Fremde Heimat – Ernst Lothar „Die Rückkehr“

„Die Wahrheit zu sagen ist immer eine Aufgabe.“

Im Vergleich zu Romanen über die Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs ist die Zahl all jener Bücher über die Nachkriegsjahre spürbar geringer. In den letzten Monaten erschienen mit „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (Klett & Cotta) und „Berlin, April 1993“ von Felix Jackson (Weidle Verlag) zwei Titel, die sich nicht nur mit den Anfängen der Nazidiktatur beschäftigen, sondern nunmehr in einer Neuauflage erschienen sind. Eine eindrückliche Wiederentdeckung ist auch der Roman „Die Rückkehr“ des österreichischen Schriftstellers und Juristen Ernst Lothar (1890 – 1974), der darüber erzählt, welche verheerenden und furchtbaren Folgen zwölf Jahre Schreckensherrschaft und sechs Jahre Krieg für Europa und Millionen von Menschen mit sich brachte.     Fremde Heimat – Ernst Lothar „Die Rückkehr“ weiterlesen

Mensch sein – Romain Gary „Du hast das Leben vor dir“

„Wenn man sich um Kinder kümmert, muss man sich viele Sorgen machen, Doktor, sonst werdens Ganoven.“

Es gibt Bücher, da kann man Rotz und Wasser heulen, andere bringen einen mit ihrer heiteren Art zum Schmunzeln, ja zum Lachen. Der Roman des Franzosen Romain Gary (1914 – 1980) „Du hast das Leben vor Dir“ vermag beides. Melancholie und Trauer sowie ein provokanter wie rotzfrecher Humor bilden eine eng verschmolzene Einheit und fließen in einer Geschichte mit unvergesslichen Charakteren zusammen, die Vorbild sein können in einer Zeit des wachsenden Hasses, der Vorurteile und des Rassismus. 1975 veröffentlicht, zählt der Roman mittlerweile zu den neueren Klassikern der französischen Literatur und erschien nun in einer Neuübersetzung, die es wert ist, das Buch neu oder auch wieder zu entdecken. Mensch sein – Romain Gary „Du hast das Leben vor dir“ weiterlesen

Was uns der Herbst so bringt – Einblick in die Vorschauen

Während der Mai sich als heißer Frühsommer offenbarte, wird bereits im Juli der Herbst eingeläutet – der Leseherbst. Denn zahlreiche Verlage bringen die ersten neuen Titel ihres kommenden Programms auf den Markt. Obwohl auch ich noch nicht das Frühjahrsprogramm „abgearbeitet“ habe und mir zudem vornehme, weiterhin mehr Titel aus den Backlisten zu lesen, konnte ich es mir nicht verkneifen, in die Vorschauen der kleinen und großen Vorlage zu lunschen. In den letzten Tagen und Wochen ist eine ansehnliche Liste aus Titeln entstanden, die ich sicherlich nicht gänzlich alle lesen kann und werde. Aber kein Buchnerd kann bekanntlich ohne seine Wunschliste leben, und vielleicht findet Ihr auch das eine oder andere Buch für Euch selbst. Was uns der Herbst so bringt – Einblick in die Vorschauen weiterlesen

Flucht – Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“

„Das Leben ist uns verboten.“

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die sich auf zweifache Weise in uns graben, an uns rütteln, uns aufwühlen, uns innerlich in Bewegung setzen: mit ihrer Handlung sowie der komplexen Geschichte, die sich um die Entstehung, ihren Autor und ihre Veröffentlichung ranken. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942) ist eines dieser wertvollen und eindrücklichen Bücher. Als ich dessen Lektüre samt Nachwort beendet habe, ging mir eine Frage immer wieder durch den Kopf: Welche Bücher hätte Boschwitz noch schreiben können, hätte er diesen furchtbaren Krieg überlebt? Welchen Platz in der Literaturgeschichte hätte er eingenommen? Doch diese Sätze im Konjunktiv bleiben unbeantwortet. Es gibt nur die Hoffnung, dass Boschwitz und sein Werk nie mehr vergessen und bekannter werden.

Flucht – Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“ weiterlesen

Was ist „MyPoolitzer“? – Gespräch mit Gründer Tilo Gehrke

Mit „MyPoolitzer“ hat sich in Berlin ein Unternehmen gegründet, das Autoren und Verlage zusammenbringen will. „Bist Du der nächste Jonathan Franzen?“ heißt es auf der Internetseite. Mit Gründer Tilo Gehrke sprach Zeichen & Zeiten über Ziele und die Rolle, die das Unternehmen innerhalb der Buchbranche einnehmen will.

Wie ist die Idee zur Plattform „MyPoolitzer“ entstanden?

Tilo Gehrke: Mein alter Schulfreund hatte Schwierigkeiten, sein Erstlingswerk bei einem Verlag zu platzieren. Zum einen war das ein Zugangsproblem, zum anderen lag es am mangelnden Selbstvermarktungstalent des Autors. Viele Autoren sind ja eher leise Menschen, die ihre Kraft dem Schreiben und nicht dem Marktwettstreit widmen möchten. Wenn aber die Leisen und Unbekannten nicht bemerkt werden, ist das eine Verschwendung von Kreativität und literarischem Angebot. Das Internet konnte das Zugangsproblem in vielen Branchen bereits lösen. Da ich selber Nutzer zahlreicher Plattformdienste bin, kam ich irgendwann auf die Idee, das Prinzip des digitalen Marktplatzes auf die traditionelle Buchbranche zu übertragen.

