„Det er den draumen me ber på“ – Norwegen Gastland 2019

Nur 5,2 Millionen Einwohner, dafür zwei Sprachen, drei Literaturnobelpreisträger und 438 Verlage: Norwegen ist das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse im kommenden Jahr. Als Leser, der sehr eng mit dem Land und seiner Kultur verbunden ist, war es damals für mich eine große Freude zu erfahren, dass „Norge“ den Zuschlag erhält. Dabei soll nicht nur die vielfältige und reiche Literatur des skandinavischen Landes im Fokus stehen. Das Land der Fjorde kommt mit einer wichtigen politischen Botschaft auf die weltgrößte Buchmesse. „Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse zu sein, ist eine herausragende Chance für Norwegen. Unsere Autoren und Künstler können an einer globalen Diskussion über Kunst, Redefreiheit und unsere gemeinsame Zukunft teilnehmen, wofür die Frankfurter Buchmesse schon immer eine ausgezeichnete Plattform bot“, sagte Norwegens Kulturministerin Trine Skei Grande zur Präsentation; auch mit Blick auf die politischen Entwicklung in mehreren Ländern Europas. „Det er den draumen me ber på“ – Norwegen Gastland 2019 weiterlesen

Von Unruhe – Merethe Lindstrøm „Aus den Winterarchiven“

„Du bist ohne dich in dir.“

Unruhe, Chaos, eine dumpfe Lebensmüdigkeit beherrschen Mats. Viele Gesichter hat seine für Außenstehende unsichtbare Krankheit, deren oftmals unberechenbaren Auswirkungen auch die Familie beeinflusst. Mats ist der Mann von Merethe Lindstrøm. Die norwegische Schriftstellerin, 2012 ausgezeichnet mit dem Literaturpreis des nordischen Rates, erzählt in ihrem autobiografischen Werk „Aus den Winterarchiven“ von dem Leiden ihres Mannes und jenen, unter denen bereits ihr Vater und die Mutter von Mats zu kämpfen hatten.        Von Unruhe – Merethe Lindstrøm „Aus den Winterarchiven“ weiterlesen

Über Grenzen hinweg – Jørn Lier Horst „Winterfest“

„Was ist das gute Leben?“

Keinen Krimiautoren sollte man mit einem anderen vergleichen; selbst wenn es nach meinen Erfahrungen in einigen Online-Foren oder Social-Media-Kanälen häufig praktiziert wird. Allein mit Blick auf den Umfang der Titel, die alljährlich erscheinen, den Handlungsort, die Herkunft des Autors  und auf die Art und Weise des Schreibstils zeigt sich dieses Genre ungemein vielfältig.  Womöglich liegt auch darin dessen Faszination. Und nicht jeder Skandinavien-Krimi lässt sich in eine solche Schublade stecken. Der Roman „Winterfest“ des Norwegers Jørn Lier Horst ist nicht der klassische nordische Krimi, aber in seiner unaufgeregten Spannung und seinem politisch-gesellschaftlichen Hintergrund ein starkes Buch. Über Grenzen hinweg – Jørn Lier Horst „Winterfest“ weiterlesen

Liebe der Eltern – Linn Ullmann „Die Unruhigen“

„Am innersten Punkt der Geborgenheit wohnen.“

Er galt schon zu Lebzeiten als Legende und konnte sich mit seinen Werken wie „Fanny und Alexander“ oder „Szenen einer Ehe“ in der Filmgeschichte verewigen: Am 14. Juli wäre der schwedische Regisseur Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden. Der Film und das Theater waren seine großen Leidenschaften. Die Liste der Preise, mit denen er geehrt wurde, ist lang. Er erhielt sowohl den Oscar als auch die renommierten Auszeichnungen bekannter Filmfestspiele, wie Cannes, Berlin und Venedig. Seine Tochter Linn Ullman zeichnet in ihrem autobiografischen Roman „Die Unruhigen“ Bergman vor allem als Privatmensch und Vater – auf eine faszinierende und ergreifende Weise. Liebe der Eltern – Linn Ullmann „Die Unruhigen“ weiterlesen

Kraft der Dinge – Lars Saabye Christensen „Magnet“

„In allem, was größer ist, müssen wir einen Platz finden.“

Wir sind umgeben von kleinen und großen Dingen. Materiellen Dingen, die man anfassen kann, die auch zerbrechlich sind. Wenn ich mich gerade umsehe, in dem Raum, in dem ich gerade sitze, erblicke ich im Fenster eine formschöne Vase aus grünem Glas, einen Teelichtständer, kleine Katzen- und Eulenfiguren einer Sammlung im Anfangsstadium. Bewusst nimmt man solche Dinge wohl nur in den seltensten Fällen wahr. Für den Fotografen Jokum Jokumsen waren sie indes die Motive, die ihn haben berühmt werden lassen. Kraft der Dinge – Lars Saabye Christensen „Magnet“ weiterlesen

