stellen leider wiederum etwas zu ambitioniert und pathetisch wirkt, um womöglich so vielen inspirierenden Vorbildern und Kollegen, Freunden und Anhängern – seine Danksagung umfasst am Ende mehrere Seiten mit unzähligen Namen – gerecht werden zu wollen.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „LiteraturReich“.


Robert Jones Jr.: „Die Propheten“, erschienen im dtv Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Simone Jakob; 544 Seiten, 19,99 Euro

Foto von Karl Wiggers auf Unsplash

5 Kommentare zu „Robert Jones Jr. – „Die Propheten“

  1. Hallo,

    danke für die interessante Rezension! Das Buch ist mir schon in der Vorschau ins Auge gesprungen, ich habe es allerdings noch nicht gelesen. Das ist etwas, das ich nicht so einfach zwischen Tür und Angel lesen will, da muss ich in der richtigen Gemütsverfassung für sein.

    LG,
    Mikka

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    1. Hallo liebe Mikka, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ja, das Buch braucht die richtige Zeit sowohl mit Blick auf seinen Anspruch als auch bezüglich der Emotionen, die es auslöst. Schön, dass ich Dein Interesse wecken konnte. Viele Grüße

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    1. Das hast Du richtig bemerkt, ich bin eher Freund einer gewissen Natürlichkeit auch mit Blick auf solch ein großes Thema. Und manchmal war es einfach zu viel. Aber schön, dass es seinen Weg auf Deine Leseliste finden wird. Liebe Grüße nach Berlin

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