Jan Kjærstad – „Berge“

„Norwegen braucht Glückskekse, wenn das Erdölzeitalter dem Ende zugeht.“

Für dieses Buch schrumpft mein Vorrat an bunten Post-its erheblich. Zahlreiche gelbe und rote Fähnchen zieren nunmehr diesen Band mit dem dunklen Umschlag. Die Farben sollen bitte nicht politisch verstanden werden. Obwohl der neue Roman mit dem kurzen Titel „Berge“ des norwegischen Schriftstellers Jan Kjærstad vor allem ein politischer ist und mit dem er nach zuletzt „Das Norman-Areal“ wieder eindrucksvoll seine Klasse beweist.

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Martyna Bunda – „Das Glück der kalten Jahre“

„Der junge Arzt wusste freilich, dass sich hinter der Maske dieses Humors schmerzliche Wunden verbargen.“ 

Rozela ist die erste im Dorf, die ein Haus aus Steinen errichtet. Da ist Abram, ihr ruheloser Mann, der es nirgendwo lange aushält, nicht einmal bei seiner Frau, längst tot. Verstorben im Jahr 1932 nach einem tragischen Unfall auf einer Baustelle. Fortan ist Rozela Witwe, allein erziehende Mutter dreier Töchter und eben Hausbesitzerin. Ihr eigenes Heim in dem kleinen Ort Dziewcza Góra soll in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zum Zentrum der Familie, zu einem Ort der Freude, aber auch des Schmerzes werden. Mit ihrem Debüt „Das Glück der kalten Jahre“ hat die preisgekrönte polnische Journalistin Martyna Bunda einen berührenden Roman über vier starke Frauen geschrieben, der zwar in der kaschubischen Provinz spielt, jedoch von großen historischen Ereignissen sowie persönlichen Schicksalsschlägen erzählt. Martyna Bunda – „Das Glück der kalten Jahre“ weiterlesen

Colson Whitehead – „Die Nickel Boys“

„Fast alle, die die Geschichte der Ringe in den Bäumen kennen, sind inzwischen tot.“ 

Für die tragischsten und schmerzlichsten Geschichten in der Literatur braucht es keine Fantasie. Die erschütterndsten Ereignisse und Schicksale sind in ausreichender Menge im wahren Leben zu finden. Nach seinem preisgekrönten Roman „Underground Railroad“ über das geheime Fluchtnetzwerk für Sklaven, das von 1782 bis 1862 bestanden hatte, hat Colson Whitehead mit „Die Nickel Boys“ erneut ein Buch geschrieben, das auf wahren Begebenheiten beruht und über die Folgen von Rassismus und Rassentrennung erzählt.

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Erik Fosnes Hansen – „Ein Hummerleben“

„Hier sitzt ihr, als ob nichts passiert wäre. Aber es ist etwas passiert. Jawohl!“

Bekanntlich begleitet Hitze das Lebensende zahlloser Hummer. Aus dem Wasser des unendlichen Meeres gefischt, führt ihr Weg unweigerlich in einen Kochtopf, um später für den Hochgenuss von Feinschmeckern zu sorgen.  Das Krustentier spielt eine wesentliche Rolle im neuen Roman des norwegischen Schriftstellers Erik Fosnes Hansen und findet sich deshalb auch im Titel des Buches wieder. 29 Jahre nach seinem vielbeachteten Bestseller „Choral am Ende der Reise“ und dem darin erzählten Untergang der Titanic widmet sich Hansen erneut dem Thema Vergänglichkeit und Endlichkeit – am Beispiel eines mondänen Berghotels, das schon bessere Tage erlebt hat. Erik Fosnes Hansen – „Ein Hummerleben“ weiterlesen

Mathijs Deen – „Unter den Menschen“

„Ich bin nicht verrückt. Oder muss man verrückt sein, um unglücklich zu sein.“ 

Hinter oder kurz vor dem Deich – der Blickwinkel ist bekanntlich oft entscheidend –  scheint die Welt eine andere zu sein. Das Meer ist zum Greifen nah, das Hinterland ein weites und überaus flaches, über das in regelmäßigen Abständen eine steife Brise huscht oder ein Sturm pfeift. Es ist die Heimat von Jan. Nach dem tragischen Tod seiner Eltern lebt er allein auf dem Bauernhof der Familie. Der Briefkasten ist einen Kilometer vom Haus entfernt, die Nachbarn noch ein „Stückchen“ weiter. Die Einsamkeit und die Sehnsucht nach einer Frau treiben ihn um. Eines Wintertages, die Arbeit ist für das Jahr geschafft,  inseriert er in der Zeitung. Seine Kontaktanzeige bildet den Auftakt des Romans „Unter den Menschen“ des Niederländers Mathijs Deen, der allerhand herrliche Irrungen und Wirrungen bereitet. Mathijs Deen – „Unter den Menschen“ weiterlesen

