Ling Ma – „New York Ghost“

„Wörter verschwanden oft als Erstes, wenn man fieberte.“

Kein Mensch in den himmelhohen Wolkenkratzern, keine Menschenmenge auf den breiten Straßen und den von flirrenden Werbeflächen umsäumten Plätzen. Kein Lärm, keine hektische Betriebsamkeit. New York – eine Geisterstadt. Vor drei Jahren hätten wir den Gedanken wohl als unmögliche Fantasie abgetan, als Traum, als literarische Dystopie angefüllt mit einer beängstigenden, aber unwirklichen Endzeitstimmung. Mit Corona und Lockdown auch in der Stadt, die niemals schläft, wurde dieser Gedanke jedoch real. Bereits zwei Jahre vor Beginn der Pandemie erschien mit „Severance“ das preisgekrönte Debüt von Ling Ma, das unter dem Titel „New York Ghost“ auch hierzulande für reichlich Begeisterung sorgte und von einem tödlichen Erreger erzählt. „Ling Ma – „New York Ghost““ weiterlesen

Phil Klay – „Den Sturm ernten“

„In der modernen Welt hing alles mit allem zusammen.“

Kolumbien. Über das südamerikanische Land weiß ich – zugegeben – nur sehr wenig. Kaffee, Fußball und Regenwald fallen mir ad hoc ein. Die Anzahl von Schlagzeilen in hiesigen Medien ist überschaubar. Dabei findet dort seit einigen Jahren ein nahezu unübersichtlicher, chaotisch erscheinender Krieg mit vielen Akteuren statt. Ein Krieg von vielen, die aktuell auf der Erde toben und die kaum Aufmerksamkeit erhalten. Wer über das Land und die derzeitigen Zustände mehr erfahren will, sollte zu dem aktuellen Roman des Amerikaners Phil Klay mit dem Titel „Den Sturm ernten“ greifen. Ein spannendes, überaus lehrreiches Buch – auch über die dortigen politischen wie militärischen Verstrickungen der USA.

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Claudia Schumacher – „Liebe ist gewaltig“

„Erst wenn das Opfer vollkommen wehrlos ist, beißt die Spinne zu.“

Mauern verbergen vieles. Die einen sind aus Stein, die anderen unsichtbar – aus Lügen, Schweigen und Verdrängung errichtet. Sowohl von Tätern als auch deren Opfern, wie das eindrückliche Debüt „Liebe ist gewaltig“ von Claudia Schumacher zeigt, in dem sie von einer Vorzeige-Familie erzählt, die sich nach dem ersten Blick und bei näherem Hinsehen als Vorstufe der Hölle erweist und in der sich seelische Abgründe offenbaren.

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Jérôme Leroy & Max Annas – „Terminus Leipzig“

„Panik, Hilfe, nackte Angst. Nazis sind hinter dir her.“ 

Sie verliert einen Kollegen und ihre Mutter in nur wenigen Tagen. Er stirbt während eines riskanten Einsatzes, sie nimmt sich mit einem Sprung aus dem Fenster ihrer Wohnung das Leben. Die Welt ist danach für Commissaire Christine Steiner eine andere. Eine erfahrene Polizistin, die jedoch allzu beherzt zu Beruhigungsmitteln und Kokain greift. In einer internationalen Zusammenarbeit haben die bekannten Krimi-Autoren Jérôme Leroy und Max Annas nicht nur eine markante Figur mit einer speziellen Vergangenheit geschaffen. Sie greifen in ihrem deutsch-französischen Gemeinschaftswerk „Terminus Leipzig“ zudem ein überaus brisantes Thema auf.

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Robert Jones Jr. – „Die Propheten“

„Nur Schweigen konnte verhindern, dass die Seele kaputtging.“

Als kleines Kind wird Isaiah seinen Eltern Middle Anna und Ephraim entrissen. An anderen Sklaven, manche bereits leblos, angekettet, findet er sich wieder auf der Plantage der Familie Halifax. Er wird seinen ursprünglichen Namen verlieren, unermessliches Leid erfahren, aber auch einer großen Liebe begegnen: Samuel, der ihm bei seiner Ankunft Wasser gibt. Fortan bilden die beiden Jungen eine untrennbare Einheit. Mit seinem Debüt „Die Propheten“ hat der afroamerikanische Autor Robert Jones Jr. einen sprachgewaltigen und dramatischen Roman geschrieben, der allerdings den Leser allzu überwältigt zurücklässt.