Backlist #3 – Per Petterson „Nicht mit mir“

„Es war allerhand passiert. Die Zeit war passiert.“

Wer meinen Blog aufmerksam verfolgt, wird von meiner Leidenschaft für die skandinavische, speziell für die norwegische Literatur wissen. Wie Lars Saabye Christensen, Tomas Espedal oder Jan Kjærstad verfolgt mich auch sein Name und seine Bücher schon seit einigen Jahren: Die Rede ist von Per Petterson. „Pferde stehlen“ war der Roman, mit dem ich auf Petterson aufmerksam wurde. Vor einiger Zeit las ich „Ist schon in Ordnung“ und besprach es auch hier. Für die Reihe „Backlist“ griff ich kürzlich zu seinem jüngsten Werk mit dem Titel „Nicht mit mir“, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen – um neugierig auf die norwegische Literatur zu machen und um angesichts der Schnelllebigkeit der Buch-Branche an ein vor wenigen Jahren erschienenes Buch zu erinnern, das es wert ist, jederzeit gelesen zu werden.    Backlist #3 – Per Petterson „Nicht mit mir“ weiterlesen

„Knausgård hat Türen geöffnet“ – Interview mit Elke Ranzinger

Zwischen den jährlichen Neuerscheinungen, auch in den kommenden Frühjahrsprogrammen der Verlage, finden sich Titel aus Norwegen, das 2019 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird und meines Erachtens auch darüber hinaus mehr Aufmerksamkeit seitens deutscher Leser verdient hätte. In einem Gespräch mit „Zeichen & Zeiten“ erzählt Elke Ranzinger über ihre Arbeit als Übersetzerin, Lieblingsautoren und die Wahrnehmung der Literatur Norwegens hierzulande.

Wie sind Sie Übersetzerin geworden? 

Mit Sprache habe ich mich schon immer beschäftigt. Und übersetzt habe ich gewissermaßen auch in meinem ersten Beruf, könnte man sagen; schon während meiner Arbeit als Dramaturgin am Theater, nur ging es da um die Übersetzung vom geschriebenen Wort in die Sprache von Körpern. Die Aufgabe ist aber in beiden Fällen die gleiche, in einen Text regelrecht hineinzukriechen, ich muss verstehen, wie er gebaut ist, was wie was erzeugt und meint, um dann den passenden künstlerischen Ausdruck zu finden. Und als ich nach einem halben Leben am Theater nach etwas Neuem gesucht habe, tauchte da plötzlich das Übersetzen auf.

Und wie kam es zum Norwegischen?

Während meines ersten Studienjahrs habe ich Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“ gelesen. Das Stück hat etwas nicht Greifbares in mir angesprochen, ich hatte das Gefühl, daraus strahlt ein spezielles Licht, vielleicht das Licht der Mitternachtssonne, eine Stimmung, die ich heute aus Norwegen so auch kenne. Da habe ich beschlossen, Norwegisch zu lernen, ich sagte mir, „in einem Jahr liest du das Stück im Original.“ Ja und dieses eine Jahr später fand ich mich dann in Bergen wieder, für ein halbes Jahr Auslandssemester. Dort habe ich alles mitgenommen, was man an Sprachkursen so machen konnte. Und mich unwiderruflich in das Land verliebt. Und so habe ich zwei Jahre später nochmal für ein halbes Jahr Praktikum am Goethe Institut in Oslo gelebt. Irgendetwas ist mit mir und diesem Land, sobald ich da bin, fühle ich mich Zuhause, als käme etwas in mir von dort.

Wie nähern Sie sich einem Werk an?

Erstmal das Buch lesen. Wobei das bisher immer lange vor dem eigentlichen Auftrag passiert ist. Dazu muss ich kurz erläutern, dass meine bisherigen Prosa-Aufträge alle dadurch entstanden sind, weil ich tatsächlich für ein Buch, das mich fasziniert hat, den passenden Verlag gefunden habe. Das waren Bücher, die etwas über unsere Welt und unsere Gesellschaft sagen, was mir persönlich wichtig ist, und über das ich auch mit meinen Freunden diskutieren können möchte. Darüber soll überhaupt gesprochen werden können. Ob ich nun Theater mache oder übersetze, ist mir am Wichtigsten, mit dem, was ich tue, Themen in Umlauf, ins Gespräch zu bringen. Ich glaube, so kann man als Künstler die Welt langsam verändern.

Foto: Christan Wittmann

Aber zurück zum Übersetzen. Also, nach dem ersten Lesen, fange ich einfach direkt an „runter zu übersetzen“, das ist wie ein sehr genaues Lesen durch Schreiben. Ich arbeite mich tiefer und tiefer hinein, in die semantische Struktur, in die Figuren, die Situationen, eben die Stimme des Buches. Dieser erste Durchgang besteht aus zwei Phasen, einem ersten schnellen Tippdurchgang, in dem ich noch nicht viel nachschlage, wo ich mir verschiedene Möglichkeiten, Ideen und Gedanken hintereinander weg notiere, auch mal im Satz die Satzkonstruktion ändere, wenn ich eine neue Idee habe, den Satz anzupacken. Einfach ein erstes Hineinspringen ohne Perfektionsdruck. Was da so entsteht, wird am nächsten Tag mit Recherche überarbeitet, gefeilt, Wörter werden nachgeschlagen, erste Entscheidungen getroffen usw. So entsteht die Rohfassung. Und wenn ich dann einmal durch bin und erleichtert, dass da jetzt zumindest schon einmal etwas steht, geht es wieder von vorne los. Mehrmals. Ein Durchgang auch ausgedruckt auf Papier. Das ist besonders wichtig, denn wenn meine Übersetzung dann so vor mir liegt, ist es irgendwie gleich ernst. Das Gedruckte lässt sich nicht so leicht löschen, das ist wirklich so gemeint. Dieses Gefühl zwingt mich noch genauer hinzusehen, und dabei entdecke ich auch oft die Weichen, die letztlich zu der spezifischen Stimme führen. Und ich lese viel laut. Sowohl das Norwegische als auch das Deutsche. Bis das Deutsche in Inhalt, Rhythmus und Atmosphäre dem Norwegischen entspricht. Aber die Arbeitsweise ist sicher bei jedem Übersetzer anders. Und ich bin selber noch auf der Suche nach der besten Arbeitsweise für mich, schließlich mache ich das ja jetzt erst seit knapp zwei Jahren.

Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit sammeln können? 

Im Augenblick stehe ich kurz vor der Abgabe meiner dritten Romanübersetzung und merke immer mehr, wie sich die Intuition mit Handwerk anreichert und ergänzt. Für diesen Roman bin ich in der glücklichen Lage, das Bode-Stipendium vom Deutschen Übersetzerfonds erhalten zu haben, und dieses Stipendium bedeutet nicht nur Geld, sondern dass ich mir einen erfahrenen Übersetzer als Mentor suchen durfte. Das ist in meinem Fall Ina Kronenberger. Ich empfinde es als riesiges Privileg, mit jemandem wie ihr ganz allein an einem Tisch zu sitzen, um nur über meinen Text, die übersetzerischen Probleme wie auch grundsätzlich Handwerkliches zu sprechen. Übersetzen ist ja an sich erstmal eine sehr einsame Tätigkeit, aber ich merke wie viel man gerade im Austausch lernt.

Wie und wo entdecken Sie die Bücher in Originalsprache?

Das ist in Deutschland gar nicht so leicht, Norwegen ist ja nicht in der EU, also mal schnell bestellen ist nicht. Früher, also vor meiner Zeit als Übersetzerin, ging ich bei meiner in etwa alle drei Jahre stattfindenden Sommerreise nach Norwegen in meine Lieblingsbuchhandlung in Oslo und sagte zum Buchhändler: „Ich war jetzt X Jahre nicht in Norwegen, was muss man gelesen haben.“ Heute lese ich norwegische Literatur vor allem beruflich, um neue Projekte zu finden, das heißt, ich schaue mir die Programme der norwegischen Verlage an und schreibe den Agenten, zu denen ich mittlerweile gute Kontakte habe, was sie mir bitte schicken sollen. Gekauft werden also nur noch Bücher, die ich zum Spaß lese.

Woran arbeiten Sie aktuell?

An „Fra vinterarkivene“ von Merethe Lindstrøm. Sie ist eine etablierte Autorin und hat mit dem Vorgängerroman „Dager i stillhetens historie“ 2012 den Literaturpreis des Nordischen Rates erhalten. „Fra vinterarkivene ist ein autobiografischer Roman. Sie versucht sich darin mithilfe des Schreibens der bipolaren Störung ihres Mannes anzunähern, versucht im Schreiben, das Unverständliche zu verstehen. 

Das Ganze ist dabei eine große Liebeserklärung an ihren Mann. Sehr berührend und sehr wahr. Vor allem dadurch, dass die Sprache ganz schlicht und pur ist, aber zugleich ein dichtes Netz an Bildern erzeugt, die nach und nach Räume eröffnen, in denen spürbar wird, was nicht sagbar ist. Das Buch wird im Verlag Matthes & Seitz erscheinen.

Wie oft greifen Sie zum Wörterbuch?

Kommt darauf an, in welcher Phase ich stecke, anfangs mehr, dann weniger. Aber ohne möchte ich nicht übersetzen. Es liegt immer in Reichweite. Manchmal ist es dazu da, mich zu versichern, und oft nutze ich es auch nur, um mir Anregungen zu holen, wohin ich noch denken könnte. Sehr hilfreich sind da auch einsprachige Norwegisch-Wörterbücher, die einem das Wortfeld eröffnen, sowie deutsche Synonymwörterbücher.

Was reizt Sie an der norwegischen Sprache, was ist das Besondere an ihr?

Das fällt mir schwer zu beantworten, kannte ich die Sprache ja gar nicht, als ich angefangen habe, sie zu lernen. Der Reiz lag wie gesagt in einem bestimmten Text. Jetzt, wo ich sie immer mehr kenne, mag ich, wie erdig sie ist, wie einfach, aber auch wie offen. Es gibt einige Worte, die in mir ein Gefühl erzeugen, das mehr stimmt als die deutsche Entsprechung. Oft denke ich in der Sprache spiegelt sich die beeindruckende Landschaft und die Natur in diesem Land wieder, die ich als gnadenlos empfinde. Als Mensch hat man hier, besonders im Winter, nichts verloren. Eigentlich.

Beherrschen Sie noch weitere skandinavische Sprachen?

Nicht aktiv, ich kann sie jedoch alle lesen, stammen sie ja aus einer Familie. Das mussten wir auch im Studium. Gut möglich, dass ich später auch einmal aus einer anderen Sprache übersetzen werde, vielleicht als erstes aus dem Dänischen.

Welche Autoren mögen und können Sie empfehlen?