Der Name ist doch sicher eine Anspielung auf den Pulitzer-Preis? Warum?

MyPoolitzer_GehrkeDas Wortspiel führt zwei Dinge zusammen: Der Kerngedanke der Plattform ist das „Pooling“ also das Bündeln von Information beziehungsweise Marktteilnehmern. Der Autor lädt sein Exposé hoch und kann es sodann allen angeschlossenen Verlagen gebündelt präsentieren. Die mühsame Einzelvorstellung entfällt. Das spart Zeit, Geld und Nerven. Der Pulitzerpreis ist ein Qualitätsausweis im Bereich Medien und Literatur. Er steht für Befähigung, Sachkenntnis und Redlichkeit, sprich für Expertentum. Wir unterstützen mit unserem Geschäftsmodell den Verlag in seiner Funktion als professioneller Kurator, Entwickler und Vermarkter von Literatur. Wir glauben an die Notwendigkeit des Expertentums im Literaturbetrieb und wollen das auch im unserem Namen zum Ausdruck bringen. Aber ich möchte es mit der Überhöhung nicht übertreiben: Der Name ist vor allem ein nettes Spiel, das Aufmerksamkeit erzeugt.

Was ist Ihr Anliegen?

Wir möchten Autoren und Verlage schnell und einfach miteinander verbinden. Dabei wollen wir insbesondere jungen Autoren, die über kein belastbares Netzwerk verfügen, den Zugang zu Verlagen erleichtern. Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass Verlagslektoren mit wenigen Mausklicks passende Texte und Autoren finden können.

Wen wollen Sie gezielt ansprechen?

Wir richten uns an alle passionierten Autorinnen und Autoren, die ihr unveröffentlichtes Werk bei einem Verlag unterbringen möchten. Verlagsseitig stehen die kleinen und mittelgroßen Häuser im Fokus, die mit Hilfe unseres zentralen Marktplatzes ihre akquisitorische Aktivität erweitern und vereinfachen können.

Mit welchen Verlagen stehen Sie in Kontakt?

Derzeit sind 39 Verlage bei uns angeschlossenen. Darunter sind kleine Digitalverlage genauso wie große Publikumsverlage.

Es erscheinen jedes Jahr unzählige neue Bücher, die Verlage erhalten zahlreiche
Manuskripte. Braucht es da „MyPoolitzer“ noch?

Im Jahr 2016 haben die Verlage in Deutschland knapp 73.000 Erstauflagen auf den Markt gebracht. Ein Großteil davon stammte allerdings von etablierten Autoren. Neue Autoren haben es dagegen schwer. Wir streben nicht nach Erhöhung der Titelanzahl, sondern wollen die Zugangschancen besser verteilen.

Welche Rolle soll die Plattform innerhalb der Literaturszene einnehmen?

Für Autoren sind wir ein Schaufenster. Für Verlage leuchten wir effizient den großen Bereich der Erstautoren aus und sind somit ein zusätzlicher Akquisitionskanal.

Haben Sie spezielle Genres im Fokus?

Nein, wir vermitteln Werke aus allen gängigen Genres.

Welche inhaltlichen Themen sind nach Ihrer Meinung in der Belletristik gerade
interessant für Verlage oder werden es noch sein?

Derzeit stehen Dystopie und Eskapismus in Vordergrund. Im Young Adult Bereich geht es häufig um Überforderung. Das sind Folgen einer einseitigen – nämlich konsumorientierten – Interpretation von Freiheit. Für die Verlage ergibt sich daraus die Chance, einen anderen Freiheitsbegriff zu thematisieren: Die Freiheit, mitzusprechen und unser Zusammenleben zu gestalten. Ich denke, es wird in Zukunft wieder mehr visionäre Texte geben.

Sie geben auch Schreibtipps. Weshalb?

Der Akt des Schreibens wird häufig aufgeladen und idealisiert. Mit unseren Schreibtipps fördern wir eine naive Herangehensweise, die die Aufgabe von ihrer Effektivität her betrachtet und sich nicht um Darstellung von Schriftstellerei bemüht. Aber unsere Kernaufgabe bleibt die Vermittlungsarbeit zwischen Autor und Verlag.

Sie sind selbst passionierter Leser. Was lesen Sie gern? Und was macht für Sie ein gutes Buch aus?

Am liebsten lese ich Gesellschaftsromane. Ein Buch ist gut, wenn mich die Charaktere über die Lesestunden hinaus begleiten.

 

Weitere Beiträge zum Unternehmen in der Online-Ausgabe des „Börsenblatt“, dem Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel, „boersenblatt.net“ und bei Deutschlandfunk Kultur. Zahlen zum Buch und Buchhandel in Deutschland gibt es auf der Seite des Magazins „Buchmarkt“.

