Jérôme Leroy & Max Annas – „Terminus Leipzig“

„Panik, Hilfe, nackte Angst. Nazis sind hinter dir her.“ 

Sie verliert einen Kollegen und ihre Mutter in nur wenigen Tagen. Er stirbt während eines riskanten Einsatzes, sie nimmt sich mit einem Sprung aus dem Fenster ihrer Wohnung das Leben. Die Welt ist danach für Commissaire Christine Steiner eine andere. Eine erfahrene Polizistin, die jedoch allzu beherzt zu Beruhigungsmitteln und Kokain greift. In einer internationalen Zusammenarbeit haben die bekannten Krimi-Autoren Jérôme Leroy und Max Annas nicht nur eine markante Figur mit einer speziellen Vergangenheit geschaffen. Sie greifen in ihrem deutsch-französischen Gemeinschaftswerk „Terminus Leipzig“ zudem ein überaus brisantes Thema auf.

Rechts gegen links

Denn schon eben jener blutig endende Einsatz, bei dem ein ehemaliger Fremdenlegionär und Spitze einer ultrarechten Prepper-Gruppe dingfest gemacht werden soll, führt Steiner als Mitglied der Anti-Terror-Einheit in die Neonazi-Szene. Obwohl sie nach dem Fiasko von ihrem Chef aus der Schusslinie genommen wird, wird sie dann doch zu einem neuen Fall gerufen: Ein Deutscher und seine französische Frau werden erschossen in ihrer Wohnung in Lyon aufgefunden. Bei dem Toten handelte es sich um ein ehemaliges Mitglied einer linksextremen deutschen Terrorgruppe. Am Tatort stößt Steiner auf ein Polaroid-Foto aus dem Jahr 1969, das sie erschüttert: Darauf ist sie als Baby zu sehen – auf dem Arm ihrer deutschen Mutter samt eines ihr unbekannten Mannes, der auf der Rückseite als „Wolfgang“ bezeichnet wird. Welche Verbindung hat es zwischen den beiden Erwachsenen gegeben? Steiner macht sich auf die Spur und auf den Weg nach Leipzig, wo sie jenen Wolfgang Sonne ausfindig machen und ihn nicht nur zur Rede stellen will. Was die Ermittlerin nicht weiß, ist, dass auch ein Killer-Kommando den Deutschen ins Visier genommen hat, der einst ebenfalls in der linksextremen Szene aktiv war. Es beginnt ein Kampf ums schiere Überleben.

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Denn schließlich geht es Schlag auf Schlag. Fliegen in den kläglichen Überresten einer einstigen Einfamilienhaus-Siedlung, die teilweise schon von einer Kiesgrube verschlungen wurde, in der Wolfgang allerdings noch mit seiner Lebensgefährtin lebt, die Kugeln. Viele sterben. Der für zartbesaitete Leser ungeeignete Roman ist reich an Toten – und voller Spannung und überraschender Wendungen, von der ersten Seite an, was wohl auch daran liegt, wie dieses Buch entstanden ist. Leroy und Annas haben abwechselnd daran geschrieben. Kapitel für Kapitel, so dass die Handlungsorte und die Perspektiven wechseln. Damit erhält die Story, in der die beiden Stränge sich nähern, einen großartigen Drive, der es kaum zulässt, den eigentlich schmalen Band aus der Hand zu legen. Trotz der Dramatik und Düsterkeit gibt es darüber hinaus einige wenige komische Szenen, so lässt die Heldin kein gutes Haar am deutschen Kaffee und auf ihrer Fahrt nach Deutschland einen Kollegen, der sie verfolgen soll, ziemlich hilflos in der Pampa stehen.

„(…) denn bis dahin hatte sie, vom Kaffee mal abgesehen, einen ausgezeichneten Eindruck von den deutschen Autobahnen. Sie hatte sie sogar als Metapher dafür gesehen, wie ein ideales Leben aussehen könnte: sauber, gerade und ohne Geschwindigkeitsbeschränkung.“

Doch gerade wegen seines geringen Umfangs gibt es in diesem Roman, der eher Kopfkino als vielschichtige wie tiefgründige Geschichte ist, inhaltlich ein paar weiße Flecken. Denn die beiden Autoren lenken den Blick vor allem auf Steiner und Sonne, deren Charakter und deren Sichtweisen; von ihrer engen wie unfreiwilligen Verbindung erfahren sie dabei selbst erst später. Die Täter werden zwar einer Szene zugewiesen, bleiben jedoch bis auf ein Zusammentreffen von Steiner und einer jungen Französin eher schemenhaft und gesichtslos, was zu bedauern ist. Dabei greift „Terminus Leipzig“ mit dem Erstarken der Neurechten und ihr grenzüberschreitendes Zusammenwirken sowie ihre Einflüsse in den Polizei-Apparat ein aktuelles brisantes Problem auf.

„In uns allen gab es die Bereiche, die weit hinter den Grenzen des Beschreibbaren verborgen lagen. Räume, die man nicht betreten wollte. Nicht absichtlich, aber auch nicht zufällig. Man musste sich nicht mit allem konfrontieren.“

Leroy und Annas braucht man Krimi-Lesern nicht mehr vorstellen. Sie sind in ihren Heimatländern namhafte Autoren, Leroy ist mit seinen ins Deutsche übertragenen Romanen wie „Der Block“ (Edition Nautilus), für den der Franzose 2018 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde, hierzulande kein Unbekannter mehr. Annas wurde für seine Werke bereits mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis geehrt. Im Juli erscheint mit „Der Fall der Daniela Nitschke“ Band 3 der erfolgreichen, in der Zeit der DDR spielenden Morduntersuchungskommission-Reihe (Rowohlt). Beide verarbeiten in ihren Romanen politische Themen, beide gelten als Meister des politischen Noir.

Französische Ausgabe zeitgleich erschienen

Die faszinierende Idee zu dieser literarischen grenzüberschreitenden Kooperation, die zwei Autoren aus zwei Ländern schreibend zusammenbringt, fassten das Festival Quais du Polar sowie der französische Verlag Points, in dem der Roman zeitgleich wie die deutsche Ausgabe erschienen ist. Man wünscht sich, dass dieses besondere Projekt eine Fortsetzung erfährt. Vor allem auch wegen Commissaire Steiner, die trotz ihrer Macken und Verfehlungen dem Leser nahekommt. Außerdem gilt es, ihre Vorgeschichte, die auch vom Schweigen der Vorfahren berichtet, weiter zu erzählen.


Jérôme Leroy & Max Annas: „Terminus Leipzig“, erschienen in der Edition Nautilus, Übersetzung der französischen Kapitel von Cornelia Wend; 128 Seiten, 16 Euro

Foto: janmarcustrapp/pixabay

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