Norwegen, Frankfurt og Signe – ein etwas anderer Blick auf die Buchmesse

Wenn ich über Norwegen und die diesjährige Frankfurter Buchmesse schreibe, komme ich nicht herum, über die Fotos zu erzählen, die in meiner Wohnung an einer Wand hängen und vor denen ich oft stehe, um die Gesichter der Personen zu betrachten. Es sind Bilder in unterschiedlicher Größe und mit verschiedenen Rahmen, aber stets in Schwarz-Weiß. Einige zeigen Signe. Eine Frau, über die ich mehr und mehr nachdenke, deren Leben ein Teil von mir geworden ist, wie auch ihr Heimatland ein Teil von mir ist. Norwegen, Frankfurt og Signe – ein etwas anderer Blick auf die Buchmesse weiterlesen

Andrej Kurkow – „Graue Bienen“

„Grau kann auch strahlend sein! Du weißt nicht viel vom Grau! Ich kann wohl zwanzig Schattierungen von Grau unterscheiden.“ 

Seit Februar 2014 wütet im Osten der Ukraine der Krieg. Die Armee des Landes, russische Truppen sowie Separatisten kämpfen gegeneinander. Die einen für den Erhalt der Ukraine in ihren jetzigen Grenzen, die anderen für die Abspaltung der Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Mittendrin: die Zivilbevölkerung. Während der Krieg kaum auf das Interesse der breiten europäischen Öffentlichkeit stößt, scheint das Thema in der Literatur angekommen zu sein. Nach Serhij Zhadans Roman „Internat“ (Suhrkamp) widmet sich das neue Werk des auch hierzulande bekannten ukrainischen Schriftstellers Andrej Kurkow mit dem Titel „Graue Bienen“ dem Geschehen in Osteuropa, konkret in der Donbass-Region.     Andrej Kurkow – „Graue Bienen“ weiterlesen

Peter Heller – „Der Fluss“

„Was macht man, bevor man die Hölle betritt?“

Ein Dorf der Cree-Indianer an der Hudson Bay ist ihr Ziel. Ihr Weg: der Maskwa River. Jack und Wynn, Studenten und beste Freunde, machen sich mit ihrem Kanu auf dem Weg quer durch die Wildnis im Nordosten Kanadas. Beide sind erfahren, mit einer überschaubaren Ausrüstung und Proviant in der nahezu menschenleeren Natur zu leben und zu überleben. Sie schrecken nicht vor der Einsamkeit und den Risiken zurück. Doch ihre Tour verläuft anders als geplant – denn zwei unheilvolle Begegnungen und ein verheerender Waldbrand sorgen für Lebensgefahr. Der Amerikaner Peter Heller legt mit „Der Fluss“ einen spannenden Roman vor, der vor allem die grandiose Landschaft in den Mittelpunkt rückt. Peter Heller – „Der Fluss“ weiterlesen

Sorj Chalandon – „Am Tag davor“

„Ein Rennfahrer, ein Bergmann. Zwei Ritter. Mein Bruder und ich.“

Am frühen Morgen des 27. Dezember 1974 verlieren 42 Bergmänner der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens im Norden Frankreichs ihr Leben, ihre Familien den Vater, Bruder und Sohn. Eine Kette fehlender Sicherheitsvorkehrungen war die folgenschwere Ursache des tragischen Grubengasunglücks. Ein Denkmal sowie der neue, großartige und bewegende Roman des Schriftstellers Sorj Chalandon, der sein Werk den Bergmännern gewidmet hat, erinnern daran. Mit „Am Tag davor“ stellt der Franzose jedoch ein fiktives privates Unglück der Tragödie, die das Land einst erschüttert hat, an die Seite.  Sorj Chalandon – „Am Tag davor“ weiterlesen