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Im Abseits – Arthur Miller „Fokus“

„Woher kam ihm plötzlich dieses Grauen?“

Der erste Eindruck entscheidet. Eine Wendung, die uns wohl ein Leben lang begleitet, die zugleich zeigt, welche Bedeutung dem Äußeren in unserer Gesellschaft beigemessen wird, obwohl diese allzu bekannten Worte nicht nur auf das äußere Erscheinungsbild, sondern auch auf das Verhalten eines Menschen anspielt. Es braucht nur wenig, um einen Menschen für den Blick anderer zu verändern; manchmal nur eine Brille. Im Fall von Lawrence Newman wandeln die Gläser, die er beginnt zu tragen, sein ganzes Leben. Der Personalchef eines großen New Yorker Unternehmens muss einen wirtschaftlichen, sozialen und privaten Absturz erfahren – weil er mit der Brille für einen Juden gehalten wird. In seinem einzigen Prosawerk „Fokus“, nun in einer prächtigen Ausgabe in der Edition Büchergilde erschienen, erzählt der große amerikanische Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Arthur Miller diese beklemmende Geschichte über die verschiedenen Formen von Antisemitismus und Rassismus in seinem Land.  Im Abseits – Arthur Miller „Fokus“ weiterlesen

Backlist #1 – Carmen Laforet „Nada“

„So sehr man sich auch drehte und wendete, man bewegte sich doch immer nur im Kreis derselben Menschen.“

Die Entscheidung, in sehr jungen Jahren das vertraute Zuhause zu verlassen und in eine fremde Stadt zu kommen, in der das Leben pulsiert, ist oftmals verbunden mit Hoffnungen, Wünschen, Träumen. Die neue Umgebung soll Veränderungen bringen. Nicht anders ergeht es der 18-jährigen Andrea, die ihre Eltern verloren hat und es wenige Jahre nach dem spanischen Bürgerkrieg nach Barcelona verschlägt. Sie will studieren, das Leben genießen, vielleicht die große Liebe entdecken. Die spanische Autorin Carmen Laforet (1921 – 2004) erzählt in ihrem Erstling „Nada“ von den Hoffnungen ihrer jungen Heldin und den Herausforderungen, denen sie sich stellen muss.  Backlist #1 – Carmen Laforet „Nada“ weiterlesen

Blätterrascheln – Ein Blick in die Frühjahrsprogramme

Ein neues Regal musste her. Die Bücher stapelten sich unkontrolliert in den Räumen. Und wieder begleitete mich das bange Gefühl, noch zu viele ungelesene Bücher zu haben. Trotzdem warf ich in den vergangenen Tagen einen Blick in die kommenden Frühjahrsprogramme großer und kleiner Verlage und wurde vielerorts fündig. Wie sollte es auch anders sein. Obwohl ich sicherlich nicht alle Titel lesen werde und kann, hier ein Überblick über Bücher, die mir besonders aufgefallen sind. Und vielleicht ist ja auch das eine oder andere Buch für Euch dabei.

Deutschsprachige Literatur

Bereits auf der Frankfurter Buchmesse erhielt ich die überaus gute Nachricht, dass ein neuer Roman von Ralf Rothmann mit dem  Titel „Der Gott jenes Sommers“ (März, Suhrkamp) erscheinen wird. Freuen werde ich mich ebenfalls über ein neues Werk von Monika Maron: „Munin oder Chaos im Kopf“ (Februar, S. Fischer). Da aus Sachsen stammend, fiel mir „Die Sintflut von Sachsen“, ein in Wurzen spielender Roman von Bernd Wagner, auf (März, Schöffling). Mit „Unter der Drachenwand“ legt auch Arno Geiger wieder etwas Neues vor (Januar, Hanser). Svenja Leibers Debüt „Das letzte Land“ habe ich mit viel Begeisterung gelesen. Nun erscheint ihr zweiter Roman „Staub“ (März, Suhrkamp). Ihren Erstling mit dem Titel „Leinsee“ legt hingegen Anne Reinecke vor (Februar, Diogenes). Auch Mareike Fallwickl und Gunnar Kaiser, in der Bloggerszene sehr bekannt, legen jeweils ihr Debüt vor: „Dunkelgrün fast schwarz“ (März, Frankfurter Verlagsanstalt) und  „Unter der Haut“ (März, Berlin Verlag). Hans Pleschinski hat mit „Wiesenstein“ einen Roman über Gerhart Hauptmann geschrieben (Januar, C.H.Beck).

Auch Bernhard Schlink ist wieder zurück. Sein neuer Roman heißt „Olga“ (Januar, Diogenes). Spannend fand ich den Vorausblick auf den Roman „Die Gewitter-Schwimmerin“ von Franziska Hauser (Februar, Eichborn) sowie auf das neue Buch von Wolfram Fleischhauer „Das Meer“ (März, Droemer). Mit „Skizzen eines Sommers“ stand André Kubiczek 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Nun erscheint „Komm in den totgesagten Park und staune“ (März, Rowohlt Berlin).  Große Schriftsteller sind ebenfalls wieder mit dabei: Es erscheinen das Gesamt-Gedichtwerk von Paul Celan (März, Suhrkamp), eine Biografie über Bertolt Brecht  von Stephen Parker (Juni, Suhrkamp) sowie weitere Werke von Hans Fallada (Februar, Juni, Aufbau). Für mich immer wieder besonders interessant: Werke, die wieder entdeckt werden. Ich bin gespannt auf  „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (Februar, Klett-Cotta).

Über den großen Teich

Um beim Sprung über den großen Teich beim Thema zu bleiben: Auch Felix Jacksons Tagebuch-Roman „Berlin, April 1933“ ist eine Wiederentdeckung. Der gebürtige Hamburger schreibt ebenfalls über die Anfänge des Dritten Reiches (März, Weidle). Mit William Finnegans „Barbarentage“ (März, Suhrkamp) sowie George Sanders „Lincoln in Bardo“ (März, Luchterhand) gibt es die Werke zweier Preisträger, die mit dem Pulitzer-Preis beziehungsweise mit dem Man Booker Prize geehrt worden sind. Nominiert für den National Book Award war hingegen Jacqueline Woodson mit „Ein anderes Brooklyn“ (März, Piper).  Als Liebling der Buchhändler gelang Emily Fridlund mit „Eine Geschichte der Wölfe“ der Sprung in die Bestseller-Listen (März, Berlin Verlag).

