Backlist #16 – Jan Kjærstad „Ich bin die Walker Brüder“

„Einige wenige Jahre besitzen wir die Fähigkeit, magisch zu denken.“

Es sind nur wenige Sekunden, die das Leben von Odd Marius Walaker verändern. Er stürzt mit seinem Fahrrad, geblendet von einer seltenen Münze. Und das auch noch auf dem Schlossplatz in Oslo. Seitdem ist nichts mehr wie es war. Der 14-Jährige spürt besondere Kräfte in sich wirken. Vor allem sein Denken und seine Wahrnehmung haben sich verschärft, sind intensiver geworden. Er glaubt, über die sogenannte W-Potenz zu verfügen, und nennt sich fortan die Walker Brüder. In seinem 2008 im Original erschienenen Roman („Jeg er brødrene Walker“) beweist der norwegische Schriftsteller Jan Kjærstad einmal mehr seine Meisterschaft für besondere, besonders skurrile Romane. Backlist #16 – Jan Kjærstad „Ich bin die Walker Brüder“ weiterlesen

Lars Mytting – „Die Glocke im See“

„(…) dass die Zeit nicht nur Verfall brachte, sondern die Dinge auch ehrte.“

Wer Norwegen bereist, kommt an ihnen nicht vorbei. Obwohl es nicht mehr viele im Land gibt. Von einst rund 750 Stabkirchen existieren heute nicht einmal mehr 30 der markanten eindrucksvollen Gotteshäuser aus Holz. Lars Myttings historischer Roman „Die Glocke im See“ erzählt von einer Stabkirche, von einer besonderen grenzüberschreitenden Liebe und dem ambivalenten Verhältnis zwischen Fortschritt und Tradition. Lars Mytting – „Die Glocke im See“ weiterlesen

Abenteuer Olavsweg – Ein Interview mit Stefanie Jarantowski

Pilgern ist Trend, schon seit Jahren. Der Bestseller „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling hat ein Pilger-Fieber entfacht, das vor allem den Blick richtet auf den berühmten Jakobsweg. Dabei gibt es andere historische Strecken, die es lohnen, erwandert  und entdeckt zu werden. Hoch oben im Norden befindet sich der Olavsweg. Eine seiner Routen führt von Oslo nach Trondheim. Im vergangenen Jahr packten Stefanie Jarantowski und ihr Mann Stephan J. Schmidt ihre Rucksäcke und reisten nach Norwegen; ein Reisebericht entstand. Mit der Berlinerin sprach Zeichen & Zeiten. Abenteuer Olavsweg – Ein Interview mit Stefanie Jarantowski weiterlesen

Familie mal zwei – Bücher von Hanne Ørstavik und Helga Flatland

„Irgendwas ist in jeder Familie.“ 

Keine Familie ist wie die andere. In ihr herrschen Gesetze und Geheimnisse sowie Bindungen und Emotionen unterschiedlicher Stärke. Sie kann wachsen und über Generationen hinweg bestehen oder sich auflösen. Die beiden norwegischen Autorinnen Helga Flatland und Hanne Ørstavik haben mit „Eine moderne Familie“ und „Die Zeit, die es dauert“ zwei besondere, sehr verschiedene Geschichten über dieses Thema geschrieben. Beide Titel ergänzen sich wunderbar und geben zugleich einen spannenden Einblick in die Gegenwartsliteratur des nordischen Landes.

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Roy Jacobsen – „Die Unsichtbaren“

„Der Gegensatz zwischen Meer und Land war immer schon da, in Gestalt einer Unruhe oder einer Sehnsucht.“

Barrøy – eine kleine Insel, die auf keiner realen Karte Norwegens eingezeichnet, sondern „nur“ auf einer literarischen Karte des nordischen Landes zu finden ist. Das von Wind und Meer umtoste, abgelegene wie karge Eiland, einige Ruderstunden vom Festland entfernt, ist Schauplatz der beeindruckenden Romantrilogie „Die Unsichtbaren“ des norwegischen Schriftstellers Roy Jacobsen – und die Heimat von Ingrid, die auf der Insel geboren wird und hier aufwächst, die hier die Zeit des Krieges erlebt, um später ihr Zuhause zu verlassen und sich auf die Spuren eines Mannes zu begeben.