Carmen Buttjer – „Levi“

„Die Welt hatte ihre Farbe verloren.“ 

Schlüsselkind, Sohn eines Anwalts, Halbwaise: All das ist Levi, elf Jahre alt. Als seine verstorbene Mutter Katharina beigesetzt werden soll, schnappt sich der Junge kurzerhand die Urne – und verschwindet mit ihr. Auf dem Dach des mehrstöckigen Hauses, in dem die Familie lebt, richtet er sich samt Zelt und Proviant ein. Carmen Buttjer hat mit ihrem Debüt „Levi“ ein wundervolles und berührendes Buch über Verlust und Trauer mit einem unvergesslichen Helden geschrieben. Carmen Buttjer – „Levi“ weiterlesen

Andreas Pflüger „Geblendet“

„Alle Narben an ihrem Körper gehören zu ihr, sie sind das Tagebuch eines Hochgeschwindigkeitslebens.“ 

Jenny Aaron steht an einem Scheideweg. Fünf Jahre sind seit ihrer schweren lebensbedrohlichen Verletzung während eines verheerenden Einsatzes in Barcelona vergangen, fünf Jahre lebte sie seitdem in völliger Dunkelheit, fünf Jahre hat sie ihre Fähigkeiten so trainiert, dass sie weiterhin der Sonderabteilung angehören kann und zu gefährlichen Einsätzen gerufen wird. Nun könnte ihr Leben indes eine entscheidende Wendung erfahren – dank einer neuartigen Therapie in der Klinik von Professor Thomas Reimer in Binz auf der Insel Rügen. Doch ein neuer Fall ruft, steht für Aaron eine wichtige Entscheidung an. Denn die Einheit um ihre Chefin Inan Demirci und ihren charismatischen Kopf Ulf Pavlik ist dem korrupten Senator Svoboda auf den Fersen. Im neuen Roman von Andreas Pflüger muss sich die taffe Heldin trotz der gefährlichen Ermittlungen vor allem mit sich selbst auseinandersetzen. Andreas Pflüger „Geblendet“ weiterlesen

Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“

„Und wer waren wir geworden? Erinnerten wir uns überhaupt noch an uns selbst? Und wenn ja, wie lange noch?“ 

Schon als ich die norwegische Originalausgabe während einer der früheren Frankfurter Buchmessen in der Hand gehalten habe, war da dieses Gefühl, ein besonderes Buch vor sich zu haben. Dieser Name, dieses Gewicht, dieser Umfang… Sechs Jahre hat der Norweger Johan Harstad an seinem bereits 2015 in seinem Heimatland erschienenen Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ geschrieben. Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ weiterlesen

Backlist #12 – Becky Chambers „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“

„Von einer Spezies, die mit sich selbst im Krieg liegt, kann nichts Gutes kommen.“

Der Weltraum – unendliche Weiten. Mittendrin die Wayfarer, ein Raumschiff, das den Weltraum ein Stück weniger unendlich macht, obwohl es schon einige Jahre auf dem Buckel hat und vor allem aus Ersatzteilen besteht. Mit einer besonderen Technologie bohrt es sogenannte Raumtunnel, auch Wurmlöcher genannt, die Raum und Zeit aufheben und somit den Weg zwischen weit entfernten Galaxien und Planeten verkürzen. Auf dem klapprigen, aber durchaus noch zuverlässigen Langstreckenschiff, das als Treibstoff Algen nutzt, heuert die junge Rosemary unter falschem Namen an. Sie soll die zusammengewürfelte Crew aus den verschiedensten Spezies verstärken und vor allem Kapitän Ashby als Assistentin zur Hand gehen. Wenig später erhält die Wayfarer-Mannschaft einen lukrativen, aber auch gefährlichen Auftrag: Sie soll einen Raumtunnel zu einem weit entfernten Planeten bohren, deren Bewohner nicht zu den friedlichsten Wesen des Universums zählen und gefürchtet sind.  Backlist #12 – Becky Chambers „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ weiterlesen

Simon Stranger – „Vergesst unsere Namen nicht“

„M wie das Monster, das in jedem von uns ruht.“ 

Ihre Spur zieht sich durch ganz Europa. Es gibt wohl keine größere Stadt, in der sie nicht zu finden sind. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind Kunstwerk und Mahnmal zugleich. Sie erinnern in nunmehr bereits 24 Ländern an Menschen, die während des Nationalsozialismus verhaftet, deportiert und ermordet oder in den Freitod getrieben worden sind. Auch in der norwegischen Stadt Trondheim gibt es jene Messingtafeln mit den Lebensdaten der Opfer. In eine ist der Name Hirsch Komissar eingraviert. Die Geschichte des jüdischen Ingenieurs, der seine Ausbildung im sächsischen Mittweida absolviert und später als Geschäftsmann und Inhaber eines Modegeschäfts gewirkt hat, ist Teil der Familienhistorie des norwegischen Autors Simon Stranger, der darüber einen preisgekrönten Roman geschrieben hat.