Sehr interessant wohl auch: „Von dieser Welt“ von James Baldwin (März, dtv), Nickolas Butlers „Die Herzen der Männer“ (Februar, Klett-Cotta), Lionel Shrivers Zukunftsvision „Eine amerikanische Familie“ (März, Piper) sowie „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ von Jesmyn Ward (Februar, Kunstmann),  deren Roman „Vor dem Sturm“ ich sehr empfehlen kann.  Joshua Cohen gilt als eine der  spannendsten Stimmen der jüngeren amerikanischen Literatur. Es erscheint sein Roman „Das Buch der Zahlen“ (Januar, Schöffling). Ein Sprung nach Südamerika: Nach seinem viel gelobten Roman „Flut“ ist Daniel Galera mit „So enden wir“ zurück (März, Suhrkamp).

Literatur aus dem hohen Norden

Gleich zwei große norwegische Autoren sind mit neuem Werk vertreten: Lars Saabye Christensen mit „Magnet“ (März, btb) und Linn Ullmann mit „Die Unruhigen“ (Juni, Luchterhand). Nach ihrem Bestseller „Die Geschichte der Bienen“ widmet sich Maja Lund mit „Die Geschichte des Wassers“ dem Meer (März, btb). Johan Bargums „Nachsommer“ führt in die südfinnische Schären-Welt (Februar, mare). Der Finne Tommi Kinnunen hat mit „Wege, die sich kreuzen“ einen Generationenroman geschrieben (März, DVA). „Krokodilwächter“ heißt ein Krimi der Dänin Katrine Engberg (März, Diogenes), „Blackout Island“ ein Krimi der Isländerin Sigríður Hagalín Björnsdóttir (August, Suhrkamp). Madame Nielsen, ein Star in Skandinavien, ist künftig mit ihrem Roman „Der endlose Sommer“ in deutschen Buchläden vertreten (März, Kiwi).

In Europa – von Ost nach West

Georgien ist Gastland der kommenden Frankfurter Buchmesse. In deutscher Übersetzung erscheint „Der Korb“ von Otar Tschiladse (März, Matthes & Seitz).  Um im Osten zu bleiben: „Internat“ heißt der neue Roman des Ukrainers Serhij Zhadan (März, Suhrkamp). Die Kroatin Daša Drndic legt nach „Sonnenschein“ ihren neuen Roman „Belladonna“ vor (Februar, Hoffmann & Campe). Den Balkan-Krieg thematisiert Sara Nović in „Das Echo der Bäume“ (April, btb). Familienhistorie trifft auf Weltgeschichte in dem Roman „Die Heimkehrer“ von Edna Krasikow (April, Luchterhand). Neu übersetzt erscheinen Erzählung von Maxim Gorki unter dem Titel „Jahrmarkt in Holtwa“ (Januar, Aufbau). Die Tschechin Bianca Bellová erzählt in „Am See“ eine Coming-Age-Geschichte (Februar, Kein & Aber).

Der Engländer Ian McGuire führt in seinem Roman „Nordwasser“ den Leser auf ein Walfangschiff (Februar, mare). John Boyne neuester Streich trägt den Titel „Cyril Avery“ (März, Piper). Den Kriegserlebnissen Samuel Becketts widmet sich der Roman „Ein Ire in Paris“ von Jo Baker (April, Knaus). „Von Vögeln und Menschen“ heißt der neue Roman der Niederländerin Margriet de Moor (Februar, Hanser), „Eine bessere Zeit“ das neue Werk des Katalanen Jaume Cabré (März, Insel). Preisgekrönt: „Patria“ des Spaniers Fernando Aramburu (Januar, Rowohl). Eine Familiengeschichte erzählt die Italienerin Maria Rosaria Valentini in „Magnifica“ (März, Dumont). Das Meer spielt eine Hauptrolle in „Der Strand“ der Französin Marie Nimier (April, Dörlemann). Der Leser kann sich mit „Teich“ der Engländerin Claire-Louise Bennett in die Einsamkeit eines ruhig gelegenen irischen Cottages zurückziehen (April, Luchterhand). In die Natur führt auch „Das große Spiel“ der Französin Céline Minard (Februar, Matthes & Seitz).

Zukunftswelten

Science-Fiction-Literatur und interessante Zukunftsvisionen stehen immer öfter auf meiner Lektüreliste. Mit „Der dunkle Wald“ legt der vielfach preisgekrönte Chinese Cixin Liu den Folgeband von „Die drei Sonnen“ vor (Juli, Heyne). Auch Andy Weir, Autor des verfilmten Bestsellers „Der Marsianer“, ist mit „Artemis“ zurück (März, Heyne). Wohin und in welche Zeit Kim Stanley in seinem Roman „New York 2140“ führt, verrät schon  allein der Titel (Mai, Heyne). Der Mars und zugleich New York finden sich in „Central Station“ von Lavie Tidhar wieder (Februar, Heyne). In meinem Urlaub in Ahrenshoop kaufte ich mir eine Neuausgabe des neu übersetzten Klassikers „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert. In Kürze erscheint der Folgeband „Der Herr des Wüstenplaneten“ (August, Heyne).