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Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“

„Wir sind nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch.“

Zwei Frauen sind verschwunden. Nie wurden ihre Leichen gefunden, nie ein Tatort ermittelt. Noch immer ist unklar, ob sie tot sind oder mittlerweile an einem unbekannten Ort leben, ob ein Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Mehr als 20 Jahre sind ins Land gegangen. Vor allem der Fall um Katharina Haugen beschäftigt William Wisting noch immer. Regelmäßig holt der erfahrene Ermittler die Fallakten aus seinem Schrank und liest darin. Jedes Jahr am Tag ihres Verschwindens besucht er deren Ehemann Martin. Schließlich nimmt Adam Stiller von der Einheit für ungeklärte Fälle Kontakt zu Wisting auf. Der Grund: Neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit der vermissten 17-jährigen Nadia Krogh, die bereits zwei Jahre vor Katharina spurlos verschwunden war, machen Martin Haugen zum Verdächtigen. Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“ weiterlesen

Knut Ødegård – „Die Zeit ist gekommen“

„(…) und mich zu den Stimmen im Eis und Schnee hinauszuschicken.“

Warum erst jetzt? Warum musste so viel Zeit verstreichen, ins Land gehen? Knut Ødegård schrieb in den vergangenen mehr als 50 Jahren zahlreiche Gedichtbände, auch Prosawerke sowie Kinder- und Jugendbücher. Die Liste der Preise, die der norwegische Lyriker erhalten hat, ist lang. Seine Werke sind in bisher 42 Sprachen übersetzt worden. Doch erst im vergangenen Jahr erschien mit „Die Zeit ist gekommen“ („Tida er inne“, 2017, Cappellen Damm ) ein Band Ødegårds in deutscher Übertragung im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland. Eine längst überfällige Veröffentlichung, zumal es sich um den jüngsten Band des Schriftstellers handelt. Für die Entscheidung des Elif Verlags sollte man sehr dankbar sein. Knut Ødegård – „Die Zeit ist gekommen“ weiterlesen

Øistein Borge – „Kreuzschnitt“

„Wieso sollten auch Werke von einigen der anerkanntesten Künstlern Europas an der Wand dieses unansehnlichen Bauernhauses hängen?“

Geld schützt nicht vor Mord. Der Immobilienmogul Axel Krogh, einer der reichsten Männer Norwegens, wird in seiner Villa an der Côte d’Azur tot aufgefunden. Sein Leichnam wurde geschändet, im Rücken des bereits betagten Mannes hat der Mörder ein blutiges Kreuz hinterlassen. Kroghs Tochter Ella und Erik Jacobsen, Konzernchef der Krogh-Gruppe, finden den Toten und entdecken, dass auch ein Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Anwesen gestohlen wurde. Der Osloer Kommissar Bogart Bull wird für die Ermittlungen nach Frankreich entsendet, wo er auf ein dunkles Geheimnis der Familie stößt und dass der Maler des Bildes nicht wirklich unbekannt ist. Øistein Borge – „Kreuzschnitt“ weiterlesen

Gunnar Staalesen – „Todesmörder“

„Unter all dem ahnte ich ein Muster, eine schwache Skizze von etwas Ungesagtem und Ungesehenen, das langsam an die Oberfläche stieg.“

Jedes Jahr erscheinen neue aufsteigende Sterne am Krimihimmel Skandinaviens. Beim Stöbern durch die Krimiregale und -tische diverser Buchhandlungen gibt es regelmäßig spannende Entdeckungen zu machen. Doch im Jahr der Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland machte ich einen ganz anderen Fund: Im Polar Verlag erschien mit „Todesmörder“ der bereits 15. Roman um den charismatischen Privatermittler Varg Veum aus der Feder des wohl dienstältesten und mehrfach preisgekrönten norwegischen Krimiautoren Gunnar Staalesen. Eine besondere Entdeckung für mich! Gunnar Staalesen – „Todesmörder“ weiterlesen

