Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“

„Und wer waren wir geworden? Erinnerten wir uns überhaupt noch an uns selbst? Und wenn ja, wie lange noch?“ 

Schon als ich die norwegische Originalausgabe während einer der früheren Frankfurter Buchmessen in der Hand gehalten habe, war da dieses Gefühl, ein besonderes Buch vor sich zu haben. Dieser Name, dieses Gewicht, dieser Umfang… Sechs Jahre hat der Norweger Johan Harstad an seinem bereits 2015 in seinem Heimatland erschienenen Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ geschrieben. Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ weiterlesen

Simon Stranger – „Vergesst unsere Namen nicht“

„M wie das Monster, das in jedem von uns ruht.“ 

Ihre Spur zieht sich durch ganz Europa. Es gibt wohl keine größere Stadt, in der sie nicht zu finden sind. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind Kunstwerk und Mahnmal zugleich. Sie erinnern in nunmehr bereits 24 Ländern an Menschen, die während des Nationalsozialismus verhaftet, deportiert und ermordet oder in den Freitod getrieben worden sind. Auch in der norwegischen Stadt Trondheim gibt es jene Messingtafeln mit den Lebensdaten der Opfer. In eine ist der Name Hirsch Komissar eingraviert. Die Geschichte des jüdischen Ingenieurs, der seine Ausbildung im sächsischen Mittweida absolviert und später als Geschäftsmann und Inhaber eines Modegeschäfts gewirkt hat, ist Teil der Familienhistorie des norwegischen Autors Simon Stranger, der darüber einen preisgekrönten Roman geschrieben hat.

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Der Herbst wird norsk – Blick in die Vorschauen I

Leser meines Blogs wissen, dass ich zweimal im Jahr einen Überblick über kommende Neuerscheinungen gebe. Einmal für das Frühjahr, einmal für den Herbst. Dieses Jahr wird es ein klein wenig anders sein. Denn für Freunde norwegischer Literatur ist 2019 bekanntlich ein großes Fest. Das skandinavische Land ist unter dem Motto „Der Traum in uns“ Gastland auf der Frankfurter Buchmesse vom 16. bis 20. Oktober. Mit Blick auf die Fülle an Veröffentlichungen und Veranstaltungen ziehe ich an dieser Stelle erst einmal mit großem Respekt vor allen den Hut, die dazu beitragen. Verlage, Autoren, Übersetzer, Buchhandlungen und den Mitarbeitern von Norla (Norwegian Literature Abroad), die den Gastauftritt initiieren und organisieren. Der Herbst wird norsk – Blick in die Vorschauen I weiterlesen

Heine Bakkeid „Triff mich im Paradies“

„Alle brauchen einen Ausweg.“

In der Kriminal- und Thrillerliteratur gibt es in der jüngsten Vergangenheit wohl kaum einen so kaputten Ermittler wie Thorkild Aske. Er ist ein Wrack, von körperlichen wie seelischen Wunden und Narben gezeichnet. Mit „Und morgen werde ich dich vermissen“ aus der Feder des Norwegers Heine Bakkeid hat er vor wenigen Jahren die Bühne der Spannungsliteratur betreten. Der erste Fall führte den Ermittler in den hohen, unwirtlichen Norden Norwegens, und auch im zweiten Fall kommt Aske nicht herum, den von ihm ungeliebten Teil des Landes erneut aufzusuchen. Denn ein Serienkiller treibt sein Unwesen, und es gilt, eine junge Frau aufzuspüren, die verschwunden ist. Heine Bakkeid „Triff mich im Paradies“ weiterlesen

Dagny Juel – „Flügel in Flammen“

„In der Seele großem dunklem Saal (…).“

Dagny Juel – Autorin, Femme fatale, Ehefrau, Mutter zweier Kinder. Viele Rollen hat die 1867 in Kongsvinger geborene Norwegerin in ihrem kurzen, durch einen tragischen Todesfall endenden Leben übernommen. Ihr Wirken und Schaffen als schreibend schöpferische Frau hat indes bis vor kurzem hinter ihrer Bedeutung in der berühmten skandinavisch-slawischen Berliner Boheme im ausgehenden 19. Jahrhundert gestanden. Nun versammelt der Band „Flügel in Flammen“ erstmals ihre gesammelten Werke in deutscher Übertragung und gibt auch dank eines Essays des Filmemachers und Autors Lars Brandt Einblicke in das Leben einer faszinierenden Persönlichkeit.