Besonderes

Fans von Haruki Murakami werden wohl Luftsprünge machen. Mit „Die Ermordung des Commendatore“  Teil 1 und 2 erscheinen gleich zwei neue Bücher des Japaners (Januar, April, Dumont). Mit Wehmut werden Anhänger der Ferrante-Saga auf den Abschlussband „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ reagieren (Januar, Suhrkamp). Zum Trost gibt es mit „Frantumaglia“ ein Selbstporträt der erfolgreichen Autorin (Juni, Suhrkamp). Mit der wundervollen Biografie von Andrea Wulf erhielt ich vor einiger Zeit einen Einblick in das spannende Leben von Alexander von Humboldt.

Mit „Das Buch der Begegnungen“ erscheint ein Prachtband mit Auszügen aus seinen Reisetagebüchern (Juni, Manesse). Stets fasziniert vom Meer, entdeckte ich mit sehr viel Freude den Band „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ von R. G. Grant (Mai, Dumont). Und zu guter Letzt noch ein Muss für jeden Bücherfreund: In seiner Reportage „Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ erzählt Charlie English von einer besonderen Rettungsaktion (März, Hoffmann & Campe).

Da einige wenige Verlage ihre jeweilige Frühjahrsvorschau noch nicht veröffentlicht haben, werde ich den Beitrag womöglich mit einigen weitere Titeln ergänzen. Wem das noch nicht reicht – auf den Blogs „Muromez“, „Die Buchbloggerin“, „Bücherherbst“, „Buzzaldrins Bücher“, „SchöneSeiten“ und auf der Seite von Stefan Mesch gibt es noch weitere Einblicke in die Frühjahrvorschauen und Lesetipps. Für das kommende Jahr habe ich mir fest vorgenommen, hin und wieder einen Backlist-Titel zu lesen und auf dem Blog vorstellen.

Achtsam – Wilhelm Lehmann „Bukolisches Tagebuch“

„Der heutige Mensch verdeckt sie rasch  mit Begriffen und Erklärungen, darunter verkümmert das Staunen.“

Robert Musil und Wilhelm Lehmann verbindet nicht nur in etwa die Zeit, der eine Jahrgang 1880, der andere 1882, in die sie beide hineingeboren werden. Beide erhalten 1923 den renommierten Kleist-Preis zugesprochen. Während Musil mit seinem wohl bekanntesten Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“ Weltruhm erlangt hat und mittlerweile zu den Klassikern der Literatur zählt, gehört Lehmann zu den leider nahezu in Vergessenheit geratenen Autoren. Die neu erschienene Ausgabe „Bukolisches Tagebuch“, herausgegeben vom Berliner Verlag Matthes & Seitz, erinnert an sein Schaffen. Der Band erblickt dabei zur richtigen Zeit das „Licht der Buchwelt“. Achtsam – Wilhelm Lehmann „Bukolisches Tagebuch“ weiterlesen

Schmerz – Claude Simon „Das Pferd“

Wenn ich mir Szenen des Zweiten Weltkrieges von Filmen und aus Büchern vor das geistige Auge hole, denke ich vor allem an Panzer, Flugzeuge und U-Boote. An eine gewaltige Maschinerie, die bereits im Ersten Weltkrieg zu verheerenden Schlachten geführt hatte. Mir war nicht bewusst, dass in jenen entsetzlichen Jahren auch noch Pferde an der Front zum Einsatz gekommen waren. Der französische Literaturnobelpreisträger Claude Simon (1913 – 2005) diente während seiner Militärzeit und später im Krieg in einem Kavallerie-Regiment. Seine Erinnerungen hat er sowohl in seinem bekannten Roman „Die Straße in Flandern“ als auch in seiner,; einige Jahre früher erschienenen Erzählung „Das Pferd“ literarisch verarbeitet.  Schmerz – Claude Simon „Das Pferd“ weiterlesen

On the road – Don DeLillo „Americana“

„So groß ist das Prestige der Kamera, ihre beinahe religiöse Autorität, ihre hypnotische Macht (…).“ 

Blättert man in den aktuellen  Programmen verschiedener Verlage, erhält man angesichts neuer Titel nahezu den Eindruck, die amerikanische Literatur, ohne jetzt einen markigen Spruch eines aktuellen, nicht unumstrittenen Staatsoberhauptes zu nennen, sei obenauf. Sicherlich in gewisser Hinsicht nicht ganz zu unrecht, obwohl dadurch, wie mir scheint, Bücher anderer Länder etwas ins Hintertreffen geraten. Doch ich muss gestehen: Ich lese die Literatur aus Übersee sehr gern und will mit diesem Beitrag allerdings Mut machen, auch ältere Titel zu lesen. So hat ein kurzer Beitrag in einer der vergangenen Wochenend-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung über die Neuausgabe des Romans „Americana“ mein Interesse geweckt.  On the road – Don DeLillo „Americana“ weiterlesen

Mensch vs. Kollektiv – Andrej Platonow „Die Baugrube“

„Wir spüren jetzt nichts, in uns ist nur noch Staub geblieben.“

Romane über totalitäre Regime haben immer wieder etwas Beängstigendes an sich. Im Gegensatz zu Dystopien, die bisher glücklicherweise nur auf der Einbildungskraft des jeweiligen Autoren basieren, können Bücher über Menschen und Geschehnisse in jenem politischen Herrschaftssystem auf die vergangene und leider auch jetzige Realität zurückgreifen. Der Roman „Die Baugrube“ des russischen Schriftstellers Andrej Platonow (1899 – 1951) erzählt eine nahezu kafkaeske Geschichte, die 1929 und 1930 entstanden ist, acht Jahre nachdem Josef Stalin (1878 – 1953) die Macht ergriffen hatte.   Mensch vs. Kollektiv – Andrej Platonow „Die Baugrube“ weiterlesen