Gøhril Gabrielsen – „Die Einsamkeit der Seevögel“

„Die eigene Verwundbarkeit analysieren, das ist es, was dieser Ort und ich brauchen (…).“

Dunkelheit und Kälte herrschen. Es ist Winter im äußersten Norden Norwegens. Eine Fischerhütte ist für die kommenden Wochen und Monate das Zuhause einer Wissenschaftlerin. Der nächste Ort ist 100 Kilometer entfernt. Sie will forschen, erfahren, wie sich die Klimaveränderungen auf die Populationen der Seevögel auswirken. Doch die Zeit als Einsiedlerin, ausgeliefert der kargen und weiten Landschaft und den Witterungsbedingungen, wird für die junge Frau zu einer intensiven körperlichen wie mentalen Herausforderung, weil auch ihre eigenen Erwartungen an diesen Forschungsaufenthalt anders sind als die Realität und sie überrollt wird von der Vergangenheit. Gøhril Gabrielsen – „Die Einsamkeit der Seevögel“ weiterlesen

Andreas Tjernshaugen – „Von Walen und Menschen“

„Unter den Wellen manövriert das größte Tier der Welt wie ein Kunstflugpilot oder ein verspielter Rabe in einer Windböe.“

Andreas Tjernshaugen hat bereits über die nur wenige Gramm schweren und nicht einmal Handteller großen Meisen geschrieben. Sein Buch „Das verborgene Leben der Meisen“ (Insel Verlag) wurde ein Erfolg, ein Bestseller, auch in Deutschland. In seinem neuesten Werk wendet sich der Norweger dem ganzen Gegenteil zu: den größten Tieren auf unserem Planeten –  den tonnenschweren Walen, wobei besonders der Blauwal im Mittelpunkt steht. Der Soziologe und Sachbuch-Autor scheint die Kontraste zu lieben. Sein Buch ist eine Liebeserklärung an die einzigartigen Säuger, aber auch eine Abrechnung mit dem gefährlichsten und gewissenlosesten Raubtier, uns Menschen.

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Jan Kjærstad – „Berge“

„Norwegen braucht Glückskekse, wenn das Erdölzeitalter dem Ende zugeht.“

Für dieses Buch schrumpft mein Vorrat an bunten Post-its erheblich. Zahlreiche gelbe und rote Fähnchen zieren nunmehr diesen Band mit dem dunklen Umschlag. Die Farben sollen bitte nicht politisch verstanden werden. Obwohl der neue Roman mit dem kurzen Titel „Berge“ des norwegischen Schriftstellers Jan Kjærstad vor allem ein politischer ist und mit dem er nach zuletzt „Das Norman-Areal“ wieder eindrucksvoll seine Klasse beweist.

Jan Kjærstad – „Berge“ weiterlesen

Erik Fosnes Hansen – „Ein Hummerleben“

„Hier sitzt ihr, als ob nichts passiert wäre. Aber es ist etwas passiert. Jawohl!“

Bekanntlich begleitet Hitze das Lebensende zahlloser Hummer. Aus dem Wasser des unendlichen Meeres gefischt, führt ihr Weg unweigerlich in einen Kochtopf, um später für den Hochgenuss von Feinschmeckern zu sorgen.  Das Krustentier spielt eine wesentliche Rolle im neuen Roman des norwegischen Schriftstellers Erik Fosnes Hansen und findet sich deshalb auch im Titel des Buches wieder. 29 Jahre nach seinem vielbeachteten Bestseller „Choral am Ende der Reise“ und dem darin erzählten Untergang der Titanic widmet sich Hansen erneut dem Thema Vergänglichkeit und Endlichkeit – am Beispiel eines mondänen Berghotels, das schon bessere Tage erlebt hat. Erik Fosnes Hansen – „Ein Hummerleben“ weiterlesen

