Nora Bossong – „Reichskanzlerplatz“

„Die Gespenster, Herr Kesselbach, sind wir.“

In nur wenigen Jahrzehnten wechselte er zweimal seinen Namen. Nach der Jahrhundertwende im Berliner Westend als Reichskanzlerplatz angelegt, wird er ab 1933 nach dem Führer benannt. Heute trägt er den Namen des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss. Hier wohnte für einige Zeit Magda, die wie der Platz Namen ablegte und annahm. Berühmt wurde sie jedoch vor allem an der Seite eines Mannes: Propagandaminister Joseph Goebbels. Ihre Geschichte, die eines Landes und ihres unbekannteren Geliebten erzählt Nora Bossong in ihrem neuen Roman „Reichskanzlerplatz“.

Gesellschaftlicher Aufstieg

Fritz Gerber hieß der junge Mann, mit dem die spätere Magda Goebbels eine Affäre pflegte, als sie noch mit dem Industriellen Günther Quandt verheiratet war. Aus Fritz wird im Roman Hans Kesselbach, der in der Villa seines Schulfreundes Hellmut eines Tages Magda kennengelernt und bereits als Jugendlicher von ihr fasziniert ist. Sieben Jahre Altersunterschied liegen zwischen ihnen. Nach Hellmuts tragischem Tod kommen beide zusammen, obwohl Hans, nunmehr Student, sich eher Männern zugeneigt fühlt, seine homoerotische Neigung in einschlägigen Berliner Etablissements auslebt. Wie bei der Ehe mit Quandt steigt Magda mit der neuen Heirat auf und erhebt sich zur weiblichen Ikone und Vorzeigemutter im „Dritten Reich“. Mutterkreuz, Schlagzeilen und „Wochenschau“-Aufritten inklusive.

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Trotzdem bleiben Hans und Magda miteinander verbunden, nie bricht der Kontakt zwischen ihnen in all den kommenden Jahren völlig ab. Sie schreiben sich gegenseitig Briefe. Hans ist nach seinem Studium Jurist im Auswärtigen Amt und wird wie Magda Teil des Systems, einige seiner Freunde kämpfen hingegen an der Front, andere sind wiederum ins Ausland geflohen, um ihr nacktes Leben zu retten. Während Magda überall präsent ist, wirkt Hans im Hintergrund, selbst dann noch, als ihm Karl, ein Kommunist, der mittlerweile im Exil in der Schweiz lebt, ihm ins Gewissen redet. Schon Hans‘ Vater, ein altgedienter General, vom Ersten Weltkrieg körperlich gezeichnet, hatte einst vor den neuen Machthabern gewarnt.

Die Jahre von 1919 bis 1944

Das Besondere an diesem Roman ist nicht so sehr der Blick in die bekannte Biografie Magda Goebbels, sondern vielmehr wie der Aufstieg der Nationalsozialisten und ihre menschenfeindliche Ideologie mit Magda als weibliche Repräsentantin des Regimes aus der Sicht von Hans als Ich-Erzähler beschrieben wird. Der Leser erlebt dabei die wechselvollen Jahre zwischen 1919 und 1944 – die Weimarer Republik und ihren Untergang, die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg mit all ihren grausamen Folgen. Die erwähnten geschichtlichen Schlaglichter wie der Mord an Walter Rathenau, die ersten Aufmärsche der SA, Bücherverbrennung, Stalingrad und Goebbels Rede im Berliner Sportpalast sind bekannt, die lebendigen Beschreibungen der Szenerien und Stimmungen machen sie anschaulicher.

„Ist das Gerede von Zwangsläufigkeit nicht bloß der Wunsch, nicht verantwortlich zu sein für die Wendungen, die unsere Geschichte nimmt?“

Man fragt sich unweigerlich, wie eine Frau, deren Adoptivvater Jude war, die selbst sich mit dem Glauben beschäftigte und in jungen Jahren einen jüdischen Mann liebte, später den Antisemitismus und den Holocaust verteidigen konnte. Ihr Stiefvater Richard Friedländer starb 1939 im Konzentrationslager Buchenwald, ihr Freund Viktor Chaim Arlosoroff wurde bereits 1933 von einem Attentäter tödlich verletzt.

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Magda Goebbels, Foto aus dem Jahr 1933. (Quelle: Bundesarchiv, Fotograf unbekannt)

Magda Goebbels Entwicklung zur überzeugten Nationalsozialistin ist als Teil einer düsteren Inszenierung. Doch letztlich ist es nicht nur diese schreckliche Zeit, die sie „auffressen“ wird, sondern ihr untreuer Mann, mit dem sie fünf Kinder hat und eine Bilderbuch-Familie vorspielt. Der gemeinsame wie feige Selbstmord in den letzten Kriegstagen führt sie wieder zusammen. Selbst vor ihrem Lebensende verteidigt sie vehement den Faschismus: „Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht mehr wert, darin zu leben“, schreibt sie in ihrem Abschiedsbrief an ihren Sohn Harald Quandt, der das Wirtschaftsimperium seines Vaters, das vor allem von den beiden Weltkriegen profitiert hat, weiter vergrößern wird. Heute zählen die Quandts zu den reichsten Familien Deutschlands.

Hans wird hingegen einige Jahre in Italien leben und arbeiten, zwischen Deutschland und der Schweiz pendelnd, seine Homosexualität im Verborgenen auslebend. Seine Angst, eines Tages verhaftet zu werden, ist allgegenwärtig und begleitet ihn wie ein dunkler Schatten. Sein kinderloses Junggesellendasein erregt Misstrauen. Er hat das Bild von Buchenwald vor Augen und entscheidet sich, die Witwe eines früheren Kameraden zu heiraten. Sein Blick auf seine einstige Geliebte ist ein kritischer, der die Schwächen Magdas, hinter der Maske der Selbstverleugnung verborgen, freilegt, am ambivalenten Charakter von Hans, der am System zweifelt, aber nichts unternimmt, wird sich indes der Leser abarbeiten müssen – das ist das Herausfordernde des Romans, der viele Möglichkeiten des damaligen Handelns zwischen Flucht und bewusster Unterstützung einer menschenfeindlichen Diktatur aufzeigt.

Gedanken an die Gegenwart

Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, ist für ihr literarisches Schaffen bereits mehrfach geehrt worden, 2020 erhielt sie unter anderem den Thomas-Mann-Preis verliehen. Ein Jahr zuvor gelang ihr mit ihrem Roman „Schutzzone“ über die Arbeit der Vereinten Nationen und die Völkermorde in Burundi der Sprung auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Fünf Jahre nach ihrem letzten Roman bietet ihr neuestes Werk wieder reichlich Stoff für Diskussionen, wobei der Blick nicht so sehr auf die Vergangenheit, sondern auch auf unsere Gegenwart gelenkt werden sollte, denn Gedanken an das Hier und Jetzt sind während der Lektüre von „Reichskanzlerplatz“ schrecklich omnipräsent.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Buch-Haltung“ und „Kulturgeschwätz“. Eine Besprechung des Hörbuchs ist auf dem Blog „literaturleuchtet“ zu finden.


Nora Bossong: „Reichskanzlerplatz“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 295 Seiten, 25 Euro

Foto: pixabay

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