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Saša Stanišić – „Herkunft“

„Jedes Zuhause ist ein Zufälliges.“

Wo, mit wem oder was beginnen, wenn diese Geschichte aus einem breiten Strom vieler Erinnerungen gespeist wird und sie viele Protagonisten kennt? Vielleicht mit etwas Mächtigem, das die Zeiten überdauert hat, das so bedeutsam ist, dass es in einem Brief an die Einwanderungsbehörde unbedingt erwähnt werden sollte. Das können nur Drachen sein, die das Leben des in Jugoslawien geborenen Jungen genauso geprägt haben wie das des späteren deutschsprachigen Schriftstellers, dessen Heimatland es auf der Landkarte nicht mehr gibt. Das mystische Wesen findet sich denn auch auf dem sonst sehr schlichten Umschlag des autobiografischen Romans aus der Feder jenes Autors:  Saša Stanišić hat „Herkunft“ geschrieben – ein auf den ersten Blick simpler Titel, der allerdings eine komplexe Bedeutung besitzt. Das Werk ist für den Deutschen Buchpreis nominiert und mein „Patenbuch“ als eine von insgesamt 20 Buchpreis-Bloggerinnen und -Bloggern. Saša Stanišić – „Herkunft“ weiterlesen

Cornelius Pollmer – „Heut ist irgendwie ein komischer Tag“

„Was ist das Gegenteil von Instagram? Ungefähr jedes deutsche Gewerbegebiet.“

Fünf Bände, zwischen 1862 und 1889 erschienen, sind Grundlage für seine bekannten Romane „Effi Briest“ und „Der Stechlin“. Das verrät mir Wikipedia über das umfangreichste Werk Theodor Fontanes: „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Zugegeben: Mit Fontane habe ich mich trotz ausgeprägter Leselust schwer getan – die „Effi“ in der Schule, „Schach von Wuthenow“ im Studium (Pro Seminar Literaturwissenschaft bei einem Fontane-Kenner, die Durchfall-Quote bei der Prüfung lag bei 50 Prozent). Für den Lesekreis nahm ich mir jüngst „Frau Jenny Treibel“ vor – mit deutlich mehr Freude als in meiner Jugend. Vielleicht braucht es auch ein gewisses Alter, um Fontane zu schätzen. Man muss ihn ja nicht gleich lieben. Cornelius Pollmer – „Heut ist irgendwie ein komischer Tag“ weiterlesen

Norbert Scheuer – „Winterbienen“

„Ich habe Angst vor dem, was uns erwartet.“

Bienen sind gefühlt zu einem beliebten Thema in der Literatur geworden. Meist jedoch in Verbindung mit Ökologie und Umweltschutz, allgemein mit Fragen der Natur. Der Zweite Weltkrieg mit all seinen verheerenden Zerstörungen und Grausamkeiten bildet hingegen die bedrohliche Kulisse des besonderen Helden im neuen Roman Norbert Scheuers. „Winterbienen“ erzählt neben dem dunklen Kapitel deutscher Geschichte von einer realen Figur, dem Lehrer und Imker Egidius Arimond, der in dem Eifel-Städtchen Kall im Urftland nahe der belgischen Grenze gelebt hat.

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Ian McEwan – „Maschinen wie ich“

„Werkseinstellungen – ein modernes Synonym für Schicksal.“

Übermannsgroß ist er, sein Gesicht recht kantig. Seine Haare erscheinen wie mit dem Küchenmesser gestutzt. Aus seinem Hals ragen zwei stählerne Bolzen.  Das künstliche Geschöpf des Schweizer Wissenschaftlers Victor Frankenstein ist wenig ansehnlich und eher ein erschreckendes Wesen. Monster wird die furchteinflößende Gestalt in dem Klassiker von Mary Shelley „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ bezeichnet. Die Engländerin hat jene fantastische Geschichte geschaffen, die das Denken über den Menschen als Schöpfer einer Kreatur maßgeblich geprägt hat. Sie und ihr 1818 zuerst anonym erschienenes Meisterwerk bleiben in dem neuen Roman ihres Landsmanns Ian McEwan nicht unerwähnt. Und „Maschinen wie ich“ weist noch weitere Parallelen auf – obwohl der moderne „Frankenstein“ recht hübsch anzusehen ist. Ian McEwan – „Maschinen wie ich“ weiterlesen