Backlist #19 – Tomas Bannerhed „Die Raben“

„Hier sein. Gehen, sehen, fühlen, lauschen.“

Die Literatur Skandinaviens verbinde ich sehr oft mit eindrücklichen Naturbeschreibungen. Schließlich haben die nordischen Länder beeindruckende Landschaften zu bieten. Und die  Literatur dieser Regionen verbindet noch eine weitere nicht minder markante Eigenschaft: Sie gilt oft als düster, melancholisch. Beide Seiten verbindet auch der Schwede Tomas Bannerhed in seinem preisgekrönten Debüt „Die Raben“. Der Roman führt in die 70er-Jahre und erzählt die Geschichte von Klas, einem elfjährigen Jungen, der mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder Goran auf einem Hof lebt, der durch verschiedene Umstände in seiner Existenz bedroht ist.

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Kent Haruf – „Kostbare Tage“

„Hier passiert nichts, ohne dass alle Leute es mitkriegen.“

Schriftsteller erschaffen nicht nur literarische Figuren und deren Leben, sondern oftmals auch Orte. In allen sechs Romanen des amerikanischen Autors Kent Haruf (1943 – 2014) ist die fiktive Kleinstadt Holt in Colorado Schauplatz der Handlung. Mit seinem letzten Roman „Our Souls by Night“, 2017 in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ erschienen, setzte in den vergangenen Jahren eine Wiederentdeckung und Würdigung des mehrfach preisgekrönten Verfassers ein. Zuletzt erschien sein Roman „Kostbare Tage“ aus dem Jahr 2013, mit dem er sich auf ergreifende Art einem Tabu-Thema zuwendet: Tod, Abschied und Trauer.  Kent Haruf – „Kostbare Tage“ weiterlesen

Attica Locke – „Heaven, My Home“

„Hopetown ist eine Erinnerung, eine Fantasie von etwas, das längst verschwunden ist.“ 

Nie waren die USA so gespalten wie in den vier Jahren, als Donald Trump Präsident des Landes war. Der tiefe Riss durch die Bevölkerung, die Unruhen und die gewalttätigen Konflikte zwischen Weißen und Schwarzen sowie die Diskriminierung Andersfarbiger haben zuletzt immer wieder die Nachrichten und politischen Diskussionen, zuletzt sogar die Vereidigung des aktuellen Präsidenten Joe Biden bestimmt. Der meisterhafte Roman „Heaven, My Home“ der preisgekrönten Schriftstellerin und Drehbuchautorin Attica Locke führt in die Tage, kurz nachdem Trump die Wahl gewonnen hat. Attica Locke – „Heaven, My Home“ weiterlesen

Karl Ove Knausgård – „Aus der Welt“

„All diese Bilder in mir.“

Dass Literatur immer auch Gedächtnis ist, dass ein Werk noch Jahre nach seinem Erscheinen erneut in den Fokus rücken und bedacht werden kann, beweist auch Karl Ove Knausgård, der berühmte weil auch preisgekrönte Norweger, dessen Bücher in zahlreichen Sprachen übersetzt wurde; allen voran sein sechsbändiges autofiktionales Mammut-Schreibprojekt „Min kamp“. 22 Jahre nach dem Erscheinen seines umfangreichen Debüts „Ute av verden“ kann dieser Erstling unter dem Titel „Aus der Welt“ auch in deutscher Übertragung gelesen und vor allem debattiert werden.

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„Der Norden hat mich dann nie wieder losgelassen“ – Ein Interview mit Übersetzer Andreas Donat

Die Norwegerin Hanne Ørstavik zählt zu den bedeutendsten Autorinnen ihres Landes. 2004 erhielt sie für ihren Roman „Presten“ („Die Pastorin“) den renommierten Brageprisen. Ihre Werke erscheinen in deutscher Übertragung im Karl-Rauch-Verlag – in der Übersetzung von Andreas Donat. In einem Interview spricht der österreichische Übersetzer und Pianist über das Besondere an Ørstaviks Romanen und der norwegischen Sprache.

