Johanna Holmström – „Die Frauen von Själö“

„Erzähl mir … von der Welt da draußen.“ 

In einer kalten dunklen Oktobernacht rudert Kristina Andersson von der schweren Arbeit auf einem Gehöft nach Hause. Im Boot: ihre Tochter und ihr Sohn. Wie in Trance wirft die Mutter ihre beiden Kinder in das Wasser. Wenig später werden die kleinen Körper tot geborgen. Nach einem schweren Fieber und ihrer Genesung wird die junge Frau in die Nervenheilanstalt auf der Insel Själö inmitten eines Schärengartens an der finnischen Küste gebracht. Man schreibt das Jahr 1891, und diese Anstalt hat es wirklich gegeben. In ihrem Roman „Die Frauen von Själö“ erzählt die finnlandschwedische Autorin Johanna Holmström vom Leiden der Frauen auf dem von der Außenwelt nahezu abgeschnittenen Eiland – aber auch von Momenten der Freude und Menschlichkeit. Johanna Holmström – „Die Frauen von Själö“ weiterlesen

Fast Familie – Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“

„Möchtest du anders sein?  Oder möchtest du genau so sein, wie du bist, nur irgendwo anders?“

Finnland – das sind der hohe Norden, Seen, Wälder, zwischen den Bäumen vielleicht ein Elch, die trolligen wie legendären Figuren der Mumins. Finnland – das sind aber auch eine gelebte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie eine Literatur, die immer wieder die Rolle der Frau beziehungsweise starke Frauenfiguren in den Fokus rückt und von besonderen Familiengeschichten, geprägt von der wechselvollen Geschichte des Landes und der Europas, zu erzählen weiß. Ich denke da an die Romane von Sofi Oksanen und Katja Kettu. Mit Tommi Kinnunen betritt nun ein Mann die literarische Bühne, der in seinem Debüt „Wege, die sich kreuzen“ sich ebenfalls jenem Thema verschreibt. Und das auf beeindruckende Weise.  Fast Familie – Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“ weiterlesen

Flucht – Mooses Mentula „Nordlicht – Südlicht“

Es gibt Regionen und Völker auf der Welt, die finden sich nur in einer überschaubaren Anzahl an Romanen wieder. Der äußerste Norden Nordeuropas und das Leben der Samen zählen zweifellos zu den nahezu weißen Flecken auf der literarischen Landkarte beziehungsweise zu den eher „exotischen Protagonisten“. Der finnische Lehrer und Autor Mooses Mentula entführt in seinem Debütroman „Nordlicht – Südlicht“ den Leser nach Lappland, wo das Leben von Traditionen und Konflikten bestimmt wird. Flucht – Mooses Mentula „Nordlicht – Südlicht“ weiterlesen

Von Liebe & Verrat – Katja Kettu „Feuerherz“

„Das Leben war ein Spiel. Ein Zufall, ein Würfelwurf, das Ziehen von Steinen auf dem Spielbrett.“

Das Land ist unermeßlich, spannt sich über zwei Kontinente.  Russland vereint in seiner schieren Weite Kontraste wie wohl kein anderes Land der Welt. In ihrem neuen Roman „Feuerherz“ macht die finnische Autorin Katja Kettu das Riesenreich zum Schauplatz ihrer Geschichte. Im Mittelpunkt steht ein bekanntes und zugleich trauriges Thema: der Gulag, das riesige Netz aus Arbeitslagern, das sich über das gesamte Land ausgedehnt hat. Besonders interessant an dem Werk:  Kettu lässt mit ihrer Heldin Irga eine Frau aus Finnland über die entsetzlichen und unmenschlichen Zustände berichten.     Von Liebe & Verrat – Katja Kettu „Feuerherz“ weiterlesen

Lebensauftrag – Barbara Beuys „Helene Schjerfbeck“

„Es ist, als ob die Kunst die Materie aufhebt und alle Dinge, an denen der Mensch haftet, aus dem Blick schafft.“ 

Wirft man einen Blick auf die Namen der Künstler, die die moderne Kunst zur Jahrhundertwende und darüber hinaus geprägt haben, fällt wohl eines auf: Es sind meist nur Männer. In einer Biografie wendet sich die Autorin Barbara Beuys mit Helene Schjerfbeck (1862 – 1946) einer Frau zu, die mit ihren Bildern und Ausstellungen über ihr Heimatland Finnland hinaus und europaweit für Erstaunen gesorgt hat und mit ihrem Selbstverständnis als Frau und Künstlerin viele bis heute inspirieren könnte.     Lebensauftrag – Barbara Beuys „Helene Schjerfbeck“ weiterlesen