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Linde Hagerup „Ein Bruder zu viel“

„Aber manchmal muss man Dinge tun, von denen man nicht gewusst hat, dass sie möglich sind.“

Manchmal kann die Welt furchtbar gemein und doof sein. Nämlich dann, wenn sich alles und jeder sich gegen einen verschworen hat. Sara hat dieses Gefühl. Dabei war doch bis vor Kurzem alles prima, ja bestens. Mit ihren Eltern, ihrer älteren Schwester Emilie und in der Schule. Doch dann tritt der kleine Steinar in ihr Leben und das ihrer Familie und krempelt dieses von Grund auf komplett um. Die Norwegerin Linde Hagerup hat mit ihrem Kinderbuch „Ein Bruder zu viel“ ein warmherziges, mal heiteres, mal melancholisches Werk geschrieben – für sowohl jüngere als auch ältere Leser.

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„Det er den draumen me ber på“ – Norwegens Weg zum Ehrengast

Nach der Leipziger Buchmesse mit Tschechien als Ehrengast geht es nun in den Norden. Norwegen ist das Gastland in Frankfurt. Ein Blick in den Veranstaltungskalender der Frühjahrsmesse erweckte den Eindruck, dass die Skandinavier bereits volle Fahrt aufgenommen haben für ihren großen Auftritt im Oktober. Allein 18 norwegische Autoren waren zu 40 Veranstaltungen in der sächsischen Messestadt zu erleben. Das schon traditionelle Nordische Forum in Halle 4 war größer, da Norwegen auf der Buchmesse mit einem eigenen Stand präsent war. „Det er den draumen me ber på“ – Norwegens Weg zum Ehrengast weiterlesen

Hanne Ørstavik „So wahr wie ich wirklich bin“

„Woher kommt es, woher kommen die Dinge, die man tut.“

Manche Autoren sind in ihren Heimatländern hochangesehen und werden mit bedeutenden Preisen gewürdigt. In anderen Ländern erscheinen ihre Werke – wenn überhaupt – nur sporadisch in der jeweiligen Übersetzung, es sei denn, sie sind auch dort Bestseller. Hanne Ørstavik, 1969 in der Finnmark geboren, gehört in Norwegen zu den bedeutenden Autorinnen. 2004 erhielt sie den renommierten Brageprisen, drei Jahre später den Preis des großen norwegischen Verlages Aschehoug. Nach ihrem Roman „Liebe“ veröffentlichte der Karl Rauch Verlag, der vor allem für die Herausgabe des Klassikers „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry bekannt ist, nun mit „So wahr wie ich wirklich bin“ einen zweiten Roman der Skandinavierin, die es auch hierzulande endlich zu entdecken gilt. Hanne Ørstavik „So wahr wie ich wirklich bin“ weiterlesen

Ketil Bjørnstad „Die Welt die meine war“

„Das ist mein Platz. Der des Betrachters.“

Als ich dieses Buch las, hatte ich oft diesen fetzigen Song im Kopf, einen Ohrwurm, der einfach nicht verschwinden wollte. Kurioserweise oder wie der Zufall es so wollte, stammt der Hit – wie auch dieses Buch  –  von einem Pianisten. „We Didn’t Start The Fire“ heißt der Hit des Amerikaners Billy Joel, in dem „The Piano Man“ herausragende Personen und Ereignisse der Geschichte in den Strophen aufzählt und aneinanderreiht, einer Chronik gleich. Zu einem Rückblick in eine vergangene Zeit, genauer gesagt in die 1960er-Jahre, lädt der Jazz-Pianist Ketil Bjørnstad mit dem ersten Band seiner Autobiografie ein. Auf eine ganz ähnliche Weise wie sein Kollege Joel.  Ketil Bjørnstad „Die Welt die meine war“ weiterlesen

„Det er den draumen me ber på“ – Norwegen Gastland 2019

Nur 5,2 Millionen Einwohner, dafür zwei Sprachen, drei Literaturnobelpreisträger und 438 Verlage: Norwegen ist das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse im kommenden Jahr. Als Leser, der sehr eng mit dem Land und seiner Kultur verbunden ist, war es damals für mich eine große Freude zu erfahren, dass „Norge“ den Zuschlag erhält. Dabei soll nicht nur die vielfältige und reiche Literatur des skandinavischen Landes im Fokus stehen. Das Land der Fjorde kommt mit einer wichtigen politischen Botschaft auf die weltgrößte Buchmesse. „Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse zu sein, ist eine herausragende Chance für Norwegen. Unsere Autoren und Künstler können an einer globalen Diskussion über Kunst, Redefreiheit und unsere gemeinsame Zukunft teilnehmen, wofür die Frankfurter Buchmesse schon immer eine ausgezeichnete Plattform bot“, sagte Norwegens Kulturministerin Trine Skei Grande zur Präsentation; auch mit Blick auf die politischen Entwicklung in mehreren Ländern Europas. „Det er den draumen me ber på“ – Norwegen Gastland 2019 weiterlesen

Von Unruhe – Merethe Lindstrøm „Aus den Winterarchiven“

„Du bist ohne dich in dir.“

Unruhe, Chaos, eine dumpfe Lebensmüdigkeit beherrschen Mats. Viele Gesichter hat seine für Außenstehende unsichtbare Krankheit, deren oftmals unberechenbaren Auswirkungen auch die Familie beeinflusst. Mats ist der Mann von Merethe Lindstrøm. Die norwegische Schriftstellerin, 2012 ausgezeichnet mit dem Literaturpreis des nordischen Rates, erzählt in ihrem autobiografischen Werk „Aus den Winterarchiven“ von dem Leiden ihres Mannes und jenen, unter denen bereits ihr Vater und die Mutter von Mats zu kämpfen hatten.        Von Unruhe – Merethe Lindstrøm „Aus den Winterarchiven“ weiterlesen

Über Grenzen hinweg – Jørn Lier Horst „Winterfest“

„Was ist das gute Leben?“

Keinen Krimiautoren sollte man mit einem anderen vergleichen; selbst wenn es nach meinen Erfahrungen in einigen Online-Foren oder Social-Media-Kanälen häufig praktiziert wird. Allein mit Blick auf den Umfang der Titel, die alljährlich erscheinen, den Handlungsort, die Herkunft des Autors  und auf die Art und Weise des Schreibstils zeigt sich dieses Genre ungemein vielfältig.  Womöglich liegt auch darin dessen Faszination. Und nicht jeder Skandinavien-Krimi lässt sich in eine solche Schublade stecken. Der Roman „Winterfest“ des Norwegers Jørn Lier Horst ist nicht der klassische nordische Krimi, aber in seiner unaufgeregten Spannung und seinem politisch-gesellschaftlichen Hintergrund ein starkes Buch. Über Grenzen hinweg – Jørn Lier Horst „Winterfest“ weiterlesen

Liebe der Eltern – Linn Ullmann „Die Unruhigen“

„Am innersten Punkt der Geborgenheit wohnen.“

Er galt schon zu Lebzeiten als Legende und konnte sich mit seinen Werken wie „Fanny und Alexander“ oder „Szenen einer Ehe“ in der Filmgeschichte verewigen: Am 14. Juli wäre der schwedische Regisseur Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden. Der Film und das Theater waren seine großen Leidenschaften. Die Liste der Preise, mit denen er geehrt wurde, ist lang. Er erhielt sowohl den Oscar als auch die renommierten Auszeichnungen bekannter Filmfestspiele, wie Cannes, Berlin und Venedig. Seine Tochter Linn Ullman zeichnet in ihrem autobiografischen Roman „Die Unruhigen“ Bergman vor allem als Privatmensch und Vater – auf eine faszinierende und ergreifende Weise. Liebe der Eltern – Linn Ullmann „Die Unruhigen“ weiterlesen

Kraft der Dinge – Lars Saabye Christensen „Magnet“

„In allem, was größer ist, müssen wir einen Platz finden.“

Wir sind umgeben von kleinen und großen Dingen. Materiellen Dingen, die man anfassen kann, die auch zerbrechlich sind. Wenn ich mich gerade umsehe, in dem Raum, in dem ich gerade sitze, erblicke ich im Fenster eine formschöne Vase aus grünem Glas, einen Teelichtständer, kleine Katzen- und Eulenfiguren einer Sammlung im Anfangsstadium. Bewusst nimmt man solche Dinge wohl nur in den seltensten Fällen wahr. Für den Fotografen Jokum Jokumsen waren sie indes die Motive, die ihn haben berühmt werden lassen. Kraft der Dinge – Lars Saabye Christensen „Magnet“ weiterlesen

Backlist #3 – Per Petterson „Nicht mit mir“

„Es war allerhand passiert. Die Zeit war passiert.“

Wer meinen Blog aufmerksam verfolgt, wird von meiner Leidenschaft für die skandinavische, speziell für die norwegische Literatur wissen. Wie Lars Saabye Christensen, Tomas Espedal oder Jan Kjærstad verfolgt mich auch sein Name und seine Bücher schon seit einigen Jahren: Die Rede ist von Per Petterson. „Pferde stehlen“ war der Roman, mit dem ich auf Petterson aufmerksam wurde. Vor einiger Zeit las ich „Ist schon in Ordnung“ und besprach es auch hier. Für die Reihe „Backlist“ griff ich kürzlich zu seinem jüngsten Werk mit dem Titel „Nicht mit mir“, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen – um neugierig auf die norwegische Literatur zu machen und um angesichts der Schnelllebigkeit der Buch-Branche an ein vor wenigen Jahren erschienenes Buch zu erinnern, das es wert ist, jederzeit gelesen zu werden.    Backlist #3 – Per Petterson „Nicht mit mir“ weiterlesen

„Knausgård hat Türen geöffnet“ – Interview mit Elke Ranzinger

Zwischen den jährlichen Neuerscheinungen, auch in den kommenden Frühjahrsprogrammen der Verlage, finden sich Titel aus Norwegen, das 2019 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird und meines Erachtens auch darüber hinaus mehr Aufmerksamkeit seitens deutscher Leser verdient hätte. In einem Gespräch mit „Zeichen & Zeiten“ erzählt Elke Ranzinger über ihre Arbeit als Übersetzerin, Lieblingsautoren und die Wahrnehmung der Literatur Norwegens hierzulande.

Wie sind Sie Übersetzerin geworden? 

Mit Sprache habe ich mich schon immer beschäftigt. Und übersetzt habe ich gewissermaßen auch in meinem ersten Beruf, könnte man sagen; schon während meiner Arbeit als Dramaturgin am Theater, nur ging es da um die Übersetzung vom geschriebenen Wort in die Sprache von Körpern. Die Aufgabe ist aber in beiden Fällen die gleiche, in einen Text regelrecht hineinzukriechen, ich muss verstehen, wie er gebaut ist, was wie was erzeugt und meint, um dann den passenden künstlerischen Ausdruck zu finden. Und als ich nach einem halben Leben am Theater nach etwas Neuem gesucht habe, tauchte da plötzlich das Übersetzen auf.

Und wie kam es zum Norwegischen?

Während meines ersten Studienjahrs habe ich Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“ gelesen. Das Stück hat etwas nicht Greifbares in mir angesprochen, ich hatte das Gefühl, daraus strahlt ein spezielles Licht, vielleicht das Licht der Mitternachtssonne, eine Stimmung, die ich heute aus Norwegen so auch kenne. Da habe ich beschlossen, Norwegisch zu lernen, ich sagte mir, „in einem Jahr liest du das Stück im Original.“ Ja und dieses eine Jahr später fand ich mich dann in Bergen wieder, für ein halbes Jahr Auslandssemester. Dort habe ich alles mitgenommen, was man an Sprachkursen so machen konnte. Und mich unwiderruflich in das Land verliebt. Und so habe ich zwei Jahre später nochmal für ein halbes Jahr Praktikum am Goethe Institut in Oslo gelebt. Irgendetwas ist mit mir und diesem Land, sobald ich da bin, fühle ich mich Zuhause, als käme etwas in mir von dort.

Wie nähern Sie sich einem Werk an?

Erstmal das Buch lesen. Wobei das bisher immer lange vor dem eigentlichen Auftrag passiert ist. Dazu muss ich kurz erläutern, dass meine bisherigen Prosa-Aufträge alle dadurch entstanden sind, weil ich tatsächlich für ein Buch, das mich fasziniert hat, den passenden Verlag gefunden habe. Das waren Bücher, die etwas über unsere Welt und unsere Gesellschaft sagen, was mir persönlich wichtig ist, und über das ich auch mit meinen Freunden diskutieren können möchte. Darüber soll überhaupt gesprochen werden können. Ob ich nun Theater mache oder übersetze, ist mir am Wichtigsten, mit dem, was ich tue, Themen in Umlauf, ins Gespräch zu bringen. Ich glaube, so kann man als Künstler die Welt langsam verändern.

Foto: Christan Wittmann

Aber zurück zum Übersetzen. Also, nach dem ersten Lesen, fange ich einfach direkt an „runter zu übersetzen“, das ist wie ein sehr genaues Lesen durch Schreiben. Ich arbeite mich tiefer und tiefer hinein, in die semantische Struktur, in die Figuren, die Situationen, eben die Stimme des Buches. Dieser erste Durchgang besteht aus zwei Phasen, einem ersten schnellen Tippdurchgang, in dem ich noch nicht viel nachschlage, wo ich mir verschiedene Möglichkeiten, Ideen und Gedanken hintereinander weg notiere, auch mal im Satz die Satzkonstruktion ändere, wenn ich eine neue Idee habe, den Satz anzupacken. Einfach ein erstes Hineinspringen ohne Perfektionsdruck. Was da so entsteht, wird am nächsten Tag mit Recherche überarbeitet, gefeilt, Wörter werden nachgeschlagen, erste Entscheidungen getroffen usw. So entsteht die Rohfassung. Und wenn ich dann einmal durch bin und erleichtert, dass da jetzt zumindest schon einmal etwas steht, geht es wieder von vorne los. Mehrmals. Ein Durchgang auch ausgedruckt auf Papier. Das ist besonders wichtig, denn wenn meine Übersetzung dann so vor mir liegt, ist es irgendwie gleich ernst. Das Gedruckte lässt sich nicht so leicht löschen, das ist wirklich so gemeint. Dieses Gefühl zwingt mich noch genauer hinzusehen, und dabei entdecke ich auch oft die Weichen, die letztlich zu der spezifischen Stimme führen. Und ich lese viel laut. Sowohl das Norwegische als auch das Deutsche. Bis das Deutsche in Inhalt, Rhythmus und Atmosphäre dem Norwegischen entspricht. Aber die Arbeitsweise ist sicher bei jedem Übersetzer anders. Und ich bin selber noch auf der Suche nach der besten Arbeitsweise für mich, schließlich mache ich das ja jetzt erst seit knapp zwei Jahren.

Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit sammeln können? 

Im Augenblick stehe ich kurz vor der Abgabe meiner dritten Romanübersetzung und merke immer mehr, wie sich die Intuition mit Handwerk anreichert und ergänzt. Für diesen Roman bin ich in der glücklichen Lage, das Bode-Stipendium vom Deutschen Übersetzerfonds erhalten zu haben, und dieses Stipendium bedeutet nicht nur Geld, sondern dass ich mir einen erfahrenen Übersetzer als Mentor suchen durfte. Das ist in meinem Fall Ina Kronenberger. Ich empfinde es als riesiges Privileg, mit jemandem wie ihr ganz allein an einem Tisch zu sitzen, um nur über meinen Text, die übersetzerischen Probleme wie auch grundsätzlich Handwerkliches zu sprechen. Übersetzen ist ja an sich erstmal eine sehr einsame Tätigkeit, aber ich merke wie viel man gerade im Austausch lernt.

Wie und wo entdecken Sie die Bücher in Originalsprache?

Das ist in Deutschland gar nicht so leicht, Norwegen ist ja nicht in der EU, also mal schnell bestellen ist nicht. Früher, also vor meiner Zeit als Übersetzerin, ging ich bei meiner in etwa alle drei Jahre stattfindenden Sommerreise nach Norwegen in meine Lieblingsbuchhandlung in Oslo und sagte zum Buchhändler: „Ich war jetzt X Jahre nicht in Norwegen, was muss man gelesen haben.“ Heute lese ich norwegische Literatur vor allem beruflich, um neue Projekte zu finden, das heißt, ich schaue mir die Programme der norwegischen Verlage an und schreibe den Agenten, zu denen ich mittlerweile gute Kontakte habe, was sie mir bitte schicken sollen. Gekauft werden also nur noch Bücher, die ich zum Spaß lese.

Woran arbeiten Sie aktuell?