146_27073_176925_xxlAlle, die ich übersetze. Wie gesagt, ich wollte ja unbedingt, dass man die hier lesen kann. Da ist einmal Tore Renberg mit seiner Texas-Serie, der erste Band davon „Wir sehen uns morgen“ zum Beispiel erzählt auf schmerzhafte und zugleich witzig schräge Weise von unserer durchkapitalisierten Welt und der Suche nach Menschlichkeit darin, die manchmal nur zu erreichen ist, wenn man vorher kriminell wird, wie in der Serie „Breaking Bad“. Dann, Helga Flatland, die eine wahnsinnig genaue Beobachterin von Figurenkonstellationen ist, davon, wie sich Menschen verhalten, wenn ihre Welt ins Schwanken gebracht wird. Ich freue mich schon richtig darauf, bald ein paar Monate mit den Figuren ihres neuesten Romans „En moderne familie“ zu verbringen. Dieses Buch über Geschwister Ende dreißig, deren Welt aus den Fugen gerät, weil sich ihre Eltern nach 40 Jahren Ehe scheiden lassen wollen, wird in 2019 beim Weidle Verlag erscheinen. Von meinen Herzensprojekten mal abgesehen, empfehle ich noch Tomas Espedal, Per Petterson, Johan Harstad, Mattias Faldbakken, ja, der hat nach viele Jahren auch gerade ein großartig böses neues Buch geschrieben.

Wie schätzen Sie die Wahrnehmung der norwegischen Literatur in Deutschland ein?

Ich denke, Knausgård hat hier schon Türen geöffnet. Die Leser sehen, dass aus Norwegen nicht nur Krimis kommen. Allerdings ist es für mich schwierig zu sagen, inwiefern die Literatur allgemein und in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen als den meinen wahrgenommen und geschätzt wird. Ich denke aber, da ist noch Luft nach oben.

2019 wird Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Was erhoffen Sie sich?

Ich hoffe, dass auch Titel und Autoren, die bereits jetzt schon in Deutschland zu lesen wären, in den Fokus rücken, und dass neue, auch sperrigere Bücher eine Chance bekommen, die die Verlage womöglich sonst aufgrund von Marktgründen nicht machen würden. Zugleich habe ich aber auch ein wenig Angst davor, dass zu viele Bücher gemacht werden, dass der Markt in nur einem Jahr übersättigt wird und sich keiner dieser Autoren wirklich etablieren kann. Denn das wäre, was ich mir eigentlich wünschen würde. Ich hoffe also, dass sich alle am Buchmarkt beteiligten Parteien, auch die Norweger selbst, die gerade unendlich viel, noch mehr als sonst auch, dafür tun, ihre Autoren bekannt zu machen, ihrer Aufgabe und Verantwortung gegenüber der Literatur bewusst sind.

Für mich als Übersetzerin heißt es natürlich erst einmal viel Arbeit in 2018, um die Bücher zu übersetzen, die 2019 erscheinen sollen. Und dann 2019, wenn die Bücher in Veranstaltungen vorgestellt werden. Das ist schön, und ich freue mich auf diese beiden spannenden Jahre. Ich bin sehr glücklich, mit dem was ich tue. Es ist schon ein Geschenk, den ganzen Tag nur mit Sprache arbeiten zu dürfen.

Elke Ranzinger wurde 1980 in Passau geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft, Nordische Philologie sowie Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie arbeitete im Anschluss als Regieassistentin am Pfalztheater Kaiserslautern, später am Landestheater in Linz als Dramaturgin. Heute lebt und arbeitet sie als Übersetzerin von Prosa, Theatertexten und Musicals und freie Dramaturgin in Berlin. Für Heyne Encore übertrug sie den Roman „Wir sehen uns morgen“ von Tore Renberg ins Deutsche. 

Ketil Bjørnstad „Emma oder das Ende der Welt“

„Müßiggang ist der beste Freund der Trauer. Dann macht sie dich fertig.“

Der Roman beginnt bereits mit einer Tragödie, einem schmerzvollen wie unfassbaren Verlust, den Eltern nie erfahren sollten. Emma, die neunjährige Tochter von Aslak Timbereid und seiner Frau Hanne, stirbt nach einem Flugzeugunglück – als einziges Opfer. Zu Beginn von Vorahnungen gequält, sucht der Vater gemeinsam mit der Mutter seines Kindes nach einem Schuldigen des Unglücks. Der neue Roman „Emma oder das Ende der Welt“ des Norwegers Ketil Bjørnstad beschreibt allerdings nicht nur die Tragödie und ihre furchtbaren Folgen. Das Buch gibt einige Einblicke in die literarische Szene des skandinavischen Landes und versammelt zugleich zahlreiche interessante Gedanken von großen Namen.  Ketil Bjørnstad „Emma oder das Ende der Welt“ weiterlesen

Erling Kagge „Stille“

„Die Stille ist eher eine Idee. Ein Gefühl. Eine Vorstellung.“

Wenn ich gerade in diesen Momenten diesen Beitrag schreibe, ist das leise Klacken der Tasten meines Notebooks zu hören, der Lüfter des mobilen Computers, der auf meinem Schoss liegt, rauscht. Ich sitze auf dem Sofa, das leise knarrt, wenn ich mich bewege, um mich über das Buch zu beugen, das neben mir liegt und Inhalt dieser Besprechung ist. Der Umschlag des Bandes ist bis auf die dünnen schwarzen Lettern, die auf Titel, Autor und Verlag verweisen, ganz in Weiß gehalten. Befreit man das Buch von seiner äußersten Papierhülle, wird ein buntes Bild sichtbar: der Blick auf eine stark befahrene Kreuzung. Eine besonders gelungene Umsetzung des Inhalts. Denn in seinem Band „Stille“ berichtet Verleger und Weltenbummler Erling Kagge, dass Stille nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen ist. Sie ist auch dort zu finden, wo es niemals leise ist.  Erling Kagge „Stille“ weiterlesen

Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“

„Das Lesen öffnete mich, das Lesen öffnete die Welt etwas weiter.“

Lange ist es her, dass eine so simple Fernsehshow wie „Was bin ich?“ die TV-Zuschauer an die Bildschirme zu holen vermochte und sie dabei auch noch prächtig unterhalten hat. Müsste John Richard Norman seinen Beruf in nur einer Geste erklären, sehe sie ungefähr so aus: leicht nach vorn gebeugter Oberkörper, die Hände halten einen Gegenstand, die gesamte Gestalt macht den Eindruck von Versunkenheit. Norman ist der Held in dem neuesten Roman des norwegischen Autors Jan Kjærstad und einer der bekanntesten Verlagslektoren. „Das Norman-Areal“ erzählt von der Leidenschaft für das Lesen und die Bücher, die Faszination, die sie auslösen, sowie einer Liebe, die ein tragisches Ende findet.   Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“ weiterlesen

Kämpfen – Tomas Espedal „Biografie, Tagebuch, Briefe“

„Mein einziger Wunsch: schreiben.“ 

Vor nur wenigen Tagen erschien mit „Kämpfen“ der Abschlussband des autobiografischen Projektes „Min kamp“ des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård in deutscher Übersetzung. Dieser einfache wie aussagekräftige Titel wäre auch passend für das jüngste Werk von dessen Kollegen, Landsmann und Freund Tomas Espedal gewesen. „Biografie, Tagebuch, Briefe“ ist ein großartiges literarisches und sehr persönliches Zeugnis über Schmerz und innere Wunden, was einen letztlich am Leben erhält und was es bedeutet.

Kämpfen – Tomas Espedal „Biografie, Tagebuch, Briefe“ weiterlesen

Bücher mit Geschichte(n) – Meine persönlichen Schätze

Spätestens mit einem Umzug wird jeder, der Bücher aus Leidenschaft liest und sammelt, bemerken, was über die Jahre, ja Jahrzehnte zusammengekommen ist. Als ich im Herbst vergangenen Jahres von einer Wohnung in die andere ziehen wollte, entstanden in meinem früheren Wohnzimmer, im Flur und im Schlafzimmer regelrechte Kistenberge. Es ist schwer, mit Worten zu beschreiben, welchen Gesichtsausdruck die Mitarbeiter des Umzugsunternehmens machten, als ich ihre  Frage, was denn in den Kisten denn so sei, kurz und knapp, aber durchaus selbstbewusst zu beantworten wusste: Bücher. Rund 80 Prozent der Kisten waren mit Büchern gefüllt, im Rest der Kartons waren Kleidung sowie Geschirr untergekommen. Doch nicht die Menge ist entscheidend. Einige der Bücher verbinde ich mit besonderen Erinnerungen. Sie erzählen Geschichten, zeigen auch, welche Bücher ich besonders schätzen gelernt habe. Es sind eben Schätze, bei denen nicht der einstige Kaufpreis entscheidend ist. Von einigen dieser Geschichten möchte ich Euch nun berichten.

Londiste

Ich bin in der DDR aufgewachsen. In früheren Berichten habe ich dann und wann geschrieben, wie schwer es damals war, an bestimmte Bücher zu kommen. Beziehungen waren wichtig, um an die sogenannte Bückware, jene unter dem Ladentisch, zu kommen oder sich aus dem „Westen“, verbotene und geliebte Titel und Autoren schicken zu lassen. Es konnte auch geschehen, dass man zu Reisen in die Sowjetunion auf Bücher stieß, die hier zwar gedruckt worden waren, aber nie den Weg in die hiesigen Buchläden fanden. Mein Vater brachte mir in den 80er Jahren einen Band mit Ludwig Bechsteins Märchen mit, als er ein paar Tage in Leningrad weilte. Zu Geburtstagen und zum Weihnachtsfest erhielt ich stets ein Buch, mein Taschengeld floss meistens in den Kauf neuer Lektüre. Eines dieser geliebten Bücher aus Kindheitstagen ist „Der Elefant Londiste“ des estnischen Dramatikers Iko Maran (1915 – 1999). Das Buch mit Illustrationen von Heldur Laretei erzählt die Geschichte des Jungen Siim, der zu seinem Geburtstag einen Spielzeug-Elefanten geschenkt bekommt. Es ist noch antiquarisch erhältlich.

Söhne

Zu den prägenden Erinnerungen an meine Kindheit zählen auch Winnetou und Old Shatterhand,  die wohl bekanntesten Figuren der Welt von Karl May (1882 – 1912). Der gebürtige Sachse zählt zu den produktivsten Autoren seiner Zeit und wohl bis heute zu den meist gelesenen. Von Kult zu sprechen, scheint mir nicht übertrieben zu sein. Bis heute wird sein literarisches Erbe gepflegt, gibt es unter anderem auch eine Karl-May-Gesellschaft, die mit zu den größten literarischen Vereinigungen Deutschlands zählt und in diesem Jahr in Bad Kösen tagen wird. Doch ich komme etwas vom Thema ab, denn mit May und seiner Welt, die er erschuf, ohne jemals die Weiten Amerikas gesehen zu haben, habe ich bisher wenig am Hut. Vielmehr machte ich in der Jugend die Bekanntschaft mit der Autorin Liselotte Welskopf-Henrich (1901 – 1979) und ihrem mehrbändigen Werk „Die Söhne der großen Bärin“. Welskopf-Henrich reiste in den 60er und 70er Jahren in die USA und Kanada, um das Leben der Dakota-Indianer zu studieren. Während ich Winnetou und Old Shatterhand nur auf dem Fernsehbildschirm in Form der schon legendären Verfilmung mit Pierre Brice und Lex Barker sah, den Tod des Indianerhäuptlings zutiefst betrauerte und als Kind das Karl-May-Museum in Radebeul besucht habe, las ich später den ersten Teil „Harka“ der Welskopf-Henrich-Reihe und war begeistert. Irgendwie war es mir in jener Zeit nicht möglich, weitere Bände in die Hand zu bekommen. Jahre und Jahrzehnte vergingen, bis ich in der Stadtbibliothek Naumburg, die ich regelmäßig und häufig besuche, im dortigen Bücherflohmarkt auf eine Komplett-Ausgabe, erschienen als Paperback im Altberliner Verlag, stieß und sie natürlich (für wenig Geld) erwarb.

Muzot

Geht es um Bücher und meine Bücherleidenschaft kann und muss ich von meiner Mutter erzählen. Sie führte mich früh an die Literatur, besuchte mit mir die Dorfbücherei, kaufte die eben erwähnten Buchgeschenke. Die Literatur verband uns. Wir sprachen oft darüber, empfahlen oder liehen uns Titel aus. Bis sie im Januar verstarb und eine riesige, nicht und niemals zu schließende Lücke entstand. Unter ihren Bücher-Nachlass fand ich jenen Roman, der zu ihren Lieblingsbüchern zählte und von dem sie mir häufig berichtet hat: „Der Zauberer von Muzot“ von Ernst Moritz Mungenast (1898 – 1964). Ihre Ausgabe stammt aus der Büchergilde Gutenberg von 1939 und aus dem Bestand meines Urgroßvaters väterlicherseits. Der nicht unumstrittene Roman erzählt von der Geschichte einer Familie in Metz und zugleich von der Historie von Mungenasts Heimat Lothringen. Die Ausgabe hat mit der Zeit sehr gelitten und braucht  dringend die Zuwendung  eines Buchbinders.

Märchen

Ein Blick in meine Bücherregale verrät meine Leidenschaft für die Literatur des Nordens. Neben zahlreichen zeitgenössischen Romanen gehört zur Sammlung auch ein recht dicker Band: „Eventyr“, mit den gesammelten Märchen von Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe. Die beiden Schriftsteller könnte man als die „Grimm-Brüder“ Norwegens bezeichnen, sammelten sie doch wie Jakob und Wilhelm Grimm Märchen ihrer Heimat, nachdem sie das Land mehrfach bereist haben. Wer erfahren will, was es mit den mystischen und wohl auch gefürchteten Trollen auf sich hat, sollte die norwegischen Volksmärchen lesen. Dieser illustrierte und mehr als 600 Seiten umfassende Pracht-Band aus dem J.M. Stenersens Forlag Oslo hat eine weite Reise hinter sich. Ihn fand ich in einer Buchhandlung in Trondheim, während ich im Januar/Februar 2015 mit der Hurtigruten die norwegischen Küste entlang reiste; eine atemberaubende Tour auf der MS Polarlys von Bergen bis Kirkenes und zurück, bei der ich auch das Nordlicht sehen konnte.

Polar

Apropos Schwergewicht und Kälte: Gehen wir noch ein wenig weiter in Richtung Norden oder auch ganz weit in den Süden. Seit einigen Jahren bin ich fasziniert von den eisigen Welten der Arktis und Antarktis. Ob Reiseberichte, Bildbände oder Bücher über die großen Entdecker – ich lese sie sehr gern. Vor einigen Jahren machten einstige Kollegen mir ein besonderes Geschenk: „Mythos Nordpol. 200 Jahre Expeditionsgeschichte“ des französischen Polar-Forschers Jean Malaurie. Klar, dass da wenig später mit „Der Ruf des Nordens“ ein weiterer Band den Weg in meinen mehr und mehr anwachsenden Polar-Bestand fand.


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Der Sohn – Hanne Ørstavik „Liebe“

„Es kommt manchmal vor, dass etwas in dir geschieht, ohne dass du dir dessen bewusst bist.“

Am nächsten Tag sollte sein Geburtstag sein, Jon sollte neun Jahre alt werden. Es ist ein Abend im Winter. Viel Schnee liegt. Jon und seine Mutter verlassen das gemeinsame Haus, ohne zu wissen, was der jeweils andere tut. Sie waren vor wenigen Monaten aus dem Süden in diese Stadt gezogen. Die Norwegerin Hanne Ørstavik erzählt in ihrem Kurzroman „Liebe“ nun die Geschichte von Mutter und Sohn und die eines einzigen Abends, der möglicherweise das Leben beider verändern wird. Der Sohn – Hanne Ørstavik „Liebe“ weiterlesen

Treff mit Troll – Øyvind Torseter „Der siebente Bruder“

„Zeit für den Schlafanzug. Bis du nicht auch müde, mein lieber Troll?“

Als Benjamin der Familie hat man es wahrlich nicht leicht. Sind die Geschwister einmal erwachsen, verstreuen sie sich in Windeseile schwuppdiwupp in alle Himmelsrichtungen: nach Norden, Nordwesten, Nordosten, Süden, Südwesten, Südosten. Der Jüngste bleibt zurück. Beim Vater, der seine sechs Söhne nur schwer ziehen lässt. So ergeht es auch Hans, dem Helden in der Geschichte des Norwegers Øyvind Torseter. Was dieser Band von anderen  Märchenbüchern unterscheidet: Torseter hat nicht nur Farbe und Pinsel in die Hand genommen, um sein Werk recht eigenwillig zu illustrieren, er erzählt die Geschichte als Graphic Novel auf eine herzerfrischende Weise.  Treff mit Troll – Øyvind Torseter „Der siebente Bruder“ weiterlesen

Kälte – Tor Even Svanes „Ins Westeis“

„Und Entfernung ist auch nicht das Wort, das sie gesucht hat. Dieses Wort ist Kälte.“

Als im Dezember 2014 das norwegische Parlament beschloss, die staatlichen Subventionen für die kommerzielle Robbenjagd in Höhe von jährlich 12 Millionen Kronen (etwa 1,3 Millionen Euro) komplett zu streichen, atmeten Tierschützer erleichtert auf, bildete die Förderung doch einen beträchtlichen Hauptteil der Einnahmen der Jäger. Wenige Jahre zuvor hatte die EU ein generelles Einfuhr-Verbot für Robben-Produkte aus Norwegen und Kanada verhängt. Wie blutig die Jagd im europäischen Nordmeer ist, beschreibt der Norweger Tor Even Svanes in seinem herausragenden, spannenden wie eindringlichen Roman „Ins Westeis“. Doch nicht nur das Verhältnis zwischen Mensch und Tier steht in dem schmalen Band im Mittelpunkt, jenes zwischen den Menschen, konkret zwischen der männlichen Besatzung eines Robbenjagd-Schiffes und einer jungen Tierärztin spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Kälte – Tor Even Svanes „Ins Westeis“ weiterlesen

#MeinKlassiker – Knut Hamsun „Hunger“

„Stille. Kein Mensch um mich her, kein Licht, kein Lärm. Ich bin in der gewaltsamsten Gemütserregung.“

Der dünne Band stammt aus dem Jahr 1978; ein Jahr nach meiner Geburt. Die leicht vergilbten Seiten sind mit Anstreichungen und Kommentaren versehen. Bunte Haftnotizen ragen aus dem Buch heraus. Erschienen im Reclam-Verlag, hat es mich mehrere Monate begleitet, am Ende eines besonderen Lebensabschnittes. Als Birgit Boe vom Blog „Sätze & Schätze“ mich anschrieb und fragte, ob ich nicht einen Beitrag zu ihrer Serie „#MeinKlassiker“ verfasse, war mir schnell klar, dass es „Hunger“ von Knut Hamsun (1859 – 1952) sein soll. „Hamsuns frühe Werke und die deutsche Literatur der Jahrhundertwende“ hieß das Thema meiner Magisterarbeit, die ich nun ebenfalls mal wieder aus dem  Regal hole, nicht ohne in der einen oder anderen Erinnerung zu schwelgen. Der Name des norwegischen Nobelpreisträgers war mir in den Studienjahren immer wieder begegnet, wirkte er doch maßgeblich auf die moderne europäische Literatur. Bekannte Schriftsteller wie Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Franz Kafka lasen dessen Werke, die zu den beliebtesten in Deutschland zählten, mit Begeisterung. Gerade auch in einer Zeit, als allgemein die Skandinavier auf dem künstlerischen Bereich viel Beachtung fanden. Der Maler Edvard Munch, die Dramatiker August Strindberg und Henrik Ibsen, der Komponist Edvard Grieg sollen an dieser Stelle beispielhaft erwähnt werden. In Metropolen Berlin, München oder auch Paris entstanden von Skandinaviern geprägte Künstlerkreise.

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Doch in den 1940er Jahren wurde der Norweger zur persona non grata erklärt. Was war geschehen? Zeitlebens bewunderte er Deutschland, auch dann noch, als Hitler 1933 die Macht ergriffen hat. 1936 appellierte er an seine Landsleute, den Parteiführer der faschistischen National Samling, Vidkun Quisling, zu wählen, der nach der Besetzung Norwegens durch die Wehrmacht mit den Deutschen kollaborierte und an der Spitze einer Schattenregierung stand. 1943 schenkte Hamsun Joseph Goebbels seine 1920 erhaltene Nobelpreis-Medaille. In Norwegen wurde der Schriftsteller fortan geschmäht und nach dem Krieg wegen Landesverrats vor Gericht gestellt. Seine Bücher verschwanden aus den Regalen. Sowohl Hamsuns Leserschaft als auch die Wissenschaft tat sich in den kommenden Jahrzehnten schwer mit dem Literaten und seinem reichen Schaffen. Erst in den vergangenen Jahren erfolgte eine Wieder-Annäherung – allerdings ohne diese dunkle Facette im Leben Hamsuns zu vergessen.

Foto: Wikipedia
Foto: Wikipedia

Während der Roman „Segen der Erde“ heutzutage wohl vielen bekannt ist, war es die Erzählung „Hunger“, die Hamsun  zur erhofften Aufmerksamkeit der literarischen Szene und zu erstem Ruhm verhalf. Das Werk erschien in Auszügen und anonym erstmals 1888 in der dänischen Zeitung „Ny Jord“, 1891 schließlich in einer deutscher Übersetzung und in gekürzter Fassung in der Zeitschrift „Freie Bühne“. Das Geschehen in diesem recht eigenwilligen Erzählwerk ist überschaubar. Ein namenloser Protagonist, dessen Vergangenheit ebenfalls im Dunklen liegt, wandelt einsam und hungrig durch die Straßen Kristianias, des heutigen Oslos, ohne wirklich gegen seinen erbarmungswürdigen Zustand anzukämpfen. Banalitäten beziehungsweise kleine Dinge gewinnen im Alltag an Bedeutung. Das Schreiben ist das einzige Streben des Helden.

„Der Hunger hauste schon wieder bei mir, seit dem vorhergegangenen Abend hatte ich nichts gegessen – das war allerdings noch keine lange Zeit, ich hatte es oft mehrere Tage lang aushalten können, aber ich ließ bedenklich nach, ich konnte gar nicht mehr so gut hungern wie früher, ein einziger Tag konnte mich betäuben, und ich litt an häufigem Erbrechen, sobald ich Wasser trank.“

Vor allem sein besonderer Erzählmodus ließ dieses schmale Werk so einzigartig werden. Das gesamte Geschehen wird vollständig als innerer Monolog und aus der Sicht des Helden wiedergegeben. Vor allem dessen Innenleben, Gefühle und Gedanken wird beleuchtet. Beschreibungen der Umgebung und der Begegnungen mit Menschen wechseln sich mit Selbstreflexionen, einer Seelenschau ab. Hamsun betrat damit nahezu Neuland und fand vielfach Anerkennung. Manche sahen mit diesem Werk einen Epochenwandel und stellten dessen Autor folgend in die Reihe namhafter Künstler wie Franz Kafka und James Joyce.  „Hunger“ gilt als frühes Beispiel des „stream of consciousness“ (übersetzt Bewusstseinsstrom) und spiegelt Hamsuns eigenes Erleben wider: Er versuchte, als Journalist in Kristiania Fuß zu fassen, um jedoch wenig später ohne nennenswerten Erfolg ein Schiff in Richtung Westen zu besteigen. Der Norweger reiste zweimal in die USA, um dort sein Glück zu suchen. Vergeblich. Wer sich für den Schriftsteller und diese Lebensepoche interessiert, dem sei an dieser Stelle der Roman „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Hamsun und Wilde“ von Matthias Engels empfohlen.

Was macht diese eigenwillige Erzähltechnik mit dem Leser? Sie sorgt für eine ganz spezielle Leser-Held-Beziehung. Der Leser wird zu einem Beobachter, der zugleich in die intime Gedankenwelt des Protagonisten und Erzählers hineinsehen kann. Es entsteht ein konzentrierter Blick, der durch den von meist kurzen Sätzen, oft gar nur einzelnen Wörter geprägten erzählerischen Stil verstärkt wird. „Hunger“ hat mich insofern geprägt, dass ich ähnliche Werke mit einer spartanen, aber dafür prägnanten sowie psychologischen Erzählweise sehr zu schätzen lernte. Hamsun selbst hat sein Frühwerk  weder einem bestimmten Stil noch der Gattung Roman zuordnen wollen. Womöglich ragt es bis heute auch deshalb so heraus und kann Beginn einer neuen oder auch einer Wieder-Begegnung mit dem großen Literaten aus Norwegen sein.


Knut Hamsun: „Hunger“ ist aktuell antiquarisch in einer dtv-Taschenbuchausgabe erhältlich.

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Grenzenlos – Reif Larsen „Die Rettung des Horizonts“

„Denken ist zum Geändertwerden da.

Reichlich Zeit hat er sich gelassen. 2009 erschien sein einzigartiges Debüt „Die Karte meiner Träume“. Nun ist der Amerikaner Reif Larsen zurück – mit seinem neuen Roman „Die Rettung des Horizonts“, der wohl nicht minder eindrucksvoll ist, obwohl er in der Gestaltung – sein Erstling war ein Konglomerat aus Text, Skizzen und Fußnoten – nicht gar so überbordernd erscheint. Vielmehr ist diesmal die Geschichte ein kleines Wunderwerk. Sie nachzuerzählen ist dabei gar nicht so leicht. Denn Larsen spannt die Handlung mit ihren fünf Teilen nicht nur geografisch über vier Kontinente und zeitlich über drei Jahrhunderte. Mehrere Erzählfäden fügen sich über mehrere Personen und eine ganz eigene, aus Wissenschaftlern und kreativen Köpfen zusammengewürfelte Aktionsgruppe, die ihre Wurzeln im Norden Europas weiß, zusammen.   Grenzenlos – Reif Larsen „Die Rettung des Horizonts“ weiterlesen

Verräter – Gard Sveen „Der letzte Pilger“

„Zufälle sind nicht anderes als Schicksal. und das Schicksal ist nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Zufällen.“ 

Er galt als Kriegsheld, war erfolgreicher Immobilienhändler, einst sogar Handelsminister seines Landes. An einem Junitag wird Carl Oscar Krogh ermordet aufgefunden, seine mit unzähligen Messerstichen versehene Leiche lässt sogar eingefleischte Kriminalisten das Blut in den Adern gefrieren. Selbst Kommissar Tommy Bergmann sucht vorsorglich die Toilette des Hauses auf. Wer trachtete dem einstigen heroischen Widerstandskämpfer nach dem Leben? Bergmann stößt bei seinen Ermittlungen nicht nur auf Rätsel der Vergangenheit. Er ist sich auch sicher, dass der Fund dreier Skelette, die wenige Tage zuvor in der Nordmarka entdeckt worden waren, mit diesem Mord zu tun haben. Verräter – Gard Sveen „Der letzte Pilger“ weiterlesen