Robert Jones Jr. – „Die Propheten“

„Nur Schweigen konnte verhindern, dass die Seele kaputtging.“

Als kleines Kind wird Isaiah seinen Eltern Middle Anna und Ephraim entrissen. An anderen Sklaven, manche bereits leblos, angekettet, findet er sich wieder auf der Plantage der Familie Halifax. Er wird seinen ursprünglichen Namen verlieren, unermessliches Leid erfahren, aber auch einer großen Liebe begegnen: Samuel, der ihm bei seiner Ankunft Wasser gibt. Fortan bilden die beiden Jungen eine untrennbare Einheit. Mit seinem Debüt „Die Propheten“ hat der afroamerikanische Autor Robert Jones Jr. einen sprachgewaltigen und dramatischen Roman geschrieben, der allerdings den Leser allzu überwältigt zurücklässt.

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Jonathan Lee – „Der große Fehler“

„Es war an der Zeit, die Stadt zu öffnen, während er sich selbst verschlossen hielt.“

Ich war noch niemals in New York. Zugegeben. Aber ich träume in regelmäßigen Abständen von Big Apple, ganz so, als ob ich angezogen werde, in mir eine nicht zu beschreibende Sehnsucht existiert. Ich sehe Wolkenkratzer, Menschenmassen, Häuserschluchten, die Brooklyn Bridge – und ich verlaufe mich regelmäßig in der Stadt, die niemals schläft und trotz ihres modernen Erscheinungsbildes eine interessante Vergangenheit in sich trägt, die es lohnt zu erzählen. In seinem Roman „Der große Fehler“ erweist der Engländer Jonathan Lee  Andrew Haswell Green (1820 – 1903) die Ehre, jenem Mann, der New York in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie kein anderer geprägt hat und trotzdem heute nahezu vergessen ist. „Jonathan Lee – „Der große Fehler““ weiterlesen

Kent Haruf – „Ein Sohn der Stadt“

„Jeder in Holt County weiß, was er getan hat.“

Er ist zurück, sitzt, etwas massiger geworden über die Jahre, in einem protzigen roten Cadillac in der Hauptstraße von Holt. Ralph Bird, Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts, sieht und erkennt ihn zuerst: Jack Burdette, früher eine Sportskanone und ein Mann mit gutem Ruf und Ansehen, der mittlerweile gewaltig Dreck am Stecken hat. Denn vor acht Jahren war er von einem Tag auf den anderen verschwunden und mit ihm eine stolze Summe der Farmer-Kooperative, deren Chef er war. Jacks überraschende Rückkehr bringt erneut Unruhe in die sonst verschlafene Kleinstadt, in der nichts mehr ist, wie es einst war. In seinem zweiten, 1990 erschienenen Roman „Ein Sohn der Stadt“ erzählt Kent Haruf allerdings nicht nur die Geschichte des Betrügers. „Kent Haruf – „Ein Sohn der Stadt““ weiterlesen

Álvaro Enrigue – „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“

„Die Apachen besaßen nichts, und sie selbst nannten sich ndee, Menschen, Volk, Stamm.“ 

Selbst ohne viel Wissen über die Geschichte Nordamerikas und dessen Ureinwohner gibt es Namen, die wohl jeder kennt. Geronimo (1829 – 1909), eigentlich Gokhlayeh oder Goyathlay, gilt als eine der angesehensten historischen Persönlichkeiten. Als Kriegshäuptling und Schamane der Apachen leistete er gegen die Besetzung seines Stammeslandes sowohl gegen mexikanische als auch US-amerikanische Truppen erbittert Widerstand, um sich allerdings nach jahrelangen Kämpfen 1886 mit seinen nur noch wenigen Stammesangehörigen zu ergeben und bis an sein Lebensende in verschiedenen Forts gefangen gehalten zu werden. Bei seiner Festnahme soll er gesagt haben: „Einst war ich frei wie der Wind, jetzt ergebe ich mich … und das ist alles.“ Nach diesem berühmten Zitat hat der mexikanische Schriftsteller Álvaro Enrigue seinen Roman genannt, der nicht nur über die leidvolle Geschichte der Apachen berichtet. Er verbindet auf einzigartige Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart der USA.

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Richard Powers – „Erstaunen“

„Wir sitzen auf einem Felsbrocken im Weltall, und es gibt Hunderte von Milliarden anderer Felsen genau wie unseren.“

Wann haben wir das andächtige Staunen über das Leben verlernt oder verloren wie einen Schlüssel oder eine Münze? Wann war dieses unbändige Gefühl, diese Freude über das Dasein, über die kleinen oder großen Wesen, die Weite des Himmels, Tor zum Universum, verschwunden? Wohl nur noch Kinder tragen es in sich.  Oder Erwachsene, die wissen, wie fragil dieses Leben doch ist. „Erstaunen“ heißt der neue großartige Roman des amerikanischen Schriftstellers Richard Powers, der es vermag, dieses Staunen zurückzugeben. Und wenn es wenigstens für die Zeit der Lektüre ist.