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Im Duett #2: Janet Lewis – „Verhängnis“ & „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“

„Er dachte: die Vergangenheit ist nie tot.“

In der Literaturgeschichte stößt man häufiger auf den interessanten Fall, dass ein Buch zur Entstehung eines anderen führte. Im Fall des Bandes „Famous Cases of Circumstantial Evidence“ aus der Feder des britischen Staatssekretärs Samuel March Philippe (1780 – 1862) sind es sogar drei Werke. Der US-amerikanische Lyriker und Literaturkritiker Yvor Winters schenkte jenen Band einst seiner Frau. Mit ihren meisterhaften historischen Romanen, die auf historischen Kriminalfällen und Indizienprozessen beruhen und in Philippes Band geschildert werden, kann und sollte die Lyrikerin Janet Lewis nun auch in deutscher Übersetzung wiederentdeckt werden.  Im Duett #2: Janet Lewis – „Verhängnis“ & „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ weiterlesen

Polly Clark – „Tiger“

„Die Natur verfügt über eine majestätische Kraft, die sich nur in eine Richtung bewegt: nach vorn.“ 

Wie viele andere Tierarten ist auch er vom Aussterben bedroht. Schätzungsweise nur noch 500 Exemplare des Amurtigers, auch Sibirischer Tiger genannt, leben auf der Welt. Die größte Katze unseres Planeten wurde gejagt. Weite Teile ihres Lebensraums in den nordöstlichen Regionen Sibiriens sind zerstört worden. Noch einmal so viele Exemplare sind in Zoos über die ganze Welt verstreut heimisch.  In ihrem zweiten Roman widmet sich die britische Schriftstellerin Polly Clark den seltenen Tieren, ihrer Gefährdung und ihrem Schutz sowie der Faszination des Menschen für die riesigen majestätischen Katzen.

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Samantha Schweblin – „Hundert Augen“

„Was für eine Art Leben führte Mister wohl auf der anderen Seite?“

Sie schnurren, surren, quieken. Sie haben eine tierische Gestalt angenommen, sind Krähe, Maulwurf, Kaninchen oder auch Drache. Sie bewegen sich auf Rollen und beobachten mit Hilfe einer Kamera ihre Besitzer. Wenn ihr Akku leer ist, „sterben“ sie. Kentukis, die auch über Mikrofon, Lautsprecher und ein Übersetzungsprogramm verfügen, verbreiten sich nach und nach auf der ganzen Erde. In ihrem Roman „Hundert Augen“ erzählt Samantha Schweblin von einem zuerst faszinierenden, schließlich jedoch erschreckenden Phänomen, das unserer technisierten und virtuellen Gegenwart sehr nah ist.  Samantha Schweblin – „Hundert Augen“ weiterlesen

Volker Kutscher – „Olympia“

„Berlin war auf eine ekelerregende Weise von sich selbst besoffen.“ 

Die Welt ist zu Gast in Berlin. Sportler aus aller Herren Länder kämpfen um Medaillen und den Sprung aufs Treppchen. Neben den Olympia-Flaggen hängen an unzähligen Orten Hakenkreuz-Fahnen. Das Dritte Reich ist Gastgeber der 11. Olympischen Spiele. Doch die Idylle trügt, mehrere Morde geschehen. Volker Kutschers achter Band der Reihe über Kriminalkommissar Gereon Rath, die als Vorlage für die beliebte Fernsehserie „Babylon Berlin“ dient, führt in das Jahr 1936 und in eine sehr bedrückende Zeit, die Rath, seiner Frau und seinem einstigen Pflegesohn zusetzt und zunehmend gefährlich wird. Volker Kutscher – „Olympia“ weiterlesen

Frühlingserwachen – ein Blick in die Vorschauen

Das neue Jahr hat begonnen. Statt eines Rückblicks gibt es an dieser Stelle von mir einen Ausblick – auf die kommenden Bücher in der ersten Hälfte des Jahres 2021. An den vergangenen Tagen habe ich in den Frühjahrsvorschauen – ob digital oder gedruckt – großer und kleiner Verlage geblättert und gelesen. Hier ein Überblick über interessante Titel – von von mir geschätzten wie auch noch zu entdeckenden Autoren. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird mit jeder weiteren Entdeckung ergänzt.