Vor Anker – Bohuslav Kokoschka „Ketten in das Meer“

„Alles wird zu Asche, denkt daran, was bist du, was bin ich, Asche!“

Kokoschka: Fällt dieser Nachname wird wohl meist der bekannte österreichische Künstler mit dem Vornamen Oskar (1886 – 1980) gemeint. Doch künstlerisch tätig und das auf sehr vielseitige Weise war auch dessen jüngerer Bruder Bohuslav, der sechs Jahre später zur Welt kam. Er war Maler, Grafiker und Autor. Sein Roman „Ketten in das Meer“, den Kokoschka bereits ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und mit frischen Erinnerungen an die Zeit als Soldat verfasst hat und erstmals 1972 unter dem Titel „Logbuch des B.K.“ im Münchner Ehrenwirth Verlag erschienen war,  gilt es jetzt, in einer Neuausgabe des Wiener Verlags Edition Atelier zu entdecken.  Vor Anker – Bohuslav Kokoschka „Ketten in das Meer“ weiterlesen

Achtung – Jakob Wassermann „Faber“

„Womit beginnen? Die Barrikade wird immer höher. Die ungesagten Worte liegen darauf wie Leichen.“

Es gibt Hans Fallada, es gibt Thomas Mann. Zwei Namen, zwei Schriftsteller, die wohl viele kennen. Sei es durch die Lektüre in der Schule, sei es durch das Lesen in den folgenden Jahren. Gerade erlebt Fallada mit einer Reihe an Neuausgaben, im Aufbau Verlag erschienen, eine gewisse Renaissance. Doch es gibt Autoren jener Zeit, deren Namen und Werke heute nahezu vergessen sind. Jakob Wassermann (1873 – 1934) zählte zu Lebzeiten zu den meist gelesenen Schriftstellern. Heute kennen ihn wohl die wenigsten. Doch womöglich könnte eine Neuausgabe wieder die Aufmerksamkeit auf sein literarisches Werk lenken. In der Reihe „Bibliothek der Weltliteratur“ hat nun der Schweizer Manesse Verlag Wassermanns Roman „Faber oder Die verlorenen Jahre“ aus dem Jahr 1924 veröffentlicht.   Achtung – Jakob Wassermann „Faber“ weiterlesen

Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“

Es ist ein kleiner leichter Band. Anthrazitfarbene Leinenoptik. Ein Briefumschlag ziert das Cover. Eine Gestaltung, die schlicht, aber wiederum markant erscheint. Gerade mal 67 Seiten umfasst „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor. Doch der Roman ist ein Werk mit extremer Wirkung, das von einer besonderen Geschichte erzählt und selbst Geschichte geschrieben hat und viel länger wirkt als der Leser darin versunken ist. Die Neuausgabe des Verlags Hoffmann und Campe als Sammleredition des erstmals 1938 veröffentlichten Werkes könnte wohl zu keinem geeigneteren Zeitpunkt erscheinen.   Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“ weiterlesen

„Fünf.Zwei.Vier.Neun“ – Zeitschrift zur Literatur der Weimarer Republik geplant

Hans Fallada „Kleiner Mann – was nun?“, Jakob Wassermann „Faber oder Die verlorenen Jahre“, Georg Fink „Mich hungert“, Ernst Haffner „Blutsbrüder“. Die Literatur der Weimarer Republik, der 20er und 30er Jahre in Deutschland, wird zunehmend wiederentdeckt – von Verlagen und Lesern. Der Bonner Verleger und Buchhändler Jörg Mielczarek plant, mit „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ eine Zeitschrift zur Literatur jener Zeit herauszugeben.

jmragal-360x640Wie ist die Idee für diese Zeitschrift entstanden?

Jörg Mielczarek: Bereits seit Jahren beschäftige ich mich mit der Literatur der Weimarer Republik, 2011 ist mein Buch „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“ erschienen, das auf 50 Autoren der damaligen Zeit und ihre Werke eingeht. Seit zwei Jahren betreibe ich eine Facebook-Seite zum Thema, die immer mehr Fans gewinnt. 2014 habe ich begonnen, Tageszeitungen und Zeitschriften der Weimarer Republik systematisch nach literarischen Texten sowie Rezensionen zu durchsuchen. Die gefundenen Dokumente wurden ausgedruckt, in Ordnern gesammelt sowie in einer Datenbank erfasst. Auf diese Art und Weise habe ich bereits über 20.000 Dokumente zusammengetragen.

Vor knapp einem Jahr stellte ich mir dann die Frage: Was machst du damit? Ich habe zunächst einzelne Buchprojekte erstellt und sie ausgewählten Verlagen angeboten. Auch wenn die Antworten sehr nett ausfielen, so waren es doch Absagen. Tenor: das „universitäre Umfeld“ fehle. Klar, ich habe keine akademische Ausbildung, nie studiert, sondern bin „nur“ gelernter Buchhändler. Die Absagen konnte ich akzeptieren,  aber sie haben mich auch angestachelt. Literatur und der Austausch darüber ist für mich nicht nur einem bestimmten elitären Kreis vorbehalten. So stand ich wieder an meiner Ausgangsfrage. Die Lösung, eine monatlich erscheinende Zeitschrift herauszugeben, die jeweils ein Schwerpunktthema hat, gefiel mir am besten. Bei der Nullnummer wird dieses Schwerpunktthema die Weltwirtschaftskrise sein, aus diesem Grund ist Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ die Titelgeschichte dieser Ausgabe. Die Nullnummer ist bereits fertig gestellt, weitere Ausgaben bereits sehr weit fortgeschritten, wie beispielsweise Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“, die sich mit der Stellung der Frau in der Weimarer Republik auseinandersetzt oder Erich Remarques „Im Westen nichts Neues“ über die (literarische) Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Mit dem originalgetreuen Abdruck von Zeitungsartikeln können diese Werke in einen historischen Kontext gebracht werden. Wenn ich mir die Nullnummer betrachte – gesetzt ist sie, sie muss nur noch in Druck gegeben werden –, so bin ich stolz auf das Ergebnis. Das kann sich sehen lassen.