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Frühlingserwachen – Ein Blick in die Vorschauen

Die letzten Tage des Jahres brechen an. Statt eines Rückblicks gibt es an dieser Stelle mal wieder einen Ausblick auf die kommenden Bücher in der ersten Hälfte des Jahres 2022. In den vergangenen Wochen und Tagen habe ich in den Frühjahrsvorschauen – ob digital oder gedruckt – großer und kleiner Verlage geblättert und gelesen. Dabei habe ich mich in diesem Jahr etwas mehr auf die Literatur des Nordens konzentriert. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird mit jeder weiteren Entdeckung – ich bin dankbar für jeden Tipp – ergänzt. 

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Elizabeth Wetmore – „Wir sind dieser Staub“

„Und wie sterben die Frauen? Normalerweise, wenn Männer sie umbringen.“ 

Den einen gelingt die Flucht. Selbst wenn sie dafür Mann und Kind Hals über Kopf zurücklassen. Die anderen verstecken sich in ihrem Haus, wollen von all den schrecklichen Geschehnissen, die sich tagtäglich ereignen, nichts wissen. Von dieser erbärmlichen Verachtung, dieser aus Frust und Dominanz geborenen brutalen Gewalt. Mary Rose steht jedoch eines Tages mit der Flinte auf der Veranda ihres Hauses. Nicht nur um sich selbst und ihre Tochter zu verteidigen. Gloria hat zuvor verletzt, barfuß und unter Schock stehend das Grundstück inmitten der Wüste erreicht. Die 14-jährige Mexikanerin flieht vor ihrem Peiniger und bittet um Hilfe. Dabei erzählt die Amerikanerin Elizabeth Wetmore in ihrem großartigen Debüt „Wir sind dieser Staub“ nicht nur die Geschichte dieser beiden ungleichen Frauen und ihrer folgenreichen Begegnung. „Elizabeth Wetmore – „Wir sind dieser Staub““ weiterlesen

Walter Tevis – „Das Damengambit“

„Schach verstieß nicht gegen das Christentum, genauso wenig, wie es gegen den Marxismus verstieß. Schach war ideologiefrei.“ 

Wer als Laie Schach-Berichte liest, wird das Gefühl nicht los, in eine fremde Welt gelangt zu sein. Da gibt es nicht nur spezielle Fachbegriffe, sondern auch kryptische Formulierungen.  Da ist von isolierten Freibauern, offener Königslinie oder einem Turmendspiel die Rede. Wer den wieder entdeckten Roman „Das Damengambit“ des amerikanischen Schriftstellers Walter Tevis (1928 – 1984) liest, wird vielleicht nicht alles in den teils seitenlangen Partiebeschreibungen verstehen, aber das Gefühl haben, von der spannenden Geschichte nicht loslassen zu können. „Walter Tevis – „Das Damengambit““ weiterlesen

Christian Guay-Poliquin – „Das Gewicht von Schnee“

„Um zu überleben, muss man miteinander reden.“

Wir leben derzeit in einer Zeit der Distanz. Noch vor wenigen Wochen und Monaten war Lockdown das alles beherrschende Wort, das noch immer über uns allen schwebt. Eine Szenerie des Eingeschlossenseins beschreibt auch der Franko-Kanadier Christian Guay-Poliquin in seinem mehrfach preisgekrönten Roman „Das Gewicht von Schnee“. Doch bereits der Titel des eindrücklichen Buches weist darauf hin, dass es darin nicht um einen Virus, sondern um eine besondere Wetter-Erscheinung geht. Ein Dorf, umgeben von Wald, versinkt im Schnee und wird von der Außenwelt abgeschnitten, in der vieles anders ist als zuvor. „Christian Guay-Poliquin – „Das Gewicht von Schnee““ weiterlesen

Nadia Bozak – „Der Junge“

„Wenn sie stehenbleibt, verbrennt sie.“

Verdorrtes, trockenes, leeres Land, wo die Hitze erbarmungslos brennt. Wer in der Wüste überleben will, braucht wie im ewigen Eis besondere Fähigkeiten, besonderes Wissen. Manch einer bezahlt seinen freiwilligen wie unfreiwilligen Ausflug mit dem Leben. Im Roman „Der Junge“ der kanadischen Schriftstellerin Nadia Bozak gibt es nicht nur Überlebende. Doch nicht nur die Wüste mit ihren Extremen fordert Opfer. Im Grenzland zwischen Mexiko und den USA herrschen weitere Gefahren – vor allem für die Einwanderer und deren Schleuser.

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