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Marte Huke – „Delta“

„Im Gestein ruhen Flussufer, Pulsschläge, Eiszeiten.“

Ohne Wasser gibt es bekanntlich kein Leben auf unserer Erde. Viele Formen kann es dabei annehmen. Wir sehen es in der Natur als Regen und Schnee, als großen Ozean, breiten Fluss oder schmalen Bach. Wasser ist stets in Bewegung. Mit seiner unbändigen Kraft kann es Landschaften in einem kurzen wie sehr langen Zeitraum meist für immer verändern. Die Prosagedichte in dem faszinierenden Debüt „Delta“ der norwegischen Autorin Marte Huke verbinden das Thema Natur und Wasser mit der Welt des Menschen, dessen Bindungen und Gefühlswelt. Marte Huke – „Delta“ weiterlesen

Backlist #18 – Michael Köhlmeier „Spielplatz der Helden“

„(…) für mich ist das Allerhöchste die Natur, da braucht es kein noch Größeres, (…).“

Es ist eine ganz eigenartige Hingebung. Im Winter greife ich gern zu Büchern  über eisige Welten. Über die Arktis oder Antarktis. Über Expeditionen und die einzigartigen, indes bedrohten Landschaften auf unserem Planeten, die ich selbst gern einmal sehen würde. Als ich meinen Blick mal wieder über meine Regale schweifen ließ, fiel mir der Roman „Spielplatz der Helden“ von Michael Köhlmeier ins Auge. Ein Buch über drei Männer und deren abenteuerliche, waghalsige und auf einem realen Vorbild basierende Tour nach Grönland sowie über einen Mann, der sich auf die Spuren dieser Geschichte begibt. Backlist #18 – Michael Köhlmeier „Spielplatz der Helden“ weiterlesen

Jan Kjærstad – „Femina erecta“

„Die Geschichten fließen. Die Geschichten fließen voneinander fort und aufeinander zu.“

Es entsteht immer ein recht eigenartiges Gefühl, wenn ich Romane von Jan Kjærstad lese. Ich fühle mich wie zu Hause – trotz der mitunter skurrilen Handlung und der teils auch ungewöhnlichen, markanten Figuren. Sicherlich liegt es an meiner sehr engen Bindung zu Norwegen, über die ich bereits mehrfach auf diesem Blog geschrieben habe. Der mehrfach preisgekrönte Schriftsteller zählt zu den angesehensten des skandinavischen Landes, das in nahezu jedem seiner Romane eine nicht unwesentliche Rolle einnimmt, wenngleich der Blick des Autors meist ein überaus kritischer ist. So auch in seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Femina erecta oder der Pfad der Geschlechter“, der bereits 2015 unter dem Titel „Slekters gang“ in Norwegen veröffentlicht wurde. Jan Kjærstad – „Femina erecta“ weiterlesen

Im Duett #1: Sebastian Barry – „Tausend Monde“ & „Ein langer, langer Weg“

„Es war, als sei jedes Herz sprachlos.“ (Aus: „Tausend Monde“) 

Wenn mein Blick an meinen Bücherregalen entlangstreift, fällt mir auf, wie viele Autoren es in meinem Bestand gibt, von denen ich gleich mehrere Bücher besitze. Mit der Zeit entwickelt man ja bekanntlich so gewisse Lesevorlieben und sammelt die Werke von geschätzten Autoren. Dieser Beitrag soll Auftakt einer neuen Blogreihe sein, in der ich ein jüngeres sowie ein älteres Buch eines ausgesuchten Autors vorstellen will. Die Serie „Im Duett“ soll allerdings nicht die Reihe „Backlist lesen“ ersetzen. Den Auftakt macht der Ire Sebastian Barry. Im Duett #1: Sebastian Barry – „Tausend Monde“ & „Ein langer, langer Weg“ weiterlesen