Weltenbrand – Katja Kettu „Wildauge“

„Wir sind dazu bestimmt, diese Welt mit zwei Augen zu betrachten, nur wir gemeinsam, denn ohne unsere Liebe ist diese Welt ein gähnender Lautsprecher, in dem der grausame und faulige Sturm des Todes brüllt.“

In Zeiten des Krieges verlieren selbst Orte der Idylle ihre Schönheit. Auch vor ihnen machen der Kampf und das Töten nicht halt. Deutsche Truppen, sowohl die SS-Elitegarde als auch die Wehrmacht, eroberten Europas Norden. Selbst das Gebiet oberhalb des Polarzirkels wurde besetzt. Eine besondere Geschichte aus dieser Zeit und aus jener Region hat die finnische Autorin Katja Kettu in ihrem Roman „Wildauge“ verarbeitet. Weltenbrand – Katja Kettu „Wildauge“ weiterlesen

Abschied im Sommer – Rax Rinnekangas „Der Mond flieht“

„Gerade das Schicksal ist es, das Menschen zu Verrückten macht.“

Es sollte ein besonderer Sommer werden. Ein eigenartiges Gefühl des Aufbruchs liegt in der Luft, als der 13-jährige Lauri mit den Geschwisterkindern Sonja und Leo die Grenzen austestet. Ob hoch oben auf dem Prügelmann, einer alten Fichte, oder im Heu bei den ersten gegenseitigen körperlichen Entdeckungen. Eine innige Freundschaft entsteht, die sich zu einer ersten Liebe verwandelt. Doch ein entsetzlicher Unfall setzt diesem Aufbruch in die kommende Jugend ein furchtbares Ende.  Abschied im Sommer – Rax Rinnekangas „Der Mond flieht“ weiterlesen

Zurück nach Fetknoppen – Leena Parkkinen „Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte“

„Als junger Mensch bildete man sich ein, dass einem irgendwie die Zeit davonlaufe. Im Alter verstand man erst, dass außer Zeit nichts anderes mehr übrig war.“ 

Es gibt viele Orte, die bekannt dafür sind, die besondere Begegnung zweier Menschen zu fördern: der Supermarkt, eine Bar, ein Park, vielleicht auch ein Fußballspiel in einem Stadion. Im Fall von Karen und Azar ist es eine schnöde Tankstelle. Hier sehen sich die alte Dame und das 17-jährige Mädchen zum ersten Mal, wobei man an dieser Stelle unbedingt erwähnen sollte, dass Azar einen Überfall begehen will und Karen das Opfer ist. Doch die „kleine Gangsterbraut“ und ihr nicht gerade pfiffiger Mitganove haben die Rechnung ohne die Cleverness der alten und ebenfalls bewaffneten Frau gemacht. Karen verfrachtet die zudem hochschwangere Azar in ihr Auto, und zusammen gehen sie auf eine besondere Reise. Zurück nach Fetknoppen – Leena Parkkinen „Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte“ weiterlesen

Gesellschaftsinseln – Ulla-Lena Lundberg „Eis“

„Tatzen und Schnauzen, Felle und Pelze, Flüstern und Schreie. Eine Eisente, eine Eiderente, eine Bachstelze, eine Himmelsziege. Ein Flügel streicht über eine Stirn, ein runder Robbenschädel durchstößt die Oberfläche. Ein Lächeln über allem, schnell verschwunden, ebenso schnell wieder da. Ohne zu kategorisieren und zu moralisieren.“

Ihre neue Heimat ist abgelegen, so weit abgelegen, dass sie abseits der bekannten Schiffsrouten auf kaum einer Karte vermerkt ist.  Die Öras, eine Inselgruppe in der Ostsee zwischen Finnland und Schweden, wird das neue Zuhause des Pfarrers Petter Kummel, seiner Frau Mona und der kleinen Tochter Sanna. Es ist für den jungen Mann die erste eigene Pfarrstelle. Doch allen Befürchtungen zum Trotz fühlt sich die kleine Familie von der ersten Minute an, nachdem sie ihre Füße von der Fähre auf das Eiland gesetzt hat, willkommen und pudelwohl. Die Gemeinde kümmert sich rührig um Petter und seine Frau, die sogleich am ersten Tag das Pfarrhaus einrichtet und im Stall die Kühe melkt.  Gesellschaftsinseln – Ulla-Lena Lundberg „Eis“ weiterlesen