Warum nutzt Du eine Crowd-Funding-Plattform?

Mielczarek: Crowdfunding ist eine hervorragende Möglichkeit, das Projekt auf Marktfähigkeit zu testen. Verläuft die Aktion erfolgreich, so sehe ich gute Chancen, die Zeitschrift auch langfristig zu etablieren. Schließlich muss „Fünf.Zwei.Vier.Neun.“ wirtschaftlich Sinn machen und schließlich sind nicht unerhebliche Kosten mit dem Projekt verbunden. Führt die Aktion nicht zum Erfolg, so muss ich das akzeptieren. Ich habe es dann aber auf jeden Fall versucht.

coverfallada-489x640Wann soll das Vorhaben starten und was ist konkret geplant?

Mielczarek: „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ wird voraussichtlich am 26. September in die Finanzierungsphase gehen. Auf www.startnext.com/literaturweimar kann man dann bis zum 6. November das Projekt unterstützen. Mir ist es wichtig, dass jeder Unterstützer auch einen direkten Gegenwert für sein Geld erhält: Abhängig vom Förderbetrag reicht die Palette von einem Exemplar der Nullnummer bis hin zum Paket aus zwölf Ausgaben plus zwölf Begleitbüchern. Erscheinungstermin der Nullnummer ist der 9. November, ab Januar soll „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ monatlich, jeweils zum 9., erscheinen.

Welche besonderen Lese-Erfahrungen verbindest Du mit der Literatur der Weimarer Republik?

Mielczarek: Mit Büchern fühlte ich mich schon immer verbunden. Sie waren meine Türen in Welten, die ich nicht kannte und auf diese Art und Weise kennenlernen durfte. Vor allem Bücher aus der Zeit der Weimarer Republik haben mich bereits in der Jugend fasziniert, denn erstmals trat die deutsche Literatur in einer ungeheuren Vielfalt hervor, große gesellschaftliche Veränderungen wurden literarisch verarbeitet. Und da die Vielfalt seinerzeit so groß war, so habe ich auch viele besondere Lese-Erfahrungen mit diesen Werken gemacht. Einige dieser Bücher sind mir ständige Begleiter, ja Freunde geworden; so habe ich meiner Freundin bei der Geburt unseres Sohnes im Kreißsaal aus Thomas Manns „Zauberberg“ vorgelesen (hätte sich die Geburt weiter verzögert, so hätte sie wohl das komplette Buch kennengelernt). Menschen, denen ich begegne und die ich auf Anhieb mag, halten spätestens beim dritten Treffen Leonhard Franks „Karl und Anna“ in den Händen. Es sind Begleiter, Freunde, aber auch Ratgeber in gewissen Lebenssituationen. Das näher auszuführen, ist mir aber zu persönlich. Auf jeden Fall haben viele Werke mein Weltbild, meine innere Landkarte gestalten geholfen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Gibt es vergessene Autoren, die Du besonders empfehlen kannst und die entdeckt werden sollten?

Mielczarek: Es gibt sehr, sehr viele Autoren, die entdeckt oder wiederentdeckt werden sollten. Nennen möchte ich Lessie Sachs, eine jüdische Schriftstellerin, die 1939 mit ihrem Mann in die Vereinigten Staaten emigrierte. Dort verstarb sie 1942. Zwei Jahre später veröffentlichte ihr Mann den Gedichtband „Tag und Nacht“, den man – dank eines Online-Projektes – problemlos im Internet findet. Ich bin in zahlreichen Zeitungen, vor allem in der „Vossischen Zeitung“, auf ihre Erzählungen gestoßen. Frisch, unbekümmert, von der Leber weg geschrieben, wie von einer Berliner Göre verfasst, so mein Eindruck, und doch mit einer ungeheuren Tiefe. Großartig. Oder die Novellen und Erzählungen von Mala Laaser, die ich in den Verbandsblättern des „Central Vereins für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ fand. Das sind nicht nur spannende, packende, dichterische Werke, sie haben mir auch sehr viel Wissen über die jüdische Religion und Kultur vermittelt.

Genau aus diesem Grund ist „Fünf.Zwei.Vier.Neun.“ auch kein reines Zeitschriften-Projekt. Zu jeder Ausgabe erscheint ein Taschenbuch mit weiteren Texten zum Schwerpunktthema des Monats. Der Fokus liegt dabei auf Erzählungen und Werken von Autoren, die heute leider kaum jemand mehr kennt. Eine echte Fundgrube für Literaturliebhaber, meine ich. Da gibt es viel Neues zu entdecken!

Woher erhältst Du Deine Lese-Empfehlungen?