Jurica Pavičić – „Blut und Wasser“

„In diesem Krieg gibt es keinen Sieg, nur aufgeschobene Niederlagen.“

In den 90er-Jahren tobten mehrere Kriege auf dem Balkan. Sie brachten den Menschen unermessliches Leid. Ein Land zerfiel. Trotz der Entsendung von UN-Truppen, unzähliger Flüchtlingsschicksale und späterer Verfahren am Internationalen Strafgerichtshof  in Den Haag blieb das Interesse des überwiegenden Teils der Europäer eher gering. Diese Kriege nahezu vor unserer „Haustür“ haben mittlerweile Eingang in die Literatur gefunden, die an die einstigen Geschehnisse und Folgen erinnert. In seinem Roman „Blut und Wasser“ verbindet der kroatische Schriftsteller Jurica Pavičić einen Kriminalfall mit der Geschichte seines Landes auf beeindruckende Weise. Jurica Pavičić – „Blut und Wasser“ weiterlesen

Laura Miller (Hrsg.) – „Wonderlands“

„Ich bin nicht verrückt. Meine Realität sieht einfach anders aus als deine.“ (Hutmacher, aus: Lewis Carroll „Alice im Wunderland“) 

Wenn ich an meine Lesebiografie denke, fällt mir ein, wie unterschiedlich doch mein Interesse und Lesegeschmack im Verlauf der Zeit war. Zugegeben: Ich war in meiner Jugend Fan von Stephen King. Und nicht erst mit der legendären Verfilmung von Peter Jackson prägte mich das monumentale Werk „Der Herr der Ringe“ von J. R. R. Tolkien, das bekanntlich weit mehr ist als ein reines Fantasy-Meisterwerk. Heute bin ich zudem überzeugt oder habe das Gefühl, dass diese Literatur, vor allem die der Science-Fiction, leider nicht so gewürdigt wird, wie sie es verdient hätte, oder sogar belächelt wird.  Wie bunt, interessant und bedeutsam dieser Bereich jedoch ist, zeigt der wundervolle Prachtband „Wonderlands“ der amerikanischen Autorin und Journalistin Laura Miller.

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Selbst Fiktionen können nützlich sein – Ein Interview mit Martin Zähringer

Vom 4. bis zum 6. Dezember 2020 findet erstmals das internationale Climate Fiction Festival statt. Neben zahlreichen Präsenzveranstaltungen im Literaturhaus Berlin – unter Einhaltung der geltenden Hygienevorschriften – wird es ein umfassendes digitales Angebot mit Panels aus London, Istanbul, Kopenhagen und Zürich geben. Mit Programmleiter Martin Zähringer sprach Zeichen & Zeiten über das Festival und das Thema Klima und Klimawandel in der Literatur.  Selbst Fiktionen können nützlich sein – Ein Interview mit Martin Zähringer weiterlesen

Amity Gaige – „Unter uns das Meer“

„Dem Meer ist es egal, wer du bist.“

Wer verspürt nicht ab und an das Verlangen, die Leinen zu kappen, Segel zu setzen, allseits bekannte Ufer hinter sich zu lassen, um Neuland zu entdecken. Die Partlows nehmen diesen Ausdruck wortwörtlich. Michael kauft eine Segel-Yacht. Die Familie wagt sich auf eine Tour aufs weite Meer und lässt ihr bisheriges Vorstadt-Leben in Connecticut hinter sich. Michael und Juliet wollen damit ihre Ehe retten, in der es heftig kriselt, die von beiden infrage gestellt wird. Mit „Unter uns das Meer“ hat die Amerikanerin Amity Gaige einen spannenden wie berührenden Roman geschrieben, der hochgradig psychologisch aufgeladen ist. Amity Gaige – „Unter uns das Meer“ weiterlesen