Raffaella Romagnolo – „Das Flirren der Dinge“

„Fotografieren ist das Wichtigste, das ihm im Leben passiert ist.“

Sein getrübtes Augenlicht ist Makel und zugleich Grundlage einer Gabe. Das auf einem Auge blinde Waisenkind Antonio wird im Alter von elf Jahren von dem Genueser Fotografen Allessandro Pavia aufgenommen; zur Überraschung der Geistlichen im Pammatone. Fortan dient der Junge ihm als Assistenten. Antonio lernt, was es heißt und was es braucht, ein gutes Foto zu machen – und dass sich die Zeiten stetig wandeln, aber besondere Bindungen ein Leben lang halten können. Mit ihrem neuen Roman „Das Flirren der Dinge“ führt die italienische Autorin Raffaella Romagnolo die Leser in eine wechselvolle Zeit und das Leben unvergesslicher Helden.

Mit der Kamera im Land unterwegs

Man schreibt die 1860er-Jahre. Der Fotograf und sein Schützling reisen übers Land. Sie bekommen sowohl prominente Würdenträger als auch einfache Familien vor die Linse. Der Prozess der Entstehung eines Bildes ist aufwendig. Es braucht schwere Apparate, viel Chemie und vor allem Zeit und Geduld. Nach und nach übergibt Allessandro seinem Lehrling, dem er auch Lesen und Schreiben, allgemein das Wunder Sprache, beibringt, mehr und mehr Aufgaben. Bei einer Aufnahme sieht Antonio durch die Linse eine fürchterliche Vision, die schließlich Realität wird. Dass dies eine Gabe ist, die sowohl Fluch als auch Segen bedeutet, soll Antonio erst viel später im Laufe seines Lebens erkennen. Als die politischen Zustände im frisch vereinigten Italien sich zuspitzen, muss sein Mentor, der der Gruppe der ungeliebten Republikaner angehört, Hals über Kopf fliehen – von der Schweiz über England verschlägt es ihn bis nach Amerika. Antonio bleibt hingegen zurück. Nachdem er einige Zeit bei einem anderen Fotografen arbeitet, geht er schließlich seine eigenen Wege.

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Eines Tages lernt er Madame Carmen kennen. Sie führt ein Bordell, hier verdient der nunmehr junge Mann vor allem mit erotischen Aufnahmen sein erstes eigenes Geld. Wie die Verbindung zu dem Jungen Primo, den Antonio damals während der Tour um Genua mit seinem Mentor kennengelernt hatte, wird auch der Kontakt zu Madame Carmen nie völlig abreißen; selbst als Antonio während der unruhigen Zeit der Aufstände auf die junge Hebamme Caterina – diese Figur mit ihrem ganz eigenen Schicksal wäre geeignet für einen eigenständigen Roman – trifft und sie gemeinsam nach Mailand gehen. Jahre verstreichen, aus einem Paar wird schließlich eine kleine Familie, als Antonio und Caterina ein Kind adoptieren, das die Hebamme unter schwersten Bedingungen auf die Welt geholt hat.

„Die Zeit anzuhalten ist der kleine, flüchtige Trost dessen, der mit Silbernitrat und albuminiertem Papier umgehen kann. Und keine Zeit ist besser verwendet als die, die nötig ist, um die Belichtung zu messen. So überlegte er. Jede Aufnahme ein Wunder. Ein Bollwerk gegen den Verfall.“

Der besondere Reiz dieses Romans liegt in der Sympathie und Zuneigung der Autorin für ihre Helden, die sich unweigerlich auf den Leser übertragen – dank der rundum gelungenen Ausgestaltung der Charaktere, deren Lebenswege Romagnolo nie aus den Augen verliert. Sie hält sie wie eine bunte Familie zusammen. Es ist berührend zu lesen, wenn Antonio seinen todkranken Mentor pflegt, Madame Carmen trotz ihres wirtschaftlichen Erfolgs eine wichtige Vertraute Antonios bleibt, selbst als er schon im reifen Alter und sein Sohn bereits erwachsen ist. Bis zuletzt nennt sie ihn „kleiner Hering“. So vergeht die Zeit, erstreckt sich die Handlung bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, der, entfacht durch die Reden von Politikern oder Intellektuellen wie Gabriele D’Annunzio und die Begeisterung der Massen, letztlich unzählige Opfer auf unerbittliche und grausame Weise fordert.

Geschichte Italiens und der Fotografie

In diese unterschiedlichen Lebenswege, die sich mal trennen, mal wieder zusammenkommen, mischt Romagnolo die wechselvolle Geschichte ihres Heimatlandes sowie die Entwicklung der Fotografie, die sich vor allem durch den Weg zu immer kleineren und leichteren Apparaten sowie den Einfluss auf Kunst und den Journalismus zeigt. Von einem Porträt-Fotografen wandelt sich Antonio zu einem Pressefotografen, der das Gespür und das Auge für besondere Szenen und Ereignisse hat. Er wird zu einem Chronisten, der sowohl das Leben als auch den Tod mit der Kamera einfängt. Die Fotografie ist dabei mehr als ein Beruf, sondern vielmehr Berufung, eine Lebensaufgabe, die ihm zugleich einen festen Halt in einer schwierigen wie zunehmend schnelllebigen Zeit gibt, die von stetem Wandel geprägt ist und in der er selbst als Erwachsener noch immer von den entsetzlichen Erinnerungen an die Schikanen und Demütigungen im Waisenhaus geplagt wird.

Raffaella Romagnolo, 1971 in Casale Monferrato geboren, unterrichtet Geschichte und Italienisch an einem Gymnasium. Seit 2007 schreibt sie Romane. Besonders erfolgreich war sie hierzulande mit ihrem Buch „Bella Ciao“, das darüber hinaus in zahlreichen weiteren Sprachen erschienen war. Sie war mehrfach für den Premio Strega, einem der renommiertesten Literaturpreise Italiens, nominiert. Heute lebt die erfolgreiche Autorin im Piemont.

Mit „Das Flirren der Dinge“ hat die Italienerin einen überaus sinnlichen Roman voller eindrücklicher, lebendiger wie detailreicher Szenen und berührender Menschlichkeit geschrieben, der von Licht und Schatten erzählt und den Leser umfängt und mit sich führt. Und darin liegt ein großes erzählerisches Geschick.


Raffaela Romagnolo: „Das Flirren der Dinge“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Maja Pflug; 368 Seiten, 24 Euro

Foto von Sacha T’Sas auf Unsplash

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