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Greg Buchanan – „Sechzehn Pferde“

„Mit einem Geschöpf, das kein Mensch ist, kann man nach Belieben verfahren.“

Der schaurige Anblick erinnert an eine mystische, symbolisch aufgeladene Opferzeremonie. 16 Pferdeköpfe werden mit einem Auge gen Himmel blickend nebst einigen abgetrennten Schweifen kreisförmig in den Acker eingegraben nahe einer Farm gefunden. Die Polizei wird gerufen. Neben dem hiesigen Detective Sergeant Alec Nicols kommt auch Cooper Allen als Spezialistin hinzu. Beide können da noch nicht ahnen, dass sie mit ihren wochenlangen Ermittlungen in den Abgrund der menschlichen Seele blicken werden. Der schottische Autor Greg Buchanan hat mit seinem Debüt „Sechzehn Pferde“ einen Roman von verstörender Dunkelheit geschrieben. „Greg Buchanan – „Sechzehn Pferde““ weiterlesen

Malin C. M. Rønning – „Skabelon“

„Nachts gehört der Wald nur sich selbst.“ 

Der Wald bedeutet für Urd eine ganze Welt. Er ist das Zuhause ihrer Familie, in der das Leben allerdings alles andere als sorgenlos, idyllisch und heil zu sein scheint. Mit ihren sieben Geschwistern ist sie meist auf sich allein gestellt. Liebe und Zuneigung erfahren sie von ihren Eltern kaum. So zieht sich das Mädchen zurück in die reiche Natur, in der sie sich wohl, sicher und aufgehoben fühlt. Mit ihrem teils düsteren Debüt-Roman „Skabelon“ überzeugte die Norwegerin Malin C. M. Rønning in ihrem Heimatland sowohl Leser als auch Kritiker.

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Álvaro Enrigue – „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“

„Die Apachen besaßen nichts, und sie selbst nannten sich ndee, Menschen, Volk, Stamm.“ 

Selbst ohne viel Wissen über die Geschichte Nordamerikas und dessen Ureinwohner gibt es Namen, die wohl jeder kennt. Geronimo (1829 – 1909), eigentlich Gokhlayeh oder Goyathlay, gilt als eine der angesehensten historischen Persönlichkeiten. Als Kriegshäuptling und Schamane der Apachen leistete er gegen die Besetzung seines Stammeslandes sowohl gegen mexikanische als auch US-amerikanische Truppen erbittert Widerstand, um sich allerdings nach jahrelangen Kämpfen 1886 mit seinen nur noch wenigen Stammesangehörigen zu ergeben und bis an sein Lebensende in verschiedenen Forts gefangen gehalten zu werden. Bei seiner Festnahme soll er gesagt haben: „Einst war ich frei wie der Wind, jetzt ergebe ich mich … und das ist alles.“ Nach diesem berühmten Zitat hat der mexikanische Schriftsteller Álvaro Enrigue seinen Roman genannt, der nicht nur über die leidvolle Geschichte der Apachen berichtet. Er verbindet auf einzigartige Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart der USA.

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Gine Cornelia Pedersen – „Null“

„Nichts ist traurig nur seltsam wie ein Déjà-vu“

Null – als Zahl ist sie weder positiv noch negativ. Ihr wird kein Wert zugeschrieben. Sie steht für die Leere, aber auch für einen Neuanfang. „Null“ heißt das preisgekrönte Debüt der norwegischen Autorin und Schauspielerin Gine Cornelia Pedersen. Ein extremer Roman, der wiederum die herkömmliche Form des Romans aufgibt. Denn die Heldin und Ich-Erzählerin berichtet auf eine spezielle Weise von ihrem Leben als junge ungestüme Frau, die unter ihrer psychischen Erkrankung leidet und eine Achterbahn-Fahrt des Lebens, Höhen wie Abgründe, erlebt.

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Elizabeth Wetmore – „Wir sind dieser Staub“

„Und wie sterben die Frauen? Normalerweise, wenn Männer sie umbringen.“ 

Den einen gelingt die Flucht. Selbst wenn sie dafür Mann und Kind Hals über Kopf zurücklassen. Die anderen verstecken sich in ihrem Haus, wollen von all den schrecklichen Geschehnissen, die sich tagtäglich ereignen, nichts wissen. Von dieser erbärmlichen Verachtung, dieser aus Frust und Dominanz geborenen brutalen Gewalt. Mary Rose steht jedoch eines Tages mit der Flinte auf der Veranda ihres Hauses. Nicht nur um sich selbst und ihre Tochter zu verteidigen. Gloria hat zuvor verletzt, barfuß und unter Schock stehend das Grundstück inmitten der Wüste erreicht. Die 14-jährige Mexikanerin flieht vor ihrem Peiniger und bittet um Hilfe. Dabei erzählt die Amerikanerin Elizabeth Wetmore in ihrem großartigen Debüt „Wir sind dieser Staub“ nicht nur die Geschichte dieser beiden ungleichen Frauen und ihrer folgenreichen Begegnung. „Elizabeth Wetmore – „Wir sind dieser Staub““ weiterlesen