Mielczarek: (schmunzelt) Aus den üblichen Quellen; wenn man möchte, wird man täglich davon überrollt. So folge ich ausgewählten Literaturblogs, bin einigen Facebook-Gruppen beigetreten, drehe das Radio lauter, wenn Bücher besprochen werden, verpasse nur ganz selten entsprechende Sendungen im Fernsehen, und wenn mich eine Buchbesprechung interessiert, so kaufe ich mir auch mal eine Tages-, Wochen- oder Sonntagszeitung. Nicht zu vergessen – das Stöbern in Buchhandlungen. Da verlasse ich mich ganz auf meine eigene Nase. Meine Lieblingsempfehlungen ziehe ich aus den Originalquellen der damaligen Zeit. So habe ich beispielsweise die Autorin Agnes Smedley kennengelernt. So schrieb schrieb die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis im Februar 1930 über Smedleys Autobiographie im „Berliner Tageblatt: „Wenn ich etwas zu sagen hätte, so müßte Agnes Smedley für dieses Buch den Nobelpreis bekommen. Noch nie hat ihn eine Frau mit einem einzigen Werk mehr verdient als sie. Ich getraue mich zu behaupten, daß Smedleys Lebensroman sowohl in der gegenwärtigen wie in der vergangenen Frauenliteratur einzig dasteht.“ Mein Lieblingsratgeber ist Kurt Tucholsky. Was habe ich für wunderbare Autoren und Werke aufgrund seiner Empfehlungen in der „Weltbühne“ entdeckt! „Es ist immer wieder bewun­dernswert, wie diese Frau gese­hen, gelebt, studiert und ge­schaffen hat. Es ist ein Wunder. Wenn das ein Mann geschrie­ben hätte, müßte man ihn krö­nen – um wieviel mehr eine Frau!“ Aufgrund dieser Aussage habe ich mir über ein Antiquariat Larissa Reissners Buch „Oktober“ gekauft. Ganz, ganz große Klasse!

Einige der Autoren der Weimarer Republik haben oft besondere Schicksale erlebt. Welches berührt Dich besonders?

Mielczarek: Joseph Roth, Ernst Toller, Stefan Zweig und viele andere. Die Liste ist leider viel zu lang. Berührt hat mich vor allem eine Rede von Erich Kästner, in der er am 10. Mai 1958 – zum 25. Jahrestag der Bücherverbrennung – beschreibt, wie er als Augenzeuge ansehen musste, eingekeilt von Studenten in SA-Uniformen, wie seine Bücher in die Flammen geworfen wurden.

Was können uns die Werke dieser Zeit heute noch sagen?

Mielczarek: Als ich vor wenigen Wochen in den Ausdrucken von Joseph Roths „Spinnennetz“ blätterte (der Roman wurde 1923 vorab in der Wiener „Arbeiterzeitung“ abgedruckt – im Übrigen endete der Abdruck drei Tage, bevor Hitler und Ludendorff in München ihren Putschversuch unternahmen), flimmerte die erste Hochrechnung der Mecklenburg-Vorpommerschen Landtagswahl über den Bildschirm. Da wird einem schon schmerzlich bewusst, wie aktuell die Werke der damaligen Zeit noch sind und sein können. Oder nehmen wir die Resolution des Bundestags, der im Juni dieses Jahres die Verbrechen der Türkei an den Armeniern zum Völkermord erklärte; kurze Zeit später stuft die Regierung diese Resolution als für sich nicht rechtlich bindend ein. Da möchte man jedem Kabinettsmitglied umgehend Franz Werfels „Die 40 Tage des Musa Dagh“ schenken. Angst vor Veränderungen, Umgang mit Minderheiten, Rassismus, um nur einige Dinge zu nennen, gab es früher und gibt es auch noch heute. Werke der Weimarer Zeit können helfen, uns mit ihnen auseinanderzusetzen.

Not und Elend – Georg Fink „Mich hungert“

„Die Erde rollte schneller, als ich trippeln konnte. Und in meiner Hand hatte das Glück nicht Platz. Alles lief mir fort. Und was blieb?“

Würden Bücher körperlich und lebendig sein, könnte der Roman „Mich hungert“ mit wohl drastischen Formulierungen beschrieben werden. Er beißt, er schlägt, er wühlt sich einem Bandwurm gleich ins Gemüt. Mit schwerwiegenden Folgen. Das Werk des jüdischstämmigen Schriftstellers Kurt Münzer (1879 – 1944), unter dem Pseudonym Georg Fink 1929 im Verlag Bruno Cassirer erschienen, ist harte Kost, weil er nicht nur eine traurige Geschichte einer Familie erzählt. Das Buch widmet sich vielmehr einem der größten, bis heute nicht gelösten Probleme der Mensch: der Armut und der Not der untersten Schicht. Not und Elend – Georg Fink „Mich hungert“ weiterlesen

Irrenhaus Europa – Pierre Drieu La Rochelle „Die Komödie von Charleroi“

„Und ich war mittendrin, verloren, mich verlierend, trunken vor Verlorenheit. Meine bürgerliche Person – vergessen.“

Wenn die Zeitzeugen nach und nach von uns gehen, fallen authentischen Zeugnissen und der Literatur eine größere Bedeutung zu. Sie erinnern, wenn es die Mahner nicht mehr gibt. Dies trifft wohl besonders auf die Zeit der beiden Weltkriege zu. Gerade in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Publikationen zugenommen, so scheint es; wohl auch mit Blick auf die Jahrestage in 2014 und 2015. Der Band „Die Komödie von Charleroi“ mit sechs Erzählungen des Franzosen Pierre Drieu La Rochelle reiht sich ein und ist zugleich herausragend.

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