Norwegen, Frankfurt og Signe – ein etwas anderer Blick auf die Buchmesse

Wenn ich über Norwegen und die diesjährige Frankfurter Buchmesse schreibe, komme ich nicht herum, über die Fotos zu erzählen, die in meiner Wohnung an einer Wand hängen und vor denen ich oft stehe, um die Gesichter der Personen zu betrachten. Es sind Bilder in unterschiedlicher Größe und mit verschiedenen Rahmen, aber stets in Schwarz-Weiß. Einige zeigen Signe. Eine Frau, über die ich mehr und mehr nachdenke, deren Leben ein Teil von mir geworden ist, wie auch ihr Heimatland ein Teil von mir ist. Norwegen, Frankfurt og Signe – ein etwas anderer Blick auf die Buchmesse weiterlesen

Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“

„Und wer waren wir geworden? Erinnerten wir uns überhaupt noch an uns selbst? Und wenn ja, wie lange noch?“ 

Schon als ich die norwegische Originalausgabe während einer der früheren Frankfurter Buchmessen in der Hand gehalten habe, war da dieses Gefühl, ein besonderes Buch vor sich zu haben. Dieser Name, dieses Gewicht, dieser Umfang… Sechs Jahre hat der Norweger Johan Harstad an seinem bereits 2015 in seinem Heimatland erschienenen Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ geschrieben. Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ weiterlesen

Simon Stranger – „Vergesst unsere Namen nicht“

„M wie das Monster, das in jedem von uns ruht.“ 

Ihre Spur zieht sich durch ganz Europa. Es gibt wohl keine größere Stadt, in der sie nicht zu finden sind. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind Kunstwerk und Mahnmal zugleich. Sie erinnern in nunmehr bereits 24 Ländern an Menschen, die während des Nationalsozialismus verhaftet, deportiert und ermordet oder in den Freitod getrieben worden sind. Auch in der norwegischen Stadt Trondheim gibt es jene Messingtafeln mit den Lebensdaten der Opfer. In eine ist der Name Hirsch Komissar eingraviert. Die Geschichte des jüdischen Ingenieurs, der seine Ausbildung im sächsischen Mittweida absolviert und später als Geschäftsmann und Inhaber eines Modegeschäfts gewirkt hat, ist Teil der Familienhistorie des norwegischen Autors Simon Stranger, der darüber einen preisgekrönten Roman geschrieben hat.

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Der Herbst wird norsk – Blick in die Vorschauen I

Leser meines Blogs wissen, dass ich zweimal im Jahr einen Überblick über kommende Neuerscheinungen gebe. Einmal für das Frühjahr, einmal für den Herbst. Dieses Jahr wird es ein klein wenig anders sein. Denn für Freunde norwegischer Literatur ist 2019 bekanntlich ein großes Fest. Das skandinavische Land ist unter dem Motto „Der Traum in uns“ Gastland auf der Frankfurter Buchmesse vom 16. bis 20. Oktober. Mit Blick auf die Fülle an Veröffentlichungen und Veranstaltungen ziehe ich an dieser Stelle erst einmal mit großem Respekt vor allen den Hut, die dazu beitragen. Verlage, Autoren, Übersetzer, Buchhandlungen und den Mitarbeitern von Norla (Norwegian Literature Abroad), die den Gastauftritt initiieren und organisieren. Der Herbst wird norsk – Blick in die Vorschauen I weiterlesen

Heine Bakkeid „Triff mich im Paradies“

„Alle brauchen einen Ausweg.“

In der Kriminal- und Thrillerliteratur gibt es in der jüngsten Vergangenheit wohl kaum einen so kaputten Ermittler wie Thorkild Aske. Er ist ein Wrack, von körperlichen wie seelischen Wunden und Narben gezeichnet. Mit „Und morgen werde ich dich vermissen“ aus der Feder des Norwegers Heine Bakkeid hat er vor wenigen Jahren die Bühne der Spannungsliteratur betreten. Der erste Fall führte den Ermittler in den hohen, unwirtlichen Norden Norwegens, und auch im zweiten Fall kommt Aske nicht herum, den von ihm ungeliebten Teil des Landes erneut aufzusuchen. Denn ein Serienkiller treibt sein Unwesen, und es gilt, eine junge Frau aufzuspüren, die verschwunden ist. Heine Bakkeid „Triff mich im Paradies“ weiterlesen