An „Fra vinterarkivene“ von Merethe Lindstrøm. Sie ist eine etablierte Autorin und hat mit dem Vorgängerroman „Dager i stillhetens historie“ 2012 den Literaturpreis des Nordischen Rates erhalten. „Fra vinterarkivene ist ein autobiografischer Roman. Sie versucht sich darin mithilfe des Schreibens der bipolaren Störung ihres Mannes anzunähern, versucht im Schreiben, das Unverständliche zu verstehen. 

Das Ganze ist dabei eine große Liebeserklärung an ihren Mann. Sehr berührend und sehr wahr. Vor allem dadurch, dass die Sprache ganz schlicht und pur ist, aber zugleich ein dichtes Netz an Bildern erzeugt, die nach und nach Räume eröffnen, in denen spürbar wird, was nicht sagbar ist. Das Buch wird im Verlag Matthes & Seitz erscheinen.

Wie oft greifen Sie zum Wörterbuch?

Kommt darauf an, in welcher Phase ich stecke, anfangs mehr, dann weniger. Aber ohne möchte ich nicht übersetzen. Es liegt immer in Reichweite. Manchmal ist es dazu da, mich zu versichern, und oft nutze ich es auch nur, um mir Anregungen zu holen, wohin ich noch denken könnte. Sehr hilfreich sind da auch einsprachige Norwegisch-Wörterbücher, die einem das Wortfeld eröffnen, sowie deutsche Synonymwörterbücher.

Was reizt Sie an der norwegischen Sprache, was ist das Besondere an ihr?

Das fällt mir schwer zu beantworten, kannte ich die Sprache ja gar nicht, als ich angefangen habe, sie zu lernen. Der Reiz lag wie gesagt in einem bestimmten Text. Jetzt, wo ich sie immer mehr kenne, mag ich, wie erdig sie ist, wie einfach, aber auch wie offen. Es gibt einige Worte, die in mir ein Gefühl erzeugen, das mehr stimmt als die deutsche Entsprechung. Oft denke ich in der Sprache spiegelt sich die beeindruckende Landschaft und die Natur in diesem Land wieder, die ich als gnadenlos empfinde. Als Mensch hat man hier, besonders im Winter, nichts verloren. Eigentlich.

Beherrschen Sie noch weitere skandinavische Sprachen?

Nicht aktiv, ich kann sie jedoch alle lesen, stammen sie ja aus einer Familie. Das mussten wir auch im Studium. Gut möglich, dass ich später auch einmal aus einer anderen Sprache übersetzen werde, vielleicht als erstes aus dem Dänischen.

Welche Autoren mögen und können Sie empfehlen?

146_27073_176925_xxlAlle, die ich übersetze. Wie gesagt, ich wollte ja unbedingt, dass man die hier lesen kann. Da ist einmal Tore Renberg mit seiner Texas-Serie, der erste Band davon „Wir sehen uns morgen“ zum Beispiel erzählt auf schmerzhafte und zugleich witzig schräge Weise von unserer durchkapitalisierten Welt und der Suche nach Menschlichkeit darin, die manchmal nur zu erreichen ist, wenn man vorher kriminell wird, wie in der Serie „Breaking Bad“. Dann, Helga Flatland, die eine wahnsinnig genaue Beobachterin von Figurenkonstellationen ist, davon, wie sich Menschen verhalten, wenn ihre Welt ins Schwanken gebracht wird. Ich freue mich schon richtig darauf, bald ein paar Monate mit den Figuren ihres neuesten Romans „En moderne familie“ zu verbringen. Dieses Buch über Geschwister Ende dreißig, deren Welt aus den Fugen gerät, weil sich ihre Eltern nach 40 Jahren Ehe scheiden lassen wollen, wird in 2019 beim Weidle Verlag erscheinen. Von meinen Herzensprojekten mal abgesehen, empfehle ich noch Tomas Espedal, Per Petterson, Johan Harstad, Mattias Faldbakken, ja, der hat nach viele Jahren auch gerade ein großartig böses neues Buch geschrieben.

Wie schätzen Sie die Wahrnehmung der norwegischen Literatur in Deutschland ein?

Ich denke, Knausgård hat hier schon Türen geöffnet. Die Leser sehen, dass aus Norwegen nicht nur Krimis kommen. Allerdings ist es für mich schwierig zu sagen, inwiefern die Literatur allgemein und in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen als den meinen wahrgenommen und geschätzt wird. Ich denke aber, da ist noch Luft nach oben.

2019 wird Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Was erhoffen Sie sich?

Ich hoffe, dass auch Titel und Autoren, die bereits jetzt schon in Deutschland zu lesen wären, in den Fokus rücken, und dass neue, auch sperrigere Bücher eine Chance bekommen, die die Verlage womöglich sonst aufgrund von Marktgründen nicht machen würden. Zugleich habe ich aber auch ein wenig Angst davor, dass zu viele Bücher gemacht werden, dass der Markt in nur einem Jahr übersättigt wird und sich keiner dieser Autoren wirklich etablieren kann. Denn das wäre, was ich mir eigentlich wünschen würde. Ich hoffe also, dass sich alle am Buchmarkt beteiligten Parteien, auch die Norweger selbst, die gerade unendlich viel, noch mehr als sonst auch, dafür tun, ihre Autoren bekannt zu machen, ihrer Aufgabe und Verantwortung gegenüber der Literatur bewusst sind.

Für mich als Übersetzerin heißt es natürlich erst einmal viel Arbeit in 2018, um die Bücher zu übersetzen, die 2019 erscheinen sollen. Und dann 2019, wenn die Bücher in Veranstaltungen vorgestellt werden. Das ist schön, und ich freue mich auf diese beiden spannenden Jahre. Ich bin sehr glücklich, mit dem was ich tue. Es ist schon ein Geschenk, den ganzen Tag nur mit Sprache arbeiten zu dürfen.

Elke Ranzinger wurde 1980 in Passau geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft, Nordische Philologie sowie Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie arbeitete im Anschluss als Regieassistentin am Pfalztheater Kaiserslautern, später am Landestheater in Linz als Dramaturgin. Heute lebt und arbeitet sie als Übersetzerin von Prosa, Theatertexten und Musicals und freie Dramaturgin in Berlin. Für Heyne Encore übertrug sie den Roman „Wir sehen uns morgen“ von Tore Renberg ins Deutsche. 

Ketil Bjørnstad „Emma oder das Ende der Welt“

„Müßiggang ist der beste Freund der Trauer. Dann macht sie dich fertig.“

Der Roman beginnt bereits mit einer Tragödie, einem schmerzvollen wie unfassbaren Verlust, den Eltern nie erfahren sollten. Emma, die neunjährige Tochter von Aslak Timbereid und seiner Frau Hanne, stirbt nach einem Flugzeugunglück – als einziges Opfer. Zu Beginn von Vorahnungen gequält, sucht der Vater gemeinsam mit der Mutter seines Kindes nach einem Schuldigen des Unglücks. Der neue Roman „Emma oder das Ende der Welt“ des Norwegers Ketil Bjørnstad beschreibt allerdings nicht nur die Tragödie und ihre furchtbaren Folgen. Das Buch gibt einige Einblicke in die literarische Szene des skandinavischen Landes und versammelt zugleich zahlreiche interessante Gedanken von großen Namen.  Ketil Bjørnstad „Emma oder das Ende der Welt“ weiterlesen

Erling Kagge „Stille“

„Die Stille ist eher eine Idee. Ein Gefühl. Eine Vorstellung.“

Wenn ich gerade in diesen Momenten diesen Beitrag schreibe, ist das leise Klacken der Tasten meines Notebooks zu hören, der Lüfter des mobilen Computers, der auf meinem Schoss liegt, rauscht. Ich sitze auf dem Sofa, das leise knarrt, wenn ich mich bewege, um mich über das Buch zu beugen, das neben mir liegt und Inhalt dieser Besprechung ist. Der Umschlag des Bandes ist bis auf die dünnen schwarzen Lettern, die auf Titel, Autor und Verlag verweisen, ganz in Weiß gehalten. Befreit man das Buch von seiner äußersten Papierhülle, wird ein buntes Bild sichtbar: der Blick auf eine stark befahrene Kreuzung. Eine besonders gelungene Umsetzung des Inhalts. Denn in seinem Band „Stille“ berichtet Verleger und Weltenbummler Erling Kagge, dass Stille nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen ist. Sie ist auch dort zu finden, wo es niemals leise ist.  Erling Kagge „Stille